Am 5. September 2020 wären bis zu 1000 Menschen nach Sursee gekommen, um an der Siebten Schweizer Frauen*synode teilzunehmen. (1) Vier Jahre der Vorbereitung lagen da schon hinter der ehrenamtlich tätigen und sehr engagierten Spurgruppe. Es hätte an diesem Tag den feierlichen Abschluss eines langen Prozesses gegeben: die synodale Grossveranstaltung rund um das Thema Wirtschaft ist Care (WiC).2 Dieser feministisch-ökonomische Ansatz rückt die existenzielle menschliche Bedürfnisbefriedigung und Fürsorgetätigkeit ins Zentrum der Wirtschaft. Einen ganzen Tag hätte es Workshops und Podiumsdiskussionen zu den verschiedenen Aspekten der Thematik gegeben. Und abends ein rauschendes Fest: Tanz, Musik, Gespräche sowie ein Care-Kabarett.
Kein Jahr für Grossveranstaltungen
Zurück in den März 2020. Zu diesem Zeitpunkt erreicht das neuartige Virus Covid-19 langsam, aber sicher Europa. Pandemie, das ist ein neues Wort für viele. Niemand kann zu diesem Zeitpunkt absehen, welchen Verlauf das Jahr nehmen wird – von Extremszenarien eines Massensterbens bis zu der vorsichtigen Hoffnung, in sechs bis sieben Wochen sei der Spuk vorbei. Die Spurgruppe der Frauen*synode trifft in diese Planungsunsicherheit hinein die Entscheidung, die lang geplante Veranstaltung um ein Jahr, auf den 4. September 2021, zu verschieben. Das gibt genug Zeit, all das Neue zu verdauen sowie die Pandemie, die das Thema Sorgearbeit förmlich auf dem Servierteller präsentiert, ins bestehende Programm einzubauen. Denn endlich verschieben sich durch die Pandemie scheinbar auch gesellschaftlich die Kategorien: Systemrelevanz taucht als neues Schlagwort auf – und damit sind diesmal nicht die Auto- und Energiekonzerne gemeint, sondern Kranken- und Altenpfleger*innen, Supermarktangestellte und Lastwagenfahrer*innen. Die Kernthemen des Konzeptes WiC werden damit deutlich: Der Mensch ist vom ersten bis zum letzten Tag seines Lebens verletzlich und abhängig von der Fürsorge und Existenz anderer. Die Pandemie macht diese gern verdrängte Tatsache auf einen Schlag zu einem medienwirksamen Thema – zumindest kurzfristig. Für die wohlstandsverwöhnten Bewohner*innen des globalen Nordens wird diese Krise eine gesellschaftspolitische Erfahrung.
Persönliche Weichenstellungen
Diese Planänderung im März 2020 hat auch für mich persönlich Konsequenzen: Ich ziehe nicht wie lang ersehnt in die Schweiz, um die vierköpfige Spurgruppe als Praktikantin Feline Tecklenburg im letzten halben Jahr des synodalen Prozesses zu unterstützen. Dass dieser Umzug nicht nur aufgeschoben, sondern eher komplett gestrichen ist, ahne ich zu dem Zeitpunkt schon mit mulmigem Bauchgefühl. Startbereit auf gepackten Kisten und Rucksäcken sitzend – das WG-Zimmer gekündigt, die Grenzen in die Schweiz dicht, das Projekt vertagt – verschieben sich für mich auch biografische Weichenstellungen. «Was wäre, wenn ich in die Schweiz gezogen wäre?» ist ein beliebtes Gedankenspiel seit meinem unfreiwilligen geografischen «Steckenbleiben». Das, was stattdessen passiert – ein Unterkommen im Haus eines grosszügigen Freundes, viele unverhofft freie Sommertage auf dem Pferderücken – hat den ständigen Geschmack von Ersatz. Verschoben ist das «eigentliche», das «echte» Vorhaben. Das pandemische Provisorium erzeugt ein Gefühl, hängen geblieben zu sein und nicht mehr auf der Spur mitzulaufen, die geplant war. Es ist ein Gefühl des Verpassens, obwohl es auch für alle anderen diese Spur nicht mehr gibt. Viele hängen in der Luft, das Provisorische wird zum Alltag, sei es der Wohnraum, die Kinderbetreuung, der Arbeitsplatz.
Hätte, hätte, wäre … ?
Mit Fortschreiten des Frühjahrs wird klar: Das hier dauert länger. Wir sind als Spurgruppe der Frauen*synode weiterhin aktiv, schreiben Texte, lernen uns und unsere verschiedenen Arbeits- und Denkweisen über Zoom kennen, erarbeiten gemeinsam mit der Redaktion der religiössozialen Zeitschrift Neue Wege ein Heft zu unserem Thema. Der 5. September 2020 nähert sich – es gibt eine Vernissage der Neue Wege-Ausgabe in Zürich, mit der Haushaltswissenschaftlerin Uta Meier-Gräwe als Gastreferentin. Wir sind dankbar für diese Ersatzveranstaltung und stecken viel Energie in die Vorbereitung. Und dennoch bleibt die Frauen*synode verschoben – wie wäre es gewesen, wenn so viele Menschen nach Sursee in die Stadthalle gekommen wären? Hätten wir als Team diesen Tag gut durchgestanden? Wären unsere politischen Forderungen deutlich geworden?
Zurück auf Los
Es wird Herbst: Wir sind mittlerweile Pandemie-Erfahrene, Online-Veranstaltungen zu moderieren wird normal und es zeichnet sich ab, dass auch der neue Termin im September 2021 keineswegs eine sichere Bank ist. Wir starren fragend auf das Datum im Kalender und gehen schliesslich an das ran, was ursprünglich den Kern des Ganzen ausmachte: die Form. Wir wollten 1000 Leute zusammenbringen. Auch wenn wir mit Online-Vorträgen gute Erfahrungen gemacht haben: Wie lässt sich mit so vielen Menschen vor dem Bildschirm etwas Die Veränderung einer grossen Sache Ein Bericht über die coronabedingte Transformation der Frauensynode diskutieren und feiern, das so sehr auf dem Erleben von menschlicher Gemeinschaft basiert? Wir konzentrieren uns auf das, was wir inhaltlich vermitteln wollen und machen uns mutig auf die Suche nach einer neuen Form.
Etwas Grosses transformieren
Das Verb «verschieben» wird in unserer Situation zu einem Synonym für «transformieren». Es fordert neue Perspektiven von uns, eine grosse Sache wie die Frauen*synode soll von einer Stelle auf eine andere bewegt werden. Das Verschieben ist ein Kraftakt. Inspirierend und dennoch auch Energie ziehend. Gelassenheit wird in dieser Situation eine hilfreiche Gemütshaltung. Immer wieder ganz viel loslassen und neu anpassen. Es ist ein hin und her rollender Prozess, wöchentlich gibt es neue Einschätzungen der Infektionslage, die mit einbezogen werden müssen. Die Planungssicherheit geht gegen null. Mehrere Konzepte werden erstellt und dann wieder verworfen – für manch grosse Neu-Entwürfe reicht die Kraft nicht mehr nach den Jahren der Planung. Wir bleiben dran, beissen uns durch frustrierende Momente und entwickeln Neues. Denn auch der Inhalt verlangt nach Transformation. Die Pandemie ist ein Katalysator für den Care-Diskurs und eine Chance, jetzt noch viel mehr Menschen mit dem Thema erreichen zu können. Und ist es nicht die Aufgabe einer Frauen*synode, gerade auch im Angesicht des Aktuellen handlungsfähig zu bleiben und über Lösungsansätze zu diskutieren? Das Wort «Synode» kommt aus dem Griechischen und bedeutet «Versammlung». Wie können wir die Menschen dezentral erreichen und sie unter Einhaltung der Hygieneregeln miteinander ins Gespräch kommen lassen?
(K)ein Spaziergang in Sursee
Das Ergebnis: (K)ein Spaziergang! Ab dem 22. Mai 2021 kann man an 15 Stationen in der Stadt Sursee das Konzept einer fürsorgezentrierten Wirtschaft erfahren. Der Weg ist an der frischen Luft, alleine oder in Gruppen begehbar, die Informationen zu den einzelnen Stationen sind mithilfe einer liebevoll gestalteten Broschüre, über die Website oder auf einer Stadtführung zugänglich. Mit dem Spaziergang durch Sursee kehren wir mitten in dem Chaos der Pandemie zurück zu einem angemessenen Verständnis von Wirtschaft. Wir suchen Orte auf, an denen konkret gezeigt wird, wie Menschen für sich, für andere und für die Welt sorgen. Sursee wird ein Beispiel für jede menschliche Agglomeration und die gemeinsame Ökonomie derjenigen, die dort zusammenleben: Wirtschaft in Sursee ist Care. Deshalb ist der Gang durch die Stadt eine Art «Sonntagsspaziergang»: Er zeigt und feiert, was Wirtschaft leisten kann, wenn man sie an den richtigen Massstäben ausrichtet. Andererseits ist er inhaltlich kein Spaziergang, denn es wird offen thematisiert, wie schwerwiegend das an Profit ausgerichtete Wirtschaftsverständnis in unser aller Leben eingreift.
Wahrnehmung von Wirtschaft
In der öffentlichen Debatte ging es vor allem im sogenannten Lockdown viel darum, wie stark die Wirtschaft durch den fehlenden Konsum Schaden nehme. Dieses Narrativ offenbart deutlich die verschobene ökonomische Wahrnehmung rund um eine destruktive Profitlogik. Es lohnt einmal mehr zu differenzieren und aufzumerken, was hier jeweils unter Wirtschaft verstanden wird. Ein Teil der Produktion und des Vertriebs von nicht lebensnotwendigen Dingen wurde heruntergefahren, der grösste Sektor wirtschaftlicher Tätigkeit, die Sorgearbeit, blieb jedoch am Laufen. Es wurde weiterhin täglich gekocht, gegessen, gekackt, Wäsche zusammengelegt, Windeln gewechselt, müde Hände gehalten, Kissen aufgeschüttelt. Kinder beispielsweise wurden betreut wie immer, nur eben ausschliesslich zuhause und zumeist von ihren Müttern. Die Produktion und Verteilung von Lebensmitteln, der Betrieb von Kläranlagen und Elektrizitätswerken, Krankenhäusern und Bestattungsunternehmen – all das ging weiter, denn «die Sorge ist jene durchgehende und unsichtbare Linie, deren Unterbrechung verheerend wäre.»3 Die Zustände der Welt wurden durch die Pandemie verrückt, es gab eine kollektive Erfahrung von menschlicher Verletzlichkeit. Die unsichtbare Linie der Sorge ist wahrnehmbar geworden. Ob das reicht, um eine Kehrtwende im wirtschaftlichen Paradigma auszulösen? Vielleicht diskutieren wir darüber bei einem Spaziergang durch Sursee!