Ausgabe 2021/2

Die Veränderung einer grossen Sache. Ein Bericht über die coronabedingte Transformation der Frauensynode.


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©Worldmapper, map no. 33, Arbeiter*innen im Dienstleistungssektor
von Feline Tecklenburg / 17.05.2025

Am 5. September 2020 wären bis zu 1000 Menschen nach Sursee gekommen, um an der Siebten Schweizer Frauen*synode teilzunehmen. (1) Vier Jahre der Vorbereitung lagen da  schon hinter der ehrenamtlich tätigen und sehr engagierten  Spurgruppe. Es hätte an diesem Tag den feierlichen Abschluss  eines langen Prozesses gegeben: die synodale Grossveranstaltung  rund um das Thema Wirtschaft ist Care (WiC).2  Dieser feministisch-ökonomische Ansatz rückt die existenzielle  menschliche Bedürfnisbefriedigung und Fürsorgetätigkeit  ins Zentrum der Wirtschaft. Einen ganzen Tag hätte es  Workshops und Podiumsdiskussionen zu den verschiedenen  Aspekten der Thematik gegeben. Und abends ein rauschendes  Fest: Tanz, Musik, Gespräche sowie ein Care-Kabarett.

Kein Jahr für Grossveranstaltungen 

Zurück in den März 2020. Zu diesem Zeitpunkt erreicht das  neuartige Virus Covid-19 langsam, aber sicher Europa. Pandemie,  das ist ein neues Wort für viele. Niemand kann zu  diesem Zeitpunkt absehen, welchen Verlauf das Jahr nehmen  wird – von Extremszenarien eines Massensterbens bis  zu der vorsichtigen Hoffnung, in sechs bis sieben Wochen sei  der Spuk vorbei. Die Spurgruppe der Frauen*synode trifft in  diese Planungsunsicherheit hinein die Entscheidung, die  lang geplante Veranstaltung um ein Jahr, auf den 4. September  2021, zu verschieben. Das gibt genug Zeit, all das Neue  zu verdauen sowie die Pandemie, die das Thema Sorgearbeit  förmlich auf dem Servierteller präsentiert, ins bestehende  Programm einzubauen. Denn endlich verschieben sich  durch die Pandemie scheinbar auch gesellschaftlich die Kategorien:  Systemrelevanz taucht als neues Schlagwort auf –  und damit sind diesmal nicht die Auto- und Energiekonzerne  gemeint, sondern Kranken- und Altenpfleger*innen,  Supermarktangestellte und Lastwagenfahrer*innen. Die  Kernthemen des Konzeptes WiC werden damit deutlich:  Der Mensch ist vom ersten bis zum letzten Tag seines Lebens  verletzlich und abhängig von der Fürsorge und Existenz  anderer. Die Pandemie macht diese gern verdrängte Tatsache  auf einen Schlag zu einem medienwirksamen Thema  – zumindest kurzfristig. Für die wohlstandsverwöhnten  Bewohner*innen des globalen Nordens wird diese Krise eine  gesellschaftspolitische Erfahrung.

Persönliche Weichenstellungen 

Diese Planänderung im März 2020 hat auch für mich persönlich  Konsequenzen: Ich ziehe nicht wie lang ersehnt in  die Schweiz, um die vierköpfige Spurgruppe als Praktikantin  Feline Tecklenburg im letzten halben Jahr des synodalen Prozesses zu unterstützen.  Dass dieser Umzug nicht nur aufgeschoben, sondern  eher komplett gestrichen ist, ahne ich zu dem Zeitpunkt  schon mit mulmigem Bauchgefühl. Startbereit auf gepackten  Kisten und Rucksäcken sitzend – das WG-Zimmer gekündigt,  die Grenzen in die Schweiz dicht, das Projekt vertagt  – verschieben sich für mich auch biografische Weichenstellungen.  «Was wäre, wenn ich in die Schweiz gezogen wäre?»  ist ein beliebtes Gedankenspiel seit meinem unfreiwilligen  geografischen «Steckenbleiben». Das, was stattdessen passiert  – ein Unterkommen im Haus eines grosszügigen  Freundes, viele unverhofft freie Sommertage auf dem Pferderücken  – hat den ständigen Geschmack von Ersatz. Verschoben  ist das «eigentliche», das «echte» Vorhaben. Das  pandemische Provisorium erzeugt ein Gefühl, hängen geblieben  zu sein und nicht mehr auf der Spur mitzulaufen,  die geplant war. Es ist ein Gefühl des Verpassens, obwohl es  auch für alle anderen diese Spur nicht mehr gibt. Viele  hängen in der Luft, das Provisorische wird zum Alltag, sei es  der Wohnraum, die Kinderbetreuung, der Arbeitsplatz.

Hätte, hätte, wäre … ? 

Mit Fortschreiten des Frühjahrs wird klar: Das hier dauert  länger. Wir sind als Spurgruppe der Frauen*synode weiterhin  aktiv, schreiben Texte, lernen uns und unsere verschiedenen  Arbeits- und Denkweisen über Zoom kennen,  erarbeiten gemeinsam mit der Redaktion der religiössozialen  Zeitschrift Neue Wege ein Heft zu unserem Thema.  Der 5. September 2020 nähert sich – es gibt eine Vernissage  der Neue Wege-Ausgabe in Zürich, mit der Haushaltswissenschaftlerin  Uta Meier-Gräwe als Gastreferentin. Wir sind  dankbar für diese Ersatzveranstaltung und stecken viel  Energie in die Vorbereitung. Und dennoch bleibt die  Frauen*synode verschoben – wie wäre es gewesen, wenn so  viele Menschen nach Sursee in die Stadthalle gekommen wären?  Hätten wir als Team diesen Tag gut durchgestanden?  Wären unsere politischen Forderungen deutlich geworden?

Zurück auf Los 

Es wird Herbst: Wir sind mittlerweile Pandemie-Erfahrene,  Online-Veranstaltungen zu moderieren wird normal und es  zeichnet sich ab, dass auch der neue Termin im September  2021 keineswegs eine sichere Bank ist. Wir starren fragend auf  das Datum im Kalender und gehen schliesslich an das ran, was  ursprünglich den Kern des Ganzen ausmachte: die Form. Wir  wollten 1000 Leute zusammenbringen. Auch wenn wir mit  Online-Vorträgen gute Erfahrungen gemacht haben: Wie  lässt sich mit so vielen Menschen vor dem Bildschirm etwas  Die Veränderung einer  grossen Sache  Ein Bericht über die coronabedingte  Transformation der Frauensynode diskutieren und feiern, das so sehr auf dem Erleben von  menschlicher Gemeinschaft basiert? Wir konzentrieren uns  auf das, was wir inhaltlich vermitteln wollen und machen uns  mutig auf die Suche nach einer neuen Form.

Etwas Grosses transformieren 

Das Verb «verschieben» wird in unserer Situation zu einem  Synonym für «transformieren». Es fordert neue Perspektiven  von uns, eine grosse Sache wie die Frauen*synode soll  von einer Stelle auf eine andere bewegt werden. Das Verschieben  ist ein Kraftakt. Inspirierend und dennoch auch  Energie ziehend. Gelassenheit wird in dieser Situation eine  hilfreiche Gemütshaltung. Immer wieder ganz viel loslassen  und neu anpassen. Es ist ein hin und her rollender Prozess,  wöchentlich gibt es neue Einschätzungen der Infektionslage,  die mit einbezogen werden müssen. Die Planungssicherheit  geht gegen null. Mehrere Konzepte werden erstellt und dann  wieder verworfen – für manch grosse Neu-Entwürfe reicht  die Kraft nicht mehr nach den Jahren der Planung. Wir bleiben  dran, beissen uns durch frustrierende Momente und  entwickeln Neues. Denn auch der Inhalt verlangt nach Transformation.  Die Pandemie ist ein Katalysator für den Care-Diskurs und eine Chance, jetzt noch viel mehr Menschen  mit dem Thema erreichen zu können. Und ist es nicht die  Aufgabe einer Frauen*synode, gerade auch im Angesicht des  Aktuellen handlungsfähig zu bleiben und über Lösungsansätze  zu diskutieren? Das Wort «Synode» kommt aus dem  Griechischen und bedeutet «Versammlung». Wie können wir  die Menschen dezentral erreichen und sie unter Einhaltung  der Hygieneregeln miteinander ins Gespräch kommen lassen?

(K)ein Spaziergang in Sursee 

Das Ergebnis: (K)ein Spaziergang! Ab dem 22. Mai 2021  kann man an 15 Stationen in der Stadt Sursee das Konzept  einer fürsorgezentrierten Wirtschaft erfahren. Der Weg ist  an der frischen Luft, alleine oder in Gruppen begehbar, die  Informationen zu den einzelnen Stationen sind mithilfe  einer liebevoll gestalteten Broschüre, über die Website oder  auf einer Stadtführung zugänglich. Mit dem Spaziergang  durch Sursee kehren wir mitten in dem Chaos der Pandemie  zurück zu einem angemessenen Verständnis von Wirtschaft.  Wir suchen Orte auf, an denen konkret gezeigt wird, wie  Menschen für sich, für andere und für die Welt sorgen.  Sursee wird ein Beispiel für jede menschliche Agglomeration  und die gemeinsame Ökonomie derjenigen, die dort  zusammenleben: Wirtschaft in Sursee ist Care. Deshalb ist  der Gang durch die Stadt eine Art «Sonntagsspaziergang»:  Er zeigt und feiert, was Wirtschaft leisten kann, wenn man  sie an den richtigen Massstäben ausrichtet. Andererseits ist  er inhaltlich kein Spaziergang, denn es wird offen thematisiert,  wie schwerwiegend das an Profit ausgerichtete Wirtschaftsverständnis  in unser aller Leben eingreift.

Wahrnehmung von Wirtschaft 

In der öffentlichen Debatte ging es vor allem im sogenannten  Lockdown viel darum, wie stark die Wirtschaft durch den  fehlenden Konsum Schaden nehme. Dieses Narrativ offenbart  deutlich die verschobene ökonomische Wahrnehmung  rund um eine destruktive Profitlogik. Es lohnt einmal mehr  zu differenzieren und aufzumerken, was hier jeweils unter  Wirtschaft verstanden wird. Ein Teil der Produktion und des  Vertriebs von nicht lebensnotwendigen Dingen wurde heruntergefahren,  der grösste Sektor wirtschaftlicher Tätigkeit,  die Sorgearbeit, blieb jedoch am Laufen. Es wurde weiterhin  täglich gekocht, gegessen, gekackt, Wäsche zusammengelegt,  Windeln gewechselt, müde Hände gehalten, Kissen aufgeschüttelt.  Kinder beispielsweise wurden betreut wie immer,  nur eben ausschliesslich zuhause und zumeist von ihren  Müttern. Die Produktion und Verteilung von Lebensmitteln,  der Betrieb von Kläranlagen und Elektrizitätswerken, Krankenhäusern  und Bestattungsunternehmen – all das ging  weiter, denn «die Sorge ist jene durchgehende und unsichtbare  Linie, deren Unterbrechung verheerend wäre.»3  Die Zustände der Welt wurden durch die Pandemie verrückt,  es gab eine kollektive Erfahrung von menschlicher  Verletzlichkeit. Die unsichtbare Linie der Sorge ist wahrnehmbar  geworden. Ob das reicht, um eine Kehrtwende im  wirtschaftlichen Paradigma auszulösen? Vielleicht diskutieren  wir darüber bei einem Spaziergang durch Sursee!