Ausgabe 2021/2

Verschoben ins Netz | Vom Segen virtueller Vernetzung und der Wichtigkeit realer Begegnung

Wirklich neu ist die virtuelle Vernetzung natürlich nicht. Im interkontinentalen Netzwerk Tsena Malalaka kamen wir aber erst nach gut einem Jahrzehnt gemeinsamer Arbeit darauf, nicht nur miteinander zu Mailen, sondern auch virtuelle Treffen online zu organisieren. Seit es sie gibt, ist klar: It's a blessing!

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©Worldmapper, map no. 16, Internetnutzung 2015
von Verena Naegeli / 17.05.2025

It’s a blessing! – schreibt die Organisatorin eines interkulturellen Symposiums feministischer Theologinnen. Sie freut sich, dass die coronabedingte Notwendigkeit, das Treffen online durchzuführen, weit mehr Kolleginnen ermöglicht teilzunehmen. Plötzlich spielt es keine Rolle mehr, ob frau in Kenia, auf den Philippinen oder in der Schweiz lebt. Alles was es braucht, sind ein ausreichender Internetzugang und ein wenig Englischkenntnisse. Für die weltweite feministische Vernetzung – so die Organisatorin – ist dies ein Segen. Viele von uns machen zurzeit solche entgrenzende Erfahrungen, auch im kleineren geographischen Rahmen. Wie viel einfacher und bequemer ist es, mich am Abend von zuhause aus via Netz von Zürich nach Basel zu verschieben, statt physisch zu einer Veranstaltung hinzufahren. Kein Warten auf dem Bahnsteig, kein spätes nach Hause Kommen. Ich bin dabei, trinke meinen Tee und klinke mich aus, wenn ich genug habe. Hin und wieder frage ich mich, weshalb wir nicht früher darauf gekommen sind.

Vernetzung online – offline

Wirklich neu ist die virtuelle Vernetzung natürlich nicht. Schon lange gibt es Skype und andere Formen von Videotelefonie, existiert die online Kommunikation über E-Mail und andere Kanäle. Im interkontinentalen Netzwerk Tsena Malalaka (www.malalaka.org), einem Austauschforum afrikanischer und europäischer Theologinnen, das seit einem guten Jahrzehnt besteht, unterhielten wir uns seit Beginn per E-mail, besprachen auf diese Weise Bibeltexte, verwirklichten ein Buchprojekt, bereiteten Konferenzen vor, tauschten über unsere Website News aus und fanden uns ziemlich fortschrittlich. Eigenartigerweise kam keine von uns auf die Idee, auch grössere virtuelle Treffen im Zoom-Stil zu organisieren. Gab es diese Möglichkeit damals noch nicht oder waren wir zu sehr im körperlichen Denken verhaftet? Eines unserer Ziele war es, interkontinentale Beziehungen und Freundschaften zu knüpfen. Dazu schien unabdingbar das Reisen zu gehören, sich auch physisch zu begegnen, den Lebensort der anderen in seiner Vielseitigkeit wahrzunehmen, zu berühren, zu riechen.

Archaische Erfahrung

Noch im Herbst 2019, wenige Monate vor dem weltweiten Corona-Ausbruch, hatten wir ein interkontinentales Seminar organisiert, in Madagaskar. Geradezu archaisch-steinzeitlich kommt es mir heute vor, wenn ich daran denke: Die grosse logistische Herausforderung, die Flüge für die europäischen und kontinental-afrikanischen Teilnehmerinnen zu koordinieren und deren Finanzierung sicher zu stellen. Das Abenteuer, das Seminar in Antananarivo in relativ einfachen Verhältnissen durchzuführen. Physische Erfahrungen – auch unangenehme – prägten die Tage. Viele von uns Hergereisten hatten wegen des ungewohnten Essens Durchfall und andere Verdauungsprobleme. Eindrücke von wunderschönen Landschaften und freundlichen Menschen vermischten sich mit nachhaltigen Abgaserfahrungen in der verkehrsüberfüllten Stadt. Die Begegnungen unter uns Seminarteilnehmerinnen waren schön und manchmal auch schwierig, gingen unter die Haut. Klar wurde: Kontinental-Afrikanerinnen und Europäerinnen waren hier fremd. Wir waren alle auf das Organisationstalent und die Gastfreundschaft unserer madagassischen Kolleginnen angewiesen. (Siehe den Artikel von Ina Praetorius in FAMA 4/2019, Theologisches Afrika.)

Treffen auf Zoom

Wie viel einfacher und reibungsloser verlief im Vergleich dazu unser nächstes Treffen ein Jahr später, coronabedingt auf Zoom. Geographische Distanzen und Visafragen spielten jetzt keine Rolle. Keine von uns wurde von Flugscham geplagt. Wer wollte und Internet-Verbindung hatte, konnte sich bequem von zuhause aus einklinken und in einem minimalen Zeitaufwand ein Maximum an Kontakten realisieren. Unser (Wieder-)sehen auf Zoom war herzlich. Hatte dies auch damit zu tun, dass wir uns vor nicht allzu langer Zeit real begegnet waren und viel miteinander erlebt hatten?

Überall zugleich

Die heutigen Möglichkeiten, quasi grenzenlos vernetzt und präsent sein zu können, erinnern an eine alte Vorstellung. Sie hat insbesondere spirituelles Denken beflügelt. Nicht das Internet, sondern Gott – ein irgendwie geartetes spirituelles Zentrum – wird als Schaltstelle und Rechenzentrum, als unendlicher Speicherraum verstanden, in dem sich alles verbindet. Verstehe ich meine Existenz in und aus Gott, habe ich Anteil an ihrer schöpferischen und geschaffenen Omnipräsenz – ihrer Ubiquität (von lateinisch ubique – überall). Ich bin, die ich bin, und lebe zugleich auch in den Sternen. Ich bin mein eigener Körper, an meinem spezifischen Lebensort und bin zugleich mit allem Lebenden verbunden, auch mit der Schildkröte in Madagaskar. In der Allgegenwart Gottes ist alles miteinander vernetzt – im unendlichen web of life. In der christlichen Theologie und Tradition gehen solche Vorstellungen mit einer konkreten Praxis einher, der Fürbitte. Ein Beispiel ist die alte Tradition des Weltgebetstags. Da vernetzen sich jeweils am ersten Freitag im März rund um den Globus Frauen im Gebet. Sie beten miteinander für einen bestimmten Ort, eine bestimmte Gruppe, ein Projekt, auch wenn sie tausende von Kilometern davon entfernt sind. Die Erde dreht sich, Tag- und Nachtgrenzen verschieben sich, das Gebet bleibt bestehen, heisst es im deutschsprachigen Weltgebetstagslied. Das Gebet schafft – so die Vorstellung – eine umfassende spirituelle Verbindung, die keiner physischen Verlagerung bedarf. Dies ist eigentlich nichts anderes als eine weltumspannende Zoom-Konferenz, mit inneren statt äusseren Bildschirmen.

Das ist mein Leib

Allerdings wurde in der christlichen Theologie und Tradition immer auch das andere betont: die begrenzte, leibliche Präsenz im Hier und Jetzt. Eine Körperlichkeit, die nicht übersprungen werden kann, und die das Mensch-Sein, das Geschöpf-Sein, genauso ausmacht. «Das ist mein Leib, hingegeben für euch», heisst es in den Abendmahlsworten und erinnert daran, dass jedes Geschöpf aus der körperlichrealen Hingabe eines anderen Geschöpfes lebt, gebunden an einen konkreten Ort. Zu dieser leiblichen Bedingtheit gehören auch (Eigen-)Begrenzung und endliches Dasein. In den Evangelien wird die Christusgestalt einerseits als zeitenlos allgegenwärtig, in allem mit Gott verbunden, dargestellt (z.B. Johannes 1). Andererseits wird erzählt, dass Jesus als Knabe geboren wird, aus dem Dorf Nazareth kommt, in seinem Leben Beziehungen eingeht und auch verliert. Als er körperlich leidet und stirbt, schreit er nach Gott, ist sich seiner Gottesverbundenheit nicht mehr sicher (Markus 15). Was in dieser Situation Bedeutung hat, sind die Menschen – meist ist von Frauen die Rede –, die physisch real bei ihm bleiben. Sie riskieren ihr Leben, stehen neben dem Kreuz, sie begleiten Jesus bei der Grablegung. Noch am Ostermorgen wollen sie seinem Leichnam Gutes tun und ihn einsalben. Einer entgrenzt- weitfliegenden Verbindung in Gott wird hier die realleibliche, in ihren Möglichkeiten eingeschränkte Präsenz gegenübergestellt. Sich darauf einzulassen, das Körperliche wahrzunehmen, zu schützen und zu ehren, scheint spirituell genauso bedeutend. Insbesondere feministisch-theologische Ansätze haben die Bedeutung des realen Körpers, der physisch- realen Verbindlichkeit stets hervorgehoben.

Erfahrungen in der Pandemie

Die Erfahrungen in der Corona-Pandemie und den diversen «Lockdowns» lassen uns über beide Dimensionen neu nachdenken: die virtuelle oder auch spirituelle grenzenlose Vernetzung und die physisch-reale Begegnung. Dank einem enormen Schub im Bereich digitaler Möglichkeiten ist es noch alltäglicher geworden, gleichzeitig hier und überall zu sein. Ich habe mich daran gewöhnt, treffe mich in virtuellen Diskussionsrunden, musiziere mit einer Freundin in Nairobi, feiere eine Iona-Liturgie über Zoom und bin dankbar, dass sich die zurzeit verschlossenen Grenzen so einfach überwinden lassen. Es kann so bleiben, denke ich. Es wird auch in Zukunft das schädliche Fliegen und das aufwändige sich physisch Verschieben überflüssig machen. Die Pandemie hat mir aber auch vor Augen geführt, wie sehr wir als Menschen auf reale körperliche Nähe angewiesen sind, auf Menschen, die uns sinnlich wahrnehmen und lieben, die uns pflegen, wenn wir krank sind. Einen Menschen sterben lassen zu müssen, ohne sich nochmals real sehen und berühren zu können, ist hart. Ich denke an den Tod meiner eigenen Mutter, noch vor der Pandemie. Unauslöschbar hat sich in meiner Erinnerung festgesetzt, wie ich ihre noch verbleibende Körperwärme – sie war schon tot – in einer letzten Umarmung aufnehmen konnte.

Ausbildung interkontinental

It’s a blessing – hat die Organisatorin des internationalen Symposiums über die neuen Online-Möglichkeiten gesagt. Ich versuche das Segensreiche auszuloten, ohne das Körperlich- Reale aus den Augen zu verlieren. Mich fasziniert, dass es durch die Verschiebungen ins Netz vorstellbar geworden ist, neue interkontinentale Colleges und Universitäten zu gründen, weltweit zugängliche Online-Lehrgänge zu entwickeln, zum Beispiel in feministischer Theologie. Ich stelle mir vor, wie Theologiestudierende gleich zu Anfang des Studiums von einem interkontinentalen Lehrkörper unterrichtet werden. Schon in der Grundausbildung lernen sie, verschiedene Perspektiven und Zugänge wahrzunehmen, sie zu diskutieren und aus ihrem Kontext heraus zu verstehen. Alles Weitere baut darauf auf. Interkontinental ausgerichtete Online-Ausbildungsgänge könnten auch geographische Hierarchien verrücken. Ein Beispiel: Afrikanische Theologinnen müssten sich nicht mehr nach Europa oder Nordamerika begeben, um einen international prestigeträchtigeren höheren Abschluss zu erlangen. Und da finanzielle Hürden im Netz weniger hoch sind und es keine Aufenthaltsbewilligungen braucht, könnten sich viel mehr Studierende aus den unterschiedlichsten Ländern beteiligen. Gleichzeitig würden europäisch- nordatlantische Theologinnen nicht mehr nur vereinzelt und vor allem zum Unterrichten oder «Forschen über» nach Afrika reisen und damit weiter unterstreichen, bei wem die Definitionsmacht liegt. Alle könnten über alles nachdenken und sich innerhalb des gemeinsamen Studiums interaktiv damit auseinandersetzen. Es wäre spannend zu sehen, was solche Verschiebungen bewirken.

Lokal verwurzelt

Was bleibt ist, dass es nicht ohne das Real-Körperliche geht. Also doch hin und wieder eine «archaische» Reise in den Kontext der anderen nötig ist: ein längerer Aufenthalt, wenn möglich. Es ist wichtig, dass das online Verhandelte sich nicht von der konkreten Erfahrung trennt, und dass nicht neue Grenzen entstehen zwischen der Welt derjenigen, die Internetzugang haben, eine Weltsprache sprechen und weltweit vernetzt sind, und derjenigen, die lokal sprechen und leben, deren Realität aber genauso entscheidend ist für theologisches Nachdenken und Handeln. Die Ausrichtung auf das Lokal-Präsente ist dabei auch im eigenen Kontext möglich. Es ist etwas vom Wichtigsten, das ich aus meinen Begegnungen mit afrikanischen Theolog*innen, aus meinen konkreten Aufenthalten in Madagaskar und anderen afrikanischen Ländern gelernt habe: Die akademische Reflexion ist nah verbunden mit den realen Lebensbedingungen der Menschen, mit ihren Sorgen und Hoffnungen, mit ihrer Sprache. An europäischen Universitäten habe ich das so nicht erlebt. Da bleibt die akademische Welt oft unter sich, getrennt von alltäglichen Lebensfragen. Bewegt sich theologische Arbeit also in Zukunft noch leichtfüssiger weltweit im Netz, dann gehört unabdingbar dazu, dass sie lokal verwurzelt ist und Professor*innen und Studierende vor Ort mit Menschen unterschiedlichster Milieus kommunizieren und von ihnen lernen. Wirklich vernetzt zu sein, schliesst das Engagement im eigenen realen Kontext mit ein.