Verschieben – die unterschiedlichsten Assoziationen tauchen auf. Wie viel Kraft es braucht, um einen schweren Schrank zu verschieben, und wie langsam die Veränderung vorangeht. Oder ich denke an die Schiebetür meiner Kindheit: Sie wurde nur an Heiligabend zugezogen, um dann – sehnsüchtig erwartet – aufgeschoben zu werden und den Blick frei zu geben auf den leuchtenden Christbaum. Das Verschieben eines Möbels gibt bisher verstellten Raum frei und stellt dafür bisher freien Raum zu. Anders bei der Schiebetür oder bei einem Vorhang: Da wird bisher Unsichtbares sichtbar, ohne dass dafür etwas Anderes verdeckt werden müsste. Auch hält sich die Anstrengung in Grenzen; es braucht nur den Entschluss, und das Schieben ist leicht.
Verschiebende feministische Theologie
Feministische Theologie verschiebt eher in diesem zweiten Sinn. Der bislang zugezogene Vorhang wird aufgeschoben – oder noch eher: Der bisher halb geöffnete Vorhang wird ganz geöffnet. Frauen werden sichtbar gemacht, in der Forschung, in der Lehre, im Erzählen. So leicht wie beim Vorhang geht es allerdings nicht. Es ist viel Knochenarbeit, die seit Jahrzehnten in der feministischen Theologie geleistet wird. Doch das Bild vom Verschieben des Vorhangs reicht nicht immer. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga sagte im letzten Frühling: «Es muss ein Ruck durch das Land.» Ein «Ruck» ist mehr als Schieben. Es heisst stossen und gestossen werden, schlagartig aufwachen, sich besinnen, die veränderte Situation, das Verrückte sehen und sich dazu verhalten. Hat die feministische Theologie diesen Ruck in die Theologie gebracht? Was hiesse das? Es wäre mehr als der weiter geöffnete Vorhang, der die zweite Hälfte der Bühne sichtbar macht. Es wäre ein Verrücken vom ganzen bisherigen Bühnenbild. Alles steht neu zur Debatte: die Frage nach Gott und die Art und Weise dieses Fragens, das Verständnis von Not und Befreiung in ihrer geschlechtsspezifischen Unterschiedlichkeit, die Bilder von Klage und Hoffnung, das Erzählen von Jesus, der zur Christa werden könnte, die Wertschätzung von Geburt und Vergänglichkeit, wie von Gnade zu erzählen sei, was Solidarität meint, und wo die vielen Frauen sind, die Frieden stiften und für Gerechtigkeit streiten.
Hagar verändert sich
Beim Aufschieben des Vorhangs kommt mir Hagar entgegen. Sie ist kolossal unterschätzt. Ihre Geschichte lässt sich vielfältig lesen, unter anderem als ein Entwicklungsroman, der einen Prozess der Selbstwerdung zur Darstellung bringt. Als ägyptische Sklavin Sarais tritt sie in den grossen Erzählkreis der biblischen Erzeltern ein. Damit steht sie in auffallender Korrespondenz zur Hauptgeschichte vom biblischen Volk Israel, das in Ägypten versklavt und daraus befreit wird. Aus dem verborgenen Leben der Dienerin tritt sie als Frau ins Rampenlicht, die an Sarais Stelle einen Nachkommen gebären soll. Zunächst noch als Objekt des Geschehens wird sie von ihrer Herrin Sarai geholt und Abraham zur Frau gegeben. Es ist wenig wahrscheinlich, dass sie gefragt wurde. Sie muss es aber als eine Form der Wertschätzung erlebt haben, denn sie veränderte sich: «Und sie sah, dass sie schwanger war; da wurde ihre Herrin gering in ihren Augen. » (Genesis 16,4) Sie selber wird schwer, gewichtig und wichtig; doch weiss sie damit noch nichts Besseres anzufangen, als herabzublicken auf die Frau, die dieses Gewicht nicht erreichen kann. Eine fragwürdige Entwicklung wird hier erzählt, doch sie ist zutiefst menschlich. Selbstbewusstsein gewinnen auf Kosten einer anderen Frau, eines anderen Menschen; das ist nur allzu verbreitet.
Die grosse Frage
Die verletzte Sarai schlägt zurück und behandelt Hagar so hart, dass diese flieht. Ohne Ziel und Plan – sie will einfach nur weg. Bei einer Wasserquelle in der Wüste wird sie vom Engel Gottes mit den folgenden Worten angesprochen: «Hagar, Magd Sarais, wo kommst du her und wo gehst du hin?» (Genesis 16,8) Der Engel fragt nicht, weil Gott die Antwort nicht wüsste, sondern weil Hagar diese Frage braucht. Es ist eine der grossen Menschheitsfragen, die sich durch die gesamte Religions- und Philosophiegeschichte zieht. Warum wird so gut wie nie davon erzählt, dass diese «grosse Frage» hier an eine versklavte Frau gerichtet wird? Warum gibt es keine Wirkungsgeschichte dieser Frage an Hagar? Eigentlich widerlegt diese biblische Passage den klassischen Vorwurf der feministischen Theologie, in der bisherigen Denktradition über den Menschen stehe «der Mann» für das Allgemeine, «Normale » des Menschseins und «die Frau» für das Besondere, das «Nicht-Normale». Hier wird eine Frau mit dieser allgemein menschlichen Frage gewürdigt. Müssten wir nicht ausgehend von dieser Geschichte die Bibel als Zeugin nehmen dafür, dass vor Gott diese Aufteilung nicht gilt?
Unerhörte Engelworte
Ja, das wäre schön und richtig, aber auch ziemlich naiv. Denn die biblischen Texte hängen in vielem patriarchalen Vorstellungen über das menschliche Leben an. Nur gelegentlich ragt eine solches Engelwort daraus hervor. Und weil über Jahrtausende ausschliesslich Männer sich mit der Auslegung sowie theologischem und philosophischem Nachdenken befasst haben, wurden diese Engelworte überhört und übersehen. Doch Hagar wird hier als Prototyp eines Menschen gezeichnet: Frauen können das menschlich Allgemeine vertreten. Diese Erzählung hat die Schubkraft, das ganze Gefüge zu «verschieben» bzw. zum Einsturz zu bringen. Für heutige Ohren zunächst irritierend sagt darauf der Engel: «Kehr zurück zu deiner Herrin und ertrage ihre Härte.» (Genesis 16,9) Ein befreundeter Theologe stellte denn auch die Frage, ob sich auch Engel irren könnten. Doch ich denke, dass gerade Frauen diesen Rat des Engels sehr unterschiedlich einschätzen könnten. Zum Beispiel tausende von Frauen in unzähligen Ländern dieser Welt, die sich als Haushaltshilfen aufreiben, um ihren Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen: Diese Frauen sehen sich hier vermutlich erkannt und bestärkt. Härte auszuhalten, damit die nächste Generation besser leben kann, ist etwas, was in grosser Selbstachtung und mit starkem Selbstbewusstsein praktiziert werden kann und Respekt und Anerkennung verdient. Auch wenn wir vielleicht lieber hören würden, dass der Engel zum Aufstand ermutigt.
Ein grosses Versprechen
Die Verheissung folgt auf dem Fuss: «Ich werde deine Nachkommen reichlich mehren, dass man sie nicht zählen kann in ihrer Menge.» (Genesis 16,10) Es ist eine Parallele zur Verheissung an Abraham und verweist wiederum auf die Gleichrangigkeit von Frau und Mann im biblischen Erzählen. Ihr Sohn soll Ismael genannt werden und er soll ein «Wildesel von einem Menschen sein» (Genesis 16,12), also frei und frech und unabhängig – es ist der Traum Hagars für sich selbst, den ihr Kind realisieren soll. Was nun folgt, ist ein weiteres Unikum in der ganzen Bibel: Hagar gibt Gott einen Namen. «Du bist El-Roi. Denn sie sprach: Wahrlich, hier habe ich dem nachgesehen, der auf mich sieht.» (Genesis 16,14). Eine Frau gibt Gott einen Namen und definiert damit, worum es in der Theologie geht und gehen könnte. Auch dies wurde lange übersehen.
Veränderte Persönlichkeit
So wahrgenommen und wahrnehmend gewinnt Hagar Stärke und Selbstbewusstsein. Sie ist nicht mehr die Gleiche, wenn sie zurückkehrt, und erträgt die Härte Sarais nun als veränderte Frau. Ihr Selbstbewusstsein gewinnt sie jetzt aus dem Wissen heraus, von Gott angesehen zu sein, und muss nicht mehr auf eine andere herabschauen. Im 21. Kapitel des Buchs Genesis geht ihre Geschichte weiter. Ein zweites Mal begegnet ihr Gottes Bote in der Wüste. Diesmal war sie nicht von sich aus dahin geflohen, sondern wurde von Abraham auf Geheiss Saras zusammen mit Ismael weggeschickt. Das war nun der bittere Lohn vom «Ertragen der Härte», die sie um der Zukunft des Kindes willen auf sich genommen hatte. Der Wasserschlauch ist leer getrunken. Verzweiflung und Ausweglosigkeit überwältigen sie. Sie, die so viel ertragen hat, erträgt es nicht, ihr Kind sterben zu sehen, und setzt sich einen Steinwurf von ihm entfernt. Der Engel Gottes fordert sie dazu auf, zu ihrem Sohn zu gehen und ihn festzuhalten. Gott öffnet ihr die Augen und sie sieht den rettenden Wasserbrunnen. (Genesis 21,9-19)
Verschobene Blickrichtungen
Kritisch könnten wir sagen: «Was ist hier schon verschoben? Die Frau wird nur im Hinblick auf ihren Sohn und dessen Vater Abraham angesprochen und bewahrt. Sie hat für sich allein kaum Bedeutung im biblischen Erzählkreis der Erzeltern. » Das ist richtig, und doch zeigen gerade die Begegnungen mit Gottes Engel Hagar in ihrem eigenen Wert und als Vor-Bild als Mensch und Theologin, die «Gott nachsieht». Wir könnten uns von Hagar verschieben lassen, weg vom allzu individualistischen Blick auf erfülltes Leben für alle. Ist Leben nicht Beziehung? Ist es ein Makel von Hagar, ihre Lebensentscheidungen im Hinblick auf die Zukunft ihres Kindes zu treffen? Sehen wir nicht in dieser Geschichte, dass eine solche Frau von Gott exemplarisch als Mensch angesprochen wird? Ist es nicht an der allerhöchsten Zeit, unsere heutigen Entscheidungen im Hinblick auf die Lebensmöglichkeiten der nächsten Generationen zu treffen? Ökologie, Klimagerechtigkeit: Da muss viel verschoben werden, da braucht es einen Ruck!
Die Bibelzitate sind der Zürcher Bibel (2007) entnommen.