Ausgabe 2021/3

Von Antiochia bis Appenzell | Ist das Christentum urban?

Wie antike (Gross)Städte die christliche Mission und ihre Methoden beeinflusst haben erläutert Martina Bär, Professorin für Systematische Theologie.
Text: Martina Bär / 22.05.2025

Die christliche Mission hat in antiken Städten ihren Anfang genommen, wodurch sich eine spezifisch christliche Identität in der Auseinandersetzung mit den multiethnischen und multireligiösen Städten der Antike entwickelte. Während Jesus hauptsächlich im ländlichen Raum Palästinas das Reich Gottes verkündete, sind die ersten Missionar*innen gezielt in griechisch‐römische Städte des Mittelmeerraumes gegangen. Dort haben sie kleine Hausgemeinden gegründet, aus denen sich später Stadtgemeinden mit Kirchengebäuden entwickelten. Städte können deswegen als die Wiege des Christentums bezeichnet werden. Mit der missionarischen Strategie, das Evangelium in Städten zu verkünden, veränderte sich die ursprünglich dörflich‐ländliche Jesusbewegung – nicht nur im Blick auf das zahlenmässige Wachstum, sondern auch hinsichtlich der eigenen Identität und Theologie, da sie von ihren urbanen Kontexten entscheidende Impulse erhielt.

Zwischen Stadt und Land

Nachdem sich die christlichen Gemeinden in den Städten etabliert hatten, gingen die Missionar*innen des 2. Jahrhunderts auch wieder aufs Land. Zumindest berichtet der römische Geschichtsschreiber Plinius der Jüngere in einem Brief aus dem Jahr 111/113 davon. Danach ist in der antiken Geschichtsschreibung nur noch vereinzelt von einem Vordringen des christlichen Glaubens in ländliche Gebiete zu hören. Dennoch haben die frühen Christ*innen mit diesen unterschiedlichen Verkündigungsräumen mehr oder weniger bewusst die in der Gesellschaft des Römischen Reiches herrschende Kluft zwischen Stadt‐ und Landbevölkerung überbrückt; dies erwies sich für die breite Etablierung des Christentums im Römischen Reich als sehr hilfreich. Doch wie kam es überhaupt dazu, dass das Christentum ein urbanes Phänomen wurde?

Missionsstrategie Stadtgemeinden

Dass das Christentum eine Stadtreligion geworden ist, hat hauptsächlich mit Paulus zu tun, der ein versierter Missionsstratege war und auch als «Völkerapostel» bezeichnet wird. Seine Vorgehensweise, direkt in die Städte des römisch-hellenistischen Mittelmeerraumes zu gehen und dort Gemeinden zu gründen, in denen sich gleichermassen Juden und Jüdinnen sowie ehemalige Anhänger*innen polytheistischer Religionen oder antiker Mysterienkulte versammelten, machte Schule. Er entwickelte diese Strategie nach seinen Anfangsjahren mit Barnabas in der Grossstadt Antiochia am Orontes, der drittgrössten Stadt des damaligen Römischen Reiches. Dass Paulus wie auch andere Wandermissionar* innen gerade die Städte des Mittelmeerraumes aufsuchten und nicht aufs Land gingen, hatte verschiedene Gründe. Zum einen spielte die Sprache eine bedeutende Rolle. In den Städten des Mittelmeerraumes war das Koine-Griechisch die lingua franca, die damalige Weltsprache. Auf dem Land hingegen wurden diverse Volkssprachen gesprochen, was eine ernsthafte Barriere darstellte.

Römische Provinzhauptstädte

Ein weiterer wichtiger Punkt waren die römischen Strassenverbindungen und Handelswege zwischen den grossen Städten, die das Reisen erleichterten (Via Sebaste, Via Egnatia oder Via Appia). Dass Paulus bei seiner ersten Missionsreise gezielt in die römischen Provinzhauptstädte Philippi, Korinth und Ephesus gegangen ist, lag wahrscheinlich daran, dass er in den Verwaltungsstrukturen des Römischen Reiches dachte, dessen globales Netzwerk über die Provinzhauptstädte gesteuert wurde. Vermutlich hat er sich von den Provinzhauptstädten einen Vorteil für die rasche Verbreitung des Evangeliums erhofft. Ausserdem waren in diesen Städten oft auch Synagogen angesiedelt, jüdische Diasporagemeinden mit Griechisch sprechenden Jüdinnen und Juden, bei denen regelmässig sogenannte «Gottesfürchtige» zu Gast waren, die mit dem Monotheismus sympathisierten, aber nicht jüdisch werden wollten, oft aus Rücksicht gegenüber ihren heidnischen Familienmitgliedern.

Heterogene Stadtgemeinden

Gerade diese gottesfürchtigen Sympathisant*innen stellten eine wichtige Zielgruppe für die christlichen Missionar*innen dar. So entstand in Antiochia in den späten 30er Jahren die erste christusgläubige Gemeinde, die sich aus an Jesus glaubenden Jüdinnen und Juden sowie aus Personen des heidnischen Milieus zusammensetzte. Diese Zusammensetzung sollte für Paulus das Modell zur Gründung anderer Stadtgemeinden im Mittelmeerraum werden. Im Vergleich zur Jerusalemer Urgemeinde verlor in diesen Gemeindemodellen die Tora-Treue langsam an Bedeutung, Unbeschnittene mussten nicht mehr beschnitten werden, um Teil der Gemeinde zu sein, und die Mahlgemeinschaft wurde zwischen allen praktiziert. Letzteres war anfänglich stark umstritten, weil das gemeinsame Essen jüdische Reinheitsvorschriften sowie Koscher-Regeln aufhob. Diese gemeinsame Mahlgemeinschaft bedeutete für Jüdinnen und Juden der Jesusbewegung eine gewisse Anpassung an die kulturellen Gepflogenheiten der Mehrheitsgesellschaft.

Neue Identitätsbestimmung

Im Kontext der antiken Grossstadt Antiochia entwickelte sich also erstmals für die aus Palästina stammende messianisch- jüdische Gruppierung eine neue Identitätsbestimmung. Die Öffnung der christusgläubigen Gemeinden auf andere Kulturen und Religionen hin veränderte ihr Selbstverständnis und relativierte die Tora-Bindung. Die neue Identitätsbestimmung manifestierte sich im syrischen Antiochia besonders darin, dass die Stadt der Gruppierung einen neuen Namen beilegte, die den Unterschied zu einer rein jüdischen Gemeinde markierte. Die antiochenische Stadtbevölkerung nannte die sich heterogen zusammensetzende Jesusbewegung Christianoi – die Christusanhänger*innen (Apostelgeschichte 11,26). Der Prozess der Inkulturation des Evangeliums in eine nichtjüdische Stadtkultur blieb also nicht folgenlos für die Entwicklung eines spezifisch christlichen Selbstverständnisses, wonach das Evangelium des Juden Jesus als für alle geltend verstanden wurde.

Egalitäre, offene Gemeinschaften

Im Unterschied zu der sozialen Vereinsstruktur von antiken Stadtvereinen sollten aber in den paulinischen Stadtgemeinden die sozialen und ethnischen Gegensätze der römisch- hellenistischen Stadtkulturen versöhnt werden. Das geltende Leitprinzip hierfür lautete in den paulinischen Gemeinden: «Es gilt nicht mehr Jude noch Grieche, Sklave noch Freier, Mann und Frau, denn alle seid ihr eins in Christus Jesus» (Galaterbrief 3,28). Auf diesem Prinzip sollte ein neues Miteinander in den vereinsähnlichen Stadtgemeinden gelebt werden, das die übliche soziale Homogenit.t innerhalb der städtischen Vereine aufhob. Die paulinischen Gemeinden sollten aber missionarisch-offene Gemeinschaften sein, bei der die Gemeindemitglieder weiterhin ihre aussergemeindlichen sozialen Bindungen pflegten. Paulus verzichtete also auf eine komplette Anpassung des Glaubens an die religiösen und philosophischen Gegebenheiten der griechisch-römischen Stadtkultur, vielmehr stiess er Prozesse an, in denen das spätere Christentum in Auseinandersetzung mit den anderen Religionen und Weltanschauungen unterscheidbare Identitätskennzeichen wie beispielsweise eine offene Mahlgemeinschaft entwickelte.

Multireligiöses Umfeld

Die Multireligiosität der antiken Städte des Mittelmeerraumes stellte einen wichtigen Impulsgeber in theologischer Hinsicht dar. Sie forderte die christlichen Gemeinden dazu heraus, sich in Auseinandersetzung mit der Vielfalt an Weltanschauungen und Heilswegen über die Besonderheiten des Christusglaubens zu vergewissern. In der Hafenstadt Ephesus beispielsweise zählte man bei ca. 400.000 Einwohner* innen im 1. Jahrhundert n. Chr. über zehn verschiedene Ethnien mit unterschiedlichen Religionen und Kulten. Verehrt wurden die Göttinnen und Götter des griechisch- römischen Pantheons, aber auch neue Kulte aus dem Osten wurden praktiziert. Zudem liessen sich die römischen Kaiser als Götter verehren. Auch ist in Ephesus seit etwa dem 3. Jahrhundert v. Chr. eine jüdische Gemeinde mit einer Synagoge angesiedelt. Der Alltag der Stadtbewohner*innen war durch die vielen Religionen und Kulte bestimmt und reguliert. Die erste christusgläubige Gemeinde in Ephesus war eine Minderheitenreligion und hatte sich, anders als heute, nicht mit Atheismus oder mit einer immer mehr um sich greifenden religiösen Indifferenz auseinanderzusetzen, sondern musste sich theologisch in der Stadtgesellschaft gegenüber anderen Religionen behaupten. Das Evangelium stand daher zunächst in Konkurrenz zu verschiedenen religiösen und philosophischen Weltanschauungen, die ebenso Antworten auf die Frage nach Heil, Leben und Tod artikulierten.

Theologische Impulse von aussen

Um sich auf diesem Markt der «Heilsangebote» zu behaupten, bedarf es einer schlüssigen Theologie. Dieses Problem wird in Konfrontation mit den östlichen Mysterienreligionen virulent. Bereits seit Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. werden im Mittelmeerraum vermehrt östliche Gottheiten verehrt, die ein Leben nach dem Tode versprechen. Verbreitet waren die Mysterienkulte von Isis und Osiris, des Bacchus oder Mithras. Alle drei Mysterienreligionen haben Ähnlichkeiten mit dem christlichen Auferstehungsbekenntnis. Angesichts dessen hatten sich die christusgläubigen Gemeinden theologisch darüber zu verständigen, worin sich ihr Glaube an die Totenauferstehung von den mysterienreligiösen Glaubensformen unterschied. Das städtische Umfeld, in dem alltägliche Begegnungen mit anderen Kulten und Religionen stattfanden, war also wesentlicher Impulsgeber für die theologische Entwicklung des Christentums, christlicher Theologien und christlicher Identität. Aber ist das heutige Christentum immer noch eine «Städtereligion», das von seinem urbanen Umfeld geprägt und in eine positiv-kritische Auseinandersetzung verwickelt wird, die zur Schärfung seines Selbstverständnisses beiträgt?

Urbanes Christentum heute

Das Verhältnis von Christentum und Stadt hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte frappierend verändert – zumindest in Westeuropa. Heutige Städte sind von Modernisierungsprozessen geprägt, die mit Säkularisierungsprozessen einhergehen. Das bedeutet, dass – anders als in ländlichen Gebieten – die Zahl der Konfessionslosen und religiös Indifferenten kontinuierlich und stark steigt. Beispielsweise wurden in der Stadt Zürich im Jahr 2019 schon 40,9% der Bevölkerung als konfessionslos gezählt. Im Jahr 1970 waren dies gerade einmal 2,1%. Das urbane Christentum scheint hier nicht im Takt mit den Modernisierungsprozessen zu gehen; es erscheint im Kontext einer heutigen Stadt als traditionell. Würden die Stadtkirchen stärker am Puls der Modernisierungsprozesse partizipieren, könnte das urbane Christentum sich stärker mit der Moderne und Postmoderne auseinandersetzen und Impulse von den kulturellen und religiösen Veränderungsprozessen aufnehmen, die sein Selbstverständnis und möglicherweise seine Struktur ähnlich der geschilderten Vorgänge in der Antike ein Stück weit umgestalten.

Entkirchlichte Städte

Diesbezügliche Bemühungen von Stadtkirchen scheinen nicht hinreichend zu sein, wenn man die Mitgliederzahlen betrachtet. Um beim Zürcher Beispiel zu bleiben: Die Zürcher Katholiken können ihre Kirchenmitgliedszahlen seit einigen Jahren nur deshalb relativ kontinuierlich bei ca. 24% halten, weil es immer wieder Zuzügler*innen aus der katholischen Innerschweiz oder aus katholischen Ländern Europas gibt, die die römisch-katholische Kirche über den Mitgliederschwund hinwegretten. Die evangelischreformierte Kirche der Stadt Zürich hingegen kann nicht von diesem Bonus profitieren. Die Zahl der Reformierten lag 2019 in der Zwingli-Stadt gerade noch bei 19,6%. In ländlichen Kantonen mit kleineren Städten sind die Verhältnisse bei den Kirchenmitgliedszahlen dagegen noch umgekehrt. Zum Beispiel wurden im ländlichen Kanton Uri im Jahr 2019 nur 14,7% der Bevölkerung als konfessionslos gemeldet, wohingegen über 80% der Bevölkerung Mitglied einer christlichen Kirche waren. Eine differenzierte Zählung, die zwischen den Dörfern und Städten des besagten Kantons unterscheidet, liegt nicht vor.

Traditionelle Landregionen

Auch wenn die Kirchenmitgliedschaftszahlen wenig über die Religiosität bzw. über die Bedeutung des christlichen Glaubens für die Menschen aussagen, zeigen sie dennoch eine Differenz zwischen Stadt und Land an. Aufgrund der deutlich auseinandergehenden Zahlen könnte man schlussfolgern, dass das Christentum heute, zumindest in der Schweiz, als ein ländliches Phänomen verstanden werden kann. Ländlich wäre dann im Sinne von traditionell zu begreifen. Auf dem Land werden Traditionen kultiviert und teilweise konserviert, zu denen eben auch das Christentum gehört. Typisch für das ländliche Christentum ist die tiefe Verankerung von christlichen Fest- und Feiertagen in der ländlichen Kultur, die mit regional spezifischem Brauchtum Hand in Hand geht. Aus dieser Kombination wird das Landleben hauptsächlich noch reguliert. Katholischerseits ist das zuweilen sogar mit vorkonziliaren Formen von Glauben und Sitte verbunden.

Offene Fragen

Während sich das ländliche Christentum in der Schweiz bislang kaum Sorgen um seine Zukunft machen muss, stellt sich für das städtische Christentum die Frage, wie es sich auf die weltanschaulich plurale Stadtkultur einlassen kann. Wird es, wie das Frühe Christentum, bereit sein, von ihr neue Impulse zu erhalten und sich damit auseinandersetzen, wie es das Evangelium unter heutigen urbanen Bedingungen neu verkünden und leben kann? Könnten nicht die städtischen Nachhaltigkeitsbewegungen ein guter Anknüpfungspunkt für Stadtkirchen sein, um mit postmodernen Milieus in Kontakt zu kommen und gleichzeitig in ethischer Hinsicht ein starkes Zeichen zum Wohl der Stadt und der künftigen Generationen zu setzen?