Ausgabe 2021/3

Mit lesbischen Augen durch Zürich

Seit die Autorin Lesbenspaziergänge durch Zürich führt, sieht sie selbst die Stadt mit anderen Augen. Der Spuren sind viele - doch sichtbar sind sie kaum.
Text: Madeleine Marti / 14.04.2025

Seit wir Lesbenspaziergänge durch Zürich führen, sehe ich die Stadt selbst mit anderen Augen. Die Spuren lesbischer Frauen sind nicht sichtbar, sondern werden von uns recherchiert und durch unsere Erzählungen erfahrbar gemacht, auf Plätzen und bei Häusern, wo lesbische Frauen gewirkt haben. Wir planen die Rundgänge zu dritt und verbinden dafür einen Zeitrahmen und einen thematischen Schwerpunkt, um Lesbengeschichte fassbar zu machen.

Niederdorf, Zürichberg, Seefeld

Beim Thema «Solidarisierung befreundeter Akademikerinnen vor 1900» geht das ganz gut, weil diese in der Innenstadt gewohnt und gearbeitet haben. So logierte die erste Historikerin Meta von Salis während ihres Studiums an der Trittligasse im Niederdorf. In dieser Zeit lernte sie ihre Lebensgefährtin, die Dichterin Hedwig Kym, kennen. Später arbeiteten sie in der Zeitschrift «Die Philanthropin» gemeinsam mit der Ärztin Caroline Farner und deren Lebensgefährtin Anna Pfrunder. Diese hatten an der Rämistr. 26, in der Nähe des Schauspielhauses, Praxis und Wohnung in ihrem gemeinsamen Heim verbunden. Als Protokollantin der «Philanthropin » engagiert war Pauline Bindschädler, welche mit der Ärztin Clara von Willdenow an der Seefeldstr. 21 wohnte, zeitweise zu dritt mit Mentona Moser, der späteren Gründerin der Sozialarbeitsschule. Die Kuppel der Universität, an der einige unserer Protagonistinnen studierten, ist unterwegs auf unserem Spaziergang immer wieder sichtbar. Wir sind stolz, dass die Zürcher Universität ab 1865 Frauen den Zugang erlaubt hat, als erste im deutschsprachigen Raum.

Aussersihl und Industriequartier

Schwieriger war es, für die «Hochblüte der Lesbenkultur in den 1980er/1990er Jahren» einen gangbaren Weg zu finden: Die Treffpunkte in den Kreisen 4 und 5 liegen weiter voneinander entfernt: HAZ-Centro, Frauenzentrum, Radio Lora, Discos von Sihlquai und Kanzleila, Frauenetage. Doch die Zeit ist uns gut vertraut: Es ist die Kultur, welche wir drei selbst erlebt haben – sehr unterschiedlich allerdings, da wir mit den Jahrgängen 1957, 1969 und 1979 Angehörige verschiedener Generationen sind. Hier können wir selbst erlebte Anekdoten einbringen und die Mitspazierenden einladen, sich auszutauschen: Wer war in der Disco oder im Frauenzentrum dabei? Wer war an anderen Orten? Wo trifft Lesbe sich heute? So werden die längeren Strecken mit angeregten Gesprächen plötzlich kurz.

Hörbar machen

Wenn wir mit unseren Gruppen auf den Spuren bewegter Lesben unterwegs sind, haben wir ein Mikrofon mit Lautsprecherwägeli dabei, das mit einer Regenbogenfahne geschmückt ist. Aus dem Lautsprecher ertönt unterwegs auch Musik, so von der Jazzpianistin Irene Schweizer zwischen dem ersten Frauenzentrum beim Bahnhof Enge und dem Frauenbuchladen an der Stockerstrasse. Mit den «Flying Lesbians » aus den 1970er Jahren spazieren wir zum Stadthaus, in welchem als erste Stadträtin Emilie Lieberherr gewirkt hat, deren Lebensgemeinschaft mit Minnie Rutishauser öffentlich nicht thematisiert wurde. Heute politisiert mit Corine Mauch die erste Stadtpräsidentin. Sie lebt offen lesbisch und ist mit Juliana Müller verpartnert. Manchmal gesellen sich spontan TouristInnen zu uns und hören auf dem Platz vor dem Fraumünster die Geschichte der Lesben an den Frauendemos. Bei der letzten Station, beim «Barfüsser», lassen wir unsere Stadtpräsidentin ertönen, welche über die tapferen Lesben vom «Damenclub Amicitia» aus den 1930er Jahren erzählt. Die jungen Paare, welche bei schönem Wetter gerne draussen sitzen, lauschen jeweils gespannt und fragen uns schon mal, wer wir sind. So können wir sie auch auf die dezenten Gedenkschilder für die LGTB-Bewegung aufmerksam machen, welche an der Fassade der Bar angebracht sind und unsere Vorkämpferinnen vom «Damenclub Amicitia» und «Kreis» ehren.

Geschichte erlaufen

Bei unseren Spaziergängen ist mir bewusst geworden, wie sehr sich die Treffpunkte von Lesben im Laufe der Jahrzehnte verschoben haben, von der Innenstadt in die Kreise 4 und 5. Das erste Frauenzentrum vis-à-vis vom Bahnhof Enge lag in einem Gebiet, das heute sehr gentrifiziert ist. Das spätere Frauenzentrum an der Mattengasse war weiter entfernt von See und Stadthaus, ebenso die späteren Standorte des Frauenbuchladens an der Gerechtigkeitsgasse und beim Stauffacher. Wir führen die Lesbenspaziergänge zu dritt: Corinne Rufli, Natalie Raeber und ich. Es macht Spass, unsere verschiedenen Sichtweisen einzubringen und uns gegenseitig zu inspirieren. Zum Abschluss eines Lesbenspaziergangs reservieren wir jeweils im Stüssihof oder im Bistro von Vaso Papathanasiou, um uns in der Gruppe bei Speis und Trank auszutauschen. Auch damit schaffen wir zeitweise lesbische Öffentlichkeit, die von allen sehr geschätzt wird. Öfter nehmen Frauen teil, die neu in Zürich sind und so einen ersten Einblick in das lesbische Leben gewinnen, aber auch Zürcherinnen, die sich über einen neuen Blick auf ihre Stadt freuen.