Ausgabe 2021/3

Nahezu unsichtbar | Die Stadt als unnahbarer und kalter Ort

Ein berührender Erfahrungsbericht von Lilian Senn, die heute Soziale Stadtrundgänge in Basel führt, und dereinst aus einem «geregelten Leben» in Schuld, Armut und Obdachlosigkeit kam. Über die Folgen von Armut in einem reichen Land.
Im Gespräch: Sybille Roter / mit: Lilian Senn / 22.05.2025

Die Stadtführerin Lilian Senn führt auf ihren Touren der Sozialen Stadtrundgänge von Surprise durch Basel. Aus eigener Erfahrung weiss sie, wie kurz der Weg sein kann von einem geregelten Leben mit Familie und gutem Beruf hinein in Armut und Obdachlosigkeit. Als Stadtführerin hat sie eine Mission: Besucher*innen die Folgen von Armut in einem reichen Land aufzuzeigen.

Sybille Roter: Auf deinen verschiedenen Touren erzählst du von deinem Alltag als obdachlose Frau. Nach deiner Scheidung, dem Verlust von Familie, Arbeitsstelle und Wohnung hast du über vier Jahre auf der Gasse in Basel gelebt. Kannst du dich noch an das Gefühl erinnern, als du realisiert hattest, dass du alles verloren und kein Zuhause mehr hast?
Lilian Senn: Als die Polizei meine Wohnung räumte, war mein erster Gedanke: «Wo kann ich am Abend schlafen? Wohin kann ich mich wenden? Was mache ich ab heute Abend mit meinem neuen Leben?» Ich kam mir vollkommen schutzlos und erniedrigt vor. All meine Anstrengungen, nicht auf der Strasse zu landen, waren vergeblich. Die Folge war das Gefühl von Lähmung und Orientierungslosigkeit. Ich war überfordert und konnte lange Zeit keinen klaren Gedanken mehr fassen, um ein Bett zu organisieren oder eine Lösung für meine Situation zu finden. In meinem früheren Leben war ich sehr lösungsorientiert. Aber auf diese pragmatische Haltung konnte ich nicht zurückgreifen, weil ich keine Lebensperspektive mehr hatte. Ohne Arbeit und Wohnung war ich alleine auf mich gestellt. Es ist sehr belastend, jeden Tag ein Bett zum Übernachten zu suchen, vor allem wenn man kein Geld hat. Deshalb hielt ich mich gern am Bahnhof oder Flughafen auf. Dort fiel ich mit meinem Koffer und meinem Rucksack nicht weiter auf. Ich war mitten in der Gesellschaft und doch am Rand – nahezu unsichtbar. Gleichzeitig war ich froh, dass niemand meine Obdachlosigkeit in der Öffentlichkeit bemerkte. Ich versteckte meine prekäre Situation vor allen – und vor mir selbst. Tagsüber war ich von der Hektik der Stadt und der Organisation meines Überlebens abgelenkt. Aber am Abend, wenn sich die Stadt leerte, kam schlagartig die Einsamkeit zurück – auch an den Wochenenden, wenn viele Sozialinstitutionen geschlossen sind.

Wie sah dein Alltag auf der Gasse aus?
Ohne eigenes Zuhause sind viele alltägliche Abläufe nicht mehr möglich: Duschen, Essen, Toilettengang oder Schlafen musste ich planen. Ein warmes Getränk konnte ich nicht mehr zubereiten. Auch das Waschen der Kleider war zeitlich nur begrenzt möglich – auch dafür braucht es Geld. Die Stadt empfand ich als unnahbaren und kalten Ort. Gleichzeitig sind alle Organisationen zur Unterstützung von Armutsbetroffenen und Obdachlosen in der Stadt. Es ist sehr schwierig, 24 Stunden mit sich alleine zu sein. Deshalb bemühte ich mich um eine Tagesstruktur. Alle Institutionen mit ihren Angeboten für Essen, Schlafen oder Administration und Sozialbegleitung haben jeweils begrenzte Öffnungszeiten. Viele Obdach- und Wohnungslose in Basel treffen sich tagsüber mehrmals in verschiedenen Institutionen. Nach der Notschlafstelle geht man in die Gassenküche, anschliessend ins Tageshaus für Obdachlose und in den Jobshop für einen kleinen Verdienst oder in den Verein für Gassenarbeit Schwarzer Peter zum Abholen der Post. Die letzte Institution, die abends vor der Notschlafstelle öffnet, ist die Wärmestube hinter dem Bahnhof. Da ich mir kein Busticket leisten konnte, lief ich täglich einige Kilometer mehrmals quer durch Basel. Ich hatte den Eindruck, dass wir von Ort zu Ort getrieben werden.

Was bedeutete es für dich, täglich für Essen und weitere Hilfsangebote in der ganzen Stadt unterwegs zu sein?
Während des täglichen Kreislaufs hatte ich keine Zeit und Energie mehr, mich um die Lösung meiner Probleme zu kümmern. Wenn man draussen schläft, muss man sich gut organisieren. Alles wird zu einem Problem, besonders das An- und Ausziehen im öffentlichen Raum. Auch deshalb bin ich jeweils mit viel Kleidung in den Schlafsack gekrochen. Aber man kommt nicht zur Ruhe, mit einem Ohr oder Auge bleibt man immer wachsam, aus Angst vor Übergriffen. Ein geschützter Schlafplatz ist sehr wichtig. Weiter muss er in der Nähe von Toiletten sein. Am Morgen konnte ich mich in der öffentlichen Toilette waschen und die Haare kämmen. Für mich war es immer sehr wichtig, gepflegt auszusehen – auch als ich auf der Strasse lebte. Es war eine grosse Erleichterung, wenn ich in der FrauenOase gratis duschen konnte. Diese Institution ist eine der wenigen Angebote nur für Frauen und war ein wichtiger Rückzugsort für mich. Auch im Tageshaus für Obdachlose, in dem mehrheitlich Männer sind, konnte ich duschen. Jedoch gab es dort bis vor Kurzem noch keine separaten Duschen für Frauen. Mir war es jeweils sehr unangenehm, mich dort auszuziehen. Überhaupt gibt es für Obdachlose keine Privatsphäre mehr – nichts ist mehr privat.

In der Stadt gibt es kaum Rückzugsorte – welche Strategien hast du entwickelt, um auch mal zur Ruhe zu kommen?
Sobald ich es in der Stadt nicht mehr ausgehalten habe, bin an den Stadtrand gegangen, um dort zu übernachten. Manchmal habe ich mich auch in eine Kirche zurückgezogen und mich dort nachts eingeschlossen. Oder ich habe mich innerlich zurückgezogen, um nachdenken zu können. Wenn man im öffentlichen Raum in der Stadt schläft, gibt es eigentlich nur eine kurze Zeitspanne von rund zwei Stunden, in der alles ruhig ist. Deshalb war ich ständig müde und erschöpft. Wenn man nicht zur Ruhe kommt, kann man auch nicht die existenziellen Probleme angehen. Als obdachlose Frau war ich den ganzen Tag unterwegs und stand in der Schlange oder auf einer Warteliste für meine existenziellen Bedürfnisse. Ich hatte weder Zeit, Ruhe noch Kraft, meine Unterlagen für die Behörden in den Hilfsorganisationen zu erledigen – die Öffnungszeiten sind für die vielen Betroffenen sehr begrenzt. Es gab kaum Zeit für Gespräche.

Wie wichtig sind Angebote, die nur Frauen unterstützen?
Obdachlose Frauen sind auf der Gasse in der Minderheit und vielen Gefahren ausgesetzt. Zu den alltäglichen Problemen kommt die psychische Belastung. Das Gefühl ausgegrenzt zu werden, ist sehr schwierig auszuhalten. Das Misstrauen gegenüber allen Obdachlosen ist gross. Es gab nur wenige Orte, an denen ich mich willkommen fühlte. Manche Sozialinstitutionen mit einem hohen Männeranteil habe ich zeitweise gemieden. Ich hatte selbst genügend Probleme und wollte mich nicht zusätzlichen Konflikten aussetzen. Deshalb war der Aufenthalt in den wenigen Institutionen, die speziell Frauen in Notsituationen unterstützen, besonders wichtig für mich – dort konnte ich wirklich zur Ruhe kommen und mich mit anderen Frauen austauschen. Eine grosse Hilfe w.re eine Institution, die Frauen 24 Stunden lang eine Rückzugsmöglichkeit bietet.

Du warst zwei Mal jahrelang obdachlos – hast du aus deiner heutigen Sicht eine Erklärung?
Ich war eigentlich nie lange sesshaft. Ich wurde immer wieder abgeschoben und herausgerissen. Nach meiner Geburt war ich ein Jahr im Spital, bevor ich die nächsten Jahre in eine Pflegefamilie kam, um danach wieder zu meiner Mutter mit vier neuen Geschwistern und einem Stiefvater zurückzukehren. Nach der Scheidung meiner Mutter kam ein neuer Stiefvater – auch dieser missbrauchte mich. Meine Bedürfnisse wurden ignoriert, ich habe nur funktioniert. Zur damaligen Zeit gab es keine gesellschaftliche Sensibilität gegenüber Missbrauch und keine entsprechenden Hilfsangebote. Deshalb musste ich immer wieder flüchten, da ich mich nirgends sicher fühlte und nie lernte, meine Probleme zu lösen.

Was bedeutet es für dich, auf den Touren deine persönliche Geschichte über Obdachlosigkeit und Armut zu erzählen?
Die Ausbildung als Stadtführerin für Soziale Stadtrundgänge gab mir eine neue Lebensperspektive und half mir, meine Lebensgeschichte und meine jahrelange Obdachlosigkeit zu akzeptieren. Dieser Weg bedeutete eine neue Wertschätzung für mich und war Balsam für meine Seele. Ich musste erst lernen, wie ich ohne Scham über meinen langen Weg in die Armut erzählen kann. Während meiner Ausbildung verliebte ich mich in den Stadtführer Heiko Schmitz, mit dem ich inzwischen verheiratet bin. Auch er war jahrelang obdachlos, gemeinsam haben wir uns ein neues Leben aufgebaut. Heute bin ich stolz, meine Geschichte zu erzählen, weil ich helfen kann Vorurteile abzubauen. Es gibt viele Reaktionen auf meine Geschichte – vor allem, wenn die Menschen realisieren, dass Armut alle treffen kann. Auch ich hatte eine Familie, ein Haus und gute Jobs. Eindrücklich waren auch die vielen positiven Reaktionen auf die beiden Dokumentarfilme «Im Spiegel» und «Lieben und Leben auf der Gasse», in denen ich über meine Zeit als Obdachlose und mein neues Leben mit Heiko erzähle. Die Zuschauer*innen sind sichtlich berührt über diesen Einblick in unbekannte Welten in ihrer eigenen Stadt. Deshalb engagiere ich mich bei den Touren und erzähle stellvertretend für die Menschen, die ihre Geschichte von Armut und Obdachlosigkeit nicht erzählen können. Es bedeutet mir sehr viel, ein Sprachrohr für alle Betroffenen zu sein. Viele Besucher*innen haben letztes Jahr selbst eine existenzielle Krise durch die Corona-Pandemie erlebt – das verbindet und ist die beste Sensibilisierung für Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben.