Ausgabe 2021/3

Editorial | Stadt

Moni Egger malt sich ihre Wunschstadt aus. Und findet in Christine de Pizan, die im 14. Jahrhundert lebte, eine Schwester.

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Text: Moni Egger / 19.05.2025

Viel Grün und Nischen und offene Plätze. Lange Flanierzonen auf gewundenen Pfaden, breite Velowege. Luftighohe Häuser mit verspielter Struktur, von den Dachgärten aus starten Bienen ihre Runden. In jedem der Häuser gibt es ein Stockwerk für begleitetes Wohnen im Alter oder in schwierigen Zeiten. Rund um die alte Kirche wurde ein Park angelegt. In allerlei Ateliers und Ladenlokalen, in Werkstätten, Schulen, Kinderkrippen, in Apotheken und Praxen, in Beizen und Theatern, in Bibliothek und Schreinerei wird fleissig gearbeitet. … So male ich mir meine Wunschstadt als Lebens-, Arbeits- und Begegnungsraum aus. Sie vereint Freiheit und Eingebundensein, bietet Raum für Rückzug und für Nähe. Sie ist bunt und vielfältig und ganz nah am Leben.

In ihrem «Buch über die Stadt der Frauen» baut Christine de Pizan (1356 –1430) ihren Wunschraum nach dem Vorbild einer mittelalterlichen Stadt. Drei Frauenfiguren verkörpern drei Tugenden, die sie beim Stadtbau leiten: Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit. Die Vernunft bildet das Fundament: ein fester Boden und rundherum dicke hohe Mauern, damit die Frauen der Stadt in Sicherheit leben. Auf dem Boden der Vernunft und innerhalb der sicheren Mauern werden Häuser errichtet. Dabei ist die Rechtschaffenheit das Lot, an dem die Gebäude gemessen werden: Gotteshäuser und Paläste, Häuser, Gebäude, Strassen und Plätze. Gedeckt werden die Gebäude mit Ziegeln der Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit ist es auch, wonach die Bewohnerinnen der Stadt ausgesucht werden. Christine de Pizan gibt ihnen unzählige Frauen aus Bibel und Geschichte als Vorbilder zur Seite. Mit ihrer Frauenstadt stellt sich Christine de Pizan selbstbewusst gegen die frauenfeindlichen Vorurteile ihrer Zeit. Sie erschafft damit gleichzeitig einen imaginären Raum der Gleichberechtigung, in dem sich auch Frauen in späteren Jahrhunderten bergen.

Die FAMA nimmt Sie mit auf Stadtspaziergänge, begleitet von alten Stichen zu Christine de Pizans Buch.