Wenn Sabina Prommersberger von der Genossenschaft FrauenWohnen erzählt, sind nicht nur ihre Begeisterung und ihr Münchnerisch deutlich herauszuhören. Aufhorchen lässt auch die Art und Weise, wie sie den Namen der Genossenschaft ausspricht: Ihre Betonung legt sie auf die zweite Hälfte des Wortes, also «FrauenWohnen». Dadurch rückt das «Wohnen» in den Vordergrund, ohne jedoch die «Frauen» zu verdecken. Schliesslich hat sich die Genossenschaft bezahlbaren und unkündbaren Wohnraum für Frauen auf die Fahne geschrieben, und zwar in der bairischen Millionenstadt München. Warum ist das eigentlich nötig?
Selbstbestimmtes Wohnen
«Auch das Wohnen ist von patriarchalen Machtstrukturen durchdrungen. Häufig verfügen Männer über mehr Eigentum, sind Erben (auch von Immobilien) oder Hauptmieter. So gibt es beim Wohnen viele unsichtbare Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Frauen und Männern. Das kann für Frauen fatale Folgen haben, die vielleicht erst bei einer Scheidung sichtbar werden. Bei uns wohnt zum Beispiel eine Frau, deren Mann es in der Trennungsphase durch eine kurzfristige Mietkündigung darauf anlegte, sie in die Obdachlosigkeit zu treiben, damit ihm das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter zugesprochen wird. Mit ihrer Teilzeitstelle hätte sie keine Chance auf dem Münchner Wohnungsmarkt gehabt. Eine Wohnung bei ‹FrauenWohnen› gab ihr nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern ein völlig anderes Umfeld. Vieles wird gemeinsam entschieden, und die Verträge können nur von Frauen unterschrieben werden.»
Wohnen selbstbestimmt zu gestalten und auch im übertragenen Sinn eigene Lebensräume zu kreieren, geh.rt wesentlich zur Idee der Genossenschaft, die 1998 gegründet wurde. Sabina Prommersberger stiess Anfang 2000 dazu und ist seit 2005 auch Vorstandsfrau. Schon in ihrem Architekturstudium beschäftigte sie sich mit ökologischem, barrierefreiem und gemeinschaftlichem Bauen. Ihre Expertise kam der Genossenschaft ab dem ersten Bauprojekt zugute.
Vom Kinderwagen bis zum Rollator
«Kurz nachdem ich bei ‹FrauenWohnen› angefangen hatte, ging es schon los, denn wir erhielten überraschend ein Baugrundstück im Münchner Stadtteil Riem. Die Entwicklung und Umsetzung des Bauvorhabens war eine intensive Zeit! Schon bei der Suche nach dem geeigneten Architekturbüro haben wir uns besonders viel Mühe gegeben. Aus 12 Bewerbungen machte schliesslich ein renommiertes Frauenbüro das Rennen. Unsere Vorgabe, das Ganze als Partizipationsprozess zu gestalten, bedeutete für mich einen grossen Aufwand. Immer wieder habe ich die Ideen der Frauen gebündelt und dem Büro vermittelt oder umgekehrt erläutert, auf was baulich unbedingt zu achten sei. Barrierefreiheit in einem umfassenden Sinn war von Anfang an wichtig für uns. Vom Kinderwagen bis zum Rollator, barrierefreies Bauen erhöht die Bewegungsfreiheit von Frauen. Rückblickend bin ich wirklich stolz, wenn ich sehe, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Es ist einfach sehr gute Architektur entstanden, die zu Recht viele Preise und Auszeichnungen gewonnen hat. Und zudem hat sich das genossenschaftliche, gemeinschaftliche Wohnen während der Coronakrise bewährt.»
Dass die Frauen Wohnhäuser mit Laubengängen und Innenhöfen planten, so dass sie nicht von der Strasse aus beäugt werden können, wurde wiederum sowohl von der zuständigen Baukommission als auch von der Presse kritisch beäugt. Da fielen schnell mal Begriffe wie «Frauenhaus» oder «Frauenkloster». Die Vorstellung schien befremdlich, dass Frauen einfach so miteinander bauen und wohnen wollen. Mittlerweile hat die Genossenschaft drei Anlagen in verschiedenen Stadtteilen realisiert.
Männliche Mitbewohner
«Die erste Wohnanlage in München Riem ist sehr homogen bewohnt. Dies liegt auch daran, dass hier die Initiatorinnen und Gründerinnen von ‹FrauenWohnen› eingezogen sind, die genau diese Wohnform gesucht und mitgeplant haben. Es gibt eher kleine Wohnungen, häufig für Alleinlebende oder alleinerziehende Mütter. Grosse Familienwohnungen hat es hier gar nicht. Zwar gibt es unter den Kindern selbstverständlich auch Söhne, aber es sind keine erwachsenen Männer mit eingezogen. In einer Nachbarschaft aus Frauen und Kindern entsteht eine ganz eigene Atmosphäre. Auch in der zweiten Anlage im Münchner Westend wohnen nur Frauen. Um einiges diverser ist die dritte Anlage, die in Kooperation mit einer anderen Wohngenossenschaft in Schwabing realisiert worden ist. Hier wohnen auch Familien und ein Haufen Kinder. In den von uns verwalteten Wohneinheiten haben wir ein grosses Kontingent Alleinerziehender. Einige Frauen haben aber auch ihre Männer mitgebracht. Zuweilen ist es für einen Mann nicht ganz so einfach, nur Mitbewohner zu sein und keinen Vertrag unterschreiben zu dürfen. Wenn die Frau kündigt und umziehen möchte, muss er auch raus. Nur im Todesfall kann er als Hinterbliebener wohnen bleiben. Aber zu richtigem Erbgut werden die Wohnungen nie, sie können nicht an Nachkommen weitergegeben werden, sondern fallen letztlich an die Genossenschaft zurück.»
So jung das Projekt klingt, die erste Generation Bewohnerinnen ist in die Jahre gekommen. Aus ihrem Kreis kam die Frage auf, wo sie einmal begraben werden wollen. Und so verfügt FrauenWohnen seit einiger Zeit über ein eigenes Gräberfeld auf dem Münchner Friedhof Riem. Eine Besonderheit in der deutschen Friedhofslandschaft, die dem besonderen Wohnprojekt entspricht.
Schiefe Kiefer
«Das Gräberfeld ‹Schiefe Kiefer› ist wirklich etwas Einmaliges. Die Idee dahinter ist, dass das gemeinschaftliche Wohnen, das unsere Anlagen auszeichnet, mit dem Lebensende nicht einfach abgeschnitten wird. Es ist eine schöne Vorstellung, ‹bis in alle Ewigkeit› Gemeinschaft zu haben. Ich muss zugeben, dass das nun tatsächlich ein wenig an einen Klosterfriedhof erinnert. Engagierte Christinnen, die bei uns leben, haben auch schon Beisetzungen gestaltet. Ich habe beobachtet, wie gut das manchen tut, dass auch der letzte Weg von denen begleitet wird, mit denen jemand einen grossen Teil ihres Lebens verbracht hat. Fünf Bewohnerinnen sind schon auf der ‹Schiefen Kiefer› begraben.»
FrauenWohnen ist eine begehrte Genossenschaft, wer einmal dort wohnt, zieht selten wieder aus. Die Warteliste musste l.ngst geschlossen werden, weil kaum Wohnungen frei werden. Warum nicht einfach noch weitere Anlagen bauen, wenn die Nachfrage so enorm ist?
«Im Moment planen wir keine neuen Bauvorhaben. Die Grundstückpreise in München steigen stetig. Das eigentliche Problem aber sind die Baukosten, die regelrecht explodieren und unplanbar geworden sind. Um das zu erhalten, was wir erreicht haben, gehen wir kein Risiko ein. Wir wollen nicht die Mieten erhöhen müssen, um Unvorhergesehenes bei einem Bau zu stemmen. Vielmehr fühlen wir uns unseren Bewohnerinnen verpflichtet und können nicht einfach mit ihrem Kapital spekulieren.»
Raus aufs Land?
Um der Kostenspirale einer Grossstadt zu entgehen, zieht es viele Menschen hinaus aufs Land. Auch FrauenWohnen hat Grundstücke im Umland sondiert, ist jedoch zu dem Schluss gekommen, dass auf dem Land manche Faktoren fehlen, die gerade für Frauen wichtig sind.
«Frauen wollen mobil sein, daher ist die Anbindung an den öffentlichen Verkehr immer wieder ein wichtiges Thema. Wenn die nächste Bushaltestelle einen Kilometer von der Wohnung entfernt liegt, kann dies als sehr einschränkend erlebt werden. Auch die Infrastruktur für die Vereinbarung von Kindern und Berufstätigkeit spielt eine Rolle. Für ältere Frauen stellt sich wiederum die Frage nach einer gut erreichbaren medizinischen Versorgung. All dies bietet eine Stadt eher als eine ländliche Region. Dagegen ist Sicherheit kein Stadt- Land-Thema, zumal München kein städtisches Sicherheitsproblem hat. Allerdings spielt Sicherheit bei unseren Wohnanlagen schon eine wichtige Rolle, dies betrifft aber mehr das subjektive Sicherheitsempfinden. Es sind so einfache Dinge wie gut beleuchtete Wege, Parkplätze oder Fahrradunterstände, keine dunklen Ecken oder unübersichtliche Hauseingänge, selbstöffnende Türen. So etwas haben wir planerisch ganz bewusst im Blick.»
Beim Zuhören entsteht der Eindruck, dass mit FrauenWohnen ein Stück Utopie zur städtischen Wirklichkeit wurde. Aber natürlich bedeutet dies immer wieder viel Auseinandersetzung und Mitwirkung im Lebensalltag.
«Es ist schon toll, dass alle Grünflächen und Gärten in den Anlagen von Bewohnerinnen gepflegt werden. Aber das Zusammenleben braucht auch viel Organisation, zweimal pro Monat können in Treffen Anliegen eingebracht und Probleme gelöst werden. Allerdings sind wir nicht irgendein Verein, wo etwas auch einfach mal von heute auf morgen entschieden wird. Wir wohnen ja zusammen und können nicht einfach austreten, wenn uns etwas nicht mehr passt. Daher ist es wichtig, Entscheidungen gemeinsam zu tragen. Denn nur so bleiben wir unserem Ziel treu, nämlich dass Frauen einfach so wohnen können, wie sie möchten.»