Ausgabe 2021/3

Begegnungen trotz Ungleichheit | Verflochtene Lebenswelten in Maputo und Johannesburg

Maputo, Hauptstadt von Mosambik und Johannesburg, die grösste Stadt in Südafrika: Barbara Heer teilt Erkenntnisse ihrer ethnografischen Forschung, wie die Stadt die Menschen prägt. Dicht an dicht wohnen sie, und gehören doch unterschiedlichen Milieus an.
Text: Barbara Heer / 21.05.2025

Wie prägt die Stadt das Leben von Menschen, die unterschiedlichsten Milieus angehören, aber unfreiwillig dicht an dicht wohnen? Wo zeigen sich Verstrickungen, Verflechtungen und Berührungspunkte unterschiedlicher Schichten und (ehemals) getrennter Quartiere? Welche Rolle spielen dabei Geschlecht und Religion? In meiner ethnographischen Forschung (2010–2015) untersuchte ich, wie das Erbe von Kolonialismus und Apartheid sowie neue räumliche Dynamiken des Neoliberalismus das Zusammenleben von Arm und Reich, Schwarz und weiss in zwei Städten des südlichen Afrikas prägen.

Getrennte Lebensräume

Mosambik ist 1975 von Portugal unabhängig geworden und erlebte bis 1994 ein sozialistisches Regime. 1994 war auch das Jahr, in dem im benachbarten Südafrika die ersten demokratischen Wahlen stattfanden, die das definitive Ende des rassistischen Apartheidsregimes markierten. Trotz dem Ende des Kolonialismus und dem Wachstum neuer Schwarzer Mittelschichten gibt es in Städten des südlichen Afrikas wie Maputo in Mosambik und Johannesburg in Südafrika neue Formen von Segregation, die auf ökonomischer Ungleichheit beruhen. In der Forschung werden (post)koloniale Städte in diesen Ländern häufig als «divided cities» portraitiert, also als Städte, in denen Arm und Reich, Schwarz und weiss in abgetrennten Lebenswelten leben. Finden in diesen Städten trotzdem Begegnungen statt, und wenn ja, in was für städtischen Räumen?

Begegnungsräume

Ich erforschte diese Frage anhand von Feldforschung in vier Quartieren: im ehemals weissen Vorort Linbro Park und dem benachbarten Township Alexandra in Johannesburg sowie im neuen Elitequartier Sommerschield Two und dem angrenzenden Armenviertel Polana Caniço in Maputo. Ich führte stundenlange Interviews mit Quartierbewohnenden, Aktivist*innen und Expert*innen. Ich verbrachte viel Zeit mit den Menschen in den Quartieren, nahm am Alltag teil und beobachtete ihre Nutzung von städtischen Räumen. Es interessierte mich, wo es in ihrem Alltag und in der Stadtpolitik Berührungspunkte mit dem benachbarten Quartier gab. Ziemlich rasch stellte sich heraus, dass es diese durchaus gibt. Shopping Malls, Kirchen resp. Moscheen, Nachbarschaftspolitiken und die privaten Häuser der Eliten sind Orte, in denen Begegnungen stattfinden, wodurch die separaten Lebenswelten miteinander verwoben werden.

Begegnungen bei der Hausarbeit

Haushalte in Städten, die von grosser Ungleichheit geprägt sind, delegieren die unbezahlte Care-Arbeit häufig an Menschen der unteren Einkommensschichten. Auch in kolonialen Städten war die Hausarbeit deswegen der wichtigste soziale Ort, in dem Schwarze und weisse Frauen sich begegneten. In postkolonialen Städten ist die bezahlte Care-Arbeit häufig ein zwar wenig prestigeträchtiger, aber immerhin einigermassen stabiler Arbeitsmarkt insbesondere für Frauen, die keine Stelle im formellen Sektor finden. In diesen alltäglichen, intimen Begegnungen zwischen einkommensschwachen und bessergestellten Frauen entstehen bestimmte Sichtweisen und Interaktionsmuster, welche auch in anderen städtischen Räumen wieder relevant werden. Weil diese Begegnungsformen in privaten Räumen und vorwiegend (aber nicht nur) zwischen Frauen stattfinden, wird die städtische Bedeutung dieser Begegnungen von der Stadtforschung tendenziell unterschätzt. Vielmehr werden Interaktionen zwischen (männlich konnotierten) Fremden im öffentlichen Raum als bedeutsam für städtische Lebensformen gesehen. Die Sphäre der Hausarbeit prägt allerdings Urbanität in Maputo und Johannesburg nachhaltig. Die Beziehungen zwischen Hausangestellten aus dem Township Alexandra und den Vorortsbewohnenden in Linbro Park sind hierarchisch und paternalistisch geprägt. Die Löhne sind tief, die Abhängigkeit der Hausangestellten von diesem Einkommen aber sehr hoch, so dass viele ihren Ärger über ihre Arbeitgebenden kaum direkt artikulieren, sondern sich gegenüber den Vorortsbewohnenden unterwürfig zeigen. Um ihrem Ärger Luft zu machen, klagen viele Hausangestellte abends zurück im Township über die privilegierten Menschen im Vorort. Zum Paternalismus gehören bei langjährigen Anstellungsverhältnissen aber auch gegenseitige Zuneigung und Sorge. Vorortsbewohnende hören den Sorgen ihrer Hausangestellten zu, geben punktuell Geschenke, für die sie Dankbarkeit erwarten. Die Privilegierten erschaffen sich durch Geschenke ein Selbstbild einer gütigen Arbeitgeberin, ohne effektiv gute Arbeitsbedingungen zu gewähren.

Almosen

Ähnlich und doch anders verhält es sich mit Begegnungen in religiösen Räumen. Religiöse Praktiken und Räume beeinflussen die Art und Weise, wie Stadtbewohner*innen die Stadt nutzen und erleben. Religion und Spiritualität sind denn auch wichtige, von der Stadtforschung aber häufig vernachlässigte Aspekte der Urbanität. Religiöse Räume – Moscheen, Kirchen – nehmen in von Ungleichheit geprägten Gesellschaften eine wichtige Rolle ein, denn auch hier entstehen Formen der Sozialität über Klassengrenzen und ethnische Grenzen hinweg. In Maputo und in Johannesburg stellt religiös eingebettete Wohltätigkeit eine wichtige Form der Verflechtung dar. Wohlhabende Muslime in Maputo finanzieren die Feierlichkeiten an iftar (abendliches Fastenbrechen) für armutsbetroffene Mitglieder ihrer Gemeinschaft während des Ramadan oder stiften sogar den haji, die Pilgerfahrt nach Mekka. Nach dem Freitagsgebet finden sich jeweils armutsbetroffene Ärmere Menschen zum Betteln vor den Moscheen in der Innenstadt Maputos ein, denn solche Spenden (sadaqah) werden als islamische Tugend gesehen. Für das Gefühl von Zusammengehörigkeit in der muslimischen ummah (Gemeinschaft), die in Mosambik auch von ethnischen und konfessionellen Gräben gekennzeichnet ist, ist das Geben und Empfangen von Almosen konstitutiv.

Kirchenkaffee

Noch heute sind alltägliche Interaktionen von Erinnerungen an die Rassentrennung der Kolonialzeit und der Apartheid geprägt. Koloniale Muster und ungleiche Ressourcenverteilung werden gerade in Momenten der Konkurrenz und des Konflikts relevant. In einer charismatischen Kirche an der Grenze zwischen dem wohlhabenden Vorort Linbro Park und dem Township Alexandra gibt es nach dem Gottesdienst jeweils Kaffeeangebote, mit dem Ziel, dass die Kirchenbesuchenden, die zu einer Minderheit aus dem Township stammen, miteinander interagieren. Auf der Terrasse wird jeweils Gratis-Filterkaffee zur Verfügung gestellt, im Kirchenraum drinnen gibt es eine Kaffee-Ecke mit kostenpflichtigem Latte Macchiato. Die Besuchenden trinken ihren Kaffee nach dem Gottesdienst in scheinbar nach Hautfarbe getrennten Gruppen – die wohlhabenden meist weissen Vorortsbewohnenden konsumieren Latte Macchiato drin und die armutsbetroffenen Schwarzen Township-Bewohnenden trinken draussen Filterkaffee. Die grossmehrheitlich aus weissen Mittelschichtsangehörigen bestehende Kirchenleitung ist sich zwar bewusst, dass es diese Art von Segregation im Kirchenkaffee gibt, erklärt sich diese aber durch mangelndes Interesse der Gruppen aufeinander zuzugehen, und ist sich der zugrunde liegenden Klassenunterschiede zu wenig bewusst. Angehörige aus den Townships hingegen interpretieren die Situation als Ausdruck von Rassismus, und manche haben sich deshalb von der Kirche abgewandt.

Verbundenheit führt zu Verantwortung

Kolonialismus und Apartheid zwangen Stadtbewohnende und die Wissenschaft, Städte wie Johannesburg und Maputo in abstrakten und vereinfachenden Differenzkategorien wie Schwarz und weiss, Europ.er*innen und Einheimische, Vorort und Township zu denken. Solche Binaritäten, die mit staatlicher Macht durchgesetzt und durch die koloniale Gesetzgebung in den Raum eingeschrieben wurden, sind heute weiterhin wirkmächtig. Der Neoliberalismus verstärkt dies auf neue Weise. In Maputo und Johannesburg befinden sich viele wohlhabende Quartiere in einem Prozess der Enklavisierung: Die Wohlhabenden drängen darauf, Strassen zu privatisieren und Zugangsbeschränkungen zum Quartier einzurichten, mit dem Argument des Schutzes vor Kriminalität. In vielen Gesellschaften mit kolonialer Vergangenheit werden solche neue Mauern von einflussreichen Gruppen errichtet, um sich zu schützen und weniger mächtige Gruppen auszuschliessen.

Trotz trennender Mauern sind die Lebenswelten in Johannesburg und Maputo jedoch miteinander verwoben. Es besteht eine Vielzahl gegenseitiger Abhängigkeiten sowie städtische Räume wie Kirchen oder Malls, die nebeneinander genutzt werden. Städtisches Leben entsteht in den Beziehungen zwischen Hausangestellten und Arbeitgebenden, in religiösen Räumen und in Shopping Malls. Dass solche Verflechtungen häufig unsichtbar bleiben und unsichtbar gemacht werden, hat nicht zuletzt mit Macht und Ideologie zu tun. Mächtige Akteure wie städtische Eliten können sich nämlich weigern, Verflechtungen zu sehen und anzuerkennen. Denn der Anerkennung der Verbundenheit folgt gegenseitige Verantwortung. Die Anerkennung der gegenseitigen Verwobenheit und daraus resultierend die Anerkennung von Verantwortung füreinander ist die nötige Grundlage für Stadtforschung und für politisches Handeln, welches dazu beitragen möchte, Ungleichheiten abzubauen, anstatt diese zu zementieren oder gar zu verschärfen.