Während ich das Buch «Feminist City. Wie Frauen die Stadt erleben» von Leslie Kern übersetzte, fiel mir auf, wie viele Aspekte davon ich in meinem Alltagsleben in Düsseldorf wiedererkannte. Kern spricht zwar über ihre Erfahrungen in der kanadischen Metropole Toronto, aber ihre Beispiele lassen sich auch auf deutsche Städte übertragen. Auch hierzulande ist die Stadtarchitektur noch lange nicht so günstig, wie ich mir das wünschen würde. Aber was ist überhaupt günstig oder ungünstig?
Zu wenig Hände beim Aussteigen
Zum Beispiel geht es in einem Kapitel bei Leslie Kern um Mutterschaft und die Schwierigkeiten, die sie mit sich bringt. Auch wenn ich selbst keine Kinder habe, durfte ich auch als Tante leider die Erfahrung machen, wie gefährlich es sein kann, aus der Strassenbahn zu steigen, wenn ein Kinderwagen runtergehoben werden muss, während man noch ein zweites Kind an der Hand hält. Vor allem hält die Strassenbahn an manchen Haltestellen mitten auf der Strasse, was an sich ja schon gefährlich ist, erst recht mit Kindern und Kinderwagen. Ich beziehe mich hier insbesondere auf die Erfahrungen von Frauen und Müttern, aber natürlich sind davon auch Menschen betroffen, die nur eingeschränkt mobil sind und sich mit Rollstuhl, Gehstock oder Rollator fortbewegen.
Zu wenig stille Örtchen
Ein weiteres Thema: öffentliche Toiletten, beziehungsweise der Mangel an diesen sowie schlecht ausgestattete Toiletten in der Öffentlichkeit. Frauen brauchen einen geschlossenen Raum nicht nur, um auf die Toilette zu gehen. Sie brauchen ihn auch für anderes, z. B. wenn sie ihre Periode haben oder zum Wickeln ihres Babys. Solche Bedürfnisse spielen in der Stadtarchitektur keine Rolle, was Leslie Kern damit begründet, dass man ungern über solche Tabuthemen spricht. Die Mehrzahl der Menschen, die Städte planen, sind Männer. So wird die Notwendigkeit von genügend guten öffentlichen Toiletten schlicht übersehen.
Wir müssen also dafür sorgen, dass mehr Frauen in dem Bereich tätig sind und dass die Bedürfnisse von Frauen kommuniziert werden. Nicht nur sollte es insgesamt mehr Toiletten in der Öffentlichkeit geben. Diese müssten auch frei und wenn immer möglich kostenlos zugänglich sein sowie Frauen die Möglichkeit geben, bei Bedarf Hygieneprodukte zu bekommen, anzuwenden und zu entsorgen. Auch Kleinigkeiten, wie etwa Haken zum Aufhängen von Jacken und Taschen, erleichtern die Toilettennutzung.
Zu viele Kommentare
Wo ich mich komplett wiederfinden konnte, war das Kapitel, in dem Leslie Kern über die Stadt der Einzelnen schreibt und Baudelaires Ausführungen über das Flanieren aufgreift: «Für Frauen ist das Flanieren jedoch nervenaufreibend. Um es geniessen zu können, allein zu sein, muss der persönliche Raum akzeptiert werden, ein Privileg, das Frauen selten zugestanden worden ist. Der idealisierte Flaneur schlüpft, so wie es ihm gerade passt, in die städtische Masse hinein und wieder aus ihr heraus, ist eins mit der Stadt, aber dennoch auch anonym und autonym». Dabei höre er vielleicht Musik auf seinen Kopfhörern, was Frauen auch gerne tun, ihnen aber nicht immer so vergönnt ist. Frauen hören aus zwei Gründen Musik in der Öffentlichkeit: Weil sie einfach nur Freude daran haben und gern Musik hören. Oder weil sie nicht von Fremden angesprochen werden wollen, also zur Abschottung. Diese Abschottung ist leider nicht immer wirksam. Ich wurde schon oft in meinem Leben angequatscht, egal, ob mit oder ohne Kopfhörer. Eigentlich wäre das Ansprechen an sich gar nicht so ein Problem. Aber die Art und Weise: Zurufe, Pfiffe, … und wenn ich nicht reagiere, kommt auch mal ein «Schlampe!» hinterher. Hört mal Männer: Manchmal will ich einfach meine Ruhe haben, Musik hören, nicht kommunizieren und auch nicht angequatscht werden! Besonders unangenehm ist, dass solches Anquatschen meist von Männergruppen ausgeht.
Zu viele Augen
Und vor allem: Warum kann eine Frau nicht einfach mal Sport treiben, eine Runde laufen, ohne das Gefühl zu haben, dass ihr fremde Blicke auf überaus unangenehme Weise folgen? Oft genug begleitet von Pfeifen oder bl.den Kommentaren? Wir sollten den Spiess mal umdrehen. Vielleicht würde die Männerwelt dann merken, was wir Frauen meinen, wenn wir uns belästigt fühlen. Letztens beim Laufen hatte ich sogar das Gefühl, dass ein Mann sein Handy auf meinen Hintern richtete, nachdem ich mich umgedreht hatte. Ich kann auch gut nachvollziehen, wenn Frauen im Winter Angst haben, alleine laufen zu gehen, weil es da bereits früh dunkel wird. Ich selbst hatte auch schon öfter ein mulmiges Gefühl dabei, an Männern vorbeizulaufen, vor allem, wenn es sich um eine ganze Gruppe handelte.
In einem anderen Beispiel schreibt Leslie Kern darüber, wie seltsam es ist, als Frau alleine essen zu gehen. Auch das kommt mir sehr bekannt vor. Wie oft werde ich angesprochen, wenn ich alleine irgendwo sitze. Darum fühle ich mich persönlich meistens nicht besonders wohl, wenn ich alleine essen gehe oder mich einfach nur in ein Cafe setze. Ich habe das Gefühl, ich müsste immer etwas tun, lesen oder am Handy herumspielen, um nicht komisch angeschaut zu werden. Wobei ich jetzt nicht ausschliessen würde, dass es auch Männer gibt, die sich unwohl fühlen, wenn sie alleine essen gehen. Doch der Unterschied ist, dass Frauen Männer dann nicht ansprechen oder Kommentare abgeben wie «Bist du ganz alleine hier?»
Nein heisst Nein
Wenn es um das Ansprechen durch Männer und negative Reaktionen von Frauen geht, könnte man zudem meinen, dass ein Nein nicht wirklich ernst genommen wird. Laut Leslie Kern liegt dies an alten patriarchalen Denkmustern, die dazu führen, dass Männer ein einfaches «Nein, kein Interesse» nicht akzeptieren oder respektieren. Wie oft braucht es eine Ausrede oder Begründung, um sie abzuwimmeln! Die meisten Frauen, die ich kenne, greifen auf Notlügen zurück, wenn sie von einem Mann angesprochen werden. Anstatt einfach nur zu sagen «Ich habe kein Interesse», sagen sie, dass sie einen Freund haben. Sie haben nämlich schon häufiger die Erfahrung machen müssen, dass Desinteresse für Männer nicht Grund genug ist, um lockerzulassen. So als würden Frauen immer Interesse haben, es sei denn sie seien vergeben. Ich habe mir angewöhnt, aus Trotz genau das Gegenteil zu machen. Ich sage immer «Nein, ich habe keinen Freund. Ich habe einfach kein Interesse an dir». Auch wenn ich dann mehr diskutieren muss, das nehme ich in Kauf. Irgendwann müssen sie es ja lernen, oder?
Angst vor dem öffentlichen Raum
Leslie Kern macht für solche Respektlosigkeit gegenüber Frauen unter anderem die Sozialisation und die Erziehung verantwortlich. Auch die Angst vieler Frauen, sich frei in der Öffentlichkeit zu bewegen, führt sie darauf zurück. Mädchen wird beigebracht, dass sie in der Öffentlichkeit vorsichtig sein müssen, dass sie nachts nicht alleine raus dürfen, weil es gefährlich sei. So werden die einseitigen Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen aufrechterhalten, und so wird Frauen ihre Unabhängigkeit und Freiheit abgesprochen.
Dabei beweisen Studien, dass viel mehr Frauen im privaten Bereich Opfer von Gewalt, Belästigungen und sexuellen Übergriffen werden, als es im öffentlichen Raum der Fall ist. Doch Nachrichten berichten eher über Straftaten im öffentlichen Raum als über jene in den eigenen vier Wänden, und es gibt viele Filme, die diese Themen aufgreifen. Demgegenüber werden Straftaten im Privaten oft nicht angezeigt bzw. gemeldet und damit nicht erfasst, so als sollten sie eben Privatsache bleiben. Unser Denken müsste sich ändern. Frauen müssten aufhören, Angst vor jedem Mann zu haben und zu glauben, dass an jeder Ecke etwas passieren könnte. Männer müssten aufhören, Frauen nur als Sexobjekte zu behandeln. Sie müssen sie ernst nehmen, ihr Nein respektieren und sich nicht aufdrängen. Die Gesellschaft müsste die ganzen beängstigenden Geschichten über den bösen Mann umwandeln. Nicht alle Männer sind gefährlich. Es sollte kein Geschlechterkampf herrschen, sondern Geschlechterzusammenhalt gelebt werden.
Eine Stadt für alle
Die Städte sind ja nicht mit Absicht so konstruiert, dass sie Frauen diskriminieren. Männer können nur von ihrem eigenen Standpunkt aus planen und Frauen von ihrem. Wenn es aber keine Frauen in der Stadtentwicklung gibt, können ihre Ideen und Bedürfnisse sich nicht in den Städten widerspiegeln. Frauen und Männer sollten also mehr miteinander über ihre Bedürfnisse kommunizieren, sodass sich alle Geschlechter in der Stadt frei und gleichberechtigt bewegen können, ohne Angst zu haben. Es ist vielleicht einfacher gesagt als getan, aber irgendwo müssen wir ja anfangen, damit sich alle Menschen in der Stadt wohlfühlen. Für eine gemeinsame, schöne, offene, sichere, hindernislose Stadt für alle.