Am 26. März 2021 hat die Offene Kirche Elisabethen in Basel (OKE) auf Facebook ein Foto der neuen Regenbogen-Blache über dem Eingang gepostet: «Gott ist (jede) Liebe», 1 Johannesbrief 4,16, nachdem die Glaubenskongregation am 15. März 2021 die Absage an die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare bekräftigt hatte. Die Aktion mit der Blache über dem Eingang hat eine riesige Sympathiewelle für die OKE ausgelöst. Schon seit ihrer Gründung wurden in der OKE die Gottesdienste der sog. Lesbisch-Schwulen Basiskirche gefeiert, neu als Regenbogenfeiern. Sie ist seit 1994 ein Ort der Gastfreundschaft und der Begegnung. Über hunderttausend Menschen besuchen jedes Jahr die CityKirche im Herzen Basels, um eine Kerze anzuzünden, sich einen Moment Stille zu gönnen, um am Samstagabend zu tanzen, das Baby in der Stillecke zu stillen oder zu wickeln, ein Konzert oder einen Vortrag zu hören, zu meditieren, für einen Franken einen Sack Lebensmittel von Tischlein deck dich zu holen, einen der zahlreichen Gottesdienste zu feiern, sich von einer Heilerin die Hände auflegen zu lassen oder eine Ausstellung zu sehen. Vorher oder nachher trinken sie im verpachteten Kirchen-Café einen Cappuccino oder ein Glas Wein. Geleitet wird die CityKirche von einem ökumenischen Zweierteam, dem reformierten Theologen Frank Lorenz und mir.
Ein Blick zurück
Die 1865 fertig gestellte neugotische Kirche, die vom Grossgrundbesitzer- und Mäzenenpaar Christoph Merian und Margarethe Merian-Burckhardt der Stadt Basel gestiftet wurde, entbehrte ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts auf Grund von städtebaulichen Massnahmen und Mitgliederschwund je länger je mehr einer gemeindlichen Nutzung. Die einstigen Mitlieder der Kirchgemeinde der Elisabethenkirche wohnten längst in Aussenquartieren. Im Zusammenhang mit dem geplanten Neubau des Stadttheaters wurde 1968 in einer Leser*innenbriefdebatte über den Abriss der Kirche diskutiert und verschiedene Vorschläge gemacht: von der Geschäfts- und Wohnüberbauung über den Neubau eines Historischen Museums bis zum Parkhaus des neu zu erbauenden Stadttheaters.
Da es sich jedoch bei der Elisabethenkirche um einen der bedeutendsten neugotischen Bauten in der Schweiz handelt, wurde diese Idee verworfen. Als dann 1973 in einem Aussenquartier die Lukaskirche gebaut wurde, blieb die Elisabethenkirche faktisch ohne Gemeinde. Das warf bei den immensen Unterhaltskosten erneut die Frage auf, was mit ihr geschehen sollte. 1978/79 wurde eine Umnutzungsstudie für ein Musikinstrumentenmuseum in Auftrag gegeben; doch die Vorschläge wurden von Denkmalpflege und Regierungsrat abgelehnt. Verschiedene Zwischennutzungen folgten, bis die Kirche 1990 für eine eingehende Aussenrenovation geschlossen wurde. Was weiter mit ihr geschehen sollte, war noch nicht klar.
Eine Vision
Diese Situation bildete die Projektionsfläche für die Visionen von Pfr. Hansruedi Felix, der gemeinsam mit einem Team von urbanen Visionär*innen ein Projekt für die leerstehende Elisabethenkirche entwickelte. In der brachliegenden Kirche sollte ein spiritueller Ort für ein städtisches Publikum geschaffen werden, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse und Ängste einer parochialen Gemeinde. Im Verlaufe der Verhandlungen und Konzeptänderungen erhielt das Projekt den heutigen Namen «Offene Kirche Elisabethen». 1991 wurde der Verein «Offene Kirche Elisabethen÷ zur Verwirklichung des Projekts gegründet – ein ökumenisches Gremium mit Mitgliedern aus ganz verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen.
Ende 1993 konnte die Kirche bezogen werden, und am 30. April 1994 fand die offizielle Eröffnungsfeier statt. Die strukturellen Grundlagen, die damals gelegt wurden, gelten heute noch. Der selbständige Verein OKE nutzt und verwaltet die Elisabethenkirche im Auftrag der evang.-ref. Kirche Basel-Stadt. Die finanziellen Mittel zum Betrieb der Kirche und des Pfarrhauses muss der Verein durch Sponsoring, Spenden, Kollekten und vor allem durch Vermietungen der Kirche aufbringen. Einzig ein Teil der Löhne des ökumenischen Leitungsteams stammt von der jeweiligen Landeskirche. Alle anderen Löhne (Administration, Haustechnik, Reinigung usw.) müssen selbst erwirtschaftet werden.
Still und laut, feministisch und regenbogenfarben
Das Programm der Offenen Kirche Elisabethen ist reichhaltig und basiert seit ihrem Anfang auf den drei Grundpfeilern: sozial – kulturell – spirituell.
Das bedeutet konkret, dass die Kirche ihre Tür für die verschiedensten Anlässe und Angebote öffnet, dies in Ergänzung und nicht in Konkurrenz zu Gemeinden und Pfarreien des Kantons Basel-Stadt. Die CityKirche ist mehr als eine Kirche in der City, angereichert mit ein paar Konzerten und Ausstellungen. Das Programm ist breit und ändert sich laufend: ökumenische, feministisch-theologische Frauengottesdienste, ü30-Discos, Tischlein deck dich für Armutsbetroffene, Regenbogen-Gottesdienste, Geschenktausch-Aktion für Kinder, Basel im Gespräch (BiG) zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen, Frauenkleidertauschbörse, wöchentliches Handauflegen durch Heilerinnen, Meditation, Kontemplation, Taiji, Offenes Singen, Gespräch mit dem/ der Pfarrer*in, MittwochMittagsKonzerte, Flüchtlingsprojekte, Urban Gardening im Pfarrhausgarten, Kunstbetrachtung, interreligiöses feministisch-theologisches Gespräch in der Woche der Religionen, Aktion «Beim Namen nennen» am Flüchtlingswochenende, Psalmen-Projekt usw.
Ist alles möglich?
Bei Führungen wird immer wieder die Frage gestellt, ob es auch Grenzen gibt, ob wir Angebote auch ausschlagen. Prinzipiell sind die Grenzen sehr weit gesteckt, so weit, wie das Leitungsteam das Evangelium interpretiert. Aber es gab nach sorgfältiger Prüfung der Anliegen und eingehenden Gesprächen mit Veranstalterinnen auch schon Absagen. Gründe waren z.T. mangelndes Gespür für den Kirchenraum oder mangelnde Sorgfalt bei der Vorbereitung eines interreligiösen Anlasses bzw. kein Einbezug der Religionsgemeinschaften. Das Team orientiert sich an der Fülle des Lebens und versucht eher zu begründen, weshalb eine Ausstellung oder Veranstaltung nicht bei uns Raum finden soll als umgekehrt.
Die Fülle des Lebens
Leitprinzip unserer Arbeit in der OKE ist der biblische Begriff der «Fülle des Lebens». Das bedeutet, dass in der OKE Platz sein soll für unterschiedlichste Dimensionen des Lebens: Trauer und Freude, Krankheit und Heilung. Zentral ist auch, dass die OKE sich für Themen im sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bereich und für Nachhaltigkeit einsetzt sowie ein interreligiöses Profil hat. Die feministische Grundhaltung, sich für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen einzusetzen, ist im Grundsatzpapier der OKE verankert. Dieses Grundsatzpapier wird aktuell überarbeitet und soll Ende 2021 mit den Resultaten der zur Zeit stattfindenden Zukunftswerkstatt herauskommen. Dabei werden neue Akzente gesetzt in den Bereichen: Digitalisierung, Seniorität, Diversity, Nachhaltigkeit und neue Heimatlosigkeit.
In drei Jahren feiert die Offene Kirche Elisabethen ihr 30-jähriges Jubiläum. Was würde fehlen, wenn diese Kirche ihren CityKirchen-Betrieb nicht mehr weiterführen könnte? Besucher und Besucherinnen äussern, dass ihnen das Café, die Feier der Weihnachstnacht oder auch das Verweilen in der Stille fehlen würden. Gerade auch Menschen, die keine Beziehung zur Kirche mehr pflegen, schätzen die OKE als sozial engagierte und weltoffene Institution. Sie fühlen sich willkommen – mit Kindern, mit dem Hund, aus allen Altersgruppen. Eine Besucherin sagt: «Ich mache jede Woche drei Stunden Hausaufgaben mit einer Flüchtlingsfrau – das ist für mich Kirche». Oder: «Ich bin aus der Kirche ausgetreten, spende jedoch regelmässig für die OKE, denn dieser Ort muss in seiner offenen Ausrichtung bestehen bleiben.»
Auf Ende Januar 2022 werde ich in Frühpension gehen, und eine Nachfolgerin wird meine Stelle übernehmen. Die Arbeit in der postkonfessionellen OKE war mehr als eine Traumstelle für mich. Als feministische Theologin konnte ich diesen einmaligen Mix aus Befreiungstheologie, gesellschaftspolitischer Stellungnahme, Spiritualität, Diakonie und städtischer Kultur mitprägen. Das ist schön!