Ausgabe 2021/4

Wenn der Auferstandene isst | Reflexionen zu Lukas 24

Eine einzige Szene gibt es in den Evangelien der Bibel, in der Jesus isst. Ein Kommentar.

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© Pascale Amez
Text: Stefanie Arnold / 29.05.2025

Im letzten Kapitel des Lukasevangeliums, in dem von den Begegnungen der Jünger*innen mit dem Auferstandenen berichtet wird, findet sich eine erstaunliche Szene. Es ist die einzige Erzählung in den Evangelien, in der davon berichtet wird, dass Jesus isst. Die Szene spielt in Jerusalem, wo die Jünger*innen beisammen sind und sich gegenseitig von ihren Erfahrungen mit dem Auferstandenen berichten:

Während sie aber dies erzählten, trat er selbst mitten unter sie und sagte: «Friede sei mit euch!» Da gerieten sie in Bestürzung und Furcht und meinten, einen Geist zu sehen. Er sagte zu ihnen: «Was seid ihr erschrocken, und warum steigen Bedenken in eurem Herzen auf? Seht meine Hände und meine Füsse: Ich bin es selbst! Rührt mich an und seht: ein Geist hat weder Fleisch noch Knochen, wie ihr seht, dass ich habe.» Und als er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und die Füsse. Da sie aber in ihrer Freude noch nicht glaubten und staunten, sagte er zu ihnen: «Habt ihr etwas zu essen hier?» Da reichten sie ihm ein Stück von einem gebratenen Fisch. Er nahm es und ass vor ihren Augen.
(Lukas 24,24-42)1

Essensszenen

Würde man Gläubige befragen, welche Essensszenen aus den Evangelien ihnen spontan in den Sinn kommen: Ich vermute, nur ein kleiner Teil würde diese Stelle aus Lukas 24 erwähnen. Das letzte Abendmahl, die Mahlgemeinschaft mit Sündern, die Hochzeit zu Kanaa, die Speisungen von Tausenden prägen das Bild. Essen und Mahlzeiten: Ist das nicht etwas Vorösterliches, etwas, das Jesus vor seinem Tod getan hat? Warum wird hier erzählt, dass der Auferstandene isst, also jemand, der den Tod überwunden hat und damit nicht mehr auf den lebensnotwendigen physiologischen Vorgang des Essens angewiesen ist?

Nachösterliche Mahlzeiten

Lukas 24,24-42 ist interessanterweise nicht die einzige Stelle in den Evangelien, in der von einer nachösterlichen Mahlzeit berichtet wird. Während Matthäus von keinem solchen Mahl berichtet, und Markus nur knapp erwähnt, dass Jesus sich «den Elf, die zu Tisch lagen» zeigte (Markus 16,14), berichten Lukas und Johannes ausführlicher von Mahlzeiten mit dem Auferstandenen.

Im Schlusskapitel des Lukasevangeliums wird von zwei solchen Mahlzeiten berichtet: vom eben erwähnten Fischessen des Auferstandenen und, gleich vorher, vom Mahl des Auferstandenen mit den Emmaus-Jüngern: «Als er mit ihnen zu Tische lag, nahm er das Brot, dankte; brach es und gab es ihnen. Da wurden ihre Augen aufgetan, und sie erkannten ihn. Er aber verschwand.» (Lukas 24,30-31)

Fischfang

Auch im letzten Kapitel des Johannesevangeliums wird von einer Mahlzeit berichtet (Johannes 21,1-14). Jesus reicht hier den Jünger*innen ein Frühstück aus gegrilltem Fisch. Die Erzählung ist mit einem Fischwunder verwoben. Jesus zeigt sich am See von Tiberias und fragt die sieben fischenden Jünger*innen, die ihn nicht erkennen: «Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen?» (21,5). Er fordert die Jünger*innen, die eine Nacht lang erfolglos zu fischen versucht haben, auf, das Netz auf der rechten Seite auszuwerfen, worauf diese einen grossen Fang machen. Die «Frühstücksszene» setzt nach der Rückkehr vom Fischfang ein:

Als sie an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer mit Fischen darauf und Brot. Jesus sagte zu ihnen: «Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt!» Simon Petrus stieg aus dem See hinauf und zog das Netz an Land. Es war mit 153 grossen Fischen gefüllt. Obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. Jesus sagte zu ihnen: «Kommt und frühstückt!» Niemand von den Jüngerinnen und Jüngern wagte zu fragen: «Wer bist du?» Denn sie wussten: Es war Jesus der Lebendige. Jesus kam, nahm das Brot und gab es ihnen, und den Fisch ebenso. (Johannes 21,9-13)

Fürsorge

Alle drei nachösterlichen Texte erzählen also von Mahlzeiten des Auferstandenen mit den Jünger*innen. Die Erzählungen unterscheiden sich jedoch darin, wie die Rollen verteilt sind: In Emmaus sind die beiden Jünger die Gastgeber und der Auferstandene der geladene Gast, der das Brot segnet und reicht (Lukas 24,30). In Jerusalem ist der Auferstandene ein (unerwarteter) Gast, der nach Speise fragt, die ihm von den Jünger*innen gereicht wird (Lukas 24,42-43). Und am See von Tiberias erscheint Jesus als Gastgeber, der den Jünger*innen das Essen reicht (Johannes 21).

Essen zu reichen, und sich damit um das leibliche Wohl anderer zu kümmern, ist eine sehr elementare und körperliche Form von Fürsorge. Das Bild eines Auferstandenen, der Essen bereitet, kann Menschen zutiefst berühren. Ich erinnere mich an eine ältere Ordensfrau, die mir erzählte, dass das Fischbraten in Johannes 21 zu einer Schlüsselszene für ihr Gottesverständnis wurde. Die Fürsorglichkeit eines Jesus, der für seine Jünger*innen Fische brät, empfand sie als mütterliche Geste, was ihr einen Zugang zur mütterlichen Seite Gottes eröffnete. Noch überraschender, und umso berührender, scheint mir die Szene in Lk 24,43, in der es quasi zu einer Umkehrung der Rollen kommt. Nun ist es nicht mehr Gott, die die Menschen nährt. Nun ist es der Auferstandene selbst, der genährt wird. Die Sorge um das leibliche Wohl des anderen ist also auch zwischen Gott und Menschen keine einseitige Angelegenheit, sondern eine gegenseitige. Gott nährt die Menschen – und die Menschen nähren Gott.

Gegenseitig

Diese Gegenseitigkeit scheint mir für das Verständnis des Textes zentral. Wenn wir über Nähren und Ernährtwerden, über geben und empfangen nachdenken, tun wir das oft in einer unvollständigen Art. Als ob es eine lineare Interaktion wäre: Jemand gibt etwas (und hat dann weniger) – jemand erhält etwas (und hat dann mehr). Geben und Empfangen ist, wenn es aus Liebe geschieht, aber vielmehr ein zirkuläres Geschehen – wenn wir Gäste bewirten, kann uns das selbst mit Freude oder Zufriedenheit erfüllen. Und wenn wir zulassen, dass Menschen sich um uns kümmern, schenken wir ihnen Vertrauen.

Diese zirkuläre Dynamik scheint sich auch in der Szene in Lukas 24,41-42 anzudeuten. Zwar ist es rein physisch gesehen der Auferstandene, der etwas erhält – ihm wird Speise gereicht. Aber auf der kommunikativen Ebene sind es die Jünger*innen, die etwas empfangen. Denn obwohl er der Empfangende ist, ist der Auferstandene der treibende Akteur der Erzählung. Er ist es, der nach der Speise fragt, sie nimmt und isst. Die Jünger*innen dagegen reagieren, sie reichen ihm den Fisch, als er danach fragt. Und doch ist dieses Reagieren mehr als nur das Ausführen einer Anweisung. Die Jünger*innen werden dadurch vielmehr ermächtigt. Die Frage nach dem Essen ermöglicht es ihnen, sich selbst als Handelnde zu erleben. Gott zeigt sich hungrig – und ermöglicht den Menschen, diesen Hunger zu stillen. Dadurch stärkt sie*er auch sie: Denn erst, indem sie dies tun, erkennen sie, dass sie dazu fähig sind. Und indem sie sich befähigen lassen, schenken sie Gott Gehör.

Leibliche Auferstehung

Doch, so bemerkenswert dieses Bild vom genährten und nährenden Gott auch ist: Könnte dieses Bild nicht auch in vorösterlichen Erzählungen auftauchen? Warum taucht es gerade hier auf?

Ein zentraler Deutungsansatz in der exegetischen Literatur zu Lukas 24,24-42 ist, dass das Essen des Fisches als Beweis der leiblichen Auferstehung Christi dient. Der Akt des Essens ist damit eng mit der Auferstehung verknüpft, er gewinnt sogar erst vor diesem Hintergrund an Bedeutung. Dass ein vorösterlicher Jesus einen Fisch isst, wäre etwas Gewöhnliches, dass der Auferstandene es tut, gerade nicht. Die «Arbeitshypothese» der Jünger*innen, es könnte sich um einen Geist handeln, wird durch das Essen widerlegt. Den Verfasser*innen des Lukasevangeliums könnte es demnach um die Abweisung der Vorstellung gegangen sein, der Auferstandene habe nur einen Scheinleib gehabt.

Hoffnungszeichen

Eine interessante Antwort auf die Frage, warum erst nach der Auferstehung über den Akt des Essens berichtet wird, bietet Luzia Sutter Rehmann in ihrem wegweisenden Buch «Wut im Bauch. Hunger im Neuen Testament». Sie deutet die Essensszene als Hoffnungszeichen in einer Zeit, in der Hunger für einen grossen Teil der Bevölkerung eine alltägliche Erfahrung war: «Wenn Jesus von seiner Geburt bis zu seiner Hinrichtung vor den Augen der Leser*innen nie gemütlich Brot kaut oder Wasser trinkt, in keine Feige und keine Lauchzwiebel beisst, dann sind dies bewusste narrative Auslassungen, die den Schatten des Hungers konturieren. Damit zieht fast unbemerkt eine Sehnsucht durch das Lukasevangelium, nämlich: dass der Messias endlich einmal gesättigt würde. Und hier am Ende kommt diese Sehnsucht auf den Tisch.»2

Während also in der herkömmlichen Kommentarliteratur das Essen des Auferstandenen als Beweis der leiblichen Auferstehung und damit für die Überwindung des Todes gelesen wird, deutet Sutter Rehmann es auch als Hoffnungszeichen für die Überwindung einer Todesursache: Der nagende Hunger ist nach der Auferstehung vorbei, das Bedürfnis nach Sättigung wird erfüllt. Und indem es die Jünger*innen sind, die dem Auferstandenen die Speise reichen, werden sie ermächtigt, selber zu dieser Sättigung beizutragen und den Hunger zu überwinden.

1 Die Bibelzitate in diesem Text stammen aus der Bibel in ge­rechter Sprache (BigS).

2 Luzia Sutter Rehmann, Wut im Bauch. Hunger im Neuen Testa­ment, Gütersloh 2016, S. 330.