Oberwil im Simmental ist eine Berggemeinde. Die Bevölkerung besteht gut zur Hälfte aus Bäuerinnen und Bauern. Die anfangs des 13. Jh. erstmals urkundlich erwähnte Wegkirche steht «im Dörfli», genau in der Mitte dieser weitläufigen Streusiedlung links und rechts der Simme.
Hier bin in Pfarrerin. Gleichzeitig forsche ich in meiner Master-Thesis am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich über Sakralbau, Dorfentwicklung und Städtebau im Alpenraum. Die Ideen und Erkenntnisse von Architektinnen und Architekten helfen mir, meine pfarramtliche Arbeit bis hin zur Feier des Abendmahls in einen neuen Deutungsrahmen zu stellen.
1. Pfarrhaus, Dörfli 17
Nach einem Stück selbstgebackener Züpfe, die es in den meisten Oberwiler Haushalten sonntags zum Zmorge gibt, verlasse ich das Pfarrhausareal durch das schmiedeeiserne Tor. Ich werfe einen Blick in den mit einer Bergdistel verzierten Holzkasten, um nachzusehen, ob die Milch vom Stall vis-àvis schon da ist.
2. Platz beim Dorfbrunnen und Gärten im Dörfli
Ich trete auf den Platz und spaziere an den Nachbarsgärten vorbei Richtung Kirche. Die meisten Häuser im Dorf sind von grossen gepflegten Gärten umgeben. Sie zeugen davon, dass Selbstversorgung hier und jetzt – der Lebensmittelindustrie zum Trotz – wichtig ist. Je nach Haushalt und Generationen grüssen Gartenzwerge, Spielzeugtraktore, Buddhas oder Disney-Monster.
3. Der Garten im Kirchhof
Nachdem ich ein weiteres schmiedeeisernes Tor geöffnet habe, stehe ich im Garten des Kirchhofes. Genauer gesagt beim Träppli, wo jeweils die Beerdigungen beginnen. Es duftet nach dem Heu, das die Sigristin frisch gemäht hat und das für ihre Kühe an der Sonne trocknet.
4. Kirche, Dörfli 18
Ich blicke zur Turmuhr unter dem letztmals 1963 mit den regionstypischen «Schipfeni» (von Hand gefertigte kleine Holzschindeln) gedeckten Kirchturmhut und gehe der Nordfassade der Kirche entlang zum Haupteingang an der Westseite. Ich betrete die Kirche, atme tief durch und schreite in Richtung Chorraum, durch dessen Ostfenster das Morgenlicht hereinfällt.
5. Chor der Kirche
Ich stehe nun im Zentrum: beim Taufstein unter dem Holztonnengewölbe. Das liturgische Geschirr fürs Abendmahl steht auf dem Deckel bereit, einer Holzeinlegearbeit aus dem 17. Jh. Die Sigristin hat Kelch und Becher am Tag davor aus dem Tresor im Pfarrhaus geholt. Der Traubensaft aus einem der zwei Dorflädeli ist bereits in die Zinnkanne geleert. Das Ruchbrot vom Bäcker unten an der Hauptstrasse liegt im Korb unter einer Stoffserviette. Bevor ich den Chor verlasse, um die ersten Gemeindeglieder zu begrüssen, werfe ich einen Blick auf die Bergdistel am ostseitigen Abschluss des Holztonnengewölbes. Die Schnitzerei bildet das nach allen Seiten strahlende Zentrum der Monstranz beim Tonnengewölbe – eine Würdigung und ein Symbol für die Widerstandskraft des Lebens im Alpenraum.
6. Unter der Portlaube
Beim Haupteingang unter der Portlaube befindet sich auf der linken Seite die Garderobe mit Hutablage. Die Gemeindeglieder schreiten «gsunntiget» durch den Gang zu den Bänken. Viele von ihnen waren schon im Stall, um ihre Kühe zu melken. Sie haben die Milch in der Milchsammelstelle abgeliefert, einem Gebäude aus dem 17. Jh., und dann den Weg zur Kirche erklommen. Um diese durch den Haupteingang betreten zu können, geht es von der ehemaligen Pension «Hirschen» her, wo sich die wenigen Parkplätze befinden, steil aufwärts.
7. Auf den Kirchenbänken
Die Plätze auf den Bänken sind, soweit im Corona-Jahr 2021 erlaubt, besetzt. Die Orgel spielt, der Gottesdienst beginnt.
8. Beim Taufstein
Während die Gemeinde singt, bereite ich auf dem Taufsteindeckel den Abendmahlstisch vor. Mit dem Sakrament des Abendmahls gedenken wir des Abschieds der Jünger*innen von Jesus Christus und des Abschieds Jesu Christi von der Welt. Es ist eine rituelle Würdigung des Traurigseins im Freundeskreis und in der Gemeinde. Wie das Abendmahl seit jeher in dieser reformierten Kirche gefeiert wird, hatten mir die Sigristin und die Gemeindeglieder by doing gezeigt: Sie kennen die Choreografie par coeur.
9. Das Abendmahl
Als Einsetzungsworte wähle ich die Formulierung aus dem Ersten Brief an die Gemeinde in Korinth 11,23b-26 – zwinglianisch fokussiert auf das Erinnern (Memoria) und die jüdische Mahlgemeinschaft (Shabbes und Seder). Ich weiss, dass es nach dem Gemeindelied mucksmäuschenstill werden wird. Dann, wenn die Orgel spielt und die Gemeindeglieder das von mir gebrochene Brot empfangen und von den Helferinnen und Helfern den Kelch mit dem Traubensaft, werden Tränen in den Augen glänzen, wie Bergdisteln in der Sonne.
10. Weg in den Chor
Auf diesem steilen Weg gibt es kein architektonisches Hindernis: keine Stufe zwischen Kirchensaal und Chorraum. Eine Besonderheit der Saalkirche im Berner Barock ist der Tonplattenboden: Er weist zwischen Haupteingang und Chor aussergewöhnlich eine aufsteigende Höhendifferenz von über einem Meter auf. Man begreift so auch dreidimensional, weshalb Calvin den Weg der Abendmahlgemeinde mit der Wanderung der Hebräer*innen durch die Wüste verglich. Die Gemeindeglieder, die sich in der Regel kennen, begleiten und stützen sich gegenseitig auf dem Weg zum Chor – und zurück zu den Kirchenbänken.
11. Am Festtagschristus vorbei
Auf dem Weg zum Abendmahl und zurück schreitet die Gemeinde am «Festtagschristus» vorbei. Diese Wandmalerei aus dem 15. Jh. zeigt die unermüdlich arbeitende Bauern- und Handwerksleute – und mitten im geschäftigen Treiben: Jesus Christus im Lendentuch. Von seinen Wundmalen führen rote Linien, Blutfäden, zu den Werkzeugen des Arbeitsalltags der Leute. Werden diese an einem Sonntag benützt, so die Mahnung des «Festtagschristus », fügen sie ihm neue Qualen zu. Damit äussert sich das Gebot zur Sonntagsheiligung in einer von volkspädagogischer Frömmigkeit gefärbten Manier: Man möge doch dem Heiland, der für die Menschen gelitten habe, nicht durch Sonntagsarbeit noch mehr Schmerzen bereiten.
12. Dörfli 17, Küche
Nach dem Gottesdienst, zurück im Pfarrhaus, denke ich am Küchentisch bei einem Cappuccino über «urbi et orbi» nach – über «mein» Tal, «meine» Gemeinde, «meine» Kirche und «mein» Pfarrhaus. Wobei diese Orte mit ihren spezifischen Gebäuden eben gerade nicht «meine» sind, sondern «unsere ». Wer hat sie gebaut? Weshalb? Was brauchen sie von uns? Was brauchen wir von ihnen?