Ausgabe 2021/4

Abendmahl und Architektur in Oberwil im Simmental

Eine uralte Kirche in einer Berggemeinde. Eine Pfarrerin, die gleichzeitig an der ETH Zürich zu Sakralbau forscht. Ihre persönliche Reflexion, was das mit ihrer Präsenz, ihrem Wirken und ihrer Feier des Abendmahls macht.

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© Kanton Bern / Swisstopo
Text: Alexia Zeller / 29.05.2025

Oberwil im Simmental ist eine Berggemeinde. Die Bevölkerung besteht gut zur Hälfte aus Bäuerinnen und Bauern. Die anfangs des 13. Jh. erstmals urkundlich erwähnte Wegkirche steht «im Dörfli», genau in der Mitte dieser weitläufigen Streusiedlung links und rechts der Simme.

Hier bin in Pfarrerin. Gleichzeitig forsche ich in meiner Master-Thesis am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich über Sakralbau, Dorfentwicklung und Städtebau im Alpenraum. Die Ideen und Erkenntnisse von Architektinnen und Architekten helfen mir, meine pfarramtliche Arbeit bis hin zur Feier des Abendmahls in einen neuen Deutungsrahmen zu stellen.

1. Pfarrhaus, Dörfli 17

Nach einem Stück selbstgebackener Züpfe, die es in den meisten Oberwiler Haushalten sonntags zum Zmorge gibt, verlasse ich das Pfarrhausareal durch das schmiedeeiserne Tor. Ich werfe einen Blick in den mit einer Bergdistel verzierten Holzkasten, um nachzusehen, ob die Milch vom Stall vis-àvis schon da ist.

2. Platz beim Dorfbrunnen und Gärten im Dörfli

Ich trete auf den Platz und spaziere an den Nachbarsgärten vorbei Richtung Kirche. Die meisten Häuser im Dorf sind von grossen gepflegten Gärten umgeben. Sie zeugen davon, dass Selbstversorgung hier und jetzt – der Lebensmittelindustrie zum Trotz – wichtig ist. Je nach Haushalt und Generationen grüssen Gartenzwerge, Spielzeugtraktore, Buddhas oder Disney-Monster.

3. Der Garten im Kirchhof

Nachdem ich ein weiteres schmiedeeisernes Tor geöffnet habe, stehe ich im Garten des Kirchhofes. Genauer gesagt beim Träppli, wo jeweils die Beerdigungen beginnen. Es duftet nach dem Heu, das die Sigristin frisch gemäht hat und das für ihre Kühe an der Sonne trocknet.

4. Kirche, Dörfli 18

Ich blicke zur Turmuhr unter dem letztmals 1963 mit den regionstypischen «Schipfeni» (von Hand gefertigte kleine Holzschindeln) gedeckten Kirchturmhut und gehe der Nordfassade der Kirche entlang zum Haupteingang an der Westseite. Ich betrete die Kirche, atme tief durch und schreite in Richtung Chorraum, durch dessen Ostfenster das Morgenlicht hereinfällt.

5. Chor der Kirche

Ich stehe nun im Zentrum: beim Taufstein unter dem Holztonnengewölbe. Das liturgische Geschirr fürs Abendmahl steht auf dem Deckel bereit, einer Holzeinlegearbeit aus dem 17. Jh. Die Sigristin hat Kelch und Becher am Tag davor aus dem Tresor im Pfarrhaus geholt. Der Traubensaft aus einem der zwei Dorflädeli ist bereits in die Zinnkanne geleert. Das Ruchbrot vom Bäcker unten an der Hauptstrasse liegt im Korb unter einer Stoffserviette. Bevor ich den Chor verlasse, um die ersten Gemeindeglieder zu begrüssen, werfe ich einen Blick auf die Bergdistel am ostseitigen Abschluss des Holztonnengewölbes. Die Schnitzerei bildet das nach allen Seiten strahlende Zentrum der Monstranz beim Tonnengewölbe – eine Würdigung und ein Symbol für die Widerstandskraft des Lebens im Alpenraum.

6. Unter der Portlaube

Beim Haupteingang unter der Portlaube befindet sich auf der linken Seite die Garderobe mit Hutablage. Die Gemeindeglieder schreiten «gsunntiget» durch den Gang zu den Bänken. Viele von ihnen waren schon im Stall, um ihre Kühe zu melken. Sie haben die Milch in der Milchsammelstelle abgeliefert, einem Gebäude aus dem 17. Jh., und dann den Weg zur Kirche erklommen. Um diese durch den Haupteingang betreten zu können, geht es von der ehemaligen Pension «Hirschen» her, wo sich die wenigen Parkplätze befinden, steil aufwärts.

7. Auf den Kirchenbänken

Die Plätze auf den Bänken sind, soweit im Corona-Jahr 2021 erlaubt, besetzt. Die Orgel spielt, der Gottesdienst beginnt.

8. Beim Taufstein

Während die Gemeinde singt, bereite ich auf dem Taufsteindeckel den Abendmahlstisch vor. Mit dem Sakrament des Abendmahls gedenken wir des Abschieds der Jünger*innen von Jesus Christus und des Abschieds Jesu Christi von der Welt. Es ist eine rituelle Würdigung des Traurigseins im Freundeskreis und in der Gemeinde. Wie das Abendmahl seit jeher in dieser reformierten Kirche gefeiert wird, hatten mir die Sigristin und die Gemeindeglieder by doing gezeigt: Sie kennen die Choreografie par coeur.

9. Das Abendmahl

Als Einsetzungsworte wähle ich die Formulierung aus dem Ersten Brief an die Gemeinde in Korinth 11,23b-26 – zwinglianisch fokussiert auf das Erinnern (Memoria) und die jüdische Mahlgemeinschaft (Shabbes und Seder). Ich weiss, dass es nach dem Gemeindelied mucksmäuschenstill werden wird. Dann, wenn die Orgel spielt und die Gemeindeglieder das von mir gebrochene Brot empfangen und von den Helferinnen und Helfern den Kelch mit dem Traubensaft, werden Tränen in den Augen glänzen, wie Bergdisteln in der Sonne.

10. Weg in den Chor

Auf diesem steilen Weg gibt es kein architektonisches Hindernis: keine Stufe zwischen Kirchensaal und Chorraum. Eine Besonderheit der Saalkirche im Berner Barock ist der Tonplattenboden: Er weist zwischen Haupteingang und Chor aussergewöhnlich eine aufsteigende Höhendifferenz von über einem Meter auf. Man begreift so auch dreidimensional, weshalb Calvin den Weg der Abendmahlgemeinde mit der Wanderung der Hebräer*innen durch die Wüste verglich. Die Gemeindeglieder, die sich in der Regel kennen, begleiten und stützen sich gegenseitig auf dem Weg zum Chor – und zurück zu den Kirchenbänken.

11. Am Festtagschristus vorbei

Auf dem Weg zum Abendmahl und zurück schreitet die Gemeinde am «Festtagschristus» vorbei. Diese Wandmalerei aus dem 15. Jh. zeigt die unermüdlich arbeitende Bauern- und Handwerksleute – und mitten im geschäftigen Treiben: Jesus Christus im Lendentuch. Von seinen Wundmalen führen rote Linien, Blutfäden, zu den Werkzeugen des Arbeitsalltags der Leute. Werden diese an einem Sonntag benützt, so die Mahnung des «Festtagschristus », fügen sie ihm neue Qualen zu. Damit äussert sich das Gebot zur Sonntagsheiligung in einer von volkspädagogischer Frömmigkeit gefärbten Manier: Man möge doch dem Heiland, der für die Menschen gelitten habe, nicht durch Sonntagsarbeit noch mehr Schmerzen bereiten.

12. Dörfli 17, Küche

Nach dem Gottesdienst, zurück im Pfarrhaus, denke ich am Küchentisch bei einem Cappuccino über «urbi et orbi» nach – über «mein» Tal, «meine» Gemeinde, «meine» Kirche und «mein» Pfarrhaus. Wobei diese Orte mit ihren spezifischen Gebäuden eben gerade nicht «meine» sind, sondern «unsere ». Wer hat sie gebaut? Weshalb? Was brauchen sie von uns? Was brauchen wir von ihnen?


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Lernen von Denise Scott Brown

Die Architektin Denise Scott Brown hatte 1968 die Idee, Orte jenseits von etablierten Metropolen zu betrachten – und gerade von ihnen zu lernen: Wie sind sie gestaltet? Daraus entstand 1972 Learning from Las Vegas, das sie, aus einem jüdischen Elternhaus kommend, unter anderem mit ihrem Mann Robert Venturi publizierte, der aus einer Quäkerfamilie stammte. Das Ehepaar gehört zu den einflussreichsten Architekt:innen des 20. Jh. Dass Scott Brown ihr bereits 1975 verfasstes Essay Room at the Top? Sexism and the Star System in Architecture schliesslich 1989 doch noch publizierte, bleibe hier nicht unerwähnt. Mit Learning from Las Vegas lehrt sie uns, stets auf das bereits vorhandene Gestaltete zu achten. Rem Koolhaas folgte ihrem Blick auf urbane Entwicklungen, als er 1978 Delirious New York: A Retroactive Manifesto for Manhattan publizierte. Seit 2012 erforscht er nun die ruralen Gebiete unseres Planeten und fordert dazu auf, die Prozesse jenseits der Verstädterung zu betrachten. Sein Elternhaus war von einer liberalen Position des niederländischen Calvinismus, geprägt, den Remonstranten, das heisst «Widerstand ». Sie gehörten weltweit zu den ersten, die gleichgeschlechtliche Paare trauten.

Der offene Raum

Scott Brown, die zusammen mit Venturi für die Kapelle der Episcopal Academy in Pennsylvania ausgezeichnet wurde, relativierte in einem Interview 2009 den Einfluss von Architektur: «Architektur kann Menschen nicht zwingen, zusammenzukommen. Sie kann nur Begegnungsorte planen, Hindernisse beseitigen und die Treffpunkte praktisch und attraktiv gestalten.»

Abendmahl – Form und Gestaltung – ist wichtig, aber nur subjektiv empfunden von der interagierenden Gottesdienstgemeinde, die dort am Taufstein zusammenkommt und, gemäss Scott Brown, den kirchlichen Raum erst durch ihr Benutzen mit Sinn erfüllt.

Architektur – Form und Gestaltung – ist wichtig, aber immer relativ zu ihrer Nutzung. Diese wiederum vollzieht sich erst durch die Leute der Kirchgemeinde, die hier lebten und leben.

Die ignorierte Region

Oberwil i.S. liegt auf dem Land und in den Bergen. Es ist eine Gegend, die Rem Koolhaas einer «ignorierten Region » zuordnet. Während er aber in der Provinz ein Potenzial sieht, sprechen andere von «alpiner Brache»: Studio Basel ETH rechnete 2005 vor, diese «Zonen des Niedergangs und der langsamen Auszehrung» lohne es nicht, weiter zu subventionieren. Koolhaas hingegen achtet auf die historisch gewachsenen gemeinschaftlich genutzten Strukturen im Alpenraum wie z.B. Allmenden und Genossenschaften. Sein Report fordert zur Überwindung jedes polarisierenden Konstruktes Stadt-Land von links bis rechts auf.

Trauer und Widerstand

Oberwil i.S. liegt am Saum von Wirtschaftsräumen. Es kennt noch kaum Abwanderung, wie sie in anderen «Peripherien » der Schweiz längst eingetreten ist. Dennoch beobachte ich als Pfarrerin neben der Widerstandskraft einer Bergdistel auch eine Traurigkeit. Sie lässt sich im Sinn des Architekten Martin Klopfenstein in Starke Dörfer als «Trauerarbeit» verstehen. Auch wenn er Ökologie und Städtebau im Blick hat, angesichts des instrumentalisierten Stadt-Land-Grabens spricht er mir du coeur. Von Denise Scott Brown habe ich gelernt, jenseits dieses Grabens zu denken. Von Rem Koolhaas, die Prozesse dort mitzugestalten. Hoffnung gibt seit dem 29. September 2021 auch die Politik: Das Parlament garantiert den Bäuerinnen endlich eine Entschädigung für ihre Arbeit und verbessert ihren Sozialversicherungsschutz.