Ausgabe 2021/4

Aufessen bitte! | Ein Appell gegen Food-Waste

2,8 Millionen Tonnen Lebensmitteln landen in der Schweiz jährlich im Müll. Ein Denkzettel gespickt mit notwendigen Hintergründen, um selbst wieder in die Gänge zu kommen.

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© Pascale Amez
Text: Irène Kälin / 29.05.2025

Karma-Food, Foodporn und vegane Popups – sie stehen 2,8 Millionen Tonnen Lebensmitteln gegenüber, die im Müll landen. Überteuerte Label-Produkte, deren Preise sich weder durch ökologische Produktionsweise, Qualität noch soziale Verantwortung rechtfertigen lassen – sie stehen wenige Meter neben Billigstprodukten, deren Wert wiederum weitaus grösser ist als auf dem Preisschild. Und beide landen sie tonnenweise in der Mülltonne.

Esser*innen ≠ Esser*innen

Es gibt Esser*innen und Esser*innen: Esser*innen, die jede Mahlzeit online stellen. Esser*innen, die strenge und genauste Ernährungsvorschriften beachten, ohne dass es dazu eine medizinische Notwenigkeit gäbe. Esser*innen, die moralische und ethische Ansprüche an die Produkte stellen, die auf ihrem Teller landen. Aber auch Esser*innen, die essen, was billig und einfach ist. Esser*innen, die es sich nicht leisten können, sich Gedanken darüber zu machen, was sie essen, weil sie froh sind, wenn das Geld reicht für drei Mahlzeiten am Tag. Esser*innen, die ihrer eigenen Gesundheit massiv schaden, mit dem, was sie essen oder eben auch nicht essen. Und: weiterhin 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel im Mülleimer.

Ethische Ansprüche sind gut …

Um es noch komplexer zu machen: vegetarisch ist normal, vegan im Trend und doch konsumieren wir noch immer viel zu viel Fleisch. Bioprodukte sind begehrt, nachhaltige Lebensmittellabel und Läden sind Kult und doch konsumieren wir viel zu viele Produkte, deren ökologische Bilanz genauso schlecht ist wie deren soziale Nachhaltigkeit.

Es lässt sich drehen und wenden, trotzdem: Essen ist kompliziert geworden. Nahrung wird überhöht und zugleich entwertet. Nahrung wird zur Religion – und landet zugleich tonnenweise in den Mülltonnen. Ethische Ansprüche an unsere Nahrungsmittel gewinnen an Bedeutung und doch gibt es eigentlich kaum ethische Lebensmittellabel. Es gibt Bio und Demeter und Co. für die ökologische Nachhaltigkeit. Es gibt Max Havelaar und Claro und Co. für die soziale Nachhaltigkeit. Es gibt eine Vielzahl regionaler Labels für regionale Nachhaltigkeit, obwohl die Regionalität dabei manchmal zu wünschen übrig lässt. «Aus der Region für die Region» aus dem Thurgau ist nicht regional im Aargau. Aber: Wirklich ethisch und nachhaltig, umweltschonend und sozial ist das Vermeiden von Food Waste.

Lifestyle ist schön …

Gemessen an den vielen Foodblogs, Ernährungsexpert* innen, Produktelabels und Vermarktungsstrategien könnte der Eindruck entstehen, dass wir bewusste Esser*innen sind. Wir machen uns Gedanken, fühlen uns gut dabei oder erhoffen es uns zumindest. Weniger Weizen für die einen, mehr Gemüse für die anderen, keine Kuhmilch für viele, keine tierischen Produkte für wenige. Im Lockdown haben wir Bananenbrot gebacken. Wir stellen unsere Essensgewohnheiten online, wir inspirieren andere mit unseren Kochkünsten und lassen uns von anderen inspirieren. Kurkuma ist gut für unser Karma. Kuhmilch offenbar nicht. Viele der Essensdiäten, die wir als Gesellschaft machen, sind gesund. Andere wohl weniger, aber sie versprechen es uns dennoch. Bewusst essen kann durchaus gut fürs Klima sein, muss es aber nicht. Sojamilch aus Übersee ist nicht zwingend ökologischer als Kuhmilch aus dem Stall vom Bauer nebenan. Was gesünder ist, darüber streiten sich die Geister. Es ist eben Lifestyle. Und das gibt uns ein gutes Gefühl – ob gerechtfertigt oder nicht. Und ein gutes Gefühl ist wichtig und schön.

… aber Food Waste ist schlimmer!

So schön und wichtig es ist, mit unseren Diäten und Essensvorlieben glücklich und halbwegs gesund durchs Leben zu gehen, so wichtig ist es auch, dass wir uns nichts vormachen. Denn dem guten Gefühl, das uns Labels, Foodblogs, eigene und geteilte Ernährungsvorschriften und -vorlieben geben – all den Hoffnungen, die wir für uns und die Umwelt und das Klima und das Tierwohl und unsere Gesundheit haben mit unserem bewussten Essen –, all dem stehen harte Fakten gegenüber. Wenn Lebensmittel hergestellt, aber nicht konsumiert werden, führt dies zu unnötigen CO2-Emissionen, Biodiversitätsverlust sowie Land- und Wasserverbrauch. 25 Prozent der Umweltbelastung der Ernährung der Schweiz sind auf Food Waste zurückzuführen.

Es geht um Zahlen, nicht nur ums Gefühl

Einmal mehr: Durch den Lebensmittelkonsum in der Schweiz landen im In- und Ausland über alle Stufen der Lebensmittelkette 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Pro Jahr. Diese abstrakten, aber sehr realen 2,8 Millionen Tonnen weggeworfener Lebensmittel pro Jahr entsprechen der halben Umweltbelastung des motorisierten Individualverkehrs der Schweiz. Oder anders ausgedrückt: Der Landverbrauch für den Anbau der weggeworfenen Lebensmittel entlang der gesamten Wertschöpfungskette entspricht der Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Flächen der Schweiz. Dank dem Bundesamt für Umwelt BAFU, das die Daten zu Food Waste jährlich erhebt und auswertet, lässt es sich noch genauer sagen: Alleine schon auf dem Boden der Schweiz fallen jährlich 2,6 Millionen Tonnen Lebensmittelverluste an. Mindestens zwei Drittel davon sind vermeidbare Verluste. Das heisst, die Lebensmittel wären zum Zeitpunkt ihrer Entsorgung und bei rechtzeitiger Verwendung geniessbar (gewesen). Hier geht es um jenen Rest der Spaghetti, die nach dem tollen Foto für Instagram in den Müll wandern oder um das Brot, das gestern noch gut gewesen, heute aber hart ist.

Nicht alleine verantwortlich, aber halt doch

Natürlich sind es nicht nur wir, die Lebensmittel wegwerfen, sondern in den Müll wandern auch schon viel zu viele Lebensmittel auf dem Weg bis zu uns. Die 2,6 Tonnen auf Schweizer Boden verteilen sich wie folgt: 9 Prozent in der Landwirtschaft, 37 Prozent in der Lebensmittelindustrie, 4 Prozent im Detailhandel, 11 Prozent in der Gastronomie. Es bleiben allerdings satte 39 Prozent, die wir als «Endverbraucher*innen» wegwerfen, anstatt sie zu essen. Bei uns Konsument*innen fällt also rund 1 Million Tonnen Essen in den Müll. Es kommt dabei noch schlimmer. Die Hälfte der Umweltbelastung des gesamten Food Wastes in der Schweiz verschulden wir selbst. Dies rührt insbesondere daher, dass Lebensmittelabfälle am Ende der Wertschöpfungskette durchschnittlich eine höhere Umweltbelastung aufweisen als solche, die am Anfang der Wertschöpfungskette anfallen. Mit jedem Schritt in der Produktions- und Wertschöpfungskette werden mehr Ressourcen verbraucht und mehr Emissionen verursacht, zum Beispiel für Transport, Verarbeitung, Lagerung, Verpackung und Zubereitung. Logisch eigentlich.

Verantwortung übernehmen

Es liegt also auf der Hand: Wir haben es in der Hand. Das Essen, das wir in den Müll werfen, ist besonders umweltrelevant. Nun wird es noch einmal spannend und verwirrend zugleich. Wir machen uns offenbar viele Gedanken. Wir wollen gesund essen. Wir wollen soziales Essen. Und wir wollen Umwelt und Klima schützen mit unseren Essensgewohnheiten und den Ernährungsvorschriften, die wir uns selbst auferlegen. Das BAFU hat folgende Hauptgründe für unser Food Waste-Problem identifiziert: 1) Mangelnde Wahrnehmung der eigenen Lebensmittelabfälle 2) mangelndes Bewusstsein für den Wert von Nahrungsmitteln und 3) unzureichendes Wissen über die Haltbarkeit, Lagerung und die Methoden zur Verwertung von Resten. Überspitzt gesagt bedeutet das: Wir wissen also, dass es gut ist fürs Klima, wenn wir weniger Fleisch essen, aber wir wissen offenbar nicht, wie wir das viele Gemüse, das wir anstelle dessen einkaufen, richtig lagern oder werfen sogar die Hälfte weg, wenn wir es zubereitet und fotografiert haben.

Der beste Foodporn ist nicht sexy

Es ist höchste Zeit, dass wir uns hinterfragen. Hohe Ansprüche an die Produkte zu haben, die auf unserem Teller landen, ist richtig und wichtig. Bei einem guten und schmackhaften Essen die Seele baumeln zu lassen, ist wichtiger denn je. Aber Essen und Lebensmittel zu überh.hen und ihnen eine Bedeutung zuzuschreiben, die sich mehr auf ihre Verpackung bezieht als auf ihren Inhalt, bringt uns nicht weiter. Wichtiger als das Label und das Einkaufen im Unverpackt-Laden und der konsequente oder halbkonsequente Verzicht auf tierische Produkte – wichtiger als alles andere ist – zu essen, was eingekauft wurde. Reste zu verwerten. Denn das gute Gefühl, dass uns Karma-Produkte, fleischreduzierte Ernährungsgewohnheiten und das Einkaufen von Bioprodukten geben, ist scheinheilig, wenn wir sie danach in den Mistkübel oder die Grüntonne werfen (müssen). Oder anders gesagt: Es ist schön, Foodblogs mit den bearbeiteten Fotos der eigenen Kochkünste zu füllen, und mit den Freund*innen zu teilen, was der Teller vor einem so bietet, aber wirklich wichtig ist der Teil, den wir dabei nicht sehen und nicht sehen wollen: was daneben, davor und danach im Müll landet.