Ausgabe 2021/4

Körper von Gewicht

Was passiert, wenn wir unsere unmittelbaren körperlichen Erfahrungen ernst nehmen - und was passiert, wenn wir dies noch dazu mitten im Gottesdienst tun: Geneva Moser auf einer inspirierenden Reflexions-Reise.

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© Pascale Amez
Text: Geneva Moser / 29.05.2025

An Aschermittwoch gehe ich in der benachbarten Pfarrei in die Kommunionfeier. Die Pfarrei hat keinen festen Priester und die Pfarreiseelsorgerin leitet die Feier. Schon zu Beginn staune ich: Hat sie gerade die weibliche Form für G’tt verwendet? Die Feier ist schlicht, herzlich und lädt zu einer geerdeten, lebendigen Spiritualität und zu einer stärkenden Mahlfeier ein. Diese Frau, die da vorne im Altarraum steht, treffende Worte findet, mich zum Innehalten und Neuausrichten inspiriert, sie wird plötzlich zum Bild für etwas, was vorher nicht denkbar, ahnbar, spürbar war: So könnte es sein, wenn Frauen Priesterin in der römischkatholischen Kirche wären! Ich hatte gar keine Vorstellung davon, was das emotional und konkret für mich verändern würde. Es wird plötzlich greifbar: Das Geschehen im Gottesdienst hätte so viel mehr mit mir zu tun, würde so viel persönlicher und direkter zu mir sprechen und ich müsste weniger Übersetzungsarbeit leisten. Ich und wir alle dürften in unserer ganzen Vielfalt angesprochen sein, wenn die, die uns ansprechen, der Vielfalt göttlicher Schöpfung entsprächen: Männer, Frauen, Verheiratete, zölibatär Lebende, Verliebte, Familienmenschen, Einzelgänger*innen, Geschiedene, Queere – Kinder G’ttes – eine vielfältige Mahlgemeinschaft. Es schmerzt und macht mich wütend, dass gerade diese Mahlgemeinschaft, die Eucharistie, in meiner Kirche zu einem Symbol der Trennung geworden ist. Trennlinien werden gezogen: entlang der Geschlechter, der Konfessionen, des Lebensstandes. Es wird bürokratisch abgewogen oder dann mit römischen Machtwörtern abgekanzelt: Roma locuta, causa finita. Was als Fest der Gemeinschaft, der Sättigung und der Dankbarkeit seinen Anfang nahm, hat sich zum vollends neurotischen «Essverhalten » entwickelt, penibel bedacht um Reinlichkeit, geprägt von Kontrolle und Ausschluss, voller Obsessionen.

Von den Anfängen …

Christliche Mahlfeiern entstanden nicht aus dem Nichts. Sie haben sich entwickelt und in Wechselwirkung mit Werten und Bräuchen je nach Ort und Zeit verändert. Weil sie ein kulturelles Produkt sind, lohnt sich ein Blick in ihre liturgische Entwicklung. Genaue Kultvorschriften für die christliche Mahlfeier finden sich im zweiten Testament der Bibel keine. Biblische Stellen zu Mahlgemeinschaften zu finden hingegen, ist weniger ein Problem des Findens als eines der Auswahl: Es gibt sie zahllos. Sie erzählen von gebratenem, von Fett triefendem Fisch am Meer, von gebrochenem Brot, von Dankesworten, von Abschiedsstimmung und Jenseitsahnung, von Wein und Brot im Überfluss, von Geselligkeit und Lebensrettung. Sie markieren Übergänge, stiften Freundschaft, offenbaren Verräter und lassen den Himmel spürbar werden. Sie sind körperlich, sättigend, lustvoll. Die zentrale Mahlfeier ist sicherlich jene am Vorabend von Jesu Kreuzigung: das Abendmahl, dieses Abschiedsfest, von dem uns die Evangelisten die Signalworte der heutigen christlichen Mahlfeier überliefert haben: «Er nahm das Brot, sagte Dank, brach es und reichte es seinen Jünger*innen.» Auf dieses Abendmahl beziehen sich die Mahlfeiern der ersten Christ*innen. In den ersten Jahren des Christ*innentums bestand eine grosse Vielfalt von Mahlformen. Sie machte aus, dass sie eine gemeinschaftliche Feier der Erinnerung an Jesu Leben, Tod und Auferstehung, ein Schöpfungsdankfest und eine Anrufung Gottes waren. Bereits im 2. Jahrhundert nach Christus setzte auch eine Verschriftlichung solcher Formen ein. Dadurch nahm die Eucharistie nach und nach eine feste liturgische Form an. Das eucharistische Mahl wurde vom Sättigungsmahl getrennt und wurde ein primär liturgisches Geschehen. Später, im Mittelalter dann, wurde die Position des Priesters auf seine liturgische Funktion verengt und er nahm immer mehr die Rolle eines Mittlers zwischen Gott und den Menschen ein.

Priestermacht

Die Macht, das Brot in der Messe zu «konsekrieren», zur «Wandlung» zu reichen, wurde zeittypisch abergläubisch überh.ht. Damit wurde auch die Person, die diese Wandlung zelebrierte, überhöht. Ohne Priester keine Gemeinschaft mit Gott, keine «Communio». Die Folgen davon sind bis heute überdeutlich. Auf das Frühmittelalter geht auch ein starker Reinlichkeitskult zurück, der sich bis heute hält: Der Priester soll mit (namentlich: sexuell) reinen Händen zelebrieren, das ausgeteilte Brot muss weiss sein. Im Hochmittelalter wurde schliesslich das alltägliche, in der Küche gebackene und nährende Brot, das gebrochen und verteilt wurde, von den heute noch üblichen Hostien verdrängt. Um eine «Entheiligung » beim Brechen des Brotes zu vermeiden, übernahm ein dünnes, trockenes Plättchen ungesäuerten Teiges, das direkt und einzeln ausgeteilt werden konnte, die Funktion des Abendmahlsbrotes. Die Trennung zwischen liturgischer Handlung und alltäglichem Leben mit all seinen Dimensionen, wurde damit noch schärfer gezogen. Die Messe wurde immer mehr zum Opfer, für das eine göttliche Gegenleistung erwartet wurde, zelebriert vom Priester, beobachtet von frommen Zuschauer*innen. Die sogenannten Privatmessen kamen auf, Messen wurden für viel Geld erkauft und quasi im Akkord zelebriert.

Mehlstaub und lebendige Hefe

Auch wenn seit dem Mittelalter Liturgiereformen, ja fast schon -revolutionen, erkämpft und errungen wurden, ist die Eucharistiefeier, wie ich sie heute kenne und erlebe, liturgisch wie sozial von einer gemeinsamen Mahlfeier so weit entfernt, wie sie nur sein kann. Von einer «Demokratisierung der Eucharistie », wie sie um 1920 und während der Konzilszeit in den 1960er Jahren ausgerufen wurde, kann bis heute nicht die Rede sein. Die von der feministischen Theologie mit viel Kreativität geschaffenen alternativen Mahlfeiern sind teilweise wieder verschwunden, sind seltene Ausnahme, oder wirken selber inzwischen wenig einladend und leicht aus der Zeit gefallen. Dabei wären eine Erinnerung und Wiederbelebung zumindest ihrer Grundsätze dringend notwendig. Mit ihrer Sprache, auch der Sprache der Zeichen, konstruiert und inszeniert die Eucharistie Geschlechterverhältnisse und Hierarchien und bestimmt dadurch, ob das Geschehen als partizipativ oder als bevormundend und ausgrenzend erlebt wird. Es ist ein offenkundig misogyn geprägtes Geschehen, die Eucharistie heute. Oft habe ich den Eindruck: Alles, was mit Weiblichkeit assoziiert wird – Körper, Emotionalität, Natur, Carearbeit –, hat im geheiligten Altarraum keinen Platz. Mehlstaub, lebendige Hefe, knetende Hände – sie gehören in die Küche. Töpfe, Kellen, Litermasse – mit dem heiligen Brot, haben sie nichts zu tun. Und Körper, die sich in Emotionalität, Hingabe und Sehnsucht um den Altar bewegen, sich treffen, Gemeinschaft stiften – sie sind meiner Kirche nicht geweiht genug. Wie betont unkörperlich der Altarraum ist, zeigt sich immer dann, wenn Körperlichkeit doch nicht vollständig verdrängt werden kann: Ein niessender Priester, ein für einen langen Körper zu kurzes Messgewand oder die Händedesinfektion in Corona-Zeiten. Es lässt sich nicht verhindern: Der Körper ist von Gewicht.


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© Pascale Amez

«Dies ist mein Leib»

Für meinen Feminismus und mein Leben überhaupt sind die Texte der Philosophin Judith Butler sehr prägend. Immer wieder hole ich das wunderbar zerknautschte «Unbehagen der Geschlechter» (1991) oder den «Körper von Gewicht» (1997) aus dem Regal. Und ich frage mich, ob in der Liturgiewissenschaft nicht öfter auf Butlers Thesen zurückgegriffen werden sollte. Liturgie ist ein Geschehen, bei dem viele zentrale Theoreme Butlers beobachtet werden könnten: G’ttesdienst ist performativ, materialisiert g’ttliche Gegenwart, funktioniert nur in der Versammlung verschiedener Körper, konstruiert und inszeniert Geschlechteridentitäten, schreibt sich in Körper ein … Das gäbe zahlreiche spannende Analysen! Die Einsetzungsworte beim Abendmahl sind so gesehen quasi das Paradebeispiel für einen performativen Akt in Butlers Verständnis: Weil die Einsetzungsworte eingebettet sind in die christliche Lehre und Tradition, in das Setting des Gottesdienstes, in die Wiederholung der gleichbleibenden Worte, in den Glauben der Gemeinde – also insgesamt in den Diskurs –, stellen sie etwas her, schaffen eine Wirklichkeit. Butlers Verständnis von Performativität, diesem «Schaffen einer Wirklichkeit», ist nicht nur ein sprachliches: Abendmahl ist Sprach-Handlung. Das heisst natürlich nicht, dass mit den Einsetzungsworten als Zauberspruch plötzlich Brot da wäre, wo vorher keines war, oder dass G’tt herbeigezaubert würde, ohne vorher präsent zu sein. Genauso wie auch Geschlecht nicht durch Sprechakte aus dem Nichts entsteht. Aber der Sprechakt «Mahlfeier» in seiner Gesamtheit kann g’ttliche Gegenwart im Teilen und Essen des Brotes greifbar und präsent machen. Die Mahlfeier hat das Potential, Dankbarkeit, Agape, Gemeinschaft, Auferstehung, G’tteserfahrung in den anwesenden Körpern zu materialisieren.

Das Amen tanzen

Für Butler ist Performativität auch dadurch gekennzeichnet, dass sie sich zitatförmig an Normen orientiert und dabei zwangsläufig scheitern muss. Butler beschreibt dieses Zitieren, wenn sie von Geschlecht spricht. Die Normen von Weiblichkeit geben vor, wie Weiblichkeit auszusehen hat – was Weiblichkeit aber ist, ist nicht ontologisch, ewig, vordiskursiv, sondern das Ergebnis performativer Inszenierungen, die sich selbst erfolgreich als Sein darstellen. Die Konstruiertheit von Geschlecht ist durch diese Inszenierungen verschleiert – es wirkt natürlich. Das lässt sich auch auf G’ttesdienstgeschehen übertragen. Es bleibt unvollkommenes, brüchiges Abbild eines nichtgreifbaren Originals, von dem wir zu wenig wissen und das längst überlagert ist. Gleichzeitig wirkt es «geschichtslos», quasi natürlich und ewig. Und nicht selten werden Änderungswünsche, Reformen mit dem Argument abgetan, man müsse sich schliesslich «am Original» orientieren – es sei immer schon so gewesen. Doch: In dieser Wiederholung ohne Original bilden sich ständig Risse, die Zitate können leicht verschoben werden, sind für Veränderung offen. Wenn Personen sich in katholischen Gottesdiensten bewegen, deren Körper den spezifischen «Eucharistie»-Habitus nicht gelernt haben, fallen deren Körper auf. Sich gerade einreihen, Hände ausstrecken, artig «Amen» sagen, umdrehen, hinsetzen, schweigen. Diese Brüchigkeit reizt mich: Manchmal kribbelt es in meinen Fingern oder Füssen, aus dieser Choreografie herauszutanzen, mal zu schauen, was passieren würde, wenn ich zur Kommunion hüpfte, die Banknachbarin beim Friedensgruss um eine Umarmung bäte, beim nächsten Priester, der verzweifelt die Textstelle im Messbuch sucht, einfach an seine Seite träte, mit den Worten: «Lass mich dir helfen, gemeinsam geht’s leichter.» Manchmal in der Eucharistiefeier, da schmecken meine Schritte die Befreiung, da singen meine Hände die Auferstehung, da tanzt mein Becken das «Amen». Wie können wir in dieser Liturgie Platz schaffen für erlebte Auferstehung und Befreiung? Für den Frust und den Schmerz von Frauen, Lesben, trans- und intergeschlechtlichen Menschen dieser Kirche? Für die Liebe, für Agape? Für Körper von Gewicht?

G’ttes Gewichtsprobleme

Magdalene Frettlöh hat in der FAMA «GewICHt» (4/2008) von den Gewichtsproblemen G’ttes geschrieben. Kann G’tt Gewichtsprobleme haben? Frettlöh sagt: «Hat Gewicht aber mit Beziehung und Kommunikation, mit sozialer Anerkennung und Beachtung zu tun, dann kann auch Gott sehr wohl Gewichtsprobleme bekommen, wenn nämlich Menschen Gottes Namen entehren und missbrauchen, Gottes Gebote ignorieren, wenn ihnen Gott gleichgültig geworden ist, oder wenn sie Gott vor den Karren eigener Machtinteressen spannen. » In ihrem Buch «Gott Gewicht geben. Bausteine einer geschlechtergerechten Gotteslehre» plädiert sie vehement dafür, die «kavod» G’ttes – das ist der hebräische Begriff für Ehre, Glanz, Herrlichkeit oder eben Gewicht – ernst zu nehmen. Statt G’tt zu verharmlosen, sollen wir vielmehr dafür sorgen, dass Gott «schwer von Begriff» ist, dass G’tt nicht in bestimmte Bilder gepresst und auf bestimmte Begriffe gebracht wird, sondern unvorhersehbar bleibt. Was wäre also, wenn wir die Unvorhersehbarkeit G’ttes radikaler in die Risse und Brüche unserer Liturgie treten liessen? Wenn die gemeinsame Mahlfeier vor «kavod» triefen würde? Statt voller berechenbarer Worte, die Präsenz feiernder Leiber, gewichtiger Leiber, in denen G’tt gegenwärtig wird? Wie sähe eine kavodologisch gegen den Strich gebürstete Mahlfeier aus? Eine, die bewusst macht: Das, was wir hier tun, ist nicht etwas Schöngeistig-Individuelles, sondern ein Akt von radikalem Teilen, das gefeierte Sakrament ist ein Beziehungsereignis und unsere Körper sind der Ort der sakramentalen Begegnung. Ich und wir alle dürften in unserer ganzen Vielfalt angesprochen sein: Eine gemeinsame Mahlfeier «von kavod» würde die Schönheit und die Macht der Schöpfung, zu der wir gehören, feiern. Sie würde uns daran erinnern, dass wir zur friedlichen Mit-Gestaltung dieser Schöpfung aufgerufen sind, nicht zur Herrschaft. Sie förderte unsere Kreativität. Sie würde Gemeinschaft über den Tod hinaus stiften und wäre ein Auferstehungs-Geschehen, wäre geistige und körperliche Stärkung, Aufrichtung. Sie sagt: «Nahrung ist gut für eure Rettung.» Und vieles mehr.