Das Nachtessen am Familientisch gehört wesentlich zu meinen Kindheits- und Jugenderinnerungen. Wir erzählten uns gegenseitig von unserem Tag, diskutierten, stritten und lachten gemeinsam. Im Nachhinein kommt es mir so vor, als ob Erlebtes erst dadurch eigentliche Wirklichkeit erlangte, dass es den Filter des Teilens am Familientisch erfolgreich passiert hatte. Was unerzählt blieb, wurde schnell vergessen. Im Erzählt- und Gehörtwerden wurde aus dem Erlebten erst Geschehenes und dann Erinnerung.
Ezechiels Berufungsmahl (Ezechiel 2,8-3,3) erschliesst mir eine weitere Dimension: Unsere Mahlgemeinschaft teilte Genussvolles, aber auch schwer Verdauliches. Zusammen kauten wir an den harten Brocken, tranken gemeinsam auch die bitteren Kelche. Ezechiel hatte es vorgelebt: das Unschluckbare geschluckt, das Unverdauliche verdaut und damit das unerträgliche Leid Israels mitgetragen und erträglich gemacht. Uns half das Teilen am Familientisch, Erfahrungen zu verarbeiten, buchstäblich: zu verdauen.
Die allabendliche Mahlgemeinschaft scheint mir etwas vom Wertvollsten, das wir miteinander pflegten. Nicht nur weil sie aus Gedachtem Gesagtes, aus Erzähltem Erinnertes, aus Geschlucktem Verdautes werden liess, sondern auch, weil wir uns am Familientisch ganz aufeinander einliessen. Indem wir einander achtsam zuhörten, schufen wir aus verlebter Zeit gelebtes Leben, verliehen ihm Qualität, Sinn und Bedeutung.