Ausgabe 2022/1

«Dein Glaube hat dich gesund gemacht!?» | Kampfansage eine*r behinderten Christ*in

Ich bin Toni. Ich bin behindert. Und ich bin Christ*in.
Text: Toni Dedio / 11.06.2025

Diese drei Sätze so sagen zu können, hat Zeit und Mut erfordert, tut es heute noch. Behindert bin ich seit meiner Geburt, getauft bin ich es auch. Per Nottaufe. Doch irgendwie hat es bis zu meinem 14. Lebensjahr gedauert, bevor ich diese beiden Dinge in mir verbunden und zelebriert habe. Behindert sein ist, ähnlich wie offen gläubig zu sein, in der heutigen Gesellschaft etwas, was eine*n anders macht, wie ich finde, besonders macht. Doch diese Umstände können auch angreifbar machen. Ich habe mich schon oft rechtfertigen müssen. «Wie kannst du noch glauben, wenn es diese ganzen Heilungsgeschichten gibt?» Dass ich nicht «heile» werde, es niemals sein werde, schwingt (meist ungesagt) mit.

Heilungsgeschichten der Bibel – Fluch oder Segen?

Heilungsgeschichten. Die Krux behinderter Christen. Zumindest bei denen ohne eine Aussicht auf Heilung, wie mir. Es wird versprochen, dass für mich gebetet werde. An anderer Stelle wird mir vorgeworfen, dass ich nicht (genügend) beten würde. Neben den «Ratschlägen» mancher Christ*innen gibt es da aber noch etwas, was weniger einfach abzuwinken ist. Die Bibel. Zentrales Schriftstück des Christentums. In ihr, besonders im Neuen Testament, gibt es viele dieser Heilungsgeschichten. Weit über fünfundzwanzig Mal wird unermüdlich davon erzählt, wie Jesus Kranke heilt. Kranke, Versehrte, in allen Formen und Farben. Menschen, die wir heute wahrscheinlich als behindert bezeichnen würden. Krüppel, wie mich. Jesus heilt, Menschen werden geheilt, sind froh – die Menge staunt über das Geschehene, seine Autorität. Hier wird kein Platz gelassen für andere Emotionen als Glück, Freude, Ekstase. Endlich nicht-behindert, endlich frei. Kein Wort über die Zeit vorher, über das, was nun nicht mehr ist.

Im Ringkampf mit der Heiligen Schrift

Und ich, als behinderte Leser*in? Beisse mir daran die Zähne aus. Denn ihre Realität entspricht nicht der meinen. Was also tun? Als historisch-kritische Theolog*in ist für mich Überspringen keine Option. Dafür sind diese Erzählungen zu häufig, als dass sie einfach beiseitegeschoben werden könnten. An ihnen reibe ich mich, seitdem ich alt genug bin, sie selbst zu lesen. Und diese Reibung erzeugt Wärme, erzeugt Funken, die mich unermüdlich zum Weitermachen antreiben. Ich bin verbissen genug, sie immer wieder zu überdenken, frei nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht. Aber in Schubladen will ich sie deswegen trotzdem nicht stecken. Das wäre zu einfach, da würde ich meinen Kritiker*innen in die Hände spielen, damit wäre ich selbst nicht zufrieden. Jesus, G*tt. Beide verdienen mehr als Schubladendenken. Sie sind doch in ihnen gar nicht einzufassen. Sie sprengen sie doch gerade auf.

Behinderung ist (k)eine Sünde

Doch es ist nicht nur die Darstellung der Evangelisten, die mich stört. Nein, es ist auch die damals weit verbreitete Begründung von Behinderung als Resultat des Tun-Ergehen-Zusammenhangs. Behinderung als Strafe für Sünde. Jetziges Versehrt-Sein als eine Folge von vorherigen Fehlern. Dieses Motiv wird im Johannes-Evangelium aufgenommen, Jesus wird vor einem blinden Mann von seinen Jüngern genau darüber befragt. Jesu Antwort ist dabei eine, die gemischte Gefühle in mir auslöst. Er sagt zwei schlichte Sätze, gespickt mit Dynamit und der Möglichkeit, die Sicht auf die Dinge zu verändern. «Weder war er selbst ein Sünder, noch waren es seine Eltern. Vielmehr sollen die Taten G*ttes an ihm sichtbar werden.» (Johannesevangelium 9,3; BasisBibel) Zum einen: Gut, Schuld hat also direkt keine*r – mit dem alten Glauben wird hier ein Stück weit aufgeräumt. Aber mal ehrlich Jesus, was soll das? Du stellst diesen Blinden hin, von allen gesehen – exemplarisch. Und deine Worte können zweifach gelesen werden.

G*ttes behinderte Absicht?

Die Taten G*ttes sollen sichtbar werden. Was heisst das genau? Wird hier G*tt, oder Jesus selbst, mit seiner Macht in den Vordergrund gestellt, damit er sich jetzt beweisen kann? Das Wunder schlechthin, par excellence? Wenn ja, warum dann gerade ein behinderter Mensch? Warum nicht wieder Wasser in Wein verwandeln? Weil Handlungen auf menschlicher Ebene Empathie hervorrufen, Ehrfurcht und schlussendlich Glauben erzeugen sollen? Bei mir produziert es eher ein Aufseufzen. Nicht schon wieder, das gab es doch schon vorher viele Male. Doch irgendwie lässt mich diese Erzählung nicht los. Die obige ist nur eine von vielen Interpretationen. Denn sie kann auch anders verstanden werden. So ist es mit vielen Erzählungen und Zeugnissen. Die Bibel hat dahingehend viel Potenzial: Sie kann als verletzendes Werkzeug oder als aufbauender Zuspruch gebraucht werden. Es kommt ganz auf die Intention an, mit der den Menschen begegnet wird. Mit diesem Gefühl werden sie die Situation auch wieder verlassen, voll Zuversicht geliebt zu sein – oder niedergeschlagen.

Behinderung als G*ttesgeschenk

Behindert zu sein ist nicht (immer) einfach. Da möchte ich niemandem etwas vormachen. Etwas zynisch lasse ich gerne mal verlauten: Jeder Tag ist ein Geschenk, manche sind nur etwas blöd verpackt. Behindert sein erfordert vor allem Durchhaltevermögen und Flexibilität. Doch ich bin der Meinung, dass behinderte Menschen gewollt sind. Von ihren Liebsten und von der, die die Liebe ist: G*tt. G*tt zeigt sich in den (gesellschaftlich) Niedrigsten, erhöht sie sogar. G*tt erniedrigt sich selbst. Als Baby, am Kreuz. Ist und wird verletzlich, versehrt. Jesus kennt Schmerz wie kein anderer. G*tt tat G*ttestat, indem sie behinderte Menschen auf die Erde tat. Auch so werden Taten G*ttes sichtbar. Ich sehe das so: Vielleicht sind wir eine Möglichkeit, den Menschen und vielleicht gläubigen Menschen im Besonderen aufzuzeigen, was sich an unserer inhärent ableistischen, also strukturell behindertenfeindlichen, Gesellschaft noch alles ändern soll, ja muss. Damit sie zu einem Stückchen Himmel auf Erden wird.

In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen…

Wohnungen, die auf unser aller Bedürfnisse eingehen. Der Himmel ist barrierefrei, davon bin ich überzeugt. Eine Himmelsleiter gibt es, also wird es doch wohl auch eine Rampe geben, oder? Und ich bin mir sicher, Engel können Gebärdensprache. G*tt stellt jede*n von uns vor die Aufgabe, dass die Dinge nicht so bleiben müssen – ja, nicht so bleiben dürfen –, wie sie jetzt sind. Jede*r soll mit anpacken, die g*ttgegebenen Talente nutzen.

Und Zuhören gehört zu diesen Fähigkeiten, die sicher auch erlernt werden können. Heilungsgeschichten, Heilungswunder müssen heutzutage anders, sensibler gelesen werden. Nur so sind sie weiterhin relevant, auch in der Zukunft.

Heilung impliziert Krankheit, impliziert ein Kaputt-Sein, vermittelt Bedürftigkeit. Doch ich bin nicht krank oder gar kaputt – ich bin behindert. Und auch noch stolz drauf. Ich möchte und werde gehört werden. Da bin ich sicher. Denn Kirche und Glauben werden vielfältiger und besser, je mehr Stimmen zum Klingen gebracht werden können. Und beides profitiert davon, überlebt damit.

Und nun? Wege heraus aus ableistischer Theologie

Doch wie gehen auch nicht-behinderte Theolog*innen jetzt mit diesen Passagen um? Sie müssen, um mit Worten Rudolf Bultmanns zu sprechen, «entmythologisiert» werden. Es gilt, die Erzählungen auf ihren Wirklichkeitsgehalt hin zu untersuchen und die eigentliche Aussageabsicht herauszuarbeiten. Augen auftun in einem anderen Sinn – einfach mal den Blickwinkel ändern. Ansporn bekommen und losgehen. Ein gutes Wort mit auf den Weg bekommen, der dann erleichtert wird. Zu wissen, dass Jesus Menschen sieht, so wie sie sind. Und das in einer Gesellschaft, die bei allem, was nicht der Norm entspricht, erst einmal ein Problem sieht. Dagegen ist Jesus ein Weltmeister im Anpacken, im «einfach Machen». Dem gilt es, wie ich finde, nachzueifern. Das ist wahres Christentum: Welt verändern, jeden Tag ein kleines Stück. Den eigenen Horizont erweitern. Behinderte Personen von Anfang an in solche Diskussionen mit einschliessen und diese Gespräche damit erweitern. Fortschritt geht nur mit uns und nicht im Gespräch über uns.

Ordnung finden im Chaos des «Begriffskuddelmuddel»

Wenn kerngesund die Norm ist, die uns zumindest rein theoretisch einen Vorsprung im Leben verschafft, was heisst das dann für alle jenseits davon? Für mich? Schaffe ich weniger, dann bin ich weniger wert? Nein. Natürlich nicht. Das gilt nicht bei einem G*tt, die gesagt hat: «Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.» (Jesaja 43,1) Biblische Erzählungen sind integraler Teil christlicher Lebensweise, sie prägen unser Denken und damit auch unsere Wahrnehmung. Doch sie können unterschiedliche Assoziationen hervorrufen. Mein Körper mag versehrt sein, anders sein. Meine Seele dann aber auch. Für mich gehört beides untrennbar zusammen. Aber versehrt sein ist nicht mit schwach sein gleichzusetzen. Wenn es so wäre, dann wäre Jesus mit seinen Kreuzesmalen – nach der Auferstehung (!) – auch schwach, und das stimmt nun wirklich nicht. Nein, versehrt sein heisst nach meinem Verständnis: stark sein. Es heisst, Verletzung zuzulassen. Unsere «versehrten» Körper sind Zeugnis unserer Widerstandskraft. Und mit dieser Widerstandskraft setzen wir andere Kraft frei. Unser Glaube, der uns begleitet, macht uns nicht gesund, sondern stark. Nicht behindert zu sein ist ein Zustand, der sich jederzeit ändern kann. Versehrtheit macht uns stark. Zusammen mit einem Funken Glauben sind wir in der Lage, all dem zu trotzen, was da noch kommt.