Ausgabe 2022/1

Die Frage nach der Ewigkeit

Was geschieht am Ende mit den Versehrungen des Lebens?
Text: Amira Hafner-Al Jabaji, Christine Stark / 11.06.2025

Was geschieht am Ende mit den Versehrungen des Lebens? Was bedeutet Versehrtheit angesichts der Ewigkeit? Ist Körperlichkeit im Himmel vorstellbar, oder sollen wir uns aller Spekulationen enthalten? Unter uns FAMA-Frauen flackerte ein Gespräch auf, das zwei von uns in einem islamisch-christlichen Nachdenken weitergesponnen haben.

CS: Bei Trauergesprächen erlebe ich als Pfarrerin eigentlich nie, dass Angehörige, die sich über ein Leben nach dem Tod äussern, über körperliche Fragen nachdenken. Versehrtheit oder Unversehrtheit scheinen kein Thema zu sein. Einzig die Frage blitzt manchmal auf, in welchem Alterszustand wohl die oder der Verstorbene in Ewigkeit sein werde.

AHA: Ich stelle mir nicht so sehr die Frage, wie wir im Jenseits weiterleben. Überhaupt mache ich mir wenig Gedanken über die Beschaffenheit des Jenseits und allem, was da sein wird. Da bekunde ich auch Mühe mit der Esoterik. Als Kind habe ich mich immer etwas gewundert, wenn um mich herum Menschen davon sprachen «(nicht) in den Himmel» zu kommen. Die Bezeichnung «Himmel» für das Jenseits taucht im Koran nicht auf. «Himmel», oft im Plural verwendet, wird mehrheitlich als Teil der Schöpfung und als Gottes Herrschaftsgebiet beschrieben. Es gibt aber in der Volksfrömmigkeit die Vorstellung der Himmel als die sieben Sphären, in denen sich etwa Engel oder die Propheten befinden.

Also eine unkörperliche und damit auch versehrungslose Ewigkeit?
CS:
Im Neuen Testament ist das «himmlische Festmahl» eine gängige Metapher, die die jesuanische Jenseitsvorstellung eindeutig leiblich erzählt. Andererseits weist Jesus Spekulationen auch zurück. So verwickeln ihn Sadduzäer, eine Gruppe, die die Auferstehung ablehnt, in eine Diskussion darüber, wie es denn mit einer mehrmals verheirateten Frau sei, wenn sie in den Himmel käme: Wessen Frau wäre sie dann? Doch Jesus lässt sich auf die Fangfrage des Gedankenexperiments nicht ein. Er verweist darauf, dass im Himmel nicht geheiratet, sondern engelsgleich gelebt werde. Bedeutet dies, dass Sexualität – also etwas, das enorm leiblich ist und zugleich auch mit Versehrungen verbunden sein kann – im Himmel wegfällt? Während also Jesus direkte Übertragungen irdischer Zustände ins Jenseits zurückzuweisen versucht, öffnet sein Engelsvergleich Spekulationen Tür und Tor. Überhaupt haben einige biblische Sprachbilder über «das Reich Gottes» dazu geführt, dass christliche Kunst recht konkrete Jenseitsszenarien ausgemalt hat.

AHA: Der Koran spricht davon, dass Gott den Menschen im Diesseits erschaffen hat, ihn sterben lässt, und ihn ein zweites Mal im Jenseits erschaffen wird. Dieses nochmalige Erschaffenwerden wird zwar durchaus auch in einem körperlichen Sinn verstanden. Aber wie genau, unterliegt der Spekulation, vor welcher der Koran warnt. Es gibt Dinge, über die Gott dem Menschen Wissen vermittelt hat, und andere, über die Gott kein Wissen gegeben hat. Der Mensch soll sich dem fügen, und Nichtwissen nicht mit Spekulation füllen.

Fast scheint der Auferstehungsglaube selbst versehrt zu sein …
CS:
Das Spekulative ist heutzutage generell suspekt. Im Christentum, zumindest in der mir vertrauten reformatorischen Prägung, erscheint das Nachdenken über das Jenseits verblasst und nebensächlich. Dabei gehört gemäss dem Apostolikum, einem zentralen christlichen Glaubensbekenntnis, seit frühkirchlicher Zeit «die Auferstehung der Toten und das ewige Leben» zu den grundlegenden Glaubensvorstellungen. Allerdings sind die reformierten Kirchen in der Deutschschweiz bekenntnisfrei, d. h., dass bei ihnen Glaubensbekenntnisse nicht verbindlich sind, eher Privatsache als gemeinsam gepflegter Glaubensschatz. Die Jungfrauengeburt etwa oder die Himmelfahrt werden als antike Vorstellungen eingeordnet und beiseite geschoben. Manchmal frage ich mich, ob daher für viele hierzulande auch die Auferstehung und das ewige Leben nur noch veraltete Bekenntnisworte, aber keine eigenen Glaubensinhalte mehr sind.

AHA: Nicht nur Jenseitsvorstellungen, sondern der Glaube an ein Jenseits schlechthin ist in weiten Teilen unserer Gesellschaft nicht mehr verankert. Laut einer Umfrage des Erfurter Instituts INSA Consulere vom September 2021 stimmten nur 34 % der befragten Katholik*innen der Aussage zu: «Ich glaube, dass ich nach meinem Tod für mein Leben zur Rechenschaft gezogen werde, egal ob im Guten oder im Schlechten.» 36 % antworteten mit «nein». Über alle Konfessionen gesehen fiel das Verdikt noch deutlicher aus. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod und insbesondere an den Yaum al-qiyāma (der Tag der Auferstehung) ist im islamischen Glaubensverständnis fundamental und fällt praktisch mit dem Glauben an Gott zusammen. Das «Heilsversprechen» nach islamischer Lesart bezieht sich auf alle Menschen, die an Gott und den Jüngsten Tag glauben. Für Muslime gelten zudem der Glaube an die herabgesandten Bücher (u. a. Psalmen, Tora, Evangelium, Koran), an die Propheten (alle von Adam über Noah, Abraham, Mose, bis Jesus und Muhammad), an die Engel und an die Vorherbestimmtheit im Guten wie im Schlechten. Es erstaunt mich, dass bei besagter Umfrage auch nur 46 % der muslimischen Befragten der genannten Aussage zugestimmt haben. 18 % verneinten.

Wie aber verhalten sich das Jetzt und das Danach?
CS: Ich frage mich: Wertet die Auferstehungshoffnung unser irdisches Leben auf oder ab? Wer glaubt und nur ins Diesseits schaut, kann nicht über die grosse Spannung zwischen «Soll» und «Ist» hinwegsehen: Gott will kein Leid («Soll»), allerdings gehören Leid und Versehrtsein zu unserem Leben («Ist»). Könnte beides nicht im Jenseits in ein neues Verhältnis gesetzt werden?

AHA: Eine wichtige Frage. Dass es so oder so einen Einfluss auf das eigene Leben und die Lebensbetrachtung hat, scheint mir klar. Gerade hatte ich – notabene am Rande eines katholischen Abschiedsgottesdienstes – eine Diskussion mit einem jungen Philosophiestudenten, der zwar katholisch sozialisiert ist, aber sich nicht an die kirchliche Lehre gebunden sieht. Seine Aussage war: «Gerade, dass ich nicht an ein Jenseits glaube und dieses Leben für einzigartig halte, macht es doch kostbar. Wer ein weiteres, ewiges Leben in Aussicht hat, ist dazu verleitet, achtlos mit dem Diesseits umzugehen.» Ich sehe das anders. Das diesseitige und das jenseitige Leben sind nicht zwei von sich losgelöste Einheiten. In der islamischen Tradition gilt das irdische Leben als Saatfeld, das jenseitige als die Ernte.

Wenn die Saat des Lebens im Jenseits geerntet wird, heisst das dann Vergeltung? Heilung? Lohn?
AHA: Der Koran erwähnt den Jüngsten oder Letzten Tag, Yaum al-aḫīra oder Yaum al-qiyāma, sehr häufig und verwendet neben diesen beiden noch weitere Bezeichnungen, z. B. Yaum al-ḫisāb (Tag der Abrechnung), Yaum ad-dīn (Tag der Religion) oder auch Yaum al-ba’ṯ (Tag des Erwachens). An diesem Tag soll gemäss Koran die gesamte Menschheit vor Gott stehen, und jedeR Einzelne wird durch Gott gerichtet werden. Nach diesem Richterspruch ist eine ewige Existenz entweder in der Hölle oder im Paradies verheissen. Beide werden mit ewigem körperlichen und seelischen Leiden bzw. vollkommener Erfüllung, Friede und Heil umschrieben.

CS: Im Christentum gibt es ganz ähnliche Vorstellungen – nur sind diese in weiten Teilen Westeuropas, sicherlich in der landeskirchlichen Landschaft der Schweiz, als überkommen verpönt. Die reformatorische Ablehnung des Drohpotentials einer Höllenvorstellung führt 500 Jahre später dazu, dass auch die Paradiesvorstellung zunehmend verblasst. Als evangelische Theologin stehe ich vor der Herausforderung, die Auferstehungsverheissung und das damit geglaubte paradiesische Leben in der Gegenwart Gottes zu verkünden, ohne das dualistische Gegenbild von gottfernen Höllenqualen zeichnen zu müssen. Die Radikalität der Aussage, dass Gott alle Menschen liebt und Gottes Gnade keine Grenzen hat, ist für Menschen eigentlich unglaubbar. Es ist schlicht nicht zu verstehen, dass das menschliche Handeln im Guten wie im Schlechten nicht «abgerechnet» wird, sondern Gratia (Gnade) gratis ist.

Die Hölle löschen und das Paradies anheizen?
AHA: Im Koran gibt es viele Stellen, an denen es heisst: «Gott liebt nicht diejenigen, die Unrecht tun.» Gottes Liebe hat nach menschlichem Ermessen so gesehen durchaus Grenzen. Hingegen postuliert Gott im Koran Barmherzigkeit als eine Selbstverpflichtung gegenüber dem Menschen. Gott kann also barmherzig zu einem Geschöpf sein, dessen Taten Gott nicht liebt. Auch in der islamischen Mystik gibt es eine starke Tendenz, die Dualität zu überwinden, um in die «göttliche Einheit» einzutreten. Ein berühmtes Zitat liefert die Legende zur Mystikerin Rabi’a al-Adawiyya (gest. 801 n. Chr.). Sie sei mit einer brennenden Fackel und einem Eimer Wasser durch ihre Stadt Basra gelaufen und habe erklärt: «Ich will Wasser in die Hölle giessen und Feuer ans Paradies legen, damit diese beiden Schleier verschwinden und niemand mehr Gott aus Furcht vor der Hölle oder in Hoffnung aufs Paradies anbete, sondern nur noch um Gottes ewiger Schönheit willen.»