Ausgabe 2022/1

Die Attraktivität der «Versehrten» | Ein religionswissenschaftlicher Blick auf Christentum und Behinderung

Ein «Versehrter» oder eine «Versehrte» ist laut Duden «eine Person, die (besonders durch einen Unfall oder eine Kriegsverletzung) körperbehindert ist».
Text: Ramona Jelinek-Menke / 14.04.2025

Das Wort «Versehrtheit» wird also mit Behinderung in Verbindung gebracht. Wenn wir nach der Rolle von «Versehrten» oder des «Versehrtseins» im Christentum fragen, liegt es deshalb nahe, dass wir uns mit der Rolle von behinderten Menschen und von Behinderungen im Christentum beschäftigen.

Geforderte Inklusion

Seit 2008 die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen in Kraft getreten ist, gewinnt das Thema Behinderung innerhalb der christlichen Theologie an Bedeutung. Dies zeigt sich etwa darin, dass vermehrt Bücher zu diesem Thema veröffentlicht werden. Theolog:innen schreiben insbesondere über sog. geistige und schwerste Behinderungen. Genau wie beim Begriff der «Versehrtheit» werden dabei auch Behinderungen mit Schädigung, Unvollständigkeit und Leid gleichgesetzt. Solche Gleichsetzungen werden von vielen behinderten Menschen abgelehnt. Aktivist:innen mit Behinderungen engagieren sich mit Büchern, Podcasts, Workshops etc. dafür, dass Menschen mit Behinderungen nicht immer nur als körperlich oder intellektuell geschädigt, unvollständig und leidend dargestellt werden.1 Sie helfen damit vor allem nichtbehinderten Menschen, ein realistisches Bild vom Leben mit einer Behinderung zu gewinnen, und «aus ‹behindert› eine annehmbare Identitätskategorie zu machen», wie es Rosemarie Garland-Thomson, eine US-amerikanische Professorin für englische Sprache, Feminismus und Behinderung, ausdrückt.2 Auch oder gerade Menschen, die aktuell nicht als behindert gelten, sollen sich dadurch ohne Schrecken vorstellen können, wie es ist, (selbst) eine Beeinträchtigung zu haben, und erkennen, dass es nötiger ist, die Gesellschaft zu verändern und die Rechte von behinderten Menschen zu garantieren, als sie zu bemitleiden. Ihr Ziel ist es, dadurch eine inklusive Gesellschaft zu schaffen.

Bleibende Vorstellungen

Viele Theolog:innen weisen in ihren Büchern auf die Stärken von behinderten Menschen hin und möchten ein positives Bild von ihnen zeichnen. Sie betonen, dass behinderte Menschen eine wichtige Rolle in der Gesellschaft haben und sprechen sich dafür aus, Inklusion voranzutreiben. Aber warum hält sich bei ihnen die Gleichsetzung von Behinderung mit Schädigung, Unvollständigkeit und Leid so hartnäckig? Was macht es für Christ:innen so attraktiv, behinderte Menschen als «Versehrte» zu verstehen? Dieser Frage werde ich in diesem Artikel aus religionswissenschaftlicher Sicht nachgehen. Die präsentierten Antwortversuche sind ganz verschiedener Art, sie haben zu tun mit der biblischen Figur Jesus von Nazareth, mit der Verfolgungsgeschichte des frühen Christentums, mit zentralen christlichen Glaubensinhalten, aber auch mit aktuellen kirchlichen Machtinteressen. Ich beginne meinen Streifzug zur Rolle von Behinderung im zeitgenössischen Christentum in der Bibel.

Versehrter Erlöser

In der Bibel gibt es keine Behinderung. Das heisst, die Bibel, egal ob wir sie auf Hebräisch, Griechisch, Latein oder Deutsch lesen, enthält weder Begriffe, die den deutschen Wörtern «Behinderung» und «behindert» entsprechen, noch kennt sie die Zusammenfassung von Menschen zu einer Gruppe der «Behinderten», wie sie heute vorgenommen wird. Es wird aber in der Bibel von Menschen erzählt, die Merkmale haben, die wir heute als Beeinträchtigungen auffassen: Menschen werden als «blind», «stumm», «verkrüppelt» und «gelähmt» bezeichnet. Dem Neuen Testament zufolge werden Menschen mit diesen Merkmalen und anderen «Leiden» zu Jesus gebracht und dieser heilt sie. Jesus lässt also in den Geschichten die körperlichen Merkmale, die als «Leiden» gelten, verschwinden und ermöglicht damit gesellschaftliche Teilhabe. Jesus von Nazareth selbst wird durch Folter verwundet und er wird mit oder gerade wegen seiner Verwundung, die er erleidet, verehrt. So zeigen figürliche und bildliche Darstellungen von Jesus oft auch seine Wunden, die im weitesten Sinne seine Göttlichkeit/Gottesnähe symbolisieren, da sie auf seine Überwindung von Leid und Tod und damit auf die Erlösung für alle verweisen. Erst seine Versehrtheit kennzeichnet ihn also als göttlichen Erlöser. Überspitzt liesse sich sagen: Wer nach dem Vorbild Jesu leben und Gottesnähe erreichen möchte, kann sich entweder selbst als verwundet und leidend empfinden, oder sich helfend Versehrten zuwenden. Da angenommen wird, dass Versehrte aufgrund ihres Leidens Gott näher sind als die Unversehrten, kann der Kontakt zu Versehrten zu einer Möglichkeit für Unversehrte werden, Gott näherzukommen. Menschen, die heute als behindert bezeichnet werden, sind wohl für manche eine solche Möglichkeit.

Verklärte Ausgrenzung

Auch die soziale Ausgrenzung und Benachteiligung, die Menschen mit Behinderung erfahren, kann für Christ:innen Anlass sein, über diese Menschen zu schreiben oder mit ihnen hauptberuflich oder ehrenamtlich zu arbeiten. Jesus von Nazareth war nicht nur durch Folter körperlich versehrt, er war auch ein gesellschaftlicher Aussenseiter, politisch verfolgt, kriminalisiert und denunziert. So waren es auch seine Anhänger:innen in den ersten Jahrhunderten nach seinem Tod, einschliesslich des Autors der biblischen Paulusbriefe. Sie interpretierten ihre Lage als Analogie zum körperlichen Leiden und zur sozialen Ausgrenzung ihres Vorbilds Jesus von Nazareth. Die frühen Theologen und Amtsträger (z. B. Bischöfe) begründeten ihren Leitungsanspruch sogar auch damit, dass sie soziale Ausgrenzung und Verfolgung erfuhren. Dies machte sie sozusagen authentisch. Gleichzeitig wurde der Machtanspruch der Herrschenden mit der Begründung infrage gestellt, dass diese eben keine Ausgrenzung und kein Leid erfahren würden und daher – aus christlicher Sicht – nicht angemessen herrschen könnten.3 Wer trotz Autorität authentisch bleiben und innerhalb der Gemeinden anerkannt werden wollte, musste sozusagen Kontakt zum Leid oder den Ausgegrenzten halten. Dieses Verhältnis zu Leid und Ausgrenzung hat sich tief ins Christentum eingeschrieben und wirkt bis heute fort. Damit stehen möglicherweise insbesondere Christ:innen in wohlhabenden Regionen, in denen das Christentum eine dominierende Stellung hat, unbewusst vor einem Problem: Wie können sie Leid und soziale Ausgrenzung erleben, wenn sie selbst davon nicht oder verhältnismässig wenig betroffen sind? Eine Lösung des Problems besteht darin, in Kontakt mit Leidenden und/oder Ausgegrenzten zu treten. Und dies, so scheint es, sind behinderte Menschen in besonderem Masse.

Erlebte Gegensätzlichkeit

Zu leiden und/oder ausgegrenzt zu werden, gilt in unserer Gesellschaft weder als normal noch als erwünscht. Es wird als unerwünschte Ausnahme bewertet, die eigentlich beseitigt werden sollte. Dabei sind Benachteiligung und Ausgrenzung für viele Menschen dauerhafte Erfahrungen: etwa für arme, (chronisch) erkrankte, (unter Zwang) migrierte, homo-, inter- und transsexuelle sowie beeinträchtigte Menschen und häufig auch für Frauen. Sie befinden sich auf die eine oder andere Weise in einem dauerhaften sozialen Ausnahmezustand. Eine Beeinträchtigung selbst zu erleben oder einem beeinträchtigten Menschen zu begegnen und mit ihm oder ihr zu interagieren, ist für viele eine aussergewöhnliche Situation. Es kann eine grosse und auch mit tiefer Verunsicherung verbundene «Überraschung» sein, mit Beeinträchtigung und beeinträchtigten Menschen konfrontiert zu werden. Dass diese «Überraschung» und Unsicherheit Ergebnis der gesellschaftlich hergestellten, weitreichenden Trennung zwischen beeinträchtigten und nicht-beeinträchtigten Menschen ist, wird oftmals nicht erkannt. Vielmehr werden sie darauf zurückgeführt, dass Merkmale, die als Beeinträchtigungen interpretiert werden, Abweichungen vom Normalen und beeinträchtigte Menschen grundlegend anders seien als nicht-beeinträchtigte, «normale» Menschen – eine tiefsitzende und weitverbreitete Vorstellung, die jedoch oft nicht ausgesprochen wird. Das Aufeinandertreffen von Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen kann daher zunächst auch als ein Aufeinandertreffen von Gegensätzen erlebt werden. Anders gesagt: Weil Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen getrennt voneinander leben, kann ihr Aufeinandertreffen «überraschen» und als ein Aufeinandertreffen von Gegensätzen, von Versehrten und Unversehrten empfunden werden.

Bedrohliche Ungewissheit

Das Erleben dieser Gegensätzlichkeit beruht darauf, dass es als Normalfall angesehen wird, nicht-beeinträchtigt zu sein. Gleichzeitig wird genau dies als nicht garantiert erkannt, denn es existiert eine gegensätzliche Möglichkeit. Die Dinge könnten immer auch anders sein, als sie sind. Für Religionen ist es charakteristisch, dass sie zwischen zwei Bereichen unterscheiden: (1) einem Bereich, den wir unmittelbar und alltäglich erleben, von dem wir oft auch sagen können, wie etwas funktioniert, aber von dem wir letztendlich nicht wissen, warum etwas genau so ist wie es ist und nicht anders – obwohl es auch anders sein könnte; und (2) einem Bereich, den wir zwar nicht alltäglich unmittelbar erleben, der aber die Erklärung dafür enthält, warum die Dinge, die wir erleben, so sind wie sie sind. Im Christentum steht Gott für diesen zweiten Bereich: Gott bestimmt, was und wie etwas ist. Dadurch wird erklärlich, was sonst nicht erklärt werden kann, und das, was zunächst beliebig erscheint, erhält einen Sinn. So bestimmen Gottes Wille und Wirken nach christlichem Glauben auch, wer beeinträchtigt ist und wer nicht. Für Christ:innen können daher Situationen, in denen sie Beeinträchtigung oder beeinträchtigte Menschen erleben, zu einer religiösen Erfahrung werden: Sie suchen und erleben in diesen Situationen das Eingreifen Gottes in die menschliche Welt, weil sie das Bedürfnis nach einer sicheren, göttlichen Erklärung für die erlebte Gegensätzlichkeit haben. Dies könnte ein weiterer Grund dafür sein, dass Christ:innen ein besonderes Interesse an der Auseinandersetzung mit ausgegrenzten Menschen zeigen.

Erhoffte Verwandlung

Menschen als versehrt, unvollständig und leidend zu interpretieren, könnte ausserdem im Zusammenhang mit christlichen Jenseits- und Erlösungsvorstellungen stehen. Dem Jenseits, der Erlösung und Auferstehung kommt im Christentum die Aufgabe zu, Wunden zu heilen, die Menschen nicht behandeln können, die Menschen mit ihrem imperfekten Wesen zu vervollständigen und vom Leid im diesseitigen Leben zu befreien. Durch Gott und im Jenseits werden schmerzliche Gegensätze aufgehoben, bilden eine Einheit. Von dieser Einheit, von der Hoffnung auf Heilung, Befreiung und Vervollständigung zu sprechen, ist im Christentum zentral. Dies erscheint besonders relevant, wenn auf Menschen hingewiesen werden kann, die versehrt, unvollständig, leidend und anders sind und daher auf die Erlösung im Jenseits und die Auferstehung in einem verwandelten, vervollständigten Körper angewiesen sind. Doch was, wenn sich genau diese Menschen gar nicht als versehrt, unvollständig und leidend verstehen und nicht im Jenseits verwandelt werden wollen? Was, wenn sie stattdessen gesamtgesellschaftliche Veränderungen fordern, die der Ausgrenzung und der durch sie hervorgerufenen Gegensätzlichkeit im Hier und Jetzt ein Ende setzen wollen? – Auch diejenigen mit sog. geistigen und schwersten Behinderungen, deren Stimmen im Moment noch selten Gehör finden, für die aber Theolog:innen insbesondere sprechen möchten

Politische Macht

Bei der Frage, ob behinderte Menschen als Versehrte zu betrachten sind oder nicht, geht es um Deutungsmacht. Es geht darum, wer in einer Gesellschaft darüber bestimmt, wie etwas einzuschätzen ist und wie mit etwas oder jemandem umzugehen ist. Es geht bei dieser Frage also auch um die soziale Stellung des Christentums und seiner Institutionen: Sind sie es, die darüber bestimmen, wie behinderte Menschen zu betrachten sind? Können sie in der Konsequenz auch bestimmen, wie mit ihnen umzugehen ist? Sollen behinderte Menschen vor allem gepflegt werden, Hilfe empfangen und Anlass religiöser Erfahrungen sein? Oder soll die Gesellschaft architektonisch, organisatorisch und normativ umgestaltet werden, sodass ein selbstbestimmtes Leben für alle möglich ist? Für die christlichen Kirchen werden diese Fragen auch zu Fragen ihrer wirtschaftlichen Absicherung. Um es provokant zu formulieren: Ihre Geschäftsfelder liegen vielmehr im Bereich der Sozialfürsorge als im Bausektor. Sie würden somit eher davon profitieren, wenn die Barrieren in der Architektur und in den Köpfen bestehen bleiben, als wenn die Gesellschaft umgebaut würde. Zum einen könnten sie sich dadurch die hohen finanziellen und kognitiven Investitionen in den eigenen Umbau sparen – der tatsächlich aber auch schon begonnen hat. Zum anderen würden sie mit ihren Pflege- und Hilfsdiensten weiterhin gesicherte Einnahmen erzielen (insofern sie öffentlich finanziert werden) und die Notwendigkeit ihrer Dienste bliebe unmittelbar sichtbar. Die Gesellschaft könnte dann nicht auf die christlichen Kirchen und ihre Dienste verzichten und käme über diese auch weiterhin in Berührung mit der christlichen Deutung der Welt. Christ:innen setzen sich zweifelsohne für Inklusion ein. Das heisst für viele mehr Aufmerksamkeit für behinderte Menschen und ein verstärktes Zusammenkommen von Versehrten und Unversehrten, aber auch die Sicherung der eigenen Stellung. Ob das so gewollt ist oder nicht und ob in der Diskussion darüber die Ausgegrenzten selbst – die zusammen wohl die Mehrheit der Gesellschaft sind – zu Wort kommen, diese Fragen lasse ich hier offen.

1 Hier einige Beispiele: https://www.dw.com/de/echt-behindert-der-podcast-zu-barrierefreiheit-und-inklusion/a-55509792; https://dieneuenorm.de/; https://leidmedien.de/; https://www.sensability.ch/

2 Rosemarie Garland-Thomson, Andere Geschichten. In, Petra Lutz (Hg.): Der (im-)perfekte Mensch. Böhlau, 2003, 418.

3 Michael N. Ebertz, Die Institutionalisierung von Charisma und Stigma. In: Michael Krüggeler et al. (Hg.), Institution, Organisation, Bewegung. Leske und Budrich, 1995, 133–150.