Schönheit – mir Schönes schenken
Salben – nicht nur die Narben
Mir und der Narbe Zeit lassen
Arnika – für alles etwas Schwierige im Leben Singen oder so
Daran kauen, wiederkäuen auf Verdauung hin
Und: die Pfingstsequenz, manchmal monatelang mit einem einzigen Satz: «Löse, was in sich erstarrt» – «tränke, was da dürre steht» – «heile, was verwundet ist»
Nach Erlebtem tasten
In den Tagen und Wochen seit der Ankündigung des Themas ist das Wort «versehrt» mit mir umgegangen. Es hat mich zu viel Erlebtem, hat mich vor allem in ein Tastspiel geführt, wo es gilt, in einen undurchsichtigen Sack zu langen und zu ertasten, welches Material sich darin befindet.
Wie ich den Ausdruck verstehe: Verwundet ist aktiv, akut, momentan. Versehrt ist längerfristig, langsamer, in Richtung Heilung und Narbe, dauerhaft. Versehrt hat Möglichkeiten: Das Geschehene annehmen, es ablehnen, es verdrängen, ihm gleichgültig gegenüber bleiben. Versehrt trägt einen Kern Heilung in sich, braucht Zeit, Dauer. Versehrt–Sein gehört zum Mensch-Sein. Ganzheitlichkeit schliesst Versehrt-Sein mit ein, egal wie ich mich dazu stelle.
Grosse Worte.
Je länger ich mich drauf einliess, umso neugieriger wurde ich. Was in meinem Leben kriegt den Namen? Was hat dieses oder jenes Ereignis, dieser oder jener Prozess mit mir gemacht? Wie gestaltete sich Heilung? Gab es Wunder? Wie passiert «es»?
Nur zu bald war klar, dass so eine Erfahrung zu viele Gestalten hat und ich nicht gültige Worte dafür finde. Das Suchen und Tasten danach fasziniert mich. Ich staune auch, wie Träume ihren Beitrag dazu leisten.
In den folgenden Beispielen streife ich den einen oder andern Lebensbereich. Bewusst weg lasse ich beinahe alles, was in Beziehung steht: die Wirkung auf andere, die Wirkung der Versehrtheit anderer auf mich. Das würde den Rahmen noch mehr sprengen, als er schon ist.
(Mein) versehrter Körper
Das verunstaltete Gesicht: Die durch die Leukämie vergrösserten Lymphknoten sind am Hals und unter dem Kinn angesiedelt. Sichtbar vor allem für die andern, z. T. durch Schals getarnt. Mal etwas grösser, mal etwas kleiner, mal härter, mal weicher. Was ist, wenn sie noch grösser werden, noch mehr ins Gesicht wachsen? Wenn sie die Blutzufuhr ins Gehirn behindern? Warum gerade diese Krankheit? Dabei kann ich ja noch dankbar sein, dass bloss diese Knoten befallen sind (und das Blut) und noch keine anderen Organe!
Von Hand ängstlich kontrollieren, hauen darf ich nicht.
Heilströmen
Ein «Äääli» machen (liebkosen)
Auch jetzt – nach langem: nicht angenehm, doch angenommen.
(Mein) versehrter Teil des Lebens- und Lieblingsberufs
Von Kind auf wollte ich Lehrerin werden. Bin es geworden. Mit Leib und Seele, Freude und Kreativität. In Schule, Religionsunterricht, Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Ordensleitung … dankbar, kompetent, geachtet. Nie in Frage gestellt.
Anfangs 2020 ging ich mit der Frage um, was ich alles jetzt in meinen letzten Lebensjahren noch auf der Seite lassen könne. Im Traum fragte ich jemanden: «Worauf soll ich noch verzichten?» Die Antwort kam klar und präzis wie aus der Pistole geschossen: «Auf die Lehrerin!»
Ich war baff. Konnte mir keinen Reim drauf machen. Erst jetzt im Umgang mit dem Versehrt-Sein wird mir klar, dass mit einer solchen Prägung auch eine Versehrtheit einhergeht. Sie hat nix mit Moralin oder Schuldgefühlen zu tun. Ich selber habe andere Ausrichtungen auf der Seite gelassen, die vielleicht auch gerne gelebt worden wären. Und gewisse Lehrerin-Haltungen sind mir in Fleisch und Blut übergegangen: so eine Art leise Überheblichkeit von «Wissen», «andern helfen, sich zu entfalten», «hinführen zu dem, was ich meine, dass es gut ist». So eine Art Verengung auf ein bestimmtes Lebensprogramm. Umprogrammieren ist lebensinteressant, aber nicht einfach. Mein Idealberuf ist antastbar.
(Meine) versehrte Schweiz
Ich gehöre zur Generation, welche «heldenhaft durch den 2. Weltkrieg und daraus hervorging». Erst später bröckelte der Zauber.
In den 1980er Jahren war ich in Bern viel mit dem Spanier-Seelsorger und seinen Saisonniers zusammen. Wir erfanden eine Art Deutschstunde mit anschliessender Teilete von Evangelium und Mahl rund um den Tisch. In dieser Runde wurde ich als Schweizerin oft beschimpft. Mir wurde all das, worunter diese Männer von Arbeitgebern, Behörden, Vermietern her litten, an den Kopf geworfen, als sei ich mitschuldig daran. Ich landete in demselben Kübel. Das verletzte mich sehr. Ich bemühte mich ja die ganze Zeit, diesen Männern ein anderes Bild von «meiner» Schweiz zu vermitteln. Bis mir klar wurde: Bei mir konnten sie abladen, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Von da an war ich bereit, ihnen als «Güselkübel» zu dienen, als eine Art Teilhabe an ihrer Versehrtheit.
(Meine) versehrte Ordensgemeinschaft
Ich als junge Schwester in der Nachkonzilszeit, welche die Schwesterngemüter aufwirbelte. Meinungen prallten aneinander, Ängste wurden vergrössert, Unschönes geschah und nagte an meinem überhöhten Noch-Idealbild von Gemeinschaft: Geschwätz, Gehässigkeiten, Widersprüche.
Ich regte mich bei der Oberin auf. Ihre Antwort: «Tja, Schwester, wenn Sie das nicht (einbauen) wollen, (dann) gehen Sie!» Wuff!
Damals war es Usus, dass wir alle zusammen vor der Kommunion im Rund vor dem Altarraum standen. Der Priester sprach: «der Leib Christi» und wir: «Amen». Sehr wahrscheinlich wurde mein Hadern von der Geistkraft oder von jemand anderem durchgeknetet. Denn nach etlicher Zeit, als wir wieder einmal so dastanden, ging mir die Bedeutung auf: Das ist der Leib Christi – in dieser Versehrtheit. Das half und blieb bis jetzt.
(Meine) versehrte Kirche
Ein gut meinender Exerzitienleiter sagte mir jungem Mädchen mal sehr intensiv: «Sie müssen eine Heilige werden!» Es war noch die Zeit des «Stands der Vollkommenheit» als Ausdruck fürs Ordensleben. Ich erspare mir aufzuzählen, was dieser Satz angerichtet hat an Vollkommenheitspedanterie und Leistungspseudoheiligkeiten. Nur: das Abgewöhnen, Um-empfinden, Um-leben ging sehr lange und geht wohl immer noch weiter.
Dem Folgenden kann ich wohl den Namen «Versehrt-Versöhnungs-Traum» geben: Die Situation mit dem Pfarrer wurde so, dass ich mich entschloss zu gehen, obwohl ein Grossteil der Pfarrei fand, er müsste gehen. Doch die Angst, nachher keinen Pfarrer mehr zu erhalten, war grösser. Also ging ich. Mein damaliger Begleiter sagte mir nur: «Wundere dich nicht, wenn du noch lange an dem Erfahrenen nagst.» Dem war so. Nach etwa fünf Jahren sah ich den Pfarrer im Traum und verabschiedete mich von ihm – und er ging weg. Botschaft vom Unbewussten, dass die Wunde vernarbt war.
(Meine) versehrte Bibel
Die Evangelisten bringen eine Auswahl von Jesus-Beschreibungen. Sie bringen ihn um viel Sinnenhaftigkeit und Alltäglichkeit. Er ist «versehrt», amputiert. Ich habe gelernt, zu erweitern ohne Anspruch auf Universal-Wahrheit. Es brauchte Mut. Den hab ich jetzt viel mehr als früher.
Jesus stellt oft die Versehrten in die Mitte. Die Arm-Seligen. Jesus weint und lacht und singt und tanzt wohl mehr, als erwähnt wird. War er wohl mal missmutig, gelangweilt, krank?
Und mich dünkt Thomas eigentlich der Klügste von allen. Er will das Versehrte an Jesus berühren, um die Leibhaftigkeit der Auferstehung zu spüren. Jesus ermuntert ihn dazu. Und was empfand Rachel, als sie Jakob hinken sah?
Von meinen Mitschwestern
Die Augen einer ehemaligen Hebamme fingen gleich an zu leuchten, als ich sie fragte, was ihr bei «versehrt» in den Sinn komme: «Ich sehe mich bei vielen Neugeborenen, mit einer Schere die Nabelschnur sorgfältig durchschneiden. Verletzen, versehren, um den Lebensprozess ausserhalb der Mutter in Gang zu setzen. Es brauchte diese Verletzung und man durfte sie erst beibringen, wenn man sicher war, dass das Kind eigenständig atmete.»
Die Spezialistin für Traumatherapie bei Geflüchteten zitierte nichts aus ihrem Fachgebiet, sondern: «Als ich eine Woche nicht in der Praxis war, hatte niemand die Pflanzen gegossen. Die Blüten des Weihnachtskaktus waren fast alle abgestorben. Ich goss Wasser – nach einigen Tagen wuchsen an allen Blatt-Enden winzige neue Blättchen. Es ist ein Kern in allem, der heilend wirkt.»
Zum Schluss
Noch einmal ein Traumbild zu dem, was der Weg von Verwundung zu Versehrtheit in meinem Verständnis sein kann (und was dazu wichtig ist zu wissen: Ich hatte es, bevor ich das Thema der FAMA kannte):
Ein Mann, mit dem ich mich immer wieder in guten Gesprächen austausche, durchquert den Raum, in dem ich bin. Sein Gang ist nicht hinkend, doch seine ganze Gestalt wirkt ein wenig behindert, ein bisschen gekrümmt. Auf gleicher Höhe mit mir: Er dreht sich mir zu, der ganze Mensch geht in ein Lebensstrahlen über, er lacht und schaut mich glücklich an, zugewandt, hält einen Augenblick inne. Dann geht er aus dem Raum, mich und auch sich selber frei lassend. In mir steigt das Wort auf: «versehrt glücklich».
Kein Wunder, dass mich das Thema dann in Beschlag genommen hat. Im Moment bin ich jeden Morgen neugierig, was es mir heute schenken will, zum Beispiel die Anfrage für einen Beitrag in der FAMA!