Ausgabe 2022/1

Editorial | versehrt

Versehrt - ein offenbar veraltetes Wort, lese ich im Herkunftswörterbuch.
Text: Simone Rudiger / 11.06.2025

Es drückt besser als seine Synonyme «verletzt», «verwundet» oder «beschädigt» aus, wovon Texte und Bilder dieses Hefts handeln. Es hat mit Schmerz zu tun und kaum ein Lebendiges kommt gänzlich unversehrt davon. Nichts Lebendes ist unverletzbar, nichts vor Schmerz gefeit, so es denn empfindsam ist. Aber selbst Unbelebtes kann verwundbar und fragil sein, das zeigen die Bilder der Basler Künstlerin Stephanie Grob. Die Verwundbarkeit des Lebens ist schon lange ein Thema, mit dem sie sich beschäftigt. Für unser Heft hat sie sich in die Bedeutung von Versehrtheit hineingefühlt, diese künstlerisch umgesetzt und sicher fünfzig Entwürfe angefertigt. In ihrem Atelier im Dachstock eines ehemaligen Schulhauses darf ich die Bilder sichten.

Mit Tusche hat die Künstlerin hauchdünnes Japanpapier eingefärbt. Ich getraue mich kaum das durchscheinende Material hochzuheben. Doch es ist stabiler als vermutet, denn es soll ja darauf gezeichnet werden können. Der verwendete «Stift» ist selber weiche und zerbrechliche Kreide. Ein gute Mischung aus Behutsamkeit und Energie ist nötig, um den Linien ihre Bestimmtheit zu geben, die Versehrtes sichtbar machen. In Stephanie Grobs Atelier finde ich einige Spuren ihrer Studien der Verwundbarkeit: kleine, filigrane Schädel von Vögeln und Nagetieren, Gefässe mit Rissen und Scherben dienten teilweise als Vorlage für die Zeichnungen. Die Künstlerin erzählt von der Frage danach, wie das Wahrnehmen von Versehrtheit in allem dargestellt werden könnte. Der Versehrtheit Form und Struktur zu geben sei notwendig, um weiterleben zu können. So sind Bilder entstanden von Hüllen, menschlichen und tierischen, fallenden Körpern, verschlungenen Wesen, hingeworfen manches, anderes wie schwebend, alles scheint weich gebettet auf den wolkigen Farbverläufen der Tusche.

Die Bilder zeigen Versehrtheit. Auch die Texte dieses Hefts geben auf ihre je eigene Art und Weise die Sicht frei auf versehrtes Sein und die Widerstandskraft des Lebens.