Seit fünf Jahren hat Versehrung an mir konkrete Gestalt angenommen: eine Notkaiserschnittnarbe. Zwei Tage hatte mein Sohn wie ein Löwe gekämpft; der entschiedene Schnitt zur rechten Zeit rettete ihn, äusserlich unversehrt, ins Leben. Unversehrt? Vielleicht ist seine neugierige Freude am Leben ja auch Anzeichen dafür, dass er seine eigene Fraglichkeit damals sehr wohl wahrgenommen hat. Ich selber fühlte mich, noch Monate danach, versehrt: wie ein rohes Ei, das jemand behutsam, aber dennoch schmerzhaft aus der Schale gelöst hatte. Zurück blieb ein geschältes, ungeschütztes Ich in einer dünnen Eihaut, von dem ich nicht mehr genau wusste, wo es begann und wo es endete. Die Konturen meines Selbst waren mir abhanden gekommen. Erst die überwältigend-lebendige Wirklichkeit meines Sohnes verhalf mir mit der Zeit zu einer neuen schützenden Hülle.
Geblieben ist die Narbe, und sie ist mir lieb und teuer. Sie zeigt meine Versehrtheit und Versehrbarkeit an. Sie erinnert mich an jene beglückende und zugleich herz- und leibzerreissende Erfahrung der geteilten Geschöpflichkeit des Gebärens und Geborenwerdens, steht gleichermassen für die versehrende Erkenntnis meiner Begrenztheit – als Mutter, die ihren Sohn letztlich nicht vor dem Nicht-Sein schützen kann –, wie für heilsame, befreiende Entgrenzung – als Mutter, die ihr Leben geteilt hat und weiterhin teilt, die sich versehrbar macht und versehren lässt, weil sie liebt.