«Ich bin Kurdin. Ich bin eine Frau. Ich bin behindert. Diese drei Eigenschaften haben mich das Kämpfen gelehrt. Ich kämpfe, um zu leben.» Schon früh war Amina klar, dass sie als Kurdin in Syrien ein gefährdetes Leben haben wird. Dass ihr als Mädchen engere Grenzen gesteckt wurden als ihren Brüdern. Dass die Menschen in ihr «die Behinderte» sahen, deren Lebenserwartung kaum ins Erwachsenenalter reichen würde. An keine dieser Schranken hat sie sich gehalten.
Kindheit
Im Frühling 1970 kommt Amina als sechstes von neun Kindern einer angesehenen Familie in Nordostsyrien zur Welt. In diesem Gebiet nahe der türkischen und der irakischen Grenzen leben Kurdinnen und Kurden über die Länder verteilt. Aminas Wirbelsäule ist von Skoliose stark beeinträchtigt. «Ich war in meiner Familie akzeptiert, so wie ich bin. Aber sie wussten nicht so recht, wie sie mit mir umgehen sollen. Sie wollten mich schonen. Und gerade das hat mich manchmal verletzt. Ich wollte unbedingt so sein wie die anderen und alles tun, was sie tun. Grad zum Trotz kletterte ich auf die höchsten Bäume und tschuttete mit den anderen Kindern auf dem Dorfplatz.»
Aus den Gedichten ihres Vaters lernt Amina die Liebe zu Kurdistan. Seine Zeilen singen vom Recht auf Heimat, von der Hoffnung auf Freiheit. Eine gefährliche Liebe, die nur im Verborgenen gepflegt werden darf. In der Schule jedenfalls ist Kurdisch streng verboten. Schnell muss die Vierjährige Arabisch lernen, um hier zu bestehen.
«Ich war neun, als mein Vater starb. Herzschlag. Damals ging für mich die Welt unter.»
Junge Frau
Vaters Gedichte kann Amina auch heute noch auswendig. Sie singt sie mit geschlossenen Augen. Wie ein Mantra haben seine Zeilen ihre Kindheit begleitet und ihr wieder und wieder bestätigt, dass sie Rechte hat, als Kurdin und als Frau. Von letzterem muss Amina ihr Umfeld zuerst überzeugen. Mit 18 schliesst sie sich einer kurdischen Frauenrechtsbewegung an. Sie ist Teil einer gesellschaftlichen Reformation, die bis heute weitergeht und Früchte trägt. Allerdings ist dieses politische Engagement verboten. Ab 1991 wird Amina auch in anderen Ländern aktiv, vor allem im Irak und im Libanon setzt sie sich für Frauenrechte und Flüchtlinge ein. Diese Zeit ist von Flucht geprägt und von drei Gefängnisaufenthalten überschattet.
Geschäftsfrau
Aufgrund zunehmender gesundheitlicher Probleme kehrt Amina im Oktober 2004 nach Syrien zurück. «Eine schwierige Zeit. Aus politischen Gründen war es unmöglich, eine Anstellung zu bekommen. Aber ohne Arbeit hielt ich es nicht aus.» Mit der Unterstützung ihres Bruders eröffnet sie eine Boutique für Lingerie. «Der Anfang war hart. Aber schon nach einem Jahr war die Boutique die beste der Stadt! Ich reiste für mein Geschäft nach Damaskus, nach Aleppo, nach Erbil – überallhin!» Dann bricht Krieg aus in Syrien. Und wieder wird Amina zur Flucht gezwungen. Über Umwege gelangt sie 2013 in die Schweiz. «Ich hatte keine Vorstellung von der Schweiz. Ich wusste nur: Das ist ein demokratisches Land. Hier bin ich in Sicherheit. Ich hatte nicht geahnt, wie schwierig der Neuanfang sein würde.»
Wieder neu anfangen
Amina ist sich sicher, dass sie in der Schweiz als Flüchtling aufgenommen wird. Mit ihrer Behinderung gilt sie als besonders schutzbedürftig. Darum stürzt sie sich noch im Durchgangszentrum ins Deutschstudium. Lernt frühmorgens am Computer, sammelt von allen Mitbewohnenden ihre Deutschbrocken und wird schon bald zur inoffiziellen Übersetzerin auf Arabisch, Kurdisch und Türkisch. Als Lernbetreuerin im Verein FRW Interkultureller Dialog unterstützt sie eine Gruppe eritreische Judengdliche beim Deutschlernen. «Ich hatte vorher noch nie Dunkelhäutige gesehen. Zuerst hatte ich Angst vor ihnen. Aber beim gemeinsamen Leben und Voneinander-Lernen habe ich schnell gemerkt: Wir sind alle einfach Menschen.»
Und dann der Bescheid: Amina erhält keinen Flüchtlingsstatus, sondern einen F-Ausweis, also humanitäres Bleiberecht für die Dauer des Krieges. Ein absoluter Tiefpunkt. «Der Gedanke, dass ich hier irgendwann wieder weg muss, war unerträglich. Ich hatte schlicht keine Kraft mehr, noch einmal ganz bei Null anzufangen. Und ich hatte in der Schweiz schon so viele gute Menschen kennengelernt. Ich wollte bleiben.»
Amina rafft sich auf. Ihrer schwachen Gesundheit zum Trotz engagiert sie sich, wo es nur geht. Sie wird Mitglied in verschiedenen Vereinen und unterstützt andere Geflüchtete bei der Annäherung an Kultur und Sprache. Der Verein FRW Interkultureller Dialog gibt ihr schliesslich eine bezahlte Arbeit und öffnet ihr so den Weg zu einem Härtefallgesuch. Und diesmal klappt es mit dem B-Ausweis. Seit 2019 darf Amina offiziell in der Schweiz bleiben. «Das habe ich wegen meiner Arbeit geschafft!»
Bis heute ist Amina die gute Seele des FRW. Wer mit ihr durch die Stadt spaziert, hat sie nicht lange für sich. An jeder Ecke gibt es jemanden zu begrüssen, eine zu umarmen, sind ein paar Worte zu wechseln auf Kurdisch oder Arabisch oder Türkisch oder Deutsch.
«Ich bin eine glückliche Frau. Wirklich! Obwohl ich ein schwieriges Leben hatte. Obwohl ich so viel verloren habe. Aber ich habe immer gute Menschen getroffen. Ich bin froh, dass ich eine Frau bin. Ich bin froh, dass ich Kurdin bin. Und ich bin sehr froh, dass ich hier wieder eine Heimat gefunden habe.»