Fast alles heilt wieder und selbst, wenn Narben bleiben, lässt sich in der Regel damit gut weiterleben. Das gilt auch für emotionale Verletzungen: Eine kleine Kränkung, eine Enttäuschung, ein Verlust können meistens überwunden werden, wenn und weil wir es selbst in der Hand haben, mit dieser Verletzung umzugehen, sie zu deuten und zu verarbeiten. Bei spirituellen Verletzungen ist das anders, denn sie verletzen die Sinn-Ebene unseres Lebens, den Teil unseres Selbst, mit dem wir unsere Erfahrungen ordnen und uns zu uns selbst und zur Welt verhalten. Spiritualität, gleich wie man den Begriff genau definiert, ist immer etwas höchst Intimes. Es ist die Ebene, auf der wir die grundlegenden Fragen beantworten: «Wer bin ich? Wofür lebe ich? Was ist das Wichtigste in meinem Leben? Und was bedeutet es, wenn mir dies oder jenes geschieht?» In theologischer Sprache könnte man sagen, es ist das innerste Heiligtum der Seele, wo sie alleine ist mit Gott: «Wo sehe ich Gott in meinem Leben? Was ist meine Berufung? Wo ist in meinem Leben Schuld? Wo ist Gnade?»
Olga
Olga* kommt in Kontakt mit einer Gruppe begeisterter Anhängerinnen eines neu gegründeten Ordens. Bevor sie dessen Gründer das erste Mal trifft, hat sie schon so viel über ihn gehört, dass sie sofort von ihm begeistert ist. Er sagt Olga auf den Kopf zu, sie habe eine Berufung. Darauf bricht sie ihr Studium ab, schiebt Zweifel und Fragen beiseite, tritt in den Orden ein und ist ab diesem Moment spirituell fremdgesteuert: Ihre Berufung sei das Wichtigste in ihrem Leben, sagt man ihr. Sie glaubt es. Der Kontaktabbruch zu ihren Eltern, Geschwistern und Freundinnen sei unbedingt notwendig, damit sie geistlich wachsen könne. Das Schlafen auf dem blossen Boden und tägliches Arbeiten bis zur Erschöpfung in Räumen ohne Heizung oder Klimatisierung sei ein Ausdruck evangelischer Armut. Die bereitwillige, fraglose Unterordnung unter den Gründer und die Oberinnen des Ordens sei Ausdruck des Gehorsams. Binnen kurzem ist Olga sich und ihren alten Bekannten völlig fremd geworden.
Spirituelle Autonomie
Die ersten spirituellen Handlungen lernen wir als Kinder von unseren nächsten Bezugspersonen. Wir lernen Vorbilder kennen, Feste feiern und Beziehungen pflegen. Später werden wir spirituell selbstständiger. Wir entdecken neue Sinnzusammenhänge, neue Vorbilder, neue Rituale und beginnen unsere Spiritualität eigenständig zu entwickeln und zu pflegen. Manchmal ist uns diese Ebene bewusst, oft ist sie unterbewusst. Manchmal ist sie von religiösen Überzeugungen und Begriffen erfüllt, manchmal ist sie säkular geprägt, manchmal beides. Manche Menschen haben eine starke und gesunde Spiritualität. Andere gehen mit einer eher lähmenden oder unzureichenden Spiritualität durchs Leben. In jedem Fall aber ist sie etwas sehr Persönliches. In die Spiritualität einer Person mit Manipulation, Druck oder Zwang einzugreifen, heisst sie zu verletzen. Und das bedeutet, einen anderen Menschen maximal, umfassend und dauerhaft verletzlich zu machen.
Spirituell versehrt
Wer es fertig bringt, in diesen intimen Bereich einer anderen Person einzudringen und ihr vorzugeben, was der Sinn ihres Lebens sei, was Gott von ihr wolle, wie bestimmte Ereignisse in ihrem Leben und in der Welt zu deuten seien, der hat sie völlig in der Hand: ihr Denken, Fühlen und Wollen, ihren Körper und Besitz. Obendrein hat er sie auch genau auf der Ebene verletzt, die sie unbedingt bräuchte, um sich effektiv wehren zu können oder um die Verletzung überhaupt erst als solche erkennen zu können. Diese Verletzung hindert sie daran, mit sich selbst und der Welt um sie herum im Kontakt zu sein, Gutes von Bösem, Wünschenswertes von Schrecklichem, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden und passende Strategien im Umgang damit zu entwickeln. Sie sieht, denkt, fühlt, tut und will nur noch das, was ihr vorgegeben wird, und glaubt dabei, es selbst so zu wollen und zu sehen.
Olga
Olga redet jetzt anders. Sie tut Dinge, die sie nie zuvor getan hätte und ist dabei völlig enthusiastisch: Essen aus Mülltonnen. Obdachlosen Drogenabhängigen, die die Gemeinschaft bei sich aufnimmt, Spritzen verabreichen, ohne zu wissen, was diese enthalten, und ohne medizinische Ausbildung. Jeden Tag mindestens zwölf Stunden arbeiten. Keine Minute mehr alleine sein. Stundenlange nächtliche Gebetseinheiten, in denen «in Zungen» geredet wird und alle sich in den Armen halten.
Nach einigen Monaten ist Olga so erschöpft, dass sie immer wieder während des Gebets einschläft. Sie bricht öfter weinend zusammen. Aber sie kann das alles nicht mehr selbst deuten: Wie alle in der Gemeinschaft hält sie es für eine göttliche Prüfung. Als der Gründer ihr sagt, diese Prüfungen seien ein Zeichen, dass sie nun bereit sei, noch tiefer in die Berufung eingeführt zu werden, ist sie glücklich. Auf der «höchsten Stufe» der Berufung, sagt er ihr, müsse sie sich rückhaltlos öffnen, auch sexuell, denn Gott wolle ihr in der Person des Gründers körperlich ganz nahe sein. Sie glaubt ihm. Obwohl ihr nach diesen «Begegnungen» so schlecht ist, dass sie sich übergeben muss.
Spirituelle Verletzungen und Übergriffe
Emotionale und körperliche Übergriffe lassen sich nicht von spirituellen Verletzungen trennen. Wie in Olgas Fall zielt spiritueller Missbrauch oft auf körperliche Übergriffe ab. Umgekehrt haben auch scheinbar rein körperliche Gewalttaten immer eine spirituelle Ebene. Täter*innen drücken ihrem Opfer gemeinsam mit der gewaltsamen Handlung auch eine Deutung dieser Handlung auf: «Ich tue das nur, weil ich dich liebe.» «Du brauchst das.» «Das ist ganz normal.» «Du hast das verdient.» «Du wolltest das doch.» «Ich darf das.» «Du bist wertlos.» «Ich bin viel wichtiger als du und deswegen wird dir niemand glauben…»
Für viele Betroffene ist es diese Deutung, die sie noch tiefer und nachhaltiger verletzt als die körperlichen und selbst die emotionalen Wunden, die sie davontragen. Spirituelle Verletzungen gehen noch tiefer. Sie setzen sich in einem bohrenden Zweifel fest, einem vergifteten Gefühl, einer Angst oder im schlimmsten Fall einer Überzeugung, die sich im Innersten der verletzten Person festgefressen hat: «Er tut das aus Liebe.» «Es ist meine Schuld.» «Ich bin wertlos.» «Es war eigentlich eine Gnade und ich war nur unwürdig und habe es nicht richtig verstanden …»
So wird die Gewalt unsichtbar gemacht und Betroffene, die ihrer spirituellen Handlungsfähigkeit beraubt wurden, stecken im Niemandsland fest: zwischen dem, was sie selbst fühlen (aber nicht ausdrücken können) und dem, was der Täter oder die Täterin sagt (was sich in ihrem Gefühl aber nicht widerspiegelt).
Olga
Erst als eine Mitschwester, die den Orden verlässt, zu Olga sagt: «Das war doch alles Missbrauch, was die hier mit uns gemacht haben!», steht ein kleiner Spalt offen, durch den sie ihr Leben in einem anderen Licht sehen kann. Das erschreckt Olga und es dauert noch Jahre, bis sie selbst die Kraft aufbringt, den Orden zu verlassen. Anfangs plagt sie das Gefühl, ihre Berufung verloren zu haben. Es fühlt sich wie Verrat an, wenn sie über den Gründer spricht. Gegenüber Aussenstehenden schämt sie sich, weil es so schwer zu vermitteln ist, wie sie das alles mit sich machen lassen konnte. Sie denkt mit Tränen in den Augen an die Begeisterung zurück, die sie anfangs im Orden verspürte. Das Schwierigste von allem ist, wieder eigene Worte zu finden, sich selbst zu spüren und das eigene Leben selbst zu deuten, neue Sinnzusammenhänge, eine eigene Sprache im Gebet, eine eigene Beziehung zu Gott zu finden. Oder auch nur eine Antwort darauf, ob sie überhaupt noch an Gott glauben will. Und wenn ja, wie. «Manchmal», sagt Olga, «glaube ich, ich habe Jesus ganz verloren.»
Spirituelle Heilung
Eine Person, die spirituell verletzt worden ist, braucht oft sehr lange, bis sie das selbst sehen und benennen kann. In der Regel kann sie es erst dann wieder, wenn sie ein Stück spirituelle Handlungsfähigkeit zurückbekommen hat. Ein wenig Deutungsmacht über das eigene Leben, ein Stück eigene Sprache und einen Zugang zu sich selbst und zum eigenen Gefühlsleben. Das geht in den meisten Fällen durch Beziehungen zu anderen Menschen. Und es geht nie, ohne dass die Betroffenen gegen die verinnerlichten Verbote und Stimmen der Täter*innen handeln. Betroffene glauben oft noch Jahre nach der äusseren Loslösung, dass Gott durch die Täter*innen spreche und dass ihr Lebensglück davon abhänge, ihnen zu folgen. Gott oder den Sinn des eigenen Lebens jenseits des Tatkontexts und der spirituellen Fremdbestimmung wiederzufinden, ist eine enorme Herausforderung.
Olga
Mittlerweile sind fünfzehn Jahre vergangen. Olga ist verheiratet, hat zwei Kinder im Schulalter und einen guten Bürojob. Manchmal hat sie noch Alpträume, aber sie hat ihr eigenes Leben wiedergefunden. In die Kirche geht sie nicht mehr. «Das ertrage ich nicht», sagt sie. Ob sie noch an Gott glaubt, kann sie nicht so einfach beantworten. «Aber», fügt sie hinzu, «ob es Gott gibt oder nicht, niemandem steht es zu, in seinem Namen zu sprechen.»
* Ein fiktiver Name und eine Geschichte aus Versatzstücken realer Erfahrungsberichte Betroffener.
Weitere Erfahrungsberichte finden sich u. a. in:
- Céline Hoyeau, La trahison des pères, Montrouge 2021.
- Salvatore Cernuzio (ed.), Il velo del silenzio. Abusi, violenze, frustrazioni nelle vita religiosa femminile, Alba 2021.
- Barbara Haslbeck, Regina Heyder, Ute Leimgruber, Dorothee SandherrKlemp (Hg.), Erzählen als Widerstand. Berichte über spirituellen Missbrauch an erwachsenen Frauen in der katholischen Kirche, Münster 2020.
- Doris Wagner, Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche, Freiburg/Br. 2019.