Das traumatisierte Individuum kehrt in Träumen, Erinnerungen und Taten an die Szene des Traumas zurück. Es ist gezwungen, die verletzende Erfahrung als gegenwärtig zu wiederholen, anstatt sie als Erinnerung in der Vergangenheit zu verorten. Die Nakba – die Massenvertreibungen von 1947/48 – ist für PalästinenserInnen eine solche traumatische Erfahrung. Als Markierung für die Zerstörung einer gesamten Gesellschaft ist sie längst zu einem entscheidenden Teil des kollektiven Gedächtnisses und der palästinensischen Identität geworden. Dabei sind individuelles und kollektives Trauma eng miteinander verflochten. In meiner Dissertation «Tabu, Trauma und Identität: Subjektkonstruktionen von PalästinenserInnen in Deutschland und der Schweiz» habe ich die Spuren der seit 1947 andauernden Vertreibungen von PalästinenserInnen der ersten Generation aus dem historischen Palästina und ihren in Deutschland und der Schweiz aufgewachsenen Töchtern erforscht.
Die Nakba
Nakba bedeutet auf Arabisch Katastrophe. Mit dieser Bezeichnung wird dem Ausmass der Gewalt Rechnung getragen, der die palästinensische Gesellschaft seit 1947/48 bis zum heutigen Tag ausgesetzt ist. Die Nakba meint nicht nur die Vertreibung von mindestens 700’000 PalästinenserInnen und die Zerstörung ihrer Gemeinschaft damals, sondern auch jene von 1967 sowie die bis heute andauernde indirekte Vertreibung, Entrechtung und Fragmentierung der palästinensischen Gesellschaft. Diese Gewalt versinkt trotz Völkerrechtswidrigkeit und mehrerer UN-Resolutionen, von der internationalen Staatengemeinschaft unsanktioniert, in grosser Bedeutungslosigkeit.
Trauma als Ereignis und Struktur
In der gegenwärtigen westlichen, klinischen Traumaforschung werden die Folgen eines Traumas hauptsächlich mit dem engen klinischen Konzept der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) beschrieben. Meist geht es hierbei um Individuen, die unter einer PTBS leiden. Strukturelle Formen von Gewalt wie Rassismus oder Kolonialismus werden nicht berücksichtigt. Traumatisierung kann jedoch nicht bloss durch ein die Psyche überforderndes Ereignis erfolgen. Traumatisierend können auch Prozesse und Strukturen sein, die über das individuelle Phänomen hinausgehen und als solche auf soziale und politische Ursachen und Kontexte zurückzuführen sind.
Traumatisierender Rassismus
Die psychoanalytische Literatur setzt sich im Gegensatz zur klinisch-psychologischen mit sozial-politisch verursachtem Trauma auseinander. Trauma wird hier meist im Kontext des Holocaust behandelt. Frantz Fanon jedoch, einer der Vordenker der Dekolonialisierung, dachte über Trauma im Kontext von Kolonialismus und Rassismus nach und spürte den Auswirkungen der französischen kolonialen Repression auf die Psyche und das Selbstbild der kolonisierten AlgerierInnen nach. Dass insbesondere Rassismus meist nicht als Trauma wahrgenommen wird, führt die portugiesische Psychologin und Künstlerin Grada Kilomba auf die Vernachlässigung der Geschichte rassistischer Unterdrückung und deren Auswirkungen im westlichen Diskurs zurück.
PalästinenserInnen in Westeuropa
In der Gewalt, die der ersten Generation von PalästinenserInnen in Westeuropa begegnete, wiederholte sich die israelische systemische Gewalt: die Zerstörung palästinensischer Gesellschaft und Identität. Nicht nur wurde die von ihnen erfahrene Gewalt nicht anerkannt, sondern ihre Wut und ihr Widerstandsgeist wurden gebrochen, ihr Kampf um Selbstbestimmung kriminalisiert und ihre Netzwerke fragmentiert. Dadurch und durch die Übernahme des israelischen Staatsnarrativs in Bezug auf die Deutung der traumatisierenden Ereignisse und durch die Überwachung und Unterdrückung ihrer Identität in Westeuropa wiederholte und vertiefte sich das Trauma der ethnischen Säuberung diskursiv: Nicht nur wurde die erfahrene Gewalt in der Gesellschaft, in der sie lebten, nicht als solche erkannt, sondern, im Gegenteil, als selbstverschuldet dargestellt. Sie wurden so zu Menschen, die verdientermassen – und zwar aufgrund ihres blossen Palästinensischseins – aus der politisch-rechtlichen Gemeinschaft verbannt wurden und legitimerweise Gewalt erlitten. Die systemische Gewalt bewirkte so das von Fanon beschriebene «Trauma der Rasse».
Selbstverneinung der ersten Generation
Die Angehörigen der ersten Generation verloren ihr Selbst: Sie zogen sich aus Familie und Gesellschaft zurück, lösten Studierendenvereine und Gewerkschaften auf. Viele begannen sich selbst zu verneinen, um der Verletzung zu entgehen, soziale Stigmatisierung anstatt Anerkennung ihres Leids zu erfahren. So konnten sie nicht mehr auf die kollektiven (Be-) Deutungssysteme des revolutionären Subjekts zurückgreifen, das die Erfahrungsgemeinschaft zur Bewältigung ihrer Auslöschung bereitstellte, denn es war in den Lebensalltag nicht zu integrieren. Durch Selbstverneinung, Unsichtbarkeit und Resignation verloren sie mit den Idealen der Befreiungsbewegung und des Widerstandskampfs auch ihr ideales Selbstbild, dem sie nicht mehr gerecht werden konnten.
Folgen für die zweite Generation
Die Verflechtungen zwischen der erfahrenen Gewalt und den etablierten moralischen Normen, die sie rechtfertigten, marginalisierte nicht nur die Eltern gesellschaftlich, sondern schrieb sich auch in die Beziehung zwischen Eltern und Töchtern ein. Verlust des Selbst, Melancholie und emotionale Abwesenheit der Eltern prägten die Töchter und spielten eine bedeutende Rolle bei der Tradierung der elterlichen Gewalterfahrung an sie. Aus der psychoanalytischen Forschung ist bekannt, dass nicht aufgearbeitete traumatische Erfahrung transgenerational weitergegeben wird. Die Folgen von Gewalt für die emotionalen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern werden dabei häufig unterschätzt. Die gefühlte Unsichtbarkeit der Eltern führte bei der zweiten Generation zum Wunsch, deren Identitätsverlust aufzuheben, um Beziehung herzustellen. Dies führt zur Verkehrung der sozialen Rollen zwischen Eltern und Kindern.
Von Selbstverneinung zu Sichtbarkeit
PalästinenserInnen der zweiten Generation sind nicht nur geprägt von der Geschichte der Eltern, die ihre Spuren in der Beziehung zu den Kindern hinterliess, sondern auch von der eigenen Erfahrung von Gewalt. Die elterliche Verneinung des Palästinensischseins und deren Entfremdung von den eigenen Gefühlen und Erfahrungen trifft auf die tagtäglich selbst erlebte Gewalt der Nichtanerkennung. Die Gaza-Offensive 2014 stellte für viele Frauen der zweiten Generation einen Wendepunkt dar. Die Verdrängung und Verneinung palästinensischer Identität und Geschichte wurde bei der zweiten Generation durch ein sichtbares Palästinensischsein abgelöst. Die Gründe hierfür sind unter anderen die zunehmende physische Gewalt in Palästina/Israel und die damit einhergehende sich intensivierende Tabuisierung von Palästinensischsein in Deutschland und der Schweiz. Ausserdem waren staatliche Deutungshoheit und Leitmedien durch die sozialen Medien herausgefordert. Palästinensische Sichtbarkeit wurde in den Augen von Frauen der zweiten Generation zu einem notwendigen Akt von Emanzipation und Widerstand, trotz einer grundsätzlich kritischen Haltung gegenüber jeder Form von Nationalismus.
Wiederaneignung verlorener Geschichte
Wie bei anderen Gesellschaftsgruppen (z. B. Jüdinnen und Juden nach der Schoah oder Betroffenen fürsorgerischer Zwangsmassnahmen in der Schweiz) brauchte es auch hier die Zeit einer Generation, um sich von der Scham zu lösen, die mit der Erfahrung struktureller Gewalt verbunden war. Die Nachkommen überwinden die Angst vor Sichtbarkeit und politischer Arbeit und die Isolation. Sie bauen ein nationales soziokulturelles Netzwerk auf, positionieren sich als Subjekte einer transnationalen Diaspora, wirken der Fragmentierung entgegen und entdecken die Wut, derer ihre Eltern enteignet wurden, für sich. Ihr Kampf ist dabei ein intersektionaler, der sich gegen verschiedene, miteinander verflochtene Diskriminierungsformen richtet und sich darin mit anderen sozialen Gruppen solidarisiert, die Marginalisierung erfahren, und nicht bloss ein Kampf gegen Rassismus. Sie beginnen auch, ihre Eltern als Betroffenengruppe zu begreifen und deren Geschichte zu erzählen, sei es filmisch, literarisch oder wissenschaftlich. Auf diese Weise eignen sie sich deren Geschichte und Identität als Teil ihrer eigenen an. Die Geschichte der Eltern zu erzählen bedeutet, eine umfassende Geschichte der Nakba zu schreiben und sie um die marginalisierte Geschichte der indirekten Vertreibung nach 1948 zu erweitern.
Sarah El Bulbeisi, Tabu, Trauma und Identität. Subjektkonstruktionen von Palästinenserinnen in Deutschland und der Schweiz, 1960–2015, Bielefeld 2020.