Acht Frauen rund um einen Tisch: Vor einigen Jahren hat in der Kirche St. Stephan in Therwil die Freske der Künstlerin Corinne Güdemann Wellen geschlagen. Das Kunstwerk erinnert an acht der vielen Frauen, die im ersten Jahrhundert die Jesusbewegung und die ersten christlichen Gemeinden geprägt haben: Maria Magdalena, Martha, Phoebe, Junia, Lydia, Priska, Thekla sowie die Frau, deren Namen nicht überliefert wurde. Was bewirkt diese Erinnerung heute? FAMARedaktorin Tania Oldenhage hat sich mit Elke Kreiselmeyer, Gemeindeleiterin der Pfarrei St. Stephan, unterhalten.
Was waren Deine allerersten Gedanken und Eindrücke, als die acht Frauen auf der Emporenbrüstung Deiner Kirche erschienen?
Als ich 1987 das Theologiestudium begann, war die feministische Theologie bereits in aller Munde. Ich weiss also eigentlich seit über 30 Jahren, dass es in der frühen Kirche Apostelinnen, Missionarinnen, Gemeindeleiterinnen, Prophetinnen, Diakoninnen und Katechetinnen gab und auch, dass diese frühchristlichen Amtsträgerinnen später bewusst verschwiegen worden waren. Aber so richtig begriffen was das heisst, habe ich erst, als sie in der Stephanskirche Therwil im Jahr 2019 «erschienen» sind. Erst wenn eine Apostelin Junia Eingang findet in die künstlerische Ausstattung einer Kirche, wird sie für uns Menschen heute wirklich real. Das galt auch für mich persönlich. Ich habe vor Freude geweint. Dieses tief empfundene Unrecht, dass die Geschichten von Frauen ja nicht nur in den Kirchen so gut wie nie erzählt werden, hat in diesem Moment Linderung erfahren.
Die feministische Theologie braucht vielleicht die Kunst an ihrer Seite. Hat sich denn etwas in Deiner Arbeit als Gemeindeleiterin dank des Kunstprojekts verändert?
Die Kirche St. Stephan steht unter Eidgenössischem Denkmalschutz. Da ein Teil des Kunstwerks seinen Platz an der rückseitigen Kirchenwand fand, wo bislang der Beichtstuhl stand, musste auch die Bewilligung des Bistums Basel für die Entfernung desselben eingeholt werden. Unsere barocke Kirche, ist ein Gesamtkunstwerk. So gab es in der Gemeinde auch besorgte Stimmen, dass ein zeitgenössisches Kunstwerk diesen schönen Gesamteindruck zerstören könnte. Uns war es als GemeindeleiterEhepaar wichtig, dass die Kirchgemeindeversammlung das letzte Wort über die Realisierung sprechen darf. Um das sorgfältig vorzubereiten, hat es über den Sommer eine Predigtreihe zu den acht Frauen gegeben. An einem Informationsabend hat dann die Kunstkommission umfassend über die geplante Ausführung informiert.
Eine Woche später fand die Kirchgemeindeversammlung statt, an der gut viermal so viele Menschen wie sonst teilnahmen. Nahezu einstimmig haben die Menschen dieses neue zeitgenössische Kunstwerk zur Erinnerung an die frühchristlichen Amtsträgerinnen in ihrer Stephanskirche befürwortet.
Dann war die Entscheidung für das Kunstwerk das Resultat eines demokratischen Prozesses?
Für mich als Gemeindeleiterin war das der schönste Moment: zu spüren, dass wir die Pfarreiangehörigen wirklich überzeugt haben und sie dieses Werk bejahen und sich daran erfreuen. Viele, die anfangs skeptisch waren, haben uns das auch rückgemeldet. Dieser demokratische Prozess wird mir für immer in Erinnerung bleiben.
Ich bin in die Schweiz gekommen, weil ich diese basisdemokratische Kirche hier im dualen System für zukunftsweisend halte. Ich wünschte mir, die herrschenden Männer der römischkatholischen Kirche würden es endlich lernen, den Menschen zu vertrauen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen.
Für diese Erfahrung bin ich als Gemeindeleiterin ausgesprochen dankbar. Ich vertraue den Menschen hier. Sie wissen, was gut ist. Meine Aufgabe ist es, ihnen im Rahmen meiner Möglichkeiten mein Wissen zur Verfügung zu stellen. Aber entscheiden können sie selbst. Sie sind mündige Christ*innen.
Elisabeth Schüssler Fiorenza hat zu dieser Frage oft Judy Chicago zitiert: Unser Erbe ist unsere Macht. Ich habe selbst schon manchen Workshop und Gottesdienst geleitet zu Junia, Phoebe, Priska oder Lydia. Manchmal habe ich mich dabei gefragt, was genau der Blick in die Vergangenheit bewirken kann. Spielt es eine Rolle, ob Frauen in der frühen Kirche Leitungsfunktionen hatten oder nicht?
Meine Antwort wird Dich vielleicht überraschen: Nein, im Prinzip spielt es für uns Frauen heute keine Rolle. Auch wenn es keine frühchristlichen Amtsträgerinnen in der Kirche gegeben hätte, hätten wir das Recht, heute die volle Gleichberechtigung und den Zugang zu allen kirchlichen Ämtern einzufordern. Gemäss der biblischen Wahrheit, dass die Ruach uns in die ganze Wahrheit einführen wird, darf es auch völlig neue Erkenntnisse geben und Veränderungen hin zu etwas, was es vorher noch nie gab. Das ist für mich Teil der Freiheit von uns Christ*innenmenschen. Die frühchristlichen Amtsträgerinnen brauchen wir somit nicht als Legitimation für unsere Forderungen heute. Wir haben ein Recht darauf, die Hälfte der Welt zu bestimmen und zu gestalten und die römischkatholische Kirche so zu verändern, wie sie uns gefällt und wie wir sie brauchen. Es kann doch nicht sein, dass nur eine Hälfte der Menschen die Definitionshoheit über diese Thematik innehat.
Erinnert werden sollen die frühchristlichen Amtsträgerinnen um ihrer selbst willen: weil es sie tatsächlich gab und weil, wie Professor HansJosef Klauck einmal schrieb, das Christentum ohne die Mitwirkung der Frauen sich niemals in diesem Tempo rund um den Mittelmeerraum hätte ausbreiten können.
Ich will mich an sie erinnern, weil es mir zeigt, dass nicht erst wir Feministinnen im 20. und 21. Jahrhundert die verrückte Idee haben, dass diese Welt auch unsere Welt ist und dass wir frei sind, zu bestimmen, wer wir sein wollen und wie wir die Welt und unser Leben gestalten wollen. Sondern die Frauen aller Zeiten haben diese Freiheit und diese Sehnsucht in sich getragen, weil sie zutiefst menschlich ist. Es gab Herrscherinnen, Prophetinnen, Jägerinnen, Schriftstellerinnen, Malerinnen, Komponistinnen, Philosophinnen, militärisch begabte Frauen etc. in jeder Epoche der Menschheitsgeschichte: weil wir Menschen sind, weil wir mit Geist und Verstand begabt sind. So einfach ist das.
Mir gefällt Dein Gedanke sehr, dass die frühchristlichen Amtsträgerinnen um ihrer selbst willen erinnert werden sollen! Wie ist es denn mit den Jugendlichen in Eurer Pfarrei? Interessieren sie sich für die Frauen von damals?
Ja, seit sie in der Kirche sichtbar geworden sind, gibt es ein neues Interesse an ihnen. Am deutlichsten wurde es mir, als wir für aktive Freiwillige in unserer Pfarrei eine sogenannte Preview angeboten haben: Als das Kunstwerk da war, der Innenraum aber noch völlig eingerüstet, durften Interessierte schon einen Blick darauf werfen. Auch eine unserer langjährigen Ministrantinnen war mit dabei, damals gerade eine junge Studentin im ersten Semester. Als Alexa neugierig den Kirchenraum betrat und die Namen der acht Frauen auf der Empore las sowie das Bild an der Rückwand entdeckte, wo die acht bei Brot und Wein um einen Tisch sitzen, da entfuhr ihr ganz spontan die Frage: «Ja, Elke, und wer waren jetzt diese acht Frauen?» Das war für mich ein Schlüsselerlebnis. Bevor die Frauen nicht als Statuen oder Gemälde in unseren Räumen sichtbar sind, bevor nicht Oratorien für sie komponiert werden, wird das Interesse an ihnen ein rein akademisches bleiben. Aber sobald sie es wert sind, auch künstlerisch dargestellt zu werden, erwecken sie Neugierde. Das gilt auch für junge Menschen. Wir haben daher auch sehr schönes und aufwändiges pädagogisches Material aus Holz herstellen lassen, das wir im Religionsunterricht an Primar und Sekundarschule einsetzen können und durch das unsere Kinder und Jugendlichen die Geschichte der acht Frauen im Detail herausfinden können: wo sie gelebt und als was sie gewirkt haben, welche Berufe sie hatten etc.
Glaubst Du, die Freske wird in 30 Jahren immer noch zu sehen sein? Hast Du irgendeine Prognose für die Zukunft Deiner Pfarrei?
Aktuell steht die römischkatholische Kirche in Europa und Nordamerika, vielleicht auch in anderen Kontinenten, an einem historischen Scheideweg. Das macht jede Prognose schwierig. Wenn es uns nicht gelingt, Frauen an der Macht zu beteiligen, wenn es uns nicht gelingt, eine umfassende Verfassungsreform anzugehen, deren Ziel rechtsstaatliche Grundsätze wie unter anderem die Gewaltenteilung in der römischkatholischen Kirche sein müssen, sehe ich keine Zukunft mehr für diese Kirche. Die Verbrechen an so vielen Kindern, Jugendlichen, (Ordens)Frauen und (Ordens) Männern, von denen viele noch gar nicht aufgedeckt sind und die durch den Zölibat massiv begünstigt werden, bedeuten zu Recht einen massiven Vertrauensverlust in diese Institution. Die Tragweite der Ereignisse ist meines Erachtens von den Verantwortlichen bis heute nicht erkannt, geschweige denn gibt es einen ernsthaften Willen zu den notwendigen Reformen.
Aber ich hoffe, dass – wie auch immer die Geschichte ausgehen wird – die Menschen in Therwil ihrer Stephanskirche so verbunden bleiben, wie viele es bis heute sind: Dass sie Sorge tragen zu einem Raum, der offen bleibt für das Unverfügbare, der Menschen in Freud und Leid empfängt, versammelt, tröstet, stärkt und beheimatet. In dem wir unsere Kinder taufen, unsere Liebe feiern und unsere Toten beklagen. In dem wir Sonntag für Sonntag zusammenkommen, uns von der Musik und unserem Singen berühren lassen und das Brot und den Wein miteinander teilen, so wie Jesus es uns gezeigt hat. An einem Tisch, zu dem jede und jeder willkommen ist. Und jede und jeder meint auch wirklich jede und jeden.
Ich glaube, die acht Frauen werden auch in Zukunft einen Platz in dieser Kirche haben.