Ausgabe 2022/2

Professioneller Dilettantismus

Selbstbefragung einer reformierten Pfarrerin
Text: Bettina Wiesendanger / 13.06.2025

Pfarrerin Wiesendanger, Sie lösen mit Ihrem pfarramtlichen Konzept des «professionellen Dilettantismus» in letzter Zeit Diskussionen aus. Können Sie Ihr Konzept kurz erläutern?
Die Kirche ist gestresst. Sie verliert Mitglieder, hat Personalschwierigkeiten, zu grosse Spielstadien wie bei abgestiegenen Sportvereinen und exotische Inhalte wie «das Evangelium». Auf diesen Stress reagieren die Menschen innerhalb der Kirche unterschiedlich: Die einen wollen noch bessere Dienstleistungen, Angebote, Expertisen. Die anderen wollen mehr echte Verwirklichung der eigenen Botschaft, also Liebe und Geduld. Das führt immer wieder zu Differenzen.

Im Reformstress ist also nichts mehr heilig. Da setze ich an. Ich halte mich mit neuer Kraft an einen heiligen Bereich. Das Heilige ist oft als Paradoxon formuliert worden. Dem schliesse ich mich an mit dem professionellen Dilettantismus. Professionell heisst hier: Funktional ausdifferenziert – top Gottesdienste, top Frömmigkeitsliteratur, top Religionsunterricht, top reflektierte Seelsorge, top Diakonie mit hoher Vielfalt der Bedienten. Es bedeutet, dass alles in ökonomischen Begriffen messbar gemacht und beworben wird. Leistungen sind bürokratisch anschlussfähig, gerade im elektronischen Bereich, mit fachgerechten Archiven, es gibt Assessment­Center für die Personalauswahl, und man orientiert sich am religiösen Markt bezüglich neuen Angeboten und Bedürfnissen.

Dilettantismus als Zusatz heisst Liebhaberei. Das Wort bedeutet ursprünglich «jemanden begeistern, liebhaben». Liebhaben können und dürfen prinzipiell alle. Angesichts der fortschreitenden Spezialisierungen in unserer Gesellschaft möchte ich einen evangelischen Dilettantismus starkmachen, eine öffentlich gestaltete Einfältigkeit, mit der wir unsere zwangsläufigen Unzulänglichkeiten immer wieder in Gnade auffangen und nicht mehr permanent zu kaschieren versuchen. Darin besteht dann unsere Grundprofessionalität. Wenn wir das reformierte Verständnis einer Gemeinde ernst nehmen, dann geht es bei uns nie um konsumierbare Dienstleistungen, sondern immer um die gemeinschaftliche Versammlung aller Gläubigen, seien es zwei oder drei, sei es im grossen Rahmen. Letztlich sind in jedem funktional noch so ausdifferenzierten Anlass alle Anwesenden massgebend und unverzichtbar, damit das evangelische Liebhaben geschehen kann. Es ist prinzipiell ein Geben und Nehmen, insbesondere auch zwischen Amateur*innen und Professionellen. Amateur oder Amatrice sind nicht zufällig weitere Worte mit der Liebe drin. Die Liebhaberei will ich mit meinem Konzept erneut anzapfen, die intrinsische Motivation zur Liebe, die alle miteinander professionell in Christus verbindet.

Sorry, «in Christus»: Das ist doch sehr missionarisch?
Da muss ich ein wenig ausholen: Hier setzt mein Amtsverständnis des Pfarrberufs an. «In Christus» – das muss ja immer wieder in jede Zeit hinein übersetzt werden. Diese Übersetzung, das ist die Aufgabe der Pfarrschaft. «In Christus» heisst für mich: unter Bezugnahme auf einen Mann, der im heutigen zeitgeschichtlichen Kontext auch eine Frau sein könnte, historisch aber ein Mann war. Unter Bezugnahme auf einen, der vor 2000 Jahren als Sündenbock geopfert wurde und in dessen Zu­Tode­Kommen Angst und kollektive Verführbarkeit von uns Menschen sichtbar geworden sind. Sichtbar geworden damals vor Ort und danach in Textaufzeichnungen, Bruchstücken, Briefen derjenigen, die in diesem Tod und dem, was danach geschah, etwas Einmaliges sahen. Das Einmalige formulierten sie mit dem Begriff «Auferstehung». Und so ist dieser Mann auferstanden, bis heute, in seinem Wort, und wir werden ihn nicht los. Diese andauernde Betroffenheit durch seine Existenz dürfen wir aktiv gestalten und diskutieren. Dafür hat die Pfarrschaft eine universitäre Expertise im Angebot. Und – sehr wichtig – dieses Angebot kann auch abgelehnt werden.

Sie weichen dem Stichwort «Mission» aus … ?
Nein, das meine ich mit «das Angebot ablehnen». Wenn ich mit einer Atheistin oder mit einer Gläubigen aus einer anderen Religion im Gespräch bin, dann bin ich darauf angewiesen, dass ich mich in meinen religiösen Begriffen ausdrücken darf, wenn sie gemäss meiner Überzeugung das Gespräch bereichern und wenn es mir gelingt, sie entsprechend zu übersetzen und einzubringen. Ich darf jedoch nie voraussetzen, dass sie übernommen werden, oder keinerlei Zwang ausüben, dass sie übernommen werden müssten. Aber ich darf sie nutzen und sie erklären und mich selbst an ihnen nähren. Wenn es um Religion geht, bin ich in Christi Namen da. Mein Gegenüber allenfalls nicht. Meine Liebhaberei kann punktuell trotzdem zu etwas Gemeinsamem führen, weil ich als die eine Seite christlich motiviert bin. Das ist aber für das Gegenüber ein Geschenk, falls es denn gelingt. Darin besteht meine Professionalität. Das ist mein Pfarramt.

Sie haben von einem Bereich des Heiligen gesprochen – was heisst das genau?
Heilig ist das Gespräch, kollektiv oder einzeln. Der immer wieder aktuelle Umgang mit der Frage, was normativ geschehen soll, und wo die Freiheit ist, das Leben so zu nehmen, wie es ist, beschreibend, auch mit Leid, mit Entwertung, mit Kampf und darin eben die Geschichte des Gekreuzigten mitzudenken, einzubringen, nachzuleben. Der Gekreuzigte ist kein Gesetz. Er ist Begleitmotiv, einnehmender Klang, Angebot, vielleicht sogar Angebot ohne Nachfrage.

Haben Sie ein Beispiel?
Ja, klar, viele Beispiele. Kürzlich erzählte mir jemand von einer familiären Betroffenheit durch eine degenerative Erbkrankheit. Die ganze Palette heutiger Möglichkeiten war in der Erzählung präsent: sich darauf testen oder nicht, präventiv handeln oder nicht, damit im Augenblick zu leben versuchen, einfach so, oder eine Erkrankung innerlich vorwegzunehmen und den Umgang zu planen, bis hin zu einer erwogenen Mitgliedschaft bei Exit. Den Nächsten Informationen über die blosse Möglichkeit einer Erkrankung schuldig zu sein oder nicht, die Trauer mitten im Leben über einen nicht gelingenden Umgang mit der momentan bloss theoretischen Präsenz der Krankheit. Es gibt heute medizinische Gesetze, die eine Eigendynamik entfalten, und da suche ich befreiende Elemente: aushalten, ohne grosses Aufheben zu machen. Mittragen. In der inneren Haltung: Nackt sind wir aus dem Mutterleib gekommen, nackt gehen wir wieder dahin zurück – und so geben wir uns diese Blösse.

Da sein in der Haltung der Liebhaberei, des interaktiven Suchens. Wenn so jemand dann in einen Gemeindegottesdienst kommt und wir zusammen das Lied «Gott ist gegenwärtig» singen, mit der Zeile «Mache mich einfältig, […] dass ich deine Klarheit schauen mag … », dann kann das in uns allerhöchste Resonanz auslösen.

Soweit ich Ihr Konzept verstehe, ist es eigentlich sehr traditionell, vielleicht sogar konservativ. Was ist denn so neu daran?
Richtig! Es ist überhaupt nicht neu, oder besser gesagt, es ist so neu wie das «Zweite oder Neue Testament» neu ist – also alt. Allein das aktualisierende und irritierende Wort Dilettantismus ist neu. Ich glaube, das löst so viel aus, weil es eben die paradoxen Anforderungen an uns alle thematisiert, die Anforderung «funktionale Professionalität» oder: Perfektion versus intrinsisch motivierte Liebhaberei. Beides spielt immer eine Rolle. Oft wird die eine Seite zuungunsten der anderen überbetont. Das ist beim professionellen Dilettantismus nicht der Fall, eben wegen seiner realitätsgemässen, sichtbaren Paradoxie.

Was würde denn Dilettantismus im Zusammenhang mit dem Predigen bedeuten?
«Predigt»: Das ist heute ein Negativbegriff. Begonnen hatte es vielleicht mit der Gardinenpredigt: zu negativ. Dann kam die Sonntagspredigt: zu naiv. Die Predigt an sich: zu moralisch, zu selbstverliebt. Das Wort «abkanzeln» ist tragischerweise näher bei seiner ursprünglichen Bedeutung geblieben als das Wort «predigen». Insofern ist Predigen in der kollektiven Erwartungshaltung heute sowieso eine «dilettantische», negativ belastete Rede. Demgegenüber ist für mich eine Predigt eine Ansprache zu perfekter Lebensregulierung und lebendiger, gnädiger Ent­Regulierung. Es gibt im Leben keine Schonung für Dich, doch es gibt evangelische Schonung, auch und gerade für Dich. Predigen heisst, damit in allen Auslegungsformen zu spielen.

Und ein dilettantischer Religionsunterricht – kann es so etwas geben?!
Meine derzeitige Lieblingssequenz beim Unterrichten ist: Ich lasse die Filmszene aus «Catch me if you can» laufen, in der die Hauptfigur, ein smarter Betrüger, sich bei den zukünftigen Schwiegereltern präsentiert. Sie sind Lutheraner. Er hat davon keine Ahnung, bejaht aber, auch Lutheraner zu sein. Er wird gefragt, ob er gerne das Tischgebet sprechen würde. Ja, natürlich, sagt er und räuspert sich. An dieser Stelle stoppe ich den Film. Die Jugendlichen sind augenblicklich top motiviert, sich ein lutherisches Tischgebet auszudenken oder eines zu recherchieren. Nach ausführlichen Gebetsdiskussionen lasse ich den Film weiterlaufen, wie der Betrüger betet: «Zwei Mäuse fallen in einen Topf voll Sahne. Die erste Maus gibt bald auf und ertrinkt. Die zweite Maus gibt nicht auf – sie strampelt so lange, bis sie die Sahne schliesslich in Butter verwandelt hat, und ist gerettet. Amen.» Im anschliessenden Unterrichtsgespräch erweist sich das dilettantische Gebet als vorbildliches Gebetsfragment.

Herzlichen Dank für das Gespräch! Sie haben die Gelegenheit für ein Schlusswort, wenn Sie möchten …
Gerne! Im Film kommt die Mäusegeschichte an mehreren Stellen vor, einmal ergänzt mit dem Satz der Hauptfigur: «Meine Herren, ich stehe heute vor Ihnen als diese zweite Maus.» Das ist auch mein Schlusssatz hier: Liebe Leser*innen, auch ich bin diese zweite (Kirchen­)Maus.