Medien werden später von Pionierinnen berichten, die etwas «Aussergewöhnliches» bewerkstelligt hätten, von einer DreifachPremiere gar und davon, wie man sich nach dem Gebet überglücklich umarmt habe. Eine dieser Frauen war ich. Auf dem Weg zum Gebet empfand ich aber nicht Festlaune, sondern war innerlich angespannt und missmutig. Nach dem Anlass traurig, verletzt und in fester Absicht, etwas in der Art kein zweites Mal zu wiederholen.
In den Tagen zuvor hatte sich eine Dynamik entwickelt, die sich, zumindest in meiner Wahrnehmung, immer weiter von der ursprünglichen Idee entfernt hatte. Die Wendung war mir nicht geheuer. Doch für einen Rückzieher war es zu spät, und so machte ich gute Miene zum bösen Spiel.
Für eine offene islamische Gemeinschaft
Die Idee eines eigens organisierten Festgebets entstand im Austausch unter uns dreien. Wir verfügten alle über ähnliche Erfahrungen von Diskriminierung und beklagten das Gefühl, in traditionellen MoscheeGemeinschaften nicht vorbehaltlos willkommen zu sein. Diese Empfindung von «Heimatlosigkeit» und Ausgrenzung trifft muslimische Frauen nicht per se, sondern vor allem jene, die westeuropäisch sozialisiert und geprägt sind. Frauen (und Männer), die aus interkulturellen Ehen stammen, solche die zum Islam konvertiert sind und solche, die in interreligiösen Partnerschaften leben. Es betrifft feministisch denkende, intellektuelle und weniger traditionell geprägte Muslim:innen. Auch konvertierte, angeheiratete Männer sind oft sehr verunsichert, wie sie in einer Moschee aufgenommen werden. Eine strikte Geschlechtertrennung kann für sie ein Grund sein, sich nicht zu den Gemeinschaftsgebeten zu trauen, weil ihre muslimischen Bezugspersonen, ihre Partnerinnen, nicht an ihrer Seite sind. Das mag erklären, warum manche muslimische Frauen und Männer traditionelle Gemeinschaften meiden und nach Alternativen suchen.
Gebet als Heimat
Unser Festgebet sollte eine solche Alternative sein und Muslim:innen, die «aus dem Raster fallen», eine Möglichkeit geben, in einem ihnen wohlgesinnten, emotional sicheren Rahmen das Gebet zu verrichten: Sich selbst ein Stück Heimat und Gemeinschaft schaffen und dabei ein freudvolles Fest erleben. Als Örtlichkeit dienten uns die Baracken des «Hauses der Religionen», bevor dieses später seine definitive Bleibe am Europaplatz in Bern bezog. Die Einfachheit des Provisoriums wirkte nicht hinderlich für eine festliche Stimmung. Wäre es dabei geblieben, alles wäre gut gewesen.
Imam:in als Aufgabe
Wir wären zusammengekommen, vielleicht fünf oder zehn Personen. Jemand von uns hätte vorgebetet. Das ist nicht aussergewöhnlich. Wenn mehr als zwei Muslim:innen zusammenkommen und beten, übernimmt die kundigste Person das Vorbeten. Vorbeter:in zu sein ist daher im sunnitischen Islam kein Amt, es ist vielmehr eine Funktion, die jemand auf die praktische Situation hin übernimmt.
Dass das rituelle Gebet im Islam an Bewegungsabläufe und verschiedene Körperhaltungen gebunden ist, die es Frauen in der Regel unangenehm machen, vor Männern zu beten, ist ein Grund, weshalb Frauen in gemischten Gemeinschaften traditionellerweise nicht die Aufgabe der Vorbeterin übernehmen. Auch der Umstand, dass Frauen während der Menstruation nicht in die Moschee gehen, sowie allgemeine patriarchale Strukturen haben dazu geführt, dass aus den zunächst praktischen Gründen ideologische wurden und Frauen das Vorbeten vor geschlechtlich gemischten Gemeinschaften faktisch verboten wurde.
In den letzten Jahrzehnten haben sich feministische Muslim:innen vermehrt gegen diese Regeln und gegen die strikte Geschlechtersegregation gewandt. Frauen in der Türkei gehen heutzutage wieder häufiger zu den Freitags und Festgebeten, was zuvor eher unüblich war. Es kamen auch Ideen von reinen Frauenmoscheen auf, etwa in Indien. In westlichen Kulturen wurde der Ruf nach mehr weiblicher Autorität in muslimischen Gemeinden laut. Dabei ging es nicht vornehmlich um die Aufgabe des Imams als vielmehr um Mitsprache in den Belangen der Gemeinschaft und um mehr Raum und Repräsentanz von Frauen im (religiösen) Gemeinschaftsleben.
Verantwortung allein vor Gott
Vorzubeten ist zwar positiv konnotiert, aber kein Gebet ist von einer/m Vorbeter:in abhängig. Die Einhaltung der religiösen Riten im Islam hängt nicht, wie bei Christ*innen, von einer professionell agierenden oder «beamteten» Person ab. Alle religiösen Pflichten werden von dem/der einzelnen Muslim:in vollzogen. Der Islam ist in dieser Hinsicht sehr praktisch orientiert und legt grossen Wert darauf, dass die Autonomie des Menschen in seiner Beziehung zu Gott gewahrt bleibt. In der kultischen «gottesdienstlichen» Praxis hängt daher theologisch nichts von einer anderen Person ab.
So spendet ein Imam keine Sakramente. Er ist weder Repräsentant Gottes noch des Propheten. Der/die Imam:in ist nicht Priester:in, nicht geweiht und hat keine andere Stellung bei Gott aufgrund seiner Funktion. Wer vorbetet, gibt lediglich das Tempo vor, in dem das Gebet vollzogen wird. Wer vorbetet, betet nicht(s) anderes (an) als die Gemeinschaft. Deshalb steht die vorbetende Person im Gebet in gleicher Blickrichtung mit der Gemeinschaft. Er/sie ist ein/e Gläubige:r unter Gläubigen und sowohl im Gebet wie auch bei allen anderen religiösen Pflichten (z. B.: Fasten, Pilgerfahrt, Sozialsteuer, etc.) allen anderen gleichgestellt.
Wie viele Frauen in der Schweiz offiziell als Imaminnen fungieren, lässt sich nicht sagen. Jedoch leiten Frauen Gebete, erteilen religiösen Unterricht und werden zu religionsrechtlichen Fragen von einfachen Gläubigen konsultiert, alles Aufgaben, die traditionell ein Imam übernimmt. Frauen als gebildete Laien oder semiprofessionell Ausgebildete haben in ihren Gemeinschaften einen hohen Stellenwert, aber in der Regel keine Repräsentationsrolle nach aussen.
Räume des Vertrauens
In dem Festgebet, das mir vorschwebte, wäre alles familiär, vertrauensvoll und egalitär gewesen, so wie ein «safe space» sein muss. Doch stellte ich fest, dass die Vorstellungen auseinander drifteten. Es sollten plötzlich auch NichtMuslim:innen explizit eingeladen werden. Schliesslich wolle man als «offene Moschee» niemanden ausgrenzen. Mich irritierte das. Ich wollte keine offene Moschee für alle bieten, sondern einen alternativen GebetsRaum für Muslim:innen ermöglichen. Das Argument, man könne ja schliesslich als Muslim:in auch ohne weiteres an einem Ostergottesdienst teilnehmen, war für mich nicht stichhaltig. Die Situation als Minderheit kann man nicht einfach ausblenden. Muslim:innen sind in der Schweiz eine argwöhnisch beäugte Minderheit, die ihren Platz noch nicht gefunden hat. Und sie ist, mitten im Ausgestaltungsprozess, sehr verletzlich. Deshalb sind von aussen ungestörte Zusammenkünfte wichtig.
Politik statt Gebet
Meine Einwände bewirkten nichts. Und mir wurde mulmig bei der Vorstellung, dass sich am Festtag Muslim:innen in der Mitte des Raumes, umringt von Zuschauenden, im Gebet niederwerfen würden. Eine Szene wie in einem Zoo; eine fürchterliche Vorstellung. Die Differenzen nahmen noch zu, als ich feststellte, dass mit «Offenheit» und «Öffnung» eine Einladung an die Medien verbunden war und dass der Anlass für meine Partnerinnen einer gesellschaftspolitischen Aktion gleichkam. Umdeutungen oder eine Instrumentalisierung von rituellen Gebeten erachte ich aber als problematisch. Doch es war zu spät. Öffentlichkeit und Medien waren bereits informiert und zeigten sich begeistert von «der Offenheit» und von unserem «Mut». Das steigerte noch mein Unbehagen. Ihr Blick ist ein «kolonialer» und einer, der den Kampf römischkatholischer Frauen um ein Priesteramt mit der Situation muslimischer Frauen gleichsetzt. Diese Deutung negiert wesentliche Unterschiede und vergisst, dass die muslimische Community in der Schweiz keine anerkannte Religionsgemeinschaft ist. Sie geniesst weder die rechtlichen noch die sozialen Privilegien einer Landeskirche. So sind für Muslim:innen noch immer grundlegende religiöse Bedürfnisse in der Schweiz ungesichert (z.B. Bestattungsmöglichkeiten, Seelsorge, Religionsunterricht). Das und der gesellschaftliche Argwohn, der Muslim:innen oft entgegenschlägt, wirken sich hinderlich auf innere Dialog und Reformprozesse aus. Der Druck von aussen erzeugt Abwehrreflexe. Zudem können für den islamischen Kontext nur praktische, nicht aber theologische Gründe für die «Verwehrung des ImamAmtes» geltend gemacht werden.
Fortschrittsgläubige Missverständnisse
Medial wurde der Anlass so gerahmt: Drei mutige Musliminnen brechen mit dem rückwärtsgewandten, traditionellen Islam. Die explizite Einladung an nicht-muslimische Gäste und an die mediale Öffentlichkeit bedeuten eine Aufforderung an die Mehrheitsgesellschaft, ihre Anliegen zu unterstützen und zu helfen, sie voranzutreiben.
Ich sah und sehe mich an diesem Punkt noch immer in einer Zerreissprobe zwischen meiner eigenen feministischen Kritik an meiner Gemeinschaft und der Kritik an der durch Medien repräsentierten Öffentlichkeit.
Widerwillig gab ich Interviews vor dem Gebet. Und widerwillig nahm ich am Gebet teil, umringt von Zuschauer:innen, die aufrichtig interessiert im Halbkreis sassen und zuschauten, wie ein halbes Dutzend Muslim:innen ihr Gebet verrichtet. Ich empfand den Augenblick als würdelos und hätte in diesem Moment sogar der Besenkammer, die mir einmal in einer Moschee als Gebetsort zugewiesen worden war, den Vorzug gegeben.