Dass sie in unseren Breitengraden kleiner wird, dafür sorgen gerade viele Bischöfe überall da, wo Verantwortung für sexuellen Missbrauch und seine Vertuschung nicht wahrgenommen wird. Aber unabhängig davon: Es braucht Erneuerung an der Wurzel. Hierfür engagiert sich die JuniaInitiative in der Schweiz. Meine Motivation dazu ist so alt wie meine erste Diskriminierungserfahrung als Mädchen. Und sie erfuhr bei einer Kundgebung anlässlich des Frauenstreiks 2019 eine grosse Schärfung und Klärung darüber, was Solidarität bewirken kann. Die zweite Rednerin, Vroni Peterhans vom Aargauer Katholischen Frauenbund, sprach mit heiligem Zorn über das Unrecht der Diskriminierung in der römisch-katholischen Kirche. Ich schaute mich um: keine, die abwinkte und sagte «Dann tretet halt aus». Stattdessen gab es tosende Zustimmung. Ich erfuhr an Leib und Seele eine Solidarität, die hiess: Immer wenn Frauen diskriminiert werden, wenn Frauen die Würde abgesprochen wird, betrifft das alle Menschen.
Realitäten sehen und weiterentwickeln
In der Schweiz erleben wir an vielen Orten, dass Menschen in römischkatholischen Pfarreien oder klösterlichen Gemeinschaften ihre:n bewährte:n Seelsorger:in als ihre «Pfarrerin» wahrnehmen. Weil sie mit ihrem Dasein von einem treuen Gott erzählt, der/die in schweren Zeiten und im Glück da ist. Diese:r Seelsorger:in teilt den Alltag und die Hochzeiten. Das Leben wird gefeiert, und darin wird erfahren, was nicht greifbar ist: Gottes Gnade vom Lebensanfang bis zum Ende, Gottes Zusage, wenn Menschen einander die Treue versprechen, und Gottes Bekräftigung, wenn Menschen mit Brüchen leben. Die JuniaInitiative bietet für solche Pfarreien, Gemeinschaften und Gruppierungen eine Plattform an, damit ihre Mitglieder sich hinter ihre:n Seelsorger:in stellen und sagen können: «Du bist bewährt und sollst auch offiziell ordiniert werden, von uns und einer Person aus der Bistumsleitung.» Wachsende Verantwortung von Frauen und Männern ohne priesterliche Weihe ist eine der positiven Folgen des Priestermangels. Es gibt unterschiedliche Leitungsmodelle in Pfarreien und Pastoralräumen, auch solche, in denen weniger die pastorale Versorgung als vielmehr die Teilhabe und Mitgestaltung vieler Menschen gelebt wird. Die JuniaInitiative will diese Modelle wertschätzen, laut davon erzählen und sie vor allem weiterentwickeln.
Hürden erkennen und überwinden
Dazu ein Beispiel: Im ersten coronabedingten Lockdown im Frühling 2020 gab es ein wochenlanges Verbot, Gottesdienste zu feiern. Für viele Menschen war das ein schmerzlicher Verzicht. Dass einige Priester sogenannte Stille Messen alleine feierten, also Eucharistie ohne anwesende Gemeinde, wurde auch von vielen traditionell geprägten Menschen in der römischkatholischen Kirche als Hohn empfunden. Als ob Kirche ohne sie möglich wäre. Dadurch wurde einmal mehr deutlich, dass das römischkatholische Sakramentsverständnis anfällig ist für derartige stille Irrwege. Gottesdienste ohne Gemeinde verdienen diesen Namen nicht. Und Sakramente sollten nicht mehr gespendet, sondern gefeiert werden. Bis heute ist es so, dass nichtgeweihte Seelsorger:innen gemäss Kirchenrecht Ersatznamen gebrauchen müssen für die Feiern, die in Gemeinden und Gemeinschaften gefragt sind: Aus der Eucharistie wurde die Kommunionfeier, aus der Krankensalbung die Krankensegnung, aus der Hochzeit das Beziehungsfest usw.
Berufung und Bewährung achten
Nach Kirchenrecht spielt weder die seelsorgerliche Beziehung eine Rolle noch die Frage, wieviel Deutsch ein fremder Mann versteht oder sprechen kann. Hauptsache, er ist zum Priester oder Diakon geweiht. Auf diese Weise wird ausser Acht gelassen, wieviel mehr Heil innerhalb einer bewährten seelsorgerlichen Beziehung erfahren werden kann. Die JuniaInitiative möchte das Personal der römischkatholischen Kirche nicht einfach um geweihte Frauen erweitern. Wir möchten das allgemeine Priester:innentum durch die Taufe umsetzen, damit die Menschen in den Pfarreien mehr Verantwortung übernehmen können. Alle sollen nach ihrer Berufung gefragt werden und beim Erlangen der nötigen Qualifikationen unterstützt werden. Sexuelle Orientierung und das Geschlecht dürfen keine Ausschlusskriterien mehr sein, genauso wenig wie eine zerbrochene Ehe und der Mut, eine neue Beziehung zu wagen (römischkatholisch heisst das «wiederverheiratete Geschiedene»). Vielmehr sollen Pfarreien qualifizierte und bewährte Seelsorger:innen in die volle Verantwortung als Gemeindeleiter:in wählen können.
Mögliche Voraussetzungen
Zunächst ist uns eine persönliche Berufung wichtig, die nicht einmal für immer empfunden werden soll, aber als Erfahrung spürbar sein muss: «Du, an diesem Ort mit dieser Aufgabe: ja, so soll es sein!» Meine Berufung ist nie nur eine Geschichte zwischen mir und meiner Schöpferin. Sie will und soll sich erweisen und in der alltäglichen Praxis bewähren. Diese Bewährung als Seelsorger:in ist eine weitere Voraussetzung, denn es braucht die Resonanz von Menschen, die sich mir als Seelsorgerin anvertrauen, die mit mir feiern oder weinen oder das Brot teilen. Und schliesslich soll der Ruf durch Menschen aus der Pfarrei und durch eine Vertretung der Bistumsleitung bekräftigt werden. Wir sind alle aufeinander angewiesen, deshalb braucht eine Berufung Bestärkung von anderen Berufenen aus der Pfarrei und der Bistumsleitung.
Ordinieren statt weihen
Wir möchten keinen erweiterten Klerikalismus, der das geschlossene System von geweihten Männern für geweihte Frauen öffnet. Wir haben lange gerungen, bis wir uns auf die skizzierte Beauftragung verständigt haben: Wir möchten, dass berufene und bewährte Seelsorger:innen zum sakramentalen Dienst ordiniert werden. Damit wird aus einer Anstellung eine Ordination, jedoch bezieht sich eine Ordination auf die Aufgabe und ist keine Zuschreibung, die den Stand, ja den religiösen Status eines Menschen betrifft oder gar verändert. Die Ordination zum sakramentalen Dienst soll anders als die bisherige Priesterweihe nicht allein vom Bischof und seinem Personal verantwortet werden. Die Pfarrei oder Gemeinschaft, in der sich ein:e Seelsorger:in bewährt hat, darf nicht mehr umgangen werden, sondern muss beteiligt werden. Daher scheint uns eine gemeinsame Verantwortung von Bistumsleitung und Pfarreivertretung angemessen.
Wurzeln ehren
Unsere Matronin ist Junia, die herausragende Persönlichkeit, der Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom besondere Grüsse ausrichten lässt. Sie gehörte zu seinem Volk, war mit ihm im Gefängnis und «ragte» gemäss Paulus «unter den Apostel:innen hervor» (Römerbrief 16,7). In der orthodoxen Kirche ist sie bis heute als Frau überliefert. In der lateinischen Tradition jedoch wurde ab dem 13. Jahrhundert aus ihr ein Mann gemacht: Junias. Ihr Frausein wurde verleugnet. Die neue Einheitsübersetzung von 2016 bekannte sich zu diesem Fehler. Diese unsichtbar gemachte Frau, der jetzt wieder Ansehen geschenkt wird, weist uns auf zweifache Weise einen Weg: Einerseits waren Frauen von Beginn an Verantwortungsträgerinnen in der Nachfolge Jesu. Andererseits zeigt ihre Rezeptionsgeschichte, dass im römischkatholischen kirchlichen Kontext Korrekturen möglich sind!
Initiativ werden
Die JuniaInitiative verdankt ihren Ursprung drei Frauen: der Gemeindeleiterin Dorothee Becker und der Seelsorgerin Charlotte Küng sowie Irene Gassmann, Priorin des Klosters Fahr, wo das Donnerstagsgebet «Schritt für Schritt» seinen Ursprung hat, das mittlerweile an vielen Orten in der Schweiz und darüber hinaus gebetet wird. Die JuniaInitiative stellt seit Oktober 2019 eine Plattform für Frauen zur Verfügung, die öffentlich zu ihrer Berufung als Seelsorgerin stehen. Wir sind eine Bewegung, kein Verein. Unsere Treffen sind schwer zu organisieren, weil niemand von uns viele Kapazitäten hat und jedes Engagement unbezahlt ist. Ja, das ist mühsam. Dennoch macht es mich sehr zufrieden und stolz auf meine JuniaGefährt:innen, wenn ich schaue, was in all der Begrenzung möglich wurde: unsere Website und vor allem der Austausch darüber, Vorträge mit und Inspiration von klugen Professorinnen, Vernetzungsarbeit in der Schweiz und darüber hinaus, und vor allem Bestärkung all derer, die sich für gleiche Würde und gleiche Rechte in dieser Kirche einsetzen. Wir haben bereits zwei öffentliche JuniaTage am 17. Mai 2020 und 2021 gefeiert. Der diesjährige findet am 15. Mai, 15 bis 18 Uhr, in Effretikon statt (Anmeldung: https://juniainitiative.com).
Was wir brauchen
Wir sind auf Solidarität angewiesen, wie ich sie beim Frauenstreik in Aarau erlebt habe. Diese kann sich beispielsweise darin erweisen, dass alle, die Frauen in kirchlichen Ämtern vermissen, nachfragen, warum sie nicht dabei sind. Wie wäre es, wenn ökumenische Feiern nur dann stattfinden, wenn römischkatholische Frauen mit am Altar stehen, oder auch keine interreligiösen Feiern mehr ohne Frauen geplant werden? Wie wäre es, wenn sich Männer erlauben und trauen, das, was fehlt, beim Namen zu nennen? Beispielsweise haben Männer am JuniaTag 2021 beim Tränenritual im Kloster Fahr öffentlich bekannt: «Schwestern, wir vermissen Euch». Denn solange Geschwisterlichkeit allein ein Thema der Ausgeschlossenen ist, gibt es keine.
Haben wir Chancen auf Erfolg?
Nein. Und trotzdem bleibt mir, bleibt uns nichts anderes übrig, als das Unrecht der Diskriminierung beim Namen zu nennen und genauso das, was wahr ist: Es gibt uns, berufene und bewährte Seelsorger:innen. Und es gibt Pfarreien und Gemeinschaften, die an ihrer guten Praxis festhalten möchten. Gleiche Würde und gleiche Rechte, Verantwortung und Teilhabe aller Getauften. Davon reden und schreiben wir, das feiern wir, bis wahr wird, was recht ist.