Im Februar 2019 titelte eine Kölner Boulevardzeitung: «Das gab es noch nie: Revolution im Kölner Dom». Ich dachte eine Sekunde lang: Köln bekommt eine Erzbischöfin. Eine Maria ohne Rainer davor.
Doch die RevolutionsSensation bestand darin, dass Domschweizerinnen erlaubt werden sollten. Bisher gab es nur Männer im roten Mantel, die als Domschweizer die Besucherinnen und Besucher der Kathedrale zur Ordnung mahnten. Nun sollten das auch Frauen dürfen. Die Begründung für diese Lokalposse ist römischkatholische Weltklasse. Der Kölner Dompropst: «Wir glauben, dass Frauen und Männer sich insgesamt in dieser Tätigkeit gut ergänzen würden, wie in den anderen Arbeitsbereichen an der hohen Domkirche: in der Sakristei, in der Schatzkammer, in der Turmbesteigung.»
Sekundäre Ergänzung
Das Schlüsselwort der römischkatholischen Geschlechterlehre ist «ergänzen». Komplementarität gehört zum Machtverhältnisverschleierungsgrundwortschatz. Das Wort beschreibt ein hierarchisches Verhältnis: Was von der Frau ergänzt werden soll, bestimmt – der geweihte Mann. Hat ER die Macht, ergänzt SIE die Demut. Wenn ER spricht, ergänzt SIE das Lächeln. Wenn ER gibt, sagt SIE danke. Wenn ER nichts gibt, dankt SIE auch.
Der Mann als Norm – die Frau als Abweichung. Männer definieren, was eine Frau ist, wie sie zu sein und in welchem Radius sie sich zu bewegen hat. Männer kennen die natürliche, gottgegebene Rolle der Frau und sie achten darauf, dass das Weib nicht aus dieser Rolle fällt. Das Domschweizerinnen-Beispiel zeigt einen beliebten katholischen Trick: Frauen wird mit grossem Tamtam etwas gewährt, was sie nie gefordert haben. In Köln und dem Erdkreis gab es keine Domschweizerinnenbewegung. Das Selbstverständliche wird ihnen vorenthalten: Gleichberechtigung und freie Auswahl.
Macht als Demütigung
Gewähren ist ein Akt der Macht. Der Mächtige ist frei, etwas zu geben oder auch nicht. Die Empfangende hat keinen Anspruch darauf, dass sie etwas bekommt. Sie kann klagen, aber nichts einklagen. Bekommt sie etwa die Erlaubnis, Messdienerin zu sein, muss sie danken, sonst ist es ungehörig.
Frauen dürfen sich nichts nehmen, sie dürfen nur annehmen, schreibt Simone de Beauvoir in ihrem Klassiker von 1947 «Das andere Geschlecht». In der katholischen Kirche dürfen sie auf einen gönnerhaften Kleriker hoffen, der sie zur Domschweizerin oder sogar zur Referatsleiterin im Rahmen seines Programms für weibliche Führungskräfte macht. «Darf ich Ihnen meinen Frauenförderplan zeigen?», säuseln vermeintlich aufgeklärte Bischöfe.
Selbstbestimmung im Sinne der Aufklärung ist nicht vorgesehen. Die Frau hat eine Bestimmung. Welche das ist, bestimmt das Lehramt: Einst war das ausschliesslich die Mutterschaft oder die geistliche Fruchtbarkeit als Ordensfrau, im späten 20. Jahrhundert durfte es auch für Mütter eine Berufstätigkeit sein, allerdings bevorzugt eine caritative und auch die nur dann, wenn sie nicht auf Kosten der Familie ging.
Bis heute: Gleiche Rechte als Bedrohung
Emanzipationsbewegungen gefährden diese Geschlechterordnung und damit die Kirchenordnung. Die säkulare Idee der Gleichberechtigung – gleiche Würde, gleiche Rechte – ist in der römischkatholischen Kirche allenfalls als Verzerrung und Drohkulisse angekommen. Vor Gleichmacherei und Vermännlichung des Weibes warnen Päpste und Präfekten – als hiesse Gleichberechtigung, dass eine Frau alles wollen muss, was Kirchenmänner wollen. Gleichberechtigung heisst gerade nicht «müssen». Es bedeutet schlicht, dass sie es wollen darf und sich nicht allein deshalb das Wünschen und Streben verbieten muss, weil sie eine Frau ist.
Oft ist der Satz zu hören: «Es gibt doch so viel, was Frauen tun können, auch ohne Weiheämter.» Das stimmt, aber auch damit wird das Weihrauchfass über real existierende Machtverhältnisse geschwenkt. Wenn jemand zu mir sagt: «Du darfst nur hier sitzen und dort nicht, du darfst dich nur in diesem Radius bewegen und darüber hinaus nicht», und zwar allein deswegen, weil ich kein Mann bin, dann übt er eine diskriminierende Macht aus.
Platzanweiser unter sich
Gleichberechtigung bedeutet nicht, Frauen in den Himmel zu loben. Es bedeutet, ihnen auf Erden gerecht zu werden. Würde besteht darin, sich als Mensch in verschiedenen Möglichkeiten denken zu dürfen, heisst es bei Pico della Mirandola in seiner ungehaltenen Rede über die Würde des Menschen von 1486. An Frauen hatte auch er nicht gedacht, aber das Denken in Möglichkeiten entfaltet revolutionäre Kraft für alle, denen Grenzen gesetzt werden, sei es durch Geschlecht, Stand, ethnische Herkunft, Religion oder NichtReligion. Gleichwürdigkeit zu behaupten, wie es unzählige Dokumente der römischkatholischen Kirche tun, und Frauen feste Plätze zuzuweisen, ist ein Widerspruch in sich.
Dieses Platzanweiserverhalten ist in der römischkatholischen Kirche nicht individuell, es ist strukturell. Es macht keinen Unterschied, ob ein Bischof den Frauenförderplan präsentiert oder ob er auf die demütige Maria verweist, die angeblich keine Führungsposition angestrebt hat. Eine Debatte über Frauen, die in der römischkatholischen Kirche etwas wollen, ist immer eine Debatte über Männer, die in der römischkatholischen Kirche etwas haben.
Macht theologisch verschleiert
Zur systemischen Machtverschleierung gehört, dass die Platzanweiser nicht zugeben, dass sie Platzanweiser sind. Sie sind immer im Dienst. Sie agieren angeblich als Werkzeuge des Herrn. Als Pfingsten 1994 der Heilige Geist auf Johannes Paul II. herabsank und «Ordinatio sacerdotalis» einflüsterte, erklärte das Kirchenoberhaupt, er habe keine Vollmacht, Frauen zu Priesterinnen zu weihen. Der Papst will also nicht entscheiden, er will entschieden worden sein. Machtworte werden in der katholischen Kirche nicht auf offener Bühne gebrüllt. Sie werden im Gestus der Ohnmacht inszeniert. Römischkatholische Frauen sollen so konditioniert werden, dass sie dankbar in Unmöglichkeiten denken, nicht in Möglichkeiten. Der Gedanke des Platzanweisens ist deshalb so zentral, weil es die Diskriminierung vor der Diskriminierung ist. Die Diskriminierung beginnt nicht beim Ausschluss von den Weiheämtern, sie beginnt weit vorher, mit der Behauptung, weibliche Wesen hätten eine Bestimmung. Damit werden sie als Objekte behandelt, anstatt als Subjekt ernstgenommen. Diskriminiert sind ALLE Frauen in der römischkatholischen Kirche, unabhängig davon, ob sie Priesterin werden möchten oder nicht.
Ausschluss als «weibliches Gefühl»
In einem Interview im Herbst 2020 erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Georg Bätzing die sogenannte «Frauenfrage»: «Ich würde sagen: Wie können wir Frauen so in der Kirche beteiligen an Entscheidungen und Entschlüssen (…), an Diskussionen und an Prozessen, dass sie sich nicht exkludiert fühlen?» Auf die Rückfrage, ob sie sich nur ausgeschlossen fühlen oder ob das nicht eine tatsächliche Diskriminierung sei, antwortete er: «Das ist zunächst mal eine Frage des Gefühls bei mir. Aber die hat natürlich mit vielen Realitäten zu tun. In der Begegnung mit Frauen sprechen sie einfach davon, dass sie sich in vielen Belangen in der Kirche ausgeschlossen fühlen, nicht beteiligt fühlen und dass sie das als ein Unrecht erleben.» Das Wort «Diskriminierung» scheint selbst für einen Bischof tabu, der sich zum Reformlager zählt. Das Ziel ist Benachteiligungsgefühlsminderung.
Eine römischkatholische Kirche, die Frauen nicht diskriminiert, hat es nie gegeben. Die Kirchengeschichte ist auch eine Geschichte der Frauenverachtung, der Abwertung, des Frauenhasses. Lob gebührte Frauen nur, wenn sie entsexualisiert sind – oder tot, oder besser noch beides. Die Frau gilt als defizitäres Wesen.
Kirche contra Menschenrechte
Das Hauptargument für die Diskriminierung von Frauen war fast 2000 Jahre lang mitnichten, dass Jesus ein Mann war. Hauptgrund für NichtGleichberechtigung von Frauen war und ist, dass sie als minderwertig galten und gelten, als nicht «gottesebenbildlich» wie der Mann. Wenn die römischkatholische Kirche dies nicht ändert, wenn kein Papst oder Präfekt den Satz über die Lippen bringt «Männer und Frauen sind gleichberechtigt», wenn die Herren immer ein «Aber» anfügen, dann schreiben sie diese Verachtungsgeschichte fort.
Die Institution beantwortet die Frage, ob Grund und Menschenrechte für sie selbst gelten, immer noch laut mit Nein. Auch Papst Franziskus will keine Gleichberechtigung, er setzt in seinem nachapostolischen Schreiben zur Amazonas-Synode die angeblich gerechtfertigte Ungleichbehandlung fort. Frauen sollten nicht nachsichtig lächeln, als sei diese Altherrenposition ein Versehen oder eine Schrulle. Die Diskriminierung von Frauen, sie ist beabsichtigt, gewollt und wird ständig wiederholt.
Kirche muss sich entscheiden
Weltweit betrachtet schlägt sich die römischkatholische Kirche auf die Seite der Frauenunterdrücker, mag sie noch so viele Bildungsprojekte für Mädchen unterstützen. Der schlichte Satz: «Alle Geschlechter sind gleichberechtigt» steht in keinem ihrer Dokumente.
Diese Kirche hat sich an Frauen versündigt und versündigt sich weiter. Sie ignoriert Begabungen, verachtet Wissen und verbietet Visionen. Wer braucht diese harte, hohle Kirche? Jungs, die unter sich bleiben wollen; Verunsicherte, die sich an eine gottgegebene Ordnung klammern; Ängstliche, die das unreine Weib fürchten. Millionen Menschen in dieser Welt könnten etwas anderes gut gebrauchen: eine Macht, die solche Ordnungen erschüttert. Die römischkatholische Kirche kann das nicht sein. Ihre Leitungsebene schlägt sich im politischen Identitätskampf auf die Seite derer, die eine Gegenwelt zur Moderne erhalten wollen.
Ob deutsche Bischöfe, die auf dem Synodalen Weg für Frauen in allen Ämtern gestimmt haben, daran etwas ändern? Dafür müssten sie Feministen sein. Sind sie das? Wenn ja, dann kämpfen sie für Gleichberechtigung. Und nicht für Ungerechtigkeitsempfindensminderung.