«Mama, Gott hat doch alle Menschen gleich lieb, oder?», wollte ich als Kindergartenkind von meiner Mutter wissen. Meine Mutter bejahte die Frage, und ich fragte wütend zurück: «Und warum dürfen Mädchen dann keine Messdienerinnen werden?» Meine Mutter verteidigte nicht die Praxis des römischkatholischen Pfarrers des Ortes, in dem ich aufgewachsen bin, sondern rettete mein Gottesbild: «Das ist ungerecht und nicht das, was Gott will!» Sie selbst hatte darunter gelitten, dass sie weder Ministrantin werden noch mit auf das Zeltlager durfte, das nur den Messdienern vorbehalten war. Einige Zeit später musste dieser Pfarrer die Pfarrei verlassen, nachdem ihn mehrere männliche Jugendliche wegen sexueller Übergriffe angezeigt hatten. So bekam die Gemeinde bald darauf einen neuen, reformbereiten Pfarrer, und nach meiner Erstkommunion durfte ich Messdienerin werden. Ich fragte weiter: «Warum dürfen Frauen keine Priesterinnen werden?» Keine der Antworten hat mich zufrieden gestellt. Die Antwort, die mich am meisten verstörte, war die Aussage eines Mannes: Das sei unmöglich, weil ein Priester in allem, was er tue, in persona Christi handle, und das könnten Frauen schlicht nicht. In der vom früheren Pfarrer verübten sexuellen Gewalt sollte also mehr von Jesus von Nazareth zu erfahren gewesen sein als im seelsorglichen Handeln unserer Pastoralreferentin, die gerne Priesterin geworden wäre – oder in den Abendmahlsfeiern der sympathischen evangelischen Pfarrerin des Ortes? Unmöglich!
Neue Sehgewohnheiten
Als Studentin habe ich dann die altkatholische Kirche entdeckt: eine kleine Gemeinde mit kreativen Gottesdiensten und einem Ehepaar als Pfarrteam. Angesprochen haben mich die Wahl und Mitentscheidungsrechte aller Mitglieder, die Offenheit für Menschen, die gleichgeschlechtlich leben und lieben und besonders die Gleichberechtigung von Frauen. Bald darauf bin ich dieser kleinen, bunten, menschlichen Kirche beigetreten, durchaus auch im Wissen um ihre Ecken und Kanten, und habe es bis heute nie bereut. Es war eine besondere Erfahrung, das erste Mal eine Priesterin zu erleben, die der Eucharistie vorstand und die Texte sprach, die ich bisher nur aus dem Mund von Männern gehört hatte. Inzwischen ist es eine Selbstverständlichkeit geworden, mal eine Frau und mal einen Mann in dieser Leitungsfunktion zu erleben. Und so ist es für mich immer fremder und seltsamer, nur Männer als Priester zu sehen, wenn ich in einer römischkatholischen Gemeinde oder Ordensgemeinschaft zu Gast bin – besonders dann, wenn der Priester als einziger Mann vor einer Gruppe lebendiger, begabter Ordensschwestern steht.
Grundlegend: Repräsentanz
Wie sieht es nun mit «in persona Christi» in der christkatholischen Kirche aus? Auch hier bin ich dieser Formulierung begegnet, was mich zunächst erstaunt hat. Doch alle Christ:innen haben den Auftrag, in persona Christi zu handeln. So heisst es im Brief von Paulus an die Gemeinden in Galatien: «Denn alle, die ihr in den Messias hineingetauft seid, habt den Messias angezogen wie ein Kleid. Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich und weiblich: denn alle seid ihr einzig-einig im Messias Jesus» (Gal 3, 2728, Bibel in gerechter Sprache). Paulus drückt hier aus, dass alle Getauften Christus repräsentieren. Dass hier von «männlich und weiblich» die Rede ist, verweist zurück auf die biblische Schöpfungserzählung: «Da sprach die Gottheit: ‹Wir wollen Menschen/ Menschheit machen – als unsere Statue, etwa in unserer Gestalt. Sie sollen regieren die Fische des Meeres, die Flugtiere des Himmels, das Vieh, die ganze Erde, alle Kriechtiere, die auf dem Boden kriechen.› Da schuf die Gottheit Adam, die Menschen, als ihre Statue, als Statue Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich hat sie*er sie geschaffen» (Gen 1, 2627). Im alten Orient waren Götterstatuen nicht einfach nur ein Bild der dargestellten Gottheit, sondern sie wurden durch ein Öffnungsritual zu ihrer Repräsentanz in der menschlichen Welt. In der Schöpfungserzählung wird aber die ganze Menschheit, «männlich und weiblich», zur Statue, zur Repräsentanz Gottes auf Erden. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Gott das Männliche ebenso wie das Weibliche umfasst, also queer ist. Ausserdem ist «männlich und weiblich» nicht auf ‹Mann und Frau› eingeschränkt; das ‹und› lässt viel Platz für dazwischen und darüber hinaus. Die Menschheit kann intersexuelle, nonbinäre und diverse Menschen umfassen. Was diese Repräsentanz Gottes bedeuten kann, wird ebenfalls beschrieben: Genau wie Gott die Menschheit regiert, soll die Menschheit alle Tiere regieren. Damit ist keineswegs eine ausbeuterische, vernichtende Herrschaft gemeint, denn obwohl in den biblischen Texten von Gottes berechtigter oder manchmal auch undurchschaubarer Wut die Rede ist, so ist Gott doch kein:e Diktator:in. In aller Ambivalenz Gottes überwiegt doch ihre Zuwendung zu ihrem Volk, zu den Menschen, zu ihrer ganzen Schöpfung. Der Auftrag an die Menschheit ist also, Verantwortung zu übernehmen und Sorge zu tragen für diese Welt, gute Entscheidungen für alles Lebendige zu treffen und gerecht zu handeln. Denn Menschen sind die einzigen Tiere, die ethisch handeln können.
Repräsentanz in besonderen Formen
Nur von dieser Basis her kann Repräsentanz in einer besonderen Form verstanden werden. Bei der Taufe werden Menschen gesalbt zu König:in, Priester:in und Prophet:in. Auf der Grundlage dieses Priestertums aller Getauften können Menschen zu Priester:innen geweiht werden. Also: Menschen, die dafür bereit sind, die von der Kirche bzw. von Bischöf:in und der gewählten Kirchenleitung als geeignet angesehen werden und die gebraucht werden, werden deshalb von der Kirche dazu beauftragt, das Amt des Vorstehens zu übernehmen. Dabei geht die christkatholische Theologie von einer zweifachen Repräsentanz aus: Bei der Feier der Eucharistie repräsentiert die Priesterin Christus gegenüber der Gemeinde, sie repräsentiert aber ebenso die Gemeinde gegenüber Christus. Um die Vielfalt der Gemeinden widerspiegeln zu können, braucht es eine bunte Geistlichkeit – denn welche Gemeinde besteht nur aus zölibatären Männern? Die Vielfältigkeit und Queerness Gottes, die sich in der ganzen Menschheit und damit auch in christkatholischen Gemeinden widerspiegelt, wird auch im Klerus am besten durch eine bunte Vielfalt repräsentiert: durch Menschen aller Geschlechter mit unterschiedlichen Biographien und Hintergründen in ganz verschiedenen Lebensformen (ob zölibatär, Single, Frauenpaar, Männerpaar, gemischtes Paar, Patchworkfamilie, Regenbogenfamilie, Ordensleben, Gemeinschaftsleben, …) im Haupt, Neben und Ehrenamt im diakonalen, priesterlichen und bischöflichen Dienst. Die christkatholische Geistlichkeit ist bereits sehr vielfältig, doch gerne darf es dort noch mehr Frauen und auch nichtbinäre Menschen geben.
Repräsen-Tanz
Bei einer Eucharistiefeier geht es nicht um das möglichst genaue Nachstellen der Situation vor 2000 Jahren, denn dann würde eine kleine Gruppe Menschen nach einem üppigen Mahl um einen Tisch herum liegen. Die Aufforderung «Tut dies zu meinem Gedächtnis» richtete Jesus an alle Anwesenden, also sehr wahrscheinlich auch an die Frauen seines engsten Kreises. Ein Hauch dieser Atmosphäre des Ursprungs dürfte sich besser dadurch ins Heute retten lassen, indem Hostien in einer Goldschale ersetzt werden durch Fladenbrot auf einem Holzteller und Rotwein in einem Tonbecher, anstatt durch Diskriminierung von Frauen.
Die Aufgabe des Vorstehens verstehe ich eher als Repräsen-Tanz: Bei einem Kreistanz erklärt eine Tanzleiterin die Schritte so, dass sie vom Kopf in die Füsse wandern und alle Anwesenden gemeinsam diesen Tanz tanzen können. So führt auch eine Priesterin die Anwesenden hinein in diese alte Choreographie, die Eucharistie, die alle gemeinsam feiern. Auf Papier notierte Tanzschritte werden von vielen Menschen als unverständliches Chaos wahrgenommen, doch wenn jemand diese Schritte und Gebärden erklärt und zu einem Tanz zusammensetzt, dann verwandeln sie sich in einen gemeinsamen Erfahrungsraum. Genauso kann die Vorsteherin einer Eucharistiefeier die Texte, die an ein Geschehen vor langer Zeit erinnern, aufschlüsseln und durch Worte, Gebärden und die Zeichen von Brot und Wein einen Raum öffnen, wo Gottes Lebendigkeit in der Gegenwart erfahrbar werden kann.
Sakramente als Beziehungsgeschehen
Ein Sakrament ist in diesem Verständnis nicht die Veränderung einer Sache, sondern ein Beziehungsgeschehen. In einer solchen relationalen, also beziehungsorientierten Sicht ist die Priesterin die Person, die eine besondere Verantwortung für das Beziehungsgeschehen der Gemeinde hat. Sie füllt durch ihr gesamtes seelsorgliches Handeln das Amt mit ihrer Person, mit all ihren Stärken und Schwächen, durch ihr Menschsein und ihr Eingebundensein in die ganze Schöpfung. Sie gibt der Gemeinde ein Gesicht, wie es Andreas Krebs, Professor für AltKatholische und Ökumenische Theologie, ausgedrückt hat. Diese Vielfalt gibt mir Raum, für mich sehr frei schauen zu können: Was ist mein Weg, meine Berufung? Wo finde ich als Historikerin, als Theologin in meiner Kirche meinen Platz, und in welcher Form?
In der Schweiz trägt diese Kirche den Namen «christkatholisch». In diesem Text wird von der alt-katholischen Kirche gesprochen, wenn es um den deutschen Kontext geht. An allen anderen Stellen wird «christkatholisch» verwendet.