Die Zeiten unter römischer Besatzung waren kriegerisch und gefährlich. Bruria war die Tochter eines Rabbiners und die Gattin eines Rabbiners, doch durch die Anerkennung ihrer Zeitgenossen als scharfe Denkerin mit ausgeprägter Kombinationsgabe sorgte sie selber für ihr Ansehen als eigenständige Gelehrte. Den Titel «Rabbiner» (Hebräisch: Raw oder Rabbi) gab es damals als Beweis für ein abgeschlossenes akademisches Studium noch nicht. Die Rabbiner wurden von ihren Lehrern quasi «ordiniert», indem sie in den Kreis der Entscheidungsträger aufgenommen wurden. Sich mit jüdischer Tradition auf hohem intellektuellem Niveau zu beschäftigen, war kein Brotberuf; den Lebensunterhalt verdiente man sich anderweitig. Bruria war und ist fast 2000 Jahre später von der Debatte über die Ordination von Frauen nicht wegzudenken, ja sie wird ganz allgemein als «die erste Rabbinerin» verstanden.
Talmudstudium unerwünscht
Bis jüdische Frauen als Expertinnen in jüdischer Religion wieder von sich hören liessen, dauerte es seine Zeit. Das ist nicht weiter überraschend, denn Frauen hatten andere Aufgaben, um es einmal so auszudrücken. Immerhin konnten jüdische Frauen schon sehr früh lesen und schreiben, hatten aber nicht unbedingt freien Zugang zu den heiligen Büchern. Vor allem wurde es von den Männern nicht gerne gesehen, wenn Frauen sich in das Studium des Talmud vertieften – in gewissen Kreisen ist dies bis heute so. Doch immer wieder erlangten jüdische Frauen Exzellenz in verschiedensten Fachgebieten, die üblicherweise von Männern besetzt waren.
Die erste Teilnahme am Rabbinerprogramm
Jüdische Traditionen erfuhren durch starke Immigration aus Europa einen grossen Schub in den USA. Anfang des 20. Jahrhunderts schrieb sich Henrietta Szold, eine Frau ungarischer Herkunft, Tochter eines Rabbiners, am Jewish Theological Seminary (JTSA) in New York für das Rabbinerprogramm ein. Sie musste jedoch unterschreiben, keine rabbinische Ordination einzufordern. Damals hatte sie bereits eine Karriere als Mitbegründerin und langjährige Geschäftsführerin der Jewish Publication Society in Philadelphia, bis heute einer der grössten jüdischen Verlage, hinter sich. Zionistisch motiviert, wanderte sie später nach Palästina aus, wo sie die Gründung der Krankenpflegeschule Hadassah initiierte und diese lange Jahre leitete. Die heutige JTSA-Kanzlerin, Shuly Rubin Schwarz, veröffentlichte eine Biographie über Szold.
Die erste ordinierte Frau
Regina Jonas war die erste ordinierte Frau im Rabbinat. Allerdings verweigerte ihr die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin trotz erfolgreich absolviertem Programm die rabbinische Ordination; diese erhielt sie 1935 privat von einem ihrer Lehrer. Jonas’ Rabbinat fiel in die Zeit der Nationalsozialistischen Diktatur, sie wurde im Konzentrationslager ermordet. Ihre Dissertation mit dem Titel «Kann die Frau das rabbinische Amt ausüben?» wurde nach der Wende 1992 in der Universitätsbibliothek in Potsdam entdeckt und erst dann publiziert.
Breiter Zugang zum rabbinischen Amt
Frauen als Rabbiner ist ohne die generelle Bewegung zur Gleichberechtigung der Geschlechter nicht denkbar. 1972 ordinierte das Reform Movement in Amerika die erste Frau, Sally Priesand. Das Conservative Movement folgte wenige Jahre später; auch in Israel und Europa wurde das Anliegen schliesslich positiv beantwortet. Sogar die Orthodoxie hat die Diskrepanz erkannt, sich aber noch nicht ganz dazu durchzuringen vermocht, die Gelehrtinnen auch mit dem Titel Rabbiner auszustatten. Schliesslich möchte ich meine Kollegin und Lehrerin, Rabbi Gilah Dror, erwähnen, die einige Jahre die Rabbinerversammlung des Conservative Movement in Israel präsidierte und in dieser Funktion die Macht hatte, aus nachfolgenden Aspirantinnen für das rabbinische Amt die geeigneten auszuwählen. Inzwischen gibt es auch auf dem europäischen Kontinent Rabbinerseminare, die Frauen ausbilden.
Ambivalenz des Erreichten
Damit wäre eigentlich alles erreicht, was jüdische Frauen erreichen können. Leider gibt es ein grosses Aber: Frauen haben zwar längst bewiesen, dass sie nach entsprechender Ausbildung solche Positionen ausfüllen, aber trotzdem ist das Streben nach Gleichberechtigung und Gleichstellung noch lange nicht abgeschlossen. Auch heute gibt es rabbinische Aufgaben, bei welchen der Arbeitgeber der amtierenden Frau Rabbiner untersagt, ihren Titel zu benützen. Auch ist der Preis für Erfolg in der Karriere bisweilen sehr hoch, vielleicht zu hoch: Viele meiner Kolleginnen haben für ihr Rabbinat auf Familie verzichtet, nicht etwa, weil dies so verlangt wurde, sondern weil es ganz einfach keinen Platz für jüdisches Familienleben gab. Und gerade in letzter Zeit sind etliche Kolleginnen von schwerer Krankheit, gar vorzeitigem Ableben betroffen, was mich sehr nachdenklich stimmt. Alles in allem möchte ich aber betonen, dass ich stolz bin auf meine Tradition, denn nachdem der Anspruch auf Gleichberechtigung und Ordination zum Rabbinat angemeldet war, dauerte es kaum zwei Generationen, bis alles möglich wurde – und das bei einer Geschichte von fast 4000 Jahren seit Abraham!