Ausgabe 2022/2

Kein Amt höher als das andere | Quäkerinnen über ihre Amtserfahrungen

Quäker:innen bezeichnen sich als «Religiöse Gesellschaft der Freunde» und sind im englischen Bürgerkrieg im 17. Jahrhundert entstanden. Bis heute werden ihre Ämter weltweit in englischer Sprache bezeichnet.
Text: Jane Davies Huber, Brigitte Seger, Denise Vosseler, Anne Lotte Heyn Cossalter / 13.06.2025

Jane Davies Huber: Als Quäker:innen haben wir keine formale Hierarchie und keine hauptamtlichen Amtsträger:innen, so dass es jeder und jedem von uns obliegt, unser geistiges, gemeinschaftliches und soziales Leben zu organisieren. Ich bin vor über 30 Jahren in London in die «Religiöse Gesellschaft der Freunde» eingetreten und habe seither verschiedene Ämter ausgeübt, zum Beispiel «Overseer», «Elder», «Clerk», «Registering Officer» (zuständig für Eheschliessungen). Auch für Nominierungen war ich zuständig. Zurzeit bin ich «Clerk» der Zürcher Quäkerinnen und Quäker. Alle diese Ämter sind zeitlich begrenzt. Brigitte Seger: Zu den Aufgaben des «Clerks» gehört es, die Geschäftsversammlungen zu organisieren und zu leiten. Die Kunst des «Clerks» ist nach meiner Meinung, jedes Gruppenmitglied ernst zu nehmen, ausreden zu lassen und sachlich zu bleiben. Zudem ist die Organisationsfähigkeit ein Grundpfeiler dieses Amtes.

Jane Davies Huber: Die gesamte Jahresversammlung oder die lokalen Gemeinschaften müssen neuen Ernennungen zustimmen. Wir werden bei unseren Entscheidungen von unserem Nominierungsausschuss unterstützt. Nominierung ist wahrscheinlich eine der schwierigsten Aufgaben. Es braucht ein Verständnis für die Rollen, und es braucht dafür die Kenntnis aller Menschen in unserer Gemeinschaft mit ihren Fähigkeiten.

Brigitte Seger: Der:die «Clerk», also der:die Schreiber:in, vertritt unsere Gemeinschaft nach aussen. Bei ihm:ihr laufen auch die Informationen von Quäkern weltweit zusammen, er:sie ist die Verbindungsbrücke.

Anne Lotte Heyn Cossalter: Wie jeder Beschluss in unseren Geschäftsversammlungen wird auch die Bestätigung von Ernennungen einmütig beschlossen. Mehrheitsabstimmungen kennen wir nicht.

Jane Davies Huber: Das Treffen von Entscheidungen erfordert das Engagement einer jeden von uns. Ziel ist, in einem Prozess verschiedene Aspekte zu beachten und Einmütigkeit herzustellen. Das kann oft lange dauern.

Brigitte Seger: Diese Methode der Konfliktbearbeitung hat mich zu den Quäkern gebracht, als ich gerade dabei war, eine Mediationsstelle aufzubauen.

Jane Davies Huber: Wir streben nach Inklusivität und Gleichheit. Das bedeutet, dass jede Person gebeten werden kann, in einer bestimmten Rolle zu dienen. Wie in vielen (Religions­)Gemeinschaften werden auch bei uns die meisten zentralen Aufgaben von Frauen geleistet, nur dass bei uns neben den praktischen auch die geistlichen dazugehören.

Anne Lotte Heyn Cossalter: Dabei hat – seit ich dabei bin – für eine Ernennung das Geschlecht nie eine Rolle gespielt, ganz gleich, um welches Amt es ging. Als ich vor 40 Jahren als junge Frau die Quäker kennenlernte, war ich beeindruckt, dass die Frauen in unserer Gemeinschaft bereits seit den Anfängen im 17. Jahrhundert gleichberechtigt sind und das Recht haben, in den Andachten zu sprechen und Ämter zu übernehmen.

Denise Vosseler: Auch die Ältesten und Schatzmeister:innen sind sehr wichtig. Die Ältesten sind zuständig für das spirituelle Leben. Die Schatzmeister:innen zeichnen verantwortlich für die Finanzen der Gruppen oder der Schweizer Jahresversammlung. Ich habe beide Funktionen ausgeübt. Als das Amt der Schatzmeisterin in unserer Gruppe frei wurde, meldete ich mich auf Grund eines inneren Impulses. Für mich war das eine sehr spannende Erfahrung, die mich hat wachsen lassen. Ich möchte sie nicht missen, so wenig wie meine Erfahrungen während meiner Zeit als Älteste. Ich habe auch geschätzt, dass ich diese Funktionen, wie festgesetzt, nach sechs Jahren zurückgeben konnte.

Anne Lotte Heyn Cossalter: Jetzt musste ich gerade auf unserer Ämterliste nachschauen: Dort herrscht tatsächlich fast Ausgewogenheit in puncto Männer und Frauen. Alleine, dass ich diese Zahl nicht spontan weiss, sagt einiges über den nachrangigen Stellenwert dieser Frage aus. Darüber bin ich froh, denn Gleichberechtigung herrscht meiner Ansicht nach erst dann, wenn es keine Rolle spielt, wie viele Frauen und Männer denn nun Ämter innehaben. Vor Jahren bestand zum Beispiel unser «Clerkteam» aus sechs Frauen, dann hat einmal ein einzelner Mann das Amt übernommen, danach eine einzelne Frau. Im Moment sind wir zu dritt, eine Frau und zwei Männer.

Brigitte Seger: Ich denke, die Verteilung der Aufgaben auf mehrere Mitglieder und das Wechseln hat das Fortbestehen der Gemeinschaft durch die Jahrhunderte ermöglicht. Jedes einzelne Mitglied trägt durch sein und ihr Mitwirken zum Leben und Geist der Gemeinschaft bei.

Anne Lotte Heyn Cossalter: Genau damit fühle ich mich sehr wohl. Es braucht jede und jeden, wir sind eine Gemeinschaft von Gleichberechtigten, in der jede und jeder mal ein kleines und mal ein umfangreiches Amt übernimmt und auch wieder abgibt. Dort, wo es besser funktioniert, wird ein Amt geteilt. Aber vor allem ist kein Amt höher als ein anderes. Genau da möchte ich nie stehen – oben.