Seither flackert das Leben einer historisch klar fassbaren, frühmittelalterlichen Frau, die sich 916 als Inklusin einmauern liess und zehn Jahre später ermordet wurde, punktuell auf und gerät dann wieder in Vergessenheit. Diese Frau, mit dem Format eines Bruder Klaus, die Bewahrerin einer Stadt, steht mehrheitlich unerkannt im Schatten der Stadtväter Gallus, Otmar und Vadian. Dabei hätte sie als erste Beraterin in die Geschichte eingehen können, als visionäre Heldin, als Stadtmutter, als «Ich bin die, die da ist.» (frei nach Exodus 3,1314f), eine DaSeiende für Gott und für die Menschen.
Ein Ort der Erinnerung
Somit zeigt sich: In St. Gallen gibt es einen klar bezeichneten Ort, der sich stellvertretend für viele zu einem Mahnmal für vergessene Frauengeschichte entwickeln könnte. Das ökumenische Projekt Wiborada 2021–2026 verpflichtet sich diesem Anliegen. 2021 startete dieses Projekt, welches vor allem von Freiwilligen und vom Cityteam getragen wird mit einem vielfältigen Programm, welches heutige Inklus:innen, Tourist:innen, Schulklassen, die Stadtbevölkerung und Neugierige ansprechen will. 2026 werden es 1100 Jahre her sein, dass Wiborada durch brandschatzende Ungarn ermordet wurde. Wird es uns gelingen, einen Ort zum Leben zu erwecken, der in den vergangenen Jahrhunderten rund um ein leeres Frauengrab geschlummert hat? Als ich am 24. April 2021 selber für eine Woche in die nachgebaute Zelle eingeschlossen wurde und mir bewusst wurde, dass ich mich nur zwei Meter vom leeren Grab der Heiligen entfernt befand, sagte ich spontan und laut: «Wiborada, steh auf!»
Eine Zelle, zwei Fenster
Das Herz des Wiboradaprojektes, bildet die Zelle bei St. Mangen. Es ist eine schlichte, aber solide und schöne Holzzelle. In Zukunft können sich jeweils für den Monat Mai fünf interessierte Frauen oder Männer bewerben, um – an Wiboradas Lebensweise heranspürend – sich für eine Woche einschliessen zu lassen. Die Zelle hat, wie jene Wiboradas auch, ein Fenster ins Innere der Kirche und eines nach aussen zur Welt. Täglich findet in der Kirche ein Abendgebet statt, wo die Fürbitten, die im Laufe eines Tages zu den Inklus:innen getragen werden, von einer kleinen Gebetsgemeinschaft mitgetragen werden. Das Fenster nach aussen dient der Versorgung der Inklus:innen und wird zweimal täglich für Besuche geöffnet. Am Morgen bekommen die Eingeschlossenen acht Liter Wasser und ein Brot. Eine Begleitperson ist täglich da für die geistliche Begleitung.
Begegnungen
Im Laufe einer Woche kommen unterschiedlich viele Menschen zum offenen Fenster mit eigenen Motiven und Anliegen. Zu den berührendsten Begegnungen gehören jene mit Schulklassen. Ihre schriftlichen Bitten sind zum Teil herzzerreissend. Für sie ist St. Mangen zu einem «Lernort Kirche» geworden. Die Inklus:innen bereiten sich in drei Treffen auf diese Woche vor. Sie beschäftigen sich mit der Spiritualität und Biographie der Wiborada, mit der Inklus:innenregel von Aelred von Rievaulx, sie überlegen eine Handarbeit für diese Woche und erstellen einen Tagesplan.
Verblüffung und Erschütterung
Meine eigene Erfahrung in der Woche als Eingeschlossene war Verblüffung und Erschütterung. Zunächst war ich verblüfft, dass der Zustand des Eingeschlossenseins nur im Vorfeld Bedeutung hatte, aber nicht mehr in der Woche selber. Vielmehr rückte die Dynamik der beiden Fenster in den Vordergrund. Ein Satz aus dem Johannesevangelium tauchte auf: «Wir sind mitten in der Welt, aber nicht von der Welt.» (vgl. Johannes 17,16). Nach und nach entdeckte ich die Wiboradazelle als paradoxen Ort, wo Gotteserfahrung und Offenheit für die Welt ineinander verschmelzen. Eine Freundin sagte zu mir: «Ich will, dass du immer in der Zelle bleibst.» Was wollte sie damit sagen? Das konnte sie unmöglich ernst gemeint haben! Es hat damit zu tun, dass jemand einfach da ist. Ich begann die Zelle als «heiligen Boden» (Exodus 3,5) wahrzunehmen und die temporären Inklus:innen als die, die den ersten Namen Gottes «Ich bin die, die da ist.» (frei nach Exodus 3,1314f) verkörpern. Das wirkt auf eine Stadt. Zum Teil verstörend, zum Teil befreiend. Eine Inklusin, die 2022 in der Zelle lebte, schrieb: «Die Zelle ist Gott.» Die Erschütterung stellte sich gegen Ende der Woche ein mit einem inneren Bild für die Stadt St. Gallen. Ich sah sie von oben mit einem offenen und mit einem blinden Auge. Das offene Auge, das männliche Auge, befindet sich über dem Stiftsbezirk, dem UNESCOWeltkulturerbe, über dem leeren Grab von Gallus. Hier bündelt sich die ganze Energie der Stadt. Das andere Auge, das weibliche Auge, befindet sich über St. Mangen. Es hat in letzter Zeit vielleicht geblinzelt, aber weitestgehend ist es blind.