Stellen Sie sich vor: Sie tragen ein Kind auf dem Arm, sie lächeln das Kind an, das Kind nimmt Ihre Gesichtszüge wahr, es nimmt dies auf und lächelt zurück. Sie lächeln wieder, sie verknüpfen das Lächeln mit Worten, vielleicht mit einem Summen, einer Melodie. Das Kind nimmt zu den Gesichtszügen den Klang Ihrer Stimme auf, es reagiert mit seinen Möglichkeiten, immer in Resonanz zu Ihrem Ausdruck. So entsteht Dialog, so wächst Bindung.
Was Babys brauchen
Diese frühen Muster entwickeln sich über Blickkontakt mit dem Baby mit passender Affektabstimmung, über das Verbalisieren, d.h. über Ankündigen und Kommentieren der Handlungszusammenhänge, über die wechselseitige FeinAbstimmung in der Interaktion, in der Berührung und im Körperkontakt. Babys brauchen diesen ständigen Dialog von InKontaktKommen und wieder ZusichselbstKommen, von Zuwendung und Wegwenden, von Anspannung und Entspannung – und sie lieben ihn auch. Das Baby lernt dadurch auf kognitiver Ebene, dass sein Verhalten eine Reaktion bei seiner Bezugsperson verursacht und herbeiführt, dass es vorhersehbare Zusammenhänge zwischen Ereignissen gibt, was die Welt durchschaubar, steuerbar und sicher macht. Es lernt emotional, dass die Bezugsperson ihre Reaktion auf den Erregungszustand des Babys abstimmt und diesen reguliert. Das Baby erlebt, dass seine Gefühle verstanden werden, dass es Trost spendet, wenn man die eigenen Gefühle mitteilt und teilt. Dies bildet – neben angeborenen Anteilen – die Grundlage der Persönlichkeit.
Exploration
Diese Erfahrungen in den ersten Lebensjahren prägen die Körperwahrnehmung des Kindes sowie seine emotionale und soziale Wahrnehmung und alle Möglichkeiten der Verarbeitung, sie prägen alle Entwicklungsbereiche des Kindes zwischen Bindung und Freiraum zur Exploration. Wenn sich Kinder sicher fühlen, sind sie in der Lage, auch die Umgebung frei zu erkunden, neue Räume zu entdecken, neue Erfahrungen zu machen. Sichere Bindung und exploratives Verhalten gehören zusammen und führen zum Aufbau von Selbstkonzept, Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeit – und damit von Identität. In dieser Balance von sicherer Bindung und explorativem Entdecken der Welt wächst das Vertrauen in sich selbst. Es entstehen Selbstsicherheit und Selbstwirksamkeit. Zugleich werden Grenzen ausprobiert, ausgelotet und manchmal überschritten.
Ich habe vom «Kind» und vom «Menschen» gesprochen, ohne den Geschlechteraspekt zu thematisieren. Gender ist auch bei diesen Überlegungen zentral. Die vorbewusste Bevorzugung eines Geschlechts wirkt bereits pränatal und prägt Entwicklung mit. Verstärkte Resonanz auf das eine oder andere oder offene Geschlecht beeinflusst den Kontakt und die Resonanz von Beginn des Lebens an.
Emotionen und soziale Entwicklung
Neben Bindung und Exploration und den kognitiven Möglichkeiten sind es Emotionen, die den Menschen antreiben. Menschen können die Fähigkeit entwickeln, Gedanken und Gefühle zu erkennen, zwischen eigenen und fremden Gefühlen zu unterscheiden, über die eigenen Gefühle nachzudenken und diese so als eigene Perspektive zu erkennen, andere Perspektiven einzunehmen und zu verstehen, und so Beziehungen zu gestalten. Oder sie werden getrieben von undifferenzierten Empfindungen, von brüchiger Impulskontrolle oder von Affekten, die nicht gesteuert werden können, sondern die den Menschen treiben.
Die Sozialkontakte von Kindern werden mit steigendem Alter, verbunden mit Erfahrungen im ausserfamiliären Raum in Spielgruppen, Kindergarten und Schule differenzierter und häufiger. Über die Gefühlsansteckung, dem «social referencing», der «sozialen Bezugnahme», entwickelt sich schrittweise die Fähigkeit zur Empathie. Dies geschieht beispielsweise, wenn sich Babys und Kleinkinder in unvertrauten Situationen am emotionalen Gesichtsausdruck der Bezugsperson orientieren. Neben der Fähigkeit zum Mitgefühl beinhaltet Empathie die Gabe zu erfassen, dass andere Menschen andere Perspektiven über die gleiche Situation haben, dass man über diese Perspektiven nachdenken, sie vergleichen und bewerten kann. Gegen Ende der Kindheit können Menschen die Perspektive anderer verstehen und einschätzen, ob sich diese mit der eigenen sozialen Gruppe deckt. Die Fähigkeit aushalten zu lernen, dass andere Menschen anders sind, halte ich für zentral. Im Englischen gibt es die Redewendung: «let’s agree to differ» («stimmen wir zu, verschiedene Meinungen zu haben»). Manches v.a. negativ-destruktives Verhalten hat seine Ursache darin, dies nicht gelernt zu haben.
Wissen, wer ich bin
Um zu wissen, wer ich selbst bin, braucht es das, was gegenwärtig «Situationsübergreifende Selbstwahrnehmung» genannt wird. Es ist dies die Zusammenfassung der bisherigen Selbstwahrnehmungen und besteht aus dem Selbstkonzept, dem Selbstwertgefühl und der Selbstwirksamkeit. «Selbstkonzept» wird kognitiv verstanden als das Wissen über sich selbst, was ich über mich selbst denke und weiss. Mit «Selbstwertgefühl» wird nicht nur verstanden, was ich in mir affektiv wahrnehme, welche Gefühle ich erlebe, sondern auch die Gesamtheit der Zuschreibungen und Bewertungen über mich, von anderen Menschen und von mir selbst, also die Selbst und FremdAttribuierungen. Wie ich über mich denke, beeinflusst mein Verhalten und mein Erleben. «Selbstwirksamkeit» bezeichnet meine eigene Einschätzung dessen, was ich tun und vor allem, was ich bewirken kann. Oder anders formuliert: Ich weiss, was ich tun muss, um etwas zu erreichen, und ich weiss, dass ich das kann. Das ist, finde ich, immer wieder der eigenen Reflexion wert: Wie denke ich derzeit von mir? Welche Gefühle sind bei mir im Vordergrund? Welche Zuschreibungen habe ich verinnerlicht? Und wie kann ich das, was mir wichtig ist, erreichen?
Selbstreflexion
Identität, die als Selbst erlebte innere Einheit einer Person, setzt sich also zusammen aus dieser soeben beschriebenen Selbstwahrnehmung und der Fremdwahrnehmung. Das Kind erlebt im Vorschulalter häufig eine Diskrepanz zwischen dem, wie es sein sollte, und dem, wie es sich selbst erlebt. Die damit verbundenen Zuschreibungen von primären Bezugspersonen erweitern sich im Schulalter aufgrund der sozialen Vergleiche. Die «komparative Prädikatenselbstzuweisungen» werden wichtig. Der vergleichende Blick ermöglicht, sich selbst in Relation zu anderen wahrzunehmen, einzuschätzen und zu bewerten. Im Rahmen von Schule werden Lehrerinnen und Lehrer zentrale Personen dieser direkten und indirekten Prädikatenzuschreibungen, die Zuschreibungen und Bewertungen der Lehrpersonen sind für Kinder prägend und werden häufig verinnerlicht. Erst im Jugendalter kommt es zu einer Relativierung dieser FremdAttribuierungen durch familiäre, schulische und andere Bezugspersonen. Es kommt zu einer erhöhten Aufmerksamkeit auf die Attribuierungen der eigenen Bezugsgruppen sowie einer erhöhten Selbstaufmerksamkeit und Selbstreflexion.
Selbstkonzept
So setzt sich das Selbstkonzept zusammen aus dem sogenannten «Schulischen Selbstkonzept», also wo die eigenen Begabungen liegen und wo die Grenzen, was ich gut und was kann ich nicht gut kann. Während das schulische Selbstkonzept im Verlauf des Lebens an Bedeutung verlieren kann, bleibt meist das «Nichtschulische Selbstkonzept» ein Leben lang bedeutsam, nämlich das «Soziale Selbstkonzept», das «Emotionale Selbstkonzept» und das «Körperliche Selbstkonzept». Familie und Freunde, soziale Einbettung sowie Wahrnehmung, Ausdruck und Regulation von Gefühlen, sind ebenso bedeutsam wie im körperlichen Selbstkonzept das eigene Aussehen, Körpergefühl, körperliche Fähigkeiten, Bewegung, Sport – und all dies ist immer verbunden mit den Zuschreibungen und Bewertungen anderer Menschen und von uns selbst.
Was Menschen antreibt
Ich hoffe, ich konnte deutlich machen: Es ist so vieles, was den Menschen antreibt, und das Zusammenspiel der Faktoren ist in der Komplexität nur begrenzt fassbar. Menschen entwickeln sich nicht «linear» und funktionieren nicht nach «Ursache und Wirkung». Manche Menschen können sich gut wahrnehmen und ihre Emotionen und Bedürfnisse gut steuern. Sie erleben sich in Verbundenheit mit sich und anderen Menschen und haben Freude daran, Neues zu entdecken. Andere haben dies nicht so entwickeln können, es kann zu negativen Kompensationen kommen, auch im Bereich von Konkurrenz, Gier, Missachtung der Grenzen anderer und vielem mehr. Bindung und Exploration, emotionale und soziale Entwicklung sowie das Wissen um sich selbst prägen, wie eine Person tickt – und was sie antreibt, um gesehen zu sein. Dies kann sich lebensförderlich und lebensbehindernd zeigen. Hier würde das Nachdenken über Resilienz und die Frage nach der psychischen Widerstandsfähigkeit ansetzen.