Wie soll man Vermögen richtig verwalten? Wie schafft man einen gesellschaftlichen Ausgleich zwischen Arm und Reich? Wie soll Suffizienz definiert werden? Was und wieviel genügt dem einzelnen Menschen, der Gesellschaft, Gott?
Der Koran enthält umfassende Richtlinien für alle Bereiche der Lebensführung, was nicht bedeutet, dass alle Fragen des Lebens eindeutig, detailliert und ohne pragmatischen Spielraum darin geregelt sind. Auch zum Umgang mit Geld und Vermögen finden sich grundsätzliche Aussagen. Sie sind mit einem Grundanliegen verbunden und werden an verschiedenen Stellen im Buch in Varianten und in verschiedenen Kontexten formuliert. Wichtig: Eine praktische Umsetzung hat stets unter Berücksichtigung der zeitbedingten, sozialen und politischen Umstände und der jeweiligen konkreten Lebenssituationen der Menschen zu erfolgen. Die enge Verknüpfung zwischen spiritueller, ökonomischer und sozialer Dimension spielt eine entscheidende Rolle beim Konzept der islamischen Sozialsteuer Zakāt.
Selbstverantwortung als Suffizienzmassstab
Weltliche Güter stehen dem Menschen zur befristeten Nutzung zur Verfügung. Der Mensch ist aber nicht ihr Besitzer, sondern bloss ihr Verwalter. Das Bewusstsein, dass alles, was dem Menschen in diesem flüchtigen Leben zur Verfügung steht, sei es die Gesundheit, der eigene Körper, die Familie oder finanzielle Mittel, nicht ihm selbst, sondern Gott gehört, bildet den Kern des Suffizienzmassstabs. So wird nach islamischem Verständnis die Gottesfürchtigkeit sowohl eines armen wie auch eines reichen Menschen durch Gott dadurch geprüft, wie verantwortlich er*sie mit seinen*ihren Mitteln umgeht. Weder soll der Mensch Vermögen anhäufen, noch soll er es verschwenden. Jedes Individuum muss selbstverantwortlich handeln.
«Herz-Suffizienz»
Wörtlich bedeutet Zakāt «Reinheit», «Lauterkeit» oder «Zuwachs». Spirituell gesehen dient sie dazu, einen Teil der eigenen Güter, Gelder und des Reichtums an jene abzugeben, die Hilfe benötigen, um damit die Gunst Allahs und die Nähe zu Ihm zu erlangen. Die Zakāt gilt als ein Mittel sowohl zur Reinigung der Seele wie auch des Vermögens. Sie ist gleichzeitig eine Sühneleistung für begangene Übertretungen. Der*die Zakāt-Gebende kann gewiss sein, dass jede Abgabe (auch die freiwillige) zur Reinigung des Herzens im Diesseits und zu Belohnung im Jenseits führt. Die Stärkung der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft schafft zudem Ausgleich und eine Solidargemeinschaft, in der das Recht auf ein würdiges Leben allen zugesichert wird. Auch für den*die Zakāt-Empfänger*in besteht ein spiritueller Zuwachs: Er*sie erlangt durch Genügsamkeit und Zufriedenheit mit dem, was Allah, der Erhabene, für sie bestimmt, eine Stärkung in Ausdauer, Vertrauen und Geduld.
Weder Verschwendung noch Armutsgebot
Verschwendung (arab. ’Isrāf), wird im Koran oft thematisiert und gilt als ein Ausdruck von Undankbarkeit gegenüber Gott. Andererseits liegt das islamische Ideal auch nicht in einer gewählten Armut.
«Kinder Adams! Bekleidet euch gepflegt beim (Besuch) jeder Moschee, esst und trinkt, doch seid nicht verschwenderisch! Gewiss, Er liebt nicht die Verschwender.» (Sure 7, Vers 31). Um Gottesnähe zu erlangen, muss man sich nicht gänzlich von seinem Vermögen trennen. Der ökonomische Vorteil, den jemand hat, soll aber einen Mehrwert fürs Gesamtwohl generieren, indem ein Teil davon in den Kreislauf der Gesellschaft zurückfliesst, welche Bedürftige einschliesst. Der Islam hat dieses Kreislauf und Ausgleichsystem zur Pflicht für die Gläubigen festgesetzt. Glaube und Zusammenhalt werden in der Gemeinschaft gestärkt, indem sich Zakāt-Spender*in und Empfänger*in aufeinander beziehen. Beide Seiten geben und verzichten auf etwas. Beide sind in ihrer gebenden und nehmenden Rolle füreinander zur Fürsorge und Vorbildhaftigkeit bestimmt. Zum Ausdruck kommt das etwa in Sure 3, Vers 173, einen vielzitierten Vers, den Menschen sprechen, wenn sie sich in schwierigen Lebenssituationen oder in einer Zeit der Unsicherheit befinden: «Allah genügt uns, und Er ist der beste Lenker der Dinge.»
Eine der fünf Säulen
Jede Muslima und jeder Muslim hat jährlich die Sozialabgabe, Zakāt, zu entrichten: «So verrichtet ordnungsgemäss das rituelle Gebet, entrichtet die Zakāt und haltet fest an Allah» (Sure 22, Vers 78). Der Begriff kommt im Koran 32mal vor und wird oft zusammen mit der rituellen Pflicht zum Gebet erwähnt. In spiritueller als auch in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht ist die Zakāt von grundlegender Bedeutung. Sie ist eine der fünf Säulen und damit eine Pflicht für jede*n Gläubige*n. In Sure 9, Vers 60 ist festgelegt, für wen und für welche Zwecke die gesammelten Zakāt-Beträge sind: Arme, Mittellose, diejenigen, die Zakāt einsammeln, die deren Herzen gewonnen werden sollen, für die Befreiung von Sklav*innen, für die Schuldner*innen und für diejenigen, die auf dem Weg Allahs sind, sowie für die Reisenden. Über jede Empfänger*innenGruppe existieren in der islamischen Literatur ausführliche, differenzierte rechtliche und theologische Abhandlungen.
Nisāb: Der Schwellenwert
Die Höhe der Zakāt-Abgabe ist nach dem im Koran festgelegten Mass bestimmt. Es heisst: «Wir haben jedoch ein jegliches Ding nach (rechtem) Mass geschaffen» (Sure 54, Vers 49). Der Schwellenwert, der die Grenze zwischen Bedürftigen und Wohlhabenden definiert, heisst Nisāb. Eine Person, deren Vermögen unter diesem Grenzwert liegt, hat Anspruch auf den Erhalt von Zakāt-Beiträgen. Eine Person, deren Vermögen während eines Jahres über dem Schwellenwert lag, muss die Zakāt entrichten. Der Nisāb entspricht dem Wert von ca. 85 Gramm Gold oder ca. 600 Gramm Silber. Auf diese Weise richtet er sich stets am aktuellen sozioökonomischen Status eines Landes aus und berücksichtigt so das Bedürfnis und Armutsniveau jeder Region auf der Welt. In der Schweiz liegt der Nisāb aktuell bei ca. 5’200 Franken. Für in der Schweiz lebende Muslim*innen besteht eine Abgabepflicht, wenn sie während eines Mondjahres mehr als diese Summe besitzen. Die Zakāt-Abgabe beträgt 2,5 % des Vermögens.
Ziel: Die Förderung der Gemeinschaft
«Und verrichtet das Gebet und entrichtet die Abgabe. Und was ihr für euch selbst an Gutem vorausschickt, werdet ihr bei Allah finden» (Sure 21, Vers 10). In mehreren Überlieferungen des Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) wird zudem den ZakātSpender*innen versichert, dass Wohlstand durch die Abgabe nicht abnimmt, sondern exponentiell zunimmt. Wohlstand wird dabei spirituell, mental wie auch sozioökonomisch auf individueller und kollektiver Ebene gedacht. Bei der Zakāt steht der kollektive, soziale Zweck im Mittelpunkt. Durch die individuelle Abgabe an Notleidende, soll ein wirtschaftliches Gleichgewicht hergestellt werden. Somit handelt es sich um ein auf die Gemeinschaft ausgerichtetes Wohlfahrtssystem. Die Gemeinschaft als Ganzes soll über die Armutsgrenze gehoben werden, indem zunächst auf der Mikroebene die Grundbedürfnisse des Individuums gesichert werden. Darüber hinaus soll auf der Makroebene Armut systemisch bekämpft und die Gemeinschaft vor sozialen Risiken geschützt sowie das Bruttosozialprodukt gerecht verteilt und erhöht werden. Der*die Empfänger*in sollte idealerweise genug Geld erhalten, um autonom und in den Folgejahren selbst zu einem*r Spender*in zu werden.
Gelder flexibel und situationsbezogen einsetzen
«Und sie folgen ihrem Herrn und verrichten das Gebet. Und sie versammeln sich untereinander und beraten ihre Angelegenheiten. Und spenden von dem, was wir ihnen als Versorgung geben» (Sure 42, Vers 38). Das Wirkpotenzial der Zakāt in einer Gesellschaft, hängt vom wirtschaftlichen Entwicklungsstand eines Landes ab. In manchen Ländern gibt es mehr Empfänger*innen als Geber*innen, so dass die Zakāt bestenfalls die grundlegenden Unterhaltskosten decken kann. In anderen Teilen der Welt hingegen verhält es sich umgekehrt, so dass die Nachhaltigkeit des Systems gewährleistet ist. Ein Land mit tiefem Bruttoinlandprodukt kann mit der Zakāt die Bedürfnisse der Zakātempfänger*innen nur zu einem geringen Teil abdecken. Und regionale und situative Umstände können enorm variieren. Was in der Schweiz eine Notwendigkeit darstellt, ist in anderen Gegenden ein Luxus. In einem vom Krieg zerrissenen Land wird die Zakāt für Grundnahrungsmittel, medizinische Versorgung und Unterkünfte verwendet. In Friedenszeiten ist es sinnvoller, Bildung und Schuldensanierungsfonds mit Zakātgeldern einzurichten.
Ein Schweizer Modell
Die 2019 gegründete Schweizerische Zakāt Stiftung (SZF) arbeitet an der Entwicklung eines Schuldenfonds, der auf der Grundlage aktueller Wirtschaftsstatistiken, gesetzlicher Bestimmungen und künftiger Reformen einen nachhaltigen Ausweg aus dem Teufelskreis der Verschuldung bieten soll. Die CoronaPandemie zwang viele Menschen, Kleinkredite oder Darlehen aufzunehmen. In manchen Fällen mussten Familien zwischen der Bezahlung fälliger Rechnungen oder Lebensmitteln entscheiden. Die Zakāt sollte nicht nur Nothilfe sein, sondern die Situation der Betroffenen als Ganzes betrachten und auch den dauerhaften Selbsterhalt und die finanzielle Unabhängigkeit als Ganzes im Auge haben. Hilfe kann in Form von monetären Beiträgen erfolgen oder durch Begleitung bei behördlichen Angelegenheiten, bis hin zu Unterstützung bei der Haushaltsführung oder in Form von Finanz und Schuldenberatung.
Über allen Detailfragen und praktischen Lösungen steht aber immer die Auffassung, dass der Schöpfer für jedes Geschöpf ausreichend sorgt: «Und es gibt kein Geschöpf, das auf der Erde wandelt, dessen Versorgung nicht Allah gehört» (Sure 11, Vers 6).
Die Koranzitate im Artikel sind verschiedenen deutschen Übersetzungen entnommen.