Ausgabe 2022/3

zwei oder drei | Was ist genug in der Kirche?

Ehrlich gesagt, ich schalte ziemlich schnell die Ohren auf Durchzug oder verdrehe die Augen, wenn ich höre «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind ...» (Matthäus 18,20; Einheitsübersetzung). Den zweiten Teil des Verses höre ich schon gar nicht mehr.

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Text: Ute Knirim / 16.05.2025

Vor meinem inneren Auge spielen sich die Szenen ab, in die dieser Vers hineingesprochen wurde: Ich erinnere mich, wie ich als junge Frau Friedensgebete mit vorbereitet habe und nur eine Handvoll Leute kamen. «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind …» wurde uns gesagt, es sollte uns trösten. Aber ich war enttäuscht, denn ich wollte, dass die Themen, die wir einbrachten, gehört und wahrgenommen werden, nicht nur von zwei oder dreien, sondern von vielen. Später, als ich als Theologin gearbeitet habe, ist mir der Vers hier und da begegnet, wenn darüber diskutiert wurde, ob zum Beispiel bestimmte gottesdienstliche Feiern gestrichen oder aufrecht erhalten werden sollten, obwohl nur noch drei bis fünf Menschen mitfeiern. Oder wenn es darum ging, bestimmte Angebote sterben zu lassen, für die der Arbeitsaufwand in keinem Verhältnis mehr zur Anzahl der Leute, die sie in Anspruch genommen haben, stand. Da hiess es: «Ja, aber, es ist doch egal, wie viele wir sind. Jesus sagt doch: ‹Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind …›».

Jesuswort als Mantra

Wie ein Mantra gegen eine ehrliche, nüchterne und ja, auch schmerzliche Bilanz, wurde das Jesuswort ins Feld geführt. Ja, ich verstehe, dass es schmerzt, sich von Dingen, die meist schon viele Jahre einfach dazugehört haben, zu verabschieden. Auch der Schmerz von wenigen drei bis fünf Menschen ist Schmerz. Ich will ihn nicht kleinreden. Trotzdem habe ich immer wieder gespürt, wie sich in mir der Widerstand geregt hat gegen ein Jesuswort, das ich verlernt hatte, mit Jesus in Verbindung zu bringen. Sobald ich es gehört habe, kam mir nur ein Wort in den Sinn: Genug! Genug der Ausreden, genug der Rechtfertigungen, genug des Verzweckens des Jesuswortes, damit drängende Fragen nicht gestellt und drängende Entscheidungen nicht getroffen werden. Genug mit der Trägheit. Genug des Konservierens des Status quo mit Hilfe dieses Jesuswortes.

Das Zitat und woher es stammt

Das Jesuswort aus dem Matthäusevangelium ist christlich engagierten und kirchlichen Kreisen vertraut. Ich bin jedoch sicher, dass der Kontext, in dem Jesus diesen Satz spricht, sehr viel weniger Leuten bekannt ist:

Wenn dein Bruder oder deine Schwester sich gegen dich verfehlt, geh’ hin und kläre den Konflikt zwischen euch unter vier Augen. Wenn du gehört wirst, hast du einen Bruder oder eine Schwester gewonnen. Wenn du nicht gehört wirst, nimm eine oder zwei Personen mit, damit über jeden Konflikt aufgrund der Zeugenaussage von zwei oder drei Personen entschieden werden kann. Wenn ihr nicht gehört werdet, sage es der Gemeindeversammlung. Wenn diese nicht gehört wird, soll dir der Bruder oder die Schwester zur Außenstehenden werden wie die Leute, die betrügerisch Abgaben kassieren, oder die Andersgläubigen. Wahrhaftig, ich sage euch: Alles, was ihr auf der Erde bindet, soll im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf der Erde löst, soll im Himmel gelöst sein. Und ich sage euch auch: Wahrhaftig, wenn zwei von euch sich auf dieser Erde in einer Sache einigen, wird ihnen alles, um das sie gemeinsam bitten, von Gott geschenkt werden, für mich Vater und Mutter im Himmel. Wo zwei oder drei in meinem Namen in Gemeinsamkeit zusammenkommen, bin ich mitten unter ihnen» (Matthäus, 18,15-20; Bibel in gerechter Sprache).

Kleinliche Fragen

Das ganze 18. Kapitel des Matthäusevangeliums ist zusammengefügt zu einer langen Rede Jesu, die er vor seinen Jünger*innen hält. Der oben genannte Abschnitt ist eingebettet zwischen der Frage der Jünger*innen an Jesus: «Wer ist am grössten in Gottes Welt?» und seiner Antwort einerseits (Verse 1­14 ) und der Frage von Petrus: «… wie oft wird sich eines meiner Geschwister gegen mich verfehlen, und ich werde ihr oder ihm vergeben? Bis zu siebenmal?» und der erneuten Antwort Jesu andererseits (Verse 21­35). Neben seinen mahnenden und belehrenden Worten, mit denen er den Jünger*innen antwortet, erzählt Jesus ihnen die bekannten Gleichnisse vom verlorenen Schaf (Verse 10­14) und vom unbarmherzigen Knecht (Verse 21­34), mit denen er seine Aussagen verständlich machen will.

Unangenehme Antworten

Fast möchte ich sagen: «genug!», wenn ich die harten, teils drakonischen Worte Jesu höre, mit denen er seine Jünger*innen belehrt, wer in Gottes Welt am grössten ist, und was denjenigen blüht, die die Kleinen (vgl. Vers 6) zum Bösen verführen. Oder wie er über diejenigen spricht, die «Anstoss zur Untreue» (vgl. Vers 7) geben. Oder was mit dem Knecht geschieht, dem vergeben wird, aber selbst nicht bereit ist zu vergeben (vgl. Vers 34). Jesus ist es bitterernst mit Gottes Welt, mit dem Himmelreich, mit dem Reich Gottes. So ernst, dass er mit seinen Worten die vielen zwischenmenschlichen Abgründe beim Namen nennt, die so oft dazu führen, dass Menschen nur um sich selber kreisen und nicht verzeihen können. Oder weil sie der oder die Grösste sein wollen, nur die eigene Sache im Sinn haben und andere dafür verzwecken.

Veränderter Blick

Ich will mich noch einmal den Versen 15­20 zuwenden, an deren Ende nun der zentrale Satz «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind …» zu finden ist. Jesus gibt in den Versen 15­17 klare Handlungsanweisungen dafür, wie bei zwischenmenschlichen Konflikten vorgegangen werden soll und schliesst seine Rede ab mit den Worten: «Wahrhaftig, ich sage euch: Alles, was ihr auf der Erde bindet, soll im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf der Erde löst, soll im Himmel gelöst sein» (Vers 18). Mein Blick auf das Jesuswort «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind …» hat sich komplett verändert, wenn ich es im ganzen Zusammenhang lese. Ich fühle mich Jesus nah, wenn er fern jeder Schönrederei die zwischenmenschlichen Querelen auf den Punkt bringt, die auch in der römisch­katholischen Kirche immer wieder die nötigen Reformen und das Miteinander erschweren: Wer ist «der Grösste»? Wer darf beim Gottesdienst wo stehen und was sagen und was nicht? Das ganze weite Feld um die Frage nach der Gleichberechtigung von Frauen in der römisch-katholischen Kirche tut sich auf.

 


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© Cody Burley/Unspleash

Sich binden und lösen können

Auch, wenn mir Jesu harte Worte manchmal Unbehagen bereiten können, fühle ich mich von ihrer Klarheit angezogen: Nichts wird unter den Teppich gekehrt. Jesus kennt die Menschen, kennt die Fallen, in die sie immer wieder hineintappen, kennt das ewige Gerangel um den vordersten Platz und den höchsten Rang, er kennt auch meine Abgründe und meine Bedürftigkeit. Und da ist noch das Wort vom Binden und Lösen, was mich aufhorchen lässt: Ich stehe nicht mit leeren Händen da. Ich kann entscheiden, woran und an wen ich mich binden und wovon ich mich lösen will.

Eine grosse Verheissung

«… da bin ich mitten unter ihnen.» – Was würde es bedeuten, wenn Jesu Worte ernst genommen würden? Seine Verheissung, dass er dort gegenwärtig ist, wo Menschen in seinem Namen versammelt sind? Dass er dort gegenwärtig ist, wo Menschen miteinander nach Lösungen suchen, wo Konflikte fair gelöst werden, wo darum gerungen wird, was verbindlich sein soll und wovon sich zu lösen gut wäre? Was würde es für die römisch­katholische Kirche heissen? Es würde bedeuten, dass sie sich löst von den Strukturen, die festlegen, wo und auf welche Weise Christus gegenwärtig sei und wer Christus repräsentieren darf und wer nicht. Es würde bedeuten, dass Hierarchien ganz neu gedacht werden müssten. Es würde bedeuten, dass für den Dienst in der Kirche den göttlichen Gaben, die Menschen geschenkt wurden, mehr Gewicht und Bedeutung zugemessen werden würde, als dem Geschlecht und der Lebensform. Es würde bedeuten, dass ich und alle Christ*innen daran gemessen werden würden, wie sehr wir auf Christus vertrauen und wie gross unsere Sehnsucht nach ihm, nach seiner Gegenwart, ist. Es würde bedeuten, dass «sich lösen» nicht nur aufgeben und etwas verlieren bedeuten muss, sondern auch befreiend sein kann, und dass im Sich­Binden an Christus ganz neue Möglichkeiten und Wege entstehen könnten.

Schluss mit Konjunktiv!

«Wo zwei oder drei in meinem Namen in Gemeinsamkeit versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» Diese Verheissung galt den Jünger*innen damals und sie gilt für unsere Kirchen heute. Es braucht «zwei oder drei», es braucht eine Gemeinschaft, mit der Leben und Glauben geteilt werden kann. Zwei oder drei, die durch nichts weiter definiert sind ausser dadurch, dass sie in Jesu Namen versammelt sind, sich an ihn und seine Verheissung binden. Sie reichen aus, damit Jesus mitten unter ihnen gegenwärtig ist. Das ist eine frohe Botschaft. Es braucht nicht immer die Massen an Leuten, nicht die grosse Veranstaltung, nicht die besondere Location, keine «Amtsträger», damit Jesus gegenwärtig ist. Es ist nur wichtig, dass diejenigen, die sich versammeln, es in seinem Namen tun. Das bedeutet, sich an ihn binden, sich nach ihm sehnen und mit offenem Herzen und offenen Sinnen handeln. Offen und ehrlich, für die Dinge, die sich ändern müssen bei mir und in der Kirche. Und es bedeutet, offen und bereit zu sein, die Herausforderungen und das Konfliktpotenzial anzunehmen, auszuhalten und zu gestalten, was sich daraus ergibt.

Unsichtbare Verbindungen

Ich mache noch mal einen Bogen und denke zurück an die Coronazeit. «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» In dieser Zeit habe ich besonders gespürt, dass die Verheissung Jesu nicht nur herausfordernd, sondern auch sehr entlastend sein kann. Wir werden als Pfarrei nicht nur an unseren Aktivitäten und Angeboten gemessen, nicht nur an Predigten und Gottesdiensten. Während der Coronazeit, in der keine Gottesdiente und Veranstaltungen stattgefunden haben, sind viele Leute immer wieder in den Kirchenraum gekommen, die wir vorher noch nie gesehen haben. Wir haben mit einem Zettel an der Tür bewusst eingeladen, im Kirchenraum zu verweilen. Immer wieder haben sich auch zwei, drei Leute zusammengetan, sind in die Kirche gekommen und haben die Impulse gelesen, die wir für die Sonntage vorbereitet haben. Im Foyer haben sie einen Kaffee getrunken und sind dann wieder gegangen. Das hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie sehr es darauf ankommt, dass wir unsere Kirchen­ und Pfarreiräume so gestalten, dass Menschen gerne dort zusammenkommen und verweilen.

Ich erinnere mich an mehrere Telefonate, die ich mit Pfarreimitgliedern geführt habe, einfach, um zu hören, wie es ihnen geht und ob sie etwas brauchen. Es ergaben sich ganz kurze, aber auch längere Gespräche. Was ich immer gespürt habe, waren diese unsichtbaren Fäden, mit denen die Menschen untereinander und mit der Pfarrei verbunden waren und geblieben sind. Ich erinnere mich an Jesu Wort vom Binden und Lösen. Und ich spüre, dass ich erleichtert bin, dass Jesus mit uns verbunden bleibt, auf geheimnisvolle, unverfügbare Weise, aber spürbar DA.

Raus aus der Kuschelecke!

«Wo zwei oder drei in meinem Namen in Gemeinsamkeit versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» Ich habe etwas gelernt, während ich diesen Artikel vorbereitet habe. Ich verdrehe nicht mehr die Augen, wenn ich dieses Jesuswort höre. Und wenn, dann nur erwartungsvoll zum Himmel. Ich habe gelernt, dass nicht alles an mir hängt, sondern dass Christus damit seine Verheissung wahr macht, gegenwärtig zu sein, da zu sein, mit uns zu sein. Vertrauen spielt dabei eine grosse Rolle. Ich bin gelassener geworden und auch ein wenig trotziger: Ich will, dass die heilige Geistkraft ihren Teil zum Gelingen einbringt und ich erwarte es auch und sage es ihr deutlich im Gebet. Ich nehme aufmerksamer wahr, wieviel «zwischen den Zeilen» geschieht: Ein unerwartetes anerkennendes Wort, eine überraschende Unterstützung. Eine Rückmeldung, die mir zeigt, dass mein Engagement Spuren hinterlassen hat. Und manchmal erkenne ich erst im Nachhinein, wie sehr sich die Dinge, die mir zum Beispiel beim Vorbereiten eines Gottesdienstes den letzten Nerv geraubt haben, sich einfügen und doch Sinn ergeben. Ich bin bereit, dieses Jesuswort wieder mehr ins Spiel zu bringen bei meinem Einsatz für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung in der Kirche, es aus der Kuschelecke herauszuholen, der ich es überlassen habe. Und ich will weiterdenken, weiter vertrauen, weiter hoffen, auch mit Hilfe der klugen Gottesfrau Teresa von Avila, die schon im 16. Jahrhundert ihre Zweifel an der Männerkirche hatte. Und die uns (neben vielem anderen) ein gewagtes Glaubenszeugnis hinterlassen hat: Solo Dios basta – Gott allein genügt!