Ausgabe 2022/4

Berge, Meer oder Kreisssaal | Verortungen des Heiligen

«Wo begegnest du dem Heiligen in der Natur?» Aus dieser Frage kann sich ein spannendes Gespräch entwickeln.
Text: Julia Blanc / 16.06.2025

Solche Fragen stellen zu können und vertieft darüber nachzudenken, was die verschiedenen Antworten bedeuten, gehört wesentlich zu meiner Tätigkeit zwischen Theologie, Soziologie, Religionswissenschaft und Environmental Studies. In fachlichen Gesprächen mit anderen Wissenschaftler:innen und in der Begegnung mit Freund:innen lerne ich täglich dazu. Wie eben zum Beispiel bei der Auseinandersetzung mit der Frage «Wie begegnest du dem Heiligen in der Natur?» Bei den Antworten lassen sich zwei Gruppen unterscheiden, von denen die eine vielleicht erwartbar ist, die andere aber überrascht und zum Weiterdenken anregt.

Intim und glibberig

Zunächst aber zurück zur Frage selbst, die eine zutiefst intime ist. Nicht nur erwarte ich von meinem Gegenüber die Bereitschaft, mich an ihrem oder seinem individuellen Verständnis des Heiligen teilhaben zu lassen, wo doch Glaubensfragen zu den grossen Tabus der heutigen Zeit gehören. Nein, da ich mich meist im römisch-katholischen theologischen Milieu bewege, setzt eine ehrliche Antwort zumindest ein relativ hohes Mass an «Risikobereitschaft» voraus, da positive Aussagen zu dieser Thematik von lehramtlicher Seite rar sind. All diesen Umständen zum Trotz konnte ich über die Jahre einen grossen Schatz von Antworten auf diese Frage ansammeln, der mich auch ausserhalb des Wissenschaftsdiskures beschäftigt und den ich gerne in dieser FAMA teile. Ich beginne damit, dass «Natur» ein «glibberiger» Begriff ist. Jede:r kann ihn füllen, (fast) wie es ihm oder ihr gefällt.

Natur oder Umwelt

Die meisten berufen sich auf ein wie auch immer geartetes Verhältnis zur Umwelt. Manche verstehen Natur und Umwelt synonym, anderen geht es mehr um ihre unmittelbare Umwelt, wobei der individuelle Radius der beeinflussenden Lebensbedingungen mal grösser und mal kleiner gefasst wird. Wieder andere verstehen Natur in einem «philosophischen» Sinn. Hier steht die besondere Art der Dinge im Fokus. Es geht bei diesem Verständnis beispielsweise um die «Natur des Menschen», also die Frage, was den Menschen ausmacht. Bei dieser Sichtweise ist die Verbindung zum Bereich Umwelt und Ökologie sehr viel schwächer. Die Bandbreite des Natur-Begriffs, seine «Glibberigkeit» begleitet das Arbeiten mit diesem. Gleichzeitig aber ergibt sich daraus auch ein gewisser Grad an Freiheit und Offenheit, und in den besten Fällen öffnet sich dadurch das Tor für Diskussionen und Austausch.

Zwei Antwortgruppen

Trotz der grossen Verschiedenheit der zugrundeliegenden Verständnisse von «Natur» lassen sich die erhaltenen Antworten überraschenderweise leicht in zwei Gruppen einteilen: Die eine Gruppe kommt nach einem kurzen Schlucken auf Kraftorte in der Natur zu sprechen, die sich meist durch ihre Unberührtheit auszeichnen. Es wird also auf hohe Berge, weite Meere und tiefe Wälder verwiesen. Auffällig ist, dass diese Bezüge meist schon in der Kindheit grundgelegt worden sind. Wächst also jemand am Meer auf, ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Person dem Meer eine zentrale Bedeutung bei der Transzendierung der Umgebung und dem Erkennen einer übermenschlichen Präsenz zumisst.

Kindliche Prägung / Macht der Prägung

Um solche Gefühle erfahren, reflektieren und äussern zu können, ist es wichtig, dass Menschen, die ihre Kindheit «in der Natur» verbracht haben, diese Umgebung nicht nur als auszubeutende Ressource wahrgenommen und vermittelt bekommen haben. Ähnliches lässt sich für Stadtkinder feststellen: Wurde ihnen die Möglichkeit gegeben, «echte» Natur bei Pfadfinderlagern oder in den Ferien zu erfahren, steigt ihre Chance, Kraftorte in der Natur zu erkennen und in die jeweilige Spiritualität zu integrieren. Im Gegensatz zu diesem Hineinwachsen in einen solchen Naturbezug habe ich in meinen Gesprächen noch nie Verweise auf ein besonderes Erlebnis, einen sogenannten «Turning Point» im Erwachsenenleben oder im fortgeschrittenen Alter gehört. Vielmehr ist und war das inhärente «Wissen» um die Heiligkeit der jeweiligen Kraftorte «schon immer» da, man wächst damit auf. Auf «Konversion» abzielende Gemeindearbeit, die distanzierte Menschen für den Bereich Umwelt und Ökologie begeistern möchte, wird also wahrscheinlich eher wenig Erfolg haben. Nichtsdestotrotz aber hat die «Ökopastoral» auch den Anspruch, diejenigen kirchlich sozialisierten Menschen für Belange der Natur zu begeistern, die «aus sich heraus» der Thematik eher distanziert gegenüber stehen, klassisch also häufig konservativ wählende Personen, die sich nicht durch «grüne» Inhalte angesprochen fühlen.

Einschneidendes Erlebnis

Die andere Gruppe hat einen ganz anderen Zugang. Hier wird Natur nicht ausserhalb des menschlichen Selbsts erkannt, sondern im eigenen Sein oder Tun. Offensichtlich liegt ein zu einem gewissen Grad anderes Naturverständnis zu Grunde, denn im Zentrum dieser Annäherung stehen Geburt und Entstehung des Lebens. Dabei liegt der Fokus auf dem Erleben und Begleiten einer (menschlichen) Geburt, die als etwas «Besonderes» oder «Wunderhaftes» erlebt wird. In den meisten Fällen werden Antworten dieser Gruppe nicht gleichermassen spontan geäussert wie diejenigen der ersten Gruppe. Man könnte fast so etwas wie Scham bei den sprechenden Personen vermuten, die ihre Aussagen vielleicht wegen der Subjektivität des Erfahrenen nur zögerlich teilen. Auffällig ist, dass die Äusserungen überwiegend von Frauen kommen, die geboren haben, oder aber von Personen, die einer Geburt beigewohnt haben. Folglich könnte also interpretiert werden, dass es einer «Initiation» bedarf, um dieses Verständnis von Natur zu teilen. Anders als in der ersten Gruppe wird hier ein einschneidendes Erlebnis, ein «Turning Point» benannt. Und dieses geschieht nicht am Meer oder in den Bergen, sondern im Geburtshaus oder Kreisssaal.

Natur als Wandel

Die beiden Gruppen unterscheiden sich stark: Die zuerst dargestellten Muster können zumindest theoretisch zu einem Interesse an der Bewahrung der jeweils genannten Kraftorte führen. Bei der zweiten Gruppe stellt sich die Situation etwas anders dar. Hier liegt der Fokus nicht auf etwas Statischem, sondern letztlich auf Veränderung. Das Werden von Leben ist ein Prozess, und eine Bezugnahme auf diese Prozesshaftigkeit im Umweltverständnis und ökologischen Handeln ist bislang kaum in der theologischen und vor allem kirchlichen Praxis verankert. Vielleicht läge es nun nahe, die im letzten Jahrhundert in Nordamerika entstandene Prozesstheologie diesbezüglich fruchtbar zu machen. Mehr Potential sehe ich aber darin, innerhalb der römisch-katholischen Kirche wie auch in anderen grossen religiösen Gruppierungen das Bewusstsein für diesen Bereich des Werdens zu stärken und in den praktischen Umweltschutz zu integrieren. Denn gerade bei der zweiten Gruppe, deren Naturverständnis durch einen «Turning point» geprägt ist, besteht Offenheit für Änderungen im Lebenswandel.

Fruchtbare Impulse

Die Vermutung drängt sich auf, dass Gebärende bzw. einer Geburt beiwohnende Personen bislang von amtskirchlicher Seite zu wenig ermutigt wurden, ihre Erfahrungen im religiös-spirituellen Kontext zu reflektieren und theologisch zu hinterfragen. Jedoch sollte ihre Sicht der Dinge einem grösseren Publikum zugänglich gemacht werden. Denn es gibt sie bereits, sie tummeln sich in Mütterforen und Geburtsblogs, die von kirchlich-offizieller Seite bislang nicht oder nur ungenügend als valide Berichte von Gottes- und Heil(igkeit)serfahrung wahrgenommen werden. Es erscheint mir unumgänglich, dass sich die Kirchen nicht mehr nur für einen statischen, bewahrenden Umwelt- und Naturschutz einsetzen, sondern auch das Werden an sich in den Blick nehmen. Denn dieses macht bewusst Platz für Neues und wird nicht nur einfach von Veränderungen überrumpelt. Diese zweite, weniger verbreitete und häufig als alternativ, esoterisch oder sogar lächerlich abgetane Vorstellung vom Heiligen in der Natur ist offen für Veränderung und Anpassung. Gerade der Klimawandel, der uns aktuell nachdrücklich durch Hitzewellen und Jahrhundertfluten begegnet, zwingt zu einem Naturverständnis, das dem Werden und dem Wandel aufgeschlossen gegenübersteht.