Mit dieser Form von Marienfrömmigkeit konnte ich nichts anfangen. Doch es kam anders. Genau 150 Jahre nach der ersten Erscheinung der Bernadette Soubirou, am 11. Februar 2008, änderte ich meine Meinung schlagartig. Im Tagesgespräch von Radio SRF hatte ich das Interview von Ursula Brunner mit der Soziologin und analytischen Psychotherapeutin Ursula Bernauer gehört und wusste: Ich will nach Lourdes und mir das selbst anschauen. Es sollte ein wenig dauern, aber 2015 und 2017 war ich dort, und diesen Sommer bot ich eine feministische Wallfahrt nach Lourdes an, mit einem Abstecher zur schwarzen Madonna von Rocamadour. 15 Frauen und 3 Männer wagten diese achttägige Reise.
Die Seherin
Das Mädchen Bernadette, 13- oder 14-jährig, hatte 1858 achtzehn Erscheinungen in einer Grotte am Ufer des Gave-Flusses. Diese Ereignisse haben ihr Leben, das Leben ihrer Familie und des gesamten Ortes völlig verändert. «Bis die schöne Dame sich am 25. März als Unbefleckte Empfängnis zu erkennen gibt, spricht Bernadette immer nur von ‹Aquerò›. Das Wort stammt aus dem bäuerlichen Mundartvokabular von Lourdes und heisst so viel wie ‹das da›. … Auch wenn das Mädchen bei den Verhören für ihre ungebildete Ausdrucksweise häufig kritisiert wird, bleibt sie dabei und übernimmt an keiner Stelle die Bezeichnung von der Jungfrau Maria, die ihr von aussen immer wieder vorgegeben wird. Das Sprechen im Neutrum scheint wie ein Versuch, mit dem Bernadette stammelnd ihre Ehrerbietung gegenüber dem Unaussprechlichen ausdrückt. Es gerät in die Nähe mystischer Sprache, die sich stets negativer oder neutralisierender Ausdrucksformen bedient, um sachgemäss von dem reden zu können, was ‹ganz anders› ist.»
Statistinnen
In der berühmten Grotte von Lourdes, direkt vor der Quelle, die Bernadette ausgegraben hat, steht ein Altar, und es wechseln sich Priester im Akkord ab. Das Stück, das in Lourdes gespielt wird heisst nicht mehr «Aquerò – Das da», sondern «Die römisch-katholische Kirche». Sämtliche Hauptrollen werden von Priestern eingenommen. Der Kraft- und Lichtort, wo Bernadette etwas gesehen hat, das so gross ist wie sie, das barfuss ist wie sie, das denselben pyrenäischen Dialekt spricht wie sie, das sie ansieht und ihr damit Ansehen verleiht … dieser weibliche Kraft- und Lichtort ist zum Tummelplatz von Priestern geworden. Bernadette selbst spielt in den Liturgien, ja überhaupt in Lourdes, kaum eine Rolle. Man sieht zwar überall Fotos und Filme von ihr, doch Lourdes ist der Ort der römisch-katholischen Kirche und ihrer Gebets- und Messordnungen. Und trotzdem ist in Lourdes eine Gebetskraft, Heilkraft oder Wunschkraft spürbar.
(K)ein Kraftort für Mädchen und Frauen
Die allabendliche Lichterprozession ist einfach schön und gibt Kraft. Man ist draussen unter freiem Himmel, das Wasser des Flusses gluckert, die Grotte ist nicht weit. Alle halten während des Refrains eines Lieds ihre Kerze empor, so dass ein lebendiges und wallendes Lichtermeer entsteht während des Singens: «Ave, ave, ave Maria!» Es ist spürbar, dass die Menschen nicht nur ihre Kerze, sondern auch ihre Sorgen, ja ihr ganzes Leben dem Himmel hinhalten. Doch auch die Prozession ist fest in priesterlicher Hand. Mädchen und Frauen spielen an diesem weiblichen Kraftort keine eigene starke Rolle als Seherinnen des Numinosen / Göttlichen. Sie bereiten die Kirchen und Kapellen für die Eucharistiefeiern vor oder räumen anschliessend auf.
Meine Vision
Jedes Mädchen an der Schwelle zum Frausein erhält von seiner Pfarrei als Geschenk eine Lourdes-Reise. Nun ist es ungefähr so alt wie Bernadette. In ihm hat etwas zu fliessen begonnen. Die Abendprozessionen werden von Mädchen aus aller Welt angeführt. Direkt dahinter kommen die Kranken. Die Gottesdienste sind bevölkert von Mädchen in weissen Gewändern, zusammengehalten von einem blauen Gürtel und an den Füssen helle Stoffschuhe, in die eine gelbe Rose eingestickt ist. Sie tragen braune Wasserschalen und beleben die Altarinsel. Selbstverständlich steht dem Gottesdienst auch mal eine Frau oder eine queere Person vor. Die Realität sieht ganz anders aus. Aber für mich ist diese Kraft in Lourdes trotz allem spürbar. Eine Teilnehmerin der Wallfahrt schrieb mir nach der Rückkehr: «Deine Auseinandersetzung mit Bernadette hat mich diesem Mädchen viel nähergebracht, und sie ist mir innerlich sehr nahegekommen, obwohl sie mir auch sehr fremd ist und ich ja nicht weiss, wer sie wirklich war, und ich auch sehr viel Respekt für sie spüre. Trotz der Pilger und der Menschen in Lourdes habe ich immer wieder eine innere Ruhe und auch die Kraft dieses Ortes spüren und dieses Gefühl in mir speichern können.»
Ursula Bernauer, Die schöne Dame von Lourdes. Geschichte und Geschehen tiefenpsychologisch gedeutet, Freiburg i.Br. 1995, 45.