Ausgabe 2022/4

Glauben er-leben | Religiöse Handlungen im Familienalltag

In meiner Kindheit in der Zürcher Diaspora war Religion ein wichtiger Aspekt des Alltagslebens. Haussegen, Heiligenbilder und Statuen schmückten unser Daheim.
Text: Monika Bauer / 16.06.2025

Gebete um den Stubentisch vor Mahlzeiten, der Nachtruhe oder bei Gewittern waren Usus. Ein Abendgebet begleitet mich bis heute: «Uf de Wält isch Chrieg und Stritt, Liebgott mach, dass s’Fride gitt. Gib de guete Mensche Gnade, dass die Böse nöd chönd schade. Mit de Sünder heb Verbarme, nimm sie uuf mit beidne Arme; dass sie chöned uf dä Ärde und im Himmel glücklich wärde.» (Auf der Welt ist Krieg und Streit, lieber Gott, gib Frieden. Schenk den guten Menschen Gnade, damit die bösen nicht schaden. Erbarm dich der Sünder, nimm sie auf in beide Arme; damit sie auf der Erde und im Himmel glücklich werden können.)

Die Prägungen der Eltern

Unseren Eltern war die katholische Sozialisation ihrer fünf Kinder ein Anliegen. Bei der Mutter, die in einem Toggenburger Dorf aufgewachsen war, das sich bis 1977 konfessionell getrennte Schulhäuser leistete, war die Angst vor dem Einfluss des protestantischen Milieus gross. Wir durften nur mit katholischen Kindern spielen, der Besuch des Biblischen Unterrichts an der Primarschule blieb uns verwehrt. Die rigide Haltung unserer Mutter war Segen und Fluch zugleich, denn unser unangepasstes Verhalten führte zwar zu Ausgrenzung, aber auch zu Unabhängigkeit. Wir lernten, eigene Wege zu gehen, auch in Glaubenssachen. Für die Mutter, der eingetrichtert worden war, dass nur katholische Gläubige in den Himmel kommen, waren Glaubenszweifel und Kirchenaustritte ihrer Kinder furchtbar. Noch an ihrem Sterbebett erfuhr ich schmerzlich, wie sehr sich der Glaube an einen strengen Richtergott in ihre Seele eingefressen hatte. Unser Vater, der im paritätischen Thurgau konfessionsgemischte Schulen besucht hatte, konnte einen offeneren Glauben entwickeln. Zu seiner Beerdigung wünschte er sich das Lied: «Weit wie das Meer ist Gottes grosse Liebe, wie Wind und Wiesen ewiges Daheim.»

Religiöse Erziehung erfahren

Der vom Klerus erteilte Religionsunterricht förderte keinen frohen, nachdenklichen Glauben. Im Beichtunterricht wurde die Sündhaftigkeit unseres Daseins betont und ein Gott geschildert, der unter die Bettdecke schaut. Da auch unsere Mutter von einem enttäuschten Gott sprach, wenn wir aufmüpfig waren, wuchs mein Widerstand. Die Adventszeit nutzte unsere Mutter als Übungsfeld für Verzicht. Jedem Kind hängte sie einen mit Tannenreisig und Zuckermäusen geschmückten Kleiderbügel übers Bett und erklärte, wer den Heiland gerne habe, esse bis an Weihnachten keine Süssigkeiten. Meine Zuckermäuse waren schon in der ersten Adventswoche verschleckt! Auch ein vom Vater gebasteltes Kripplein begleitete uns durch die Adventszeit. Hatten wir eine gute Tat vollbracht, durften wir ein Hälmchen Stroh in die Krippe legen, Doch wer frech war, musste unter dem traurigen Blick der Mutter einen Strohhalm entfernen und war schuld daran, dass das Jesuskind an Weihnachten ein hartes Lager hatte. Dennoch möchte ich meiner Mutter für die sinnliche Vermittlung des Glaubens ein Kränzchen winden. In der Fastenzeit verzichteten wir auf Butter und Süssigkeiten, am Karfreitag erledigten wir vor der Feier des Leidens und Sterbens Christi besonders unliebsame Arbeiten. Beim Ostereierfärben stieg die Vorfreude auf ’s Eiertütschen und den Osterzopf.

Frohe Momente der Glaubensvermittlung

Im Mädchenschlafzimmer hing ein wunderschöner Wandbehang, auf den unsere Mutter ein Bildstöcklein aus Filz genäht hatte, das mit dem Bild der Gottesmutter von Schönstatt verziert war. Dieses Marienbild prangte auch in unserer Stube und war mir lieber als der gekreuzigte Heiland im Herrgottswinkel. Die Marienfrömmigkeit und die Freundschaft mit Schönstätterinnen hellte den mütterlichen Glauben etwas auf. Im Mai war dies besonders spürbar. Das Nähmaschinenmöbel, an dem die Mutter oft bis in die Nacht hinein nähte und flickte, verwandelte sich einen Monat lang in einen Marienaltar. Vor der abendlichen Hausliturgie schmückte ich ihn mit Blumen. Denke ich an Freudiges rund um meine religiöse Erziehung, sind es neben den sinnlichen Genüssen und den Erzählungen unserer Mutter vor allem die Marienlieder, deretwegen ich sogar freiwillig die Rosenkranzandacht am Samstagabend besuchte. Ich war religiös durchaus berührbar, doch ich wollte sinnlich und selbstbestimmt meiner Sehnsucht nach dem Göttlichen nachgehen.

Suchend unterwegs

In der Pubertät konnten weder die häuslichen Rituale noch der Religionsunterricht meinen Hunger stillen, es waren die Gebete von Michel Quoist, die meine Seele in Schwingung versetzten. Als eine Lehrerin im Gymnasium zu Studienweekends einlud, lernte ich im Studentinnenheim intelligente, gläubige Frauen kennen. Unter ihnen fühlte ich mich angenommen. Erst mit der Zeit entdeckte ich, dass die Institution vom Opus Dei geführt wurde. Immer öfters störte mich die einengende Theologie, das Gefälle zwischen Priester und Lai:innen sowie Forderungen, die mein Privatleben betrafen. Dennoch fiel mir der Abschied nicht leicht, da ich Niemandsland betrat: Weder in der Familie noch in der Pfarrei fühlte ich mich mit meinen religiösen Fragen aufgehoben. Und mit der Zeit schliefen sie ein.

Unterwegs findend

Während meinen ersten Berufsjahren als Unterstufenlehrerin waren es die biblischen Geschichten, die mein Interesse an der Theologie wieder weckten. Erstmalig vertiefte ich mich in die Erzählungen aus dem Alten Testament und lernte zusammen mit meiner Klasse das biblische Umfeld kennen: Wir nagelten wie Noah, sangen wie David, sammelten Ähren wie Ruth. Wichtig blieb mir dabei das eigenständige Denken und Fragen der Schüler:innen. Als ich zu Studienzwecken in Amerika war, vertiefte sich meine Sehnsucht nach einer religiösen Heimat. Ich besuchte jeden Sonntag den Gottesdienst in einer christlichen Gemeinde. Doch weder die Frömmigkeitsformen der Evangelikalen noch das Zungenreden in der Pfingstgemeinde sagten mir zu. Es war ein Gottesdienst in einer kleinen katholischen Gemeinschaft, der mir das Gefühl der Zugehörigkeit schenkte. Zur Kommunion bildeten die Gläubigen einen egalitären Kreis um den Altar, und ich erinnerte mich an eine Aussage von James Joyce in Finnegans Wake: «Catholic means ‹Here comes everybody.›» (Katholisch heisst: Hier hat jede:r einen Platz.)

Glaubensleben weitergeben

Als ich Mutter wurde, war mir die sinnliche Vermittlung eines frohmachenden Glaubens ein Anliegen. Ich konnte auf Vertrautes zurückgreifen, vermied aber eine moraltriefende Unterfütterung. Im Advent stellte ich das leere Kripplein ebenfalls auf, doch es durfte nach eigenem Empfinden mit Stroh belegt werden. Den Adventskalender füllte ich mit kleinen Aufträgen und Schöggeli, die man essen durfte. Als musikalische Familie sangen wir mehrstimmig Weihnachtslieder, hörten das Weihnachtsoratorium und d’Zäller Wienacht. Zum Eierfärben vor Ostern schmetterte ein Kinderchor Orffsche Lieder. Fürs abendliche Gebet breitete ich einen Sternenteppich aus, die Kinder durften Kerzen anzünden, mit Glöckchen läuten und ihre Gebete selber formulieren. Gemeinsam beteten wir auch für befreundete Kranke und andere Menschen. Während des Golfkriegs begleitete mich mein Ältester sogar zu Friedensgebeten in die Kirche. Um kindliche Ängste etwas zu beschwichtigen, strickte ich mit Schutzengeln bestickte Gute-Nacht-Panzer.

Veränderungen annehmen

Mit dem Wegzug ihres Vaters wurde jedoch ihr Glaube so erschüttert, dass keines der Kinder mehr bereit war, auf dem Sternenteppich den Tag zu beschliessen. Auch Weihnachtsstimmung kam nicht mehr auf wie zuvor.

Heute ist Weihnachten wieder ein Fest im Familienhaus, wobei nur die Lieder einen Hauch von Religion erahnen lassen. Da die Kinder Freund:innen aus der ganzen Welt mitbringen, erklingen neben Weihnachtsliedern auch säkulare und interreligiöse Gesänge. Doch wenn wir uns an der langen Tafel versammeln, gemeinsam essen, plaudern und singen, spüre ich, dass ich bis in die Zehenspitzen katholisch bin: «Everybody comes!»