«Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben.» So schreibt Alfred Delp im Angesicht des Todes, umgebracht durch die Nationalsozialisten. Die Welt ist Gottes voll. Es braucht Augen, Ohren und Herz dafür, damit diese Gottesnähe erklingen kann. Sakramentale Erfahrung ist für mich immer die Erfahrung von Einheit und Einssein, die Erfahrung von Fülle und Leere zugleich.
Im Alltäglichen präsent
In meinen Anfängen im kirchlichen Dienst hat mich die «Kleine Sakramentenlehre» von Leonardo Boff geprägt. Das Sakrament des Zigarettenstummels. Boff erhält, als er als junger Mann in Deutschland studiert, einen Brief von seiner Familie aus seiner Heimat Brasilien. Darin ein Zigarettenstummel und die Nachricht, dass sein Vater gestorben sei. Dies sei der Stummel der letzten Zigarette des Vaters.
Sorgfältig hat Boff diesen Stummel aufbewahrt. Sein Vater war in diesem Zigarettenstummel präsent, mit allem, was er für Leonardo Boff war, mit allem was er gelebt hat.
Heilige Augenblicke
In diesem Sinn spüre ich noch heute die Hand meiner Mutter auf meinem Kopf und das Kreuz mit Weihwasser, das sie mir jeden Tag vor der Schule auf die Stirn zeichnete mit den Worten: «Bhüet di Gott». Ich war schon längst erwachsen und meine Mutter weit über achtzig, aber wenn ich zu Besuch war, zeichnete sie mir beim Weggehen jedesmal dieses Weihwasserkreuz auf die Stirn. «Bhüet di Gott». Genauso hat sie, wenn sie ein frisches Brot angeschnitten hat, das Brot mit einem Kreuz bezeichnet. Wir Kinder wurden dabei ganz still. Es war ein heiliger Augenblick. Auch ich halte es heute so: Wenn ich frisches Brot anschneide, bezeichne ich es mit einem Kreuz und verweile kurz. Es ist, als ob meine Mutter da wäre und ich schon jetzt ein Stück Ewigkeit atme, sakramentale Gegenwart. Im Kreuzzeichen und dem Brot verbunden mit jener Grundliebe, die mich verbindet mit Jesus Christus und mit allen, die Teilhaben am gebrochenen Brot. Für mich gibt es keine Abstufung in der Liebe. Die Hingabe Jesu, die wir katholischen Menschen in der Eucharistie feiern, ist die gleiche Liebe, die zum Ausdruck kommt, wenn meine Mutter das Brot segnete oder uns Kinder.
Die Welt ist Gottes voll! Nehmen wir es wahr und feiern wir diese Gegenwart in allen Variationen und mit grosser Kreativität. Ich glaube, dass wir Frauen dafür ein ganz besonderes Flair haben.
Sakramente nicht spenden, sondern miteinander feiern
Wenn wir in unserer Pfarrei am Hohen Donnerstag in der Karwoche umsetzen, wie Jesus seinen Freundinnen und Freunden die Füsse gewaschen hat, dann brauchen wir dazu kein Wasser und keinen Priester, der zwölf ausgewählten Menschen die Füsse wäscht. Dreihundert Rosen sind am Eingang bereit und alle, die in den Gottesdienst kommen, erhalten durch die Hand von Freiwilligen eine Rose. Bereits dies ist eine wichtige Geste. Die Menschen, die kommen, werden beschenkt. Nach der Lesung der Fusswaschung bringen alle ihre Rose in eine der fünf Vasen, die im Altarraum stehen. Dazu singen wir wiederholend: «Ubi Caritas, Deus ibi est. Wo Nächstenliebe ist, da ist Gott.» Mit ihrer Rose verbinden die Anwesenden die Absicht für einen Liebesdienst, den sie einem Menschen in den nächsten Tagen tun wollen. So ist jede Rose in Gedanken mit einem Dienst an einem Menschen verbunden. Niemand spendet hier ein Sakrament und doch ist dieses Ritual im wahrsten Sinn des Wortes sakramental. Man spürt den Anwesenden an, dass sie in der Tiefe verbunden sind miteinander und mit den Menschen in ihren Gedanken. Sie sind ganz bei sich und ganz im Göttlichen daheim. Wenn dann am andern Tag, am Karfreitag, alle diese Rosen während der Passionslesung unter dem Kreuz stehen, dann spricht jede Rose noch einmal für sich, ohne Worte, direkt ins Herz.
Bringt euren Becher mit
Der Hohe Donnerstag ist in der katholischen Kirche auch der Gedenktag der Einsetzung der Eucharistie, womit auch die Einsetzung des Priesteramtes verbunden ist. Was macht eine Pfarrei, der an diesem Abend kein Priester zur Verfügung steht?
Worum geht es denn eigentlich? Eucharistie ist Erinnerung an das letzte Abendmahl. Jesus isst mit seinen Liebsten am Abend vor seinem Sterben. Im gebrochenen Brot und im Becher mit Wein versinnbildlicht er seine Hingabe an das Leben. Das bin ich für euch: gebrochenes Brot. Tut dies zu meinem Gedächtnis, bleibt in meiner Liebe. Sollen wir gerade an diesem Abend dieses Sakrament, das uns Quelle des Glaubens ist, als Pfarrei nicht feiern dürfen?
In diesem Jahr baten wir die Menschen, einen Becher von zu Hause mitzubringen, denn das Trinken aus einem gemeinsamen Becher oder Kelch ist seit Corona nicht mehr selbstverständlich. Und so kamen sie alle mit ihrem Becher, Zinnbecher oder Weinkelch, der getöpferte Becher, und da war auch einer aus Plastik und auch dieser war stimmig. Wir feierten das Abendmahl. Wir brachen das Brot und sprachen die Worte Jesu über den Krug mit Wein, so wie sie uns die Bibel überliefert. Die Menschen erhielten Brot und in ihren Becher einen Schluck Wein. Alle gingen zurück an ihre Plätze und wir assen und tranken alle gemeinsam. Tränen wurden aus den Augen gewischt, es war eine Atmosphäre voller Liebe, Verbindlichkeit und Verbundenheit. Die Welt ist Gottes so voll. Und jeder Becher war in sich ein Symbol des jeweiligen Menschen. Ein ehemaliger, seit langem verheirateter Priester brachte seinen Kelch mit und teilte den Wein mit seiner Frau. Ein berührendes Zeichen. Und wieder erklang «Ubi caritas, Deus ibi est». Erfüllt gingen die Menschen nach Hause.
Sakrament der Stille
Stille kann man nicht machen, Stille muss werden. Stille hat man nicht in der Hand. Stille kehrt ein. Stille ist mehr als Ruhe. Stille ist heilig. Viel zu oft ist diese Stille unseren Liturgien abhanden gekommen, da muss immer etwas «laufen». Ich glaube, dass viele Liturginnen und Liturgen Angst haben vor der Stille, die Stille nicht aushalten. Dann wird sie gefüllt mit allerlei Beschäftigung. Gebet wird an Gebet gereiht, die Zeit wird gefüllt mit Anweisungen, die es gar nicht braucht, oder mit Musik und Liedern. Ich liebe Musik, das möchte ich hier betonen, und ich singe für mein Leben gerne. Aber Musik ist kein Füller. Musik ist Teil der Liturgie und es braucht äusserste Sorgfalt, sie in einer Feier richtig einzusetzen. Musik im Gottesdienst öffnet die Menschen für das Göttliche und führt hin zu Stille. Dem Sakrament der Stille Raum geben, das beginnt schon dort, wo ich nicht sofort nach der Eingangsmusik das Kreuzzeichen wie eine Initialzündung herunterbete, sondern kurze innehalte und leise spreche: «Möge die Kraft göttlicher Liebe durch uns fliessen, uns verbinden, wärmen und heilen». Diese Bitte spreche ich dann noch einmal, gesammelt und präsent, dann nochmals ein Innehalten und erst jetzt kommt das Kreuzzeichen, jetzt bin ich verbunden mit dem Himmel und mit der Welt, ich bin getauft, beim Namen gerufen, geliebt.
Die Welt ist Gottes voll
Es gilt während einer Liturgie wenige Gebete einzusetzen, diese wenigen Gebete bete ich immer zweimal und lasse ihnen Raum, ihre Kraft zu entfalten: Das führt die Menschen zu sich selbst und Stille wird zum Sakrament. Ich habe vor einiger Zeit begonnen, auch beim Austeilen der Kommunion nichts mehr zu sagen, kein: «Das ist der Leib Christi». Ich lasse mich ein auf den Menschen, der da vor mir steht, im Herzen den Gedanken von Hilde Domin: «Dein Ort ist wo Augen dich ansehen. Wo sich Augen treffen entstehst du», dann lege ich das Stückchen Brot, Christus im gebrochenen Brot, schweigend, in aller Sorgfalt und Achtsamkeit in die hingehaltene Hand. Die Menschen müssen nicht gesagt bekommen, was das ist, sie wissen um das Geheimnis dieser Liebe. Sie brauchen nur Räume, in denen sich ihr Glaube entfalten kann. Rituale und Sakramente, bekannte und sich neu entfaltende, sind solche Räume. Die Welt ist Gottes voll.
Anmerkung der Redaktion
Kurz nachdem Monika Schmid diesen Artikel geschrieben hatte, geriet sie just wegen ihrer liturgischen Präsenz in die Kritik. Beim Abschiedsgottesdienst, den sie nach 37 Jahren in der Pfarrei mit ihrer Gemeinde feierte, betete sie gemeinsam mit dem Priester, dem Diakon und anderen das Hochgebet. Etwas, das in der Schweiz zwar vielerorts praktiziert wird, das aber laut römisch-katholischer Lehre nur geweihten Männern vorbehalten ist. «Die Welt ist Gottes voll» – während Kirchenobere den «Gotteszugang» kontingentieren und reglementieren wollen, erlebt Monika Schmid für ihre aufrichtige Art des Feierns eine grosse Welle der Solidarität.