Interreligiöse Feiern sind ein Schmelztiegel religiöser Kulturen, gesellschaftlicher und politischer Strömungen sowie ästhetischer Vorlieben und Befindlichkeiten. Neben dem Anspruch, Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit zusammenzuführen, wenden sich die Feiern auch an eine säkularisierte Öffentlichkeit. Die Frauenfrage erhält hierbei eine ganz besondere Brisanz.
Drei Beispiele
Im Vorfeld einer interreligiös geplanten Feier besuchen die Mitglieder einer ökumenischen Frauengruppe die Moschee, wo der Anlass stattfinden soll. Sie sind befremdet: Nicht nur räumlich, sondern auch beim rituellen Salāt, bei dem die Frauengruppe zuschaut, wird die Geschlechtertrennung sichtbar. Das wird thematisiert. Bei der interreligiösen Feier schliesslich übernimmt die Vorsitzende der muslimischen Frauengemeinschaft die offizielle Begrüssung im Namen der Gastgeber.
In einer interreligiösen Feier, die im TV übertragen wird, sprechen Vertreter*innen verschiedener Religionstraditionen nacheinander Gebete: «Ewiger, unser Gott» betet der Rabbiner; «Mein Herr» der Imam; «Lieber Gott» der Hindu-Priester, «O du gütiger Gott» eine Frau der Baha’i. Der evangelische Pfarrer stimmt das Vaterunser an: «Du Mutter und Vater alles Erschaffenen…».
An einem Samstag soll eine interreligiöse Feier in einer Klosterkirche stattfinden. Kurzfristig erfahren die Mitwirkenden: Als Vertretung für den Rabbiner kommt eine jüdische Frau; und eine konvertierte Buddhistin wird für den Lama, der sich in einem Retreat befindet, einspringen. Diese drei Beispiele haben sich nicht exakt so zugetragen. Hier wurden Beobachtungen aus verschiedenen Feiern zusammengefügt und Details verfremdet. Sie zeigen als Typologie aber Dynamiken, die sich in interreligiösen Feiern in der Schweiz durchaus abspielen.
Begriffliche Klärungen
In Deutschland und Österreich äussern sich offizielle kirchliche Fachstellen und Konferenzen seit vielen Jahren zu dem Thema und arbeiten intensiv an einer Terminologie: Anlässe, bei denen Menschen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften zusammen feiern, sind dort «multireligiös». «Interreligiös» ist ausserhalb der Schweiz als Begriff diskreditiert, weil er angeblich eine synkretistische Programmatik beinhaltet, also das Verwischen der Grenzen zwischen den Religionen befürchtet wird. «Gebete» als Bezeichnung für interreligiöse Feiern wird von wissenschaftlicher Seite in Frage gestellt. Es assoziiert eine abrahamitische Verengung auf das Zwiegespräch des Menschen mit Gott und schliesst die religiösen Ausdrucksformen im Buddhismus und anderen Traditionen aus. Ein wichtiger Unterschied ist auch die öffentliche Verankerung der interreligiösen Feiern: In der religiös pluralen und wenig reglementierten Schweiz ist die Trennung von Religion und Staat viel strikter vollzogen als in den deutschsprachigen Nachbarländern. Interreligiöse Schulfeiern gibt es praktisch nicht, der öffentliche Raum ist für religiöse – auch interreligiöse – Feiern weitgehend tabu. Die staatliche Seite hält sich hinsichtlich Gestaltungsvorschlägen und -wünschen an interreligiöse Feiern zurück und beteiligt sich, wenn überhaupt, höchstens mit einem Grusswort.
Vielgestaltige interreligiöse Szene
In der Schweiz können Religionsgemeinschaften in Gestalt ihrer engagierten Vertreter*innen mehr oder wenig tun, was sie wollen, bzw. auf was sie sich einigen können. Also herrscht ein buntes Treiben. Längst gibt es interreligiöse Feiern nicht nur als offizielle Gedenkanlässe – wie bei der Eröffnung des Gotthard-Tunnels 2016 –, oder als Friedensgebete anlässlich gesellschaftlicher Katastrophen – wie zu Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022. In den Pfarreien, in Citykirchen mit alternativen Nutzungskonzepten, bei Integrationswochen und Stadtfesten finden sich die unterschiedlichsten Veranstaltungen: Mal sind sie christlichen Wortgottesdiensten nachempfunden, haben aber einen Adhan (islamischer Gebetsruf) und mehrere Sutras (buddhistische Lehrsätze) eingebaut. Mal laden sie zum gemeinsamen Singen von Taizé-Liedern und dem Hare Krshna-Mantra ein. Mal tanzen indische Kinder, musizieren die Sikhs, singen alle Mitfeiernden Halleluja und zünden dabei Kerzen in einer Sandschale an. Tabus gibt es wenige, theologische Bedenken treten kaum zu Tage.
Feiern mit Menschen mit Migrationshintergrund
Fragt man die verantwortlichen und mitwirkenden Akteur*innen nach ihrer Motivation, erhält man unterschiedliche Antworten. Die meisten religiösen Minderheiten bekunden, den spirituellen und kulturellen (Mehr-)Wert ihrer Religion gegenüber der Schweizer Mehrheitsgesellschaft sichtbar machen zu wollen. Gegenüber den meist christlichen Initiant*innen möchten sie als zuverlässige und solidarische Partner*innen auftreten.
Auf christlicher Seite engagieren sich vor allem die Angehörigen der Landeskirchen; freikirchlich gebundene Christ*innen sucht man in interreligiösen Feiern vergebens. Für die anderen aber sind interreligiöse Feiern eine Möglichkeit, die verloren gegangene Erfahrung des gesellschaftlichen Ganzen – was noch vor einigen Jahrzehnten die eigene Gemeinde verkörperte – neu zu entdecken. In interreligiösen Feiern können gerade engagierte Pfarrpersonen und Theolog*innen Menschen zusammenbringen, die sonst wenig Berührungspunkte miteinander haben. Häufig sind dies Angehörige von religiösen Minderheiten mit Migrationshintergrund, Flüchtlinge und Asylsuchende. In vielen kirchlichen Jobprofilen wurde in den letzten Jahrzehnten «Migrationsarbeit» sukzessive um «Interreligiösen Dialog» erweitert. Das ist nachvollziehbar, weil die religiöse Vielfalt in der Schweiz in erster Linie auf die Migrationsbewegungen zurückgeht. Allerdings ist in den letzten zwanzig Jahren vor allem die Zahl christlicher Migrant*innen angewachsen. Christ*innen der orthodoxen und orientalischen Kirchen in der Schweiz sind eine grössere Gruppe als alle Jüd*innen, Buddhist*innen und Hindus zusammen. Diese Entwicklung lässt fragen, ob eine unterschiedliche religiöse Zugehörigkeit auch in Zukunft ein taugliches Kriterium ist, wenn man kulturübergreifend feiern möchte.
Feiern für die säkulare Öffentlichkeit
Daneben versprechen interreligiöse Feiern eine attraktive Ausstrahlung gegenüber einer weitgehend säkularisierten Öffentlichkeit. Diese akzeptiert religiöse Angebote nur noch gleichberechtigt und mit einem auf Frieden und Toleranz geprüften Qualitätssiegel – dies scheint die Mitwirkung in einer interreligiösen Feier zu leisten. Hier wird häufig auf das so genannte «Weltreligionen»-Paradigma zurückgegriffen. Tief verankert ist der Anspruch, dass Judentum, Islam, Christentum, Hinduismus und Buddhismus irgendwie vertreten sein müssen, am besten mit Zitaten aus den jeweiligen Heiligen Schriften. In der Praxis funktioniert dies nur selten, und wenn überhaupt, dann in den Grossstädten. Trotzdem wenden verantwortliche Christ*innen viel Energie auf: Hindu-Priester aus anderen Kantonen werden eingeladen, eigene Gemeindemitglieder übernehmen Lesungen aus dem Koran, und eine Menora soll das abwesende Judentum symbolisieren. Unterdessen streiten sich drei hochqualifizierte Theolog*innen über die Frage, wer das vielgestaltige Christentum repräsentieren dürfe.
Die Frauenfrage
In diese Gemengelage hinein wirkt die Frauenfrage: Sie hat Einfluss auf die sprachliche Anrede der Mitfeiernden, auf die Thematisierung von Unrecht, Gewalt, Diskriminierung und Unterdrückung, auf die Auslegung von Suren und vor allem auf die Auswahl der Mitwirkenden. Neben religiöser Vielfalt soll ein einigermassen ausgewogenes Geschlechterverhältnis herrschen. Keine einfache Sache: Die Zulassung von Frauen zu religiösen Ämtern vor allem in den Traditionen mit einer langen Geschichte ist erst seit kurzem ein Thema. Bei vielen Minderheiten in der Schweiz spielt sie gar keine Rolle. Auf der anderen Seite haben jüngere Traditionen eine emanzipierte Stellung der Frau von Anfang an in ihr Symbolsystem eingebaut, z.B. die Baha’i oder auch die aus dem Hinduismus hervorgegangene Bewegung Brahma Kumaris. Dann gibt es auch solche, die Frauen eine bevorzugte Stellung einräumen, wie das «Goddess Movement» der Wicca und der Weiblichen Mysterien. All diese Bewegungen zeigen sich am interreligiösen Dialog und an interreligiösen Feiern sehr interessiert. Sie sind aber aus theologischen oder strategischen Gründen nicht erste Wahl, vor allem wenn eine interreligiöse Feier möglichst hohe Repräsentant*innen einbinden und gesellschaftlich einflussreiche Kräfte versammeln möchte. Ein Klassiker der interreligiösen Arbeit aus Deutschland geht so: Letztlich liegt es wieder einmal an der evangelischen Pfarrerin, als einzige Frau das Bild von Religion(en) als Zirkel alter Männer zu stören.
Ein rituelles Experimentierfeld für Frauen
In der Schweiz ist dies nicht unbedingt so. Das liegt vor allem an den knappen Ressourcen vieler Minderheitenreligionen. Ihre Leitungsfiguren finden den interreligiösen Dialog zwar wichtig, akzeptieren aber gerade dort am ehesten eine Vertretung, wenn sie selbst unabkömmlich sind. So zeigen sich interreligiöse Feiern in der Schweiz als rituelles Experimentierfeld, wo Frauen durchaus den Adhān singen, einem Gebet vorstehen oder Mantras vortragen können – einfach, solange die Feier in einem mehrheitlich privaten Rahmen bleibt, nicht zu stark in die Öffentlichkeit ausstrahlt und weder Medien noch Regierungsvertreter*innen auftauchen. Ob diese Erfahrungen wiederum auf die religiöse Praxis der einzelnen Gemeinschaften rückwirken werden, bleibt abzuwarten.