Ausgabe 2022/4
Weshalb Männer «denken» und Frauen «tun» | Religion als Frage der Perspektive
Mein Kollege und ich sind in einem Dorf im Wallis und warten vor der Kirche auf den römisch-katholischen Priester. Er will uns bei einem Projekt über Beinhäuser weiterhelfen.
Text:
Anna-Katharina Höpflinger
/
16.06.2025
Beinhäuser sind Kapellen, in die früher nach einer Räumung der Gräber die Gebeine der Verstorbenen gelegt wurden. Einige wenige sind heute noch erhalten. Meist werden sie nur noch als kleine Museen verwendet oder als Kuriosität aus einer anderen Zeit betrachtet. Die Sonne scheint. Das Beinhaus erhebt sich neben uns in den blauen Himmel. Durch einen grossen vergitterten Rundbogen können wir die historischen Knochen, die darin lagern, sehen. Da tritt eine ältere Frau mit einem Kind, vielleicht ihrem Enkel, an dieses Fenster. Sie kniet davor nieder, spricht ein kurzes Gebet. Dann zündet sie zusammen mit dem Kind eine Kerze an und stellt sie vor das Fenster. Es ist eine einfache, bekannte und traditionelle Handlung. Doch vor den Knochen der lokalen Vorfahren wirkt sie der Zeit enthoben.
Schmuck als Glaubenssymbol
Einige Zeit später sitze ich mit einer Freundin in einer Gartenbeiz, wir trinken Tee und reden über Gott und die Welt. Ich weiss, dass mein Gegenüber in einer Freikirche aufgewachsen ist. Vögel zwitschern, ein angenehmer Luftzug kühlt uns. Ich wage es, die Gretchenfrage zu stellen: Wie hast du es denn heute mit Religion? Meine Freundin denkt kurz nach, dann antwortet sie überzeugt, dass sie schon gläubig sei. Ohne dass ich weiterfragen muss, greift sie an ihren Hals und zieht unter ihrer Bluse ein kleines goldenes Kreuz an einer feinen Kette hervor. Dieses Schmuckstück bedeute ihr viel. Sie habe es von einem lieben Menschen geschenkt erhalten. Es erinnere sie auch in dunklen Stunden daran, dass Gott immer für sie da sei.
Interreligiöses Gemüseschnippeln
Wieder etwas später bin ich zu einem interreligiösen Dialog eingeladen. Die Stimmung ist seriös, das Gespräch zwischen den religiösen Expert*innen, es sind mehrheitlich Männer, tiefgehend und respektvoll. Gemeinsamkeiten der religiösen Weltbilder werden erörtert. Das Reden steht dabei im Zentrum. Nach dem Gespräch bietet sich den Teilnehmenden die Möglichkeit, beim interkulturellen Kochen teilzunehmen. Ich gehe in die Küche und muss dazu hinunter ins Parterre. Dort ist die Stimmung locker. Hier sind vor allem Frauen. Mir wird sofort ein Messer in die Hand gedrückt. Ich werde zum Gemüseschneiden eingeteilt und merke bald, dass der interreligiöse Austausch hier genauso intensiv ist wie beim Dialog oben. Nur eben anders. Ohne Worte über Lehrmeinungen, aber anhand einer gemeinsamen alltäglichen Handlung, die verbindet.
Sehen, hören, spüren
Diese drei Anekdoten aus völlig unterschiedlichen Kontexten zeigen, dass «Glaube» etwas Komplexes und Multidimensionales ist. Er kann sich in einer von einer religiösen Organisation anerkannten, traditionellen Handlung wie dem Anzünden einer Kerze für die Verstorbenen oder einem Gebet ausformen. Oder als ein persönlich-materielles Symbol ausdrücken, wie bei meiner Freundin. Wollen wir «Glauben» definieren, stossen wir schnell an unsere Grenzen. «Glauben» umfasst nämlich mehr als zu glauben. «Glauben» hat mit Wissen, Vertrauen und Denken zu tun. Aber ebenso mit dem Körperlichen, dem Materiellen, dem Fühlen. «Glauben» umfasst das Alltägliche und das Besondere. Der US-amerikanische Religionswissenschaftler David Morgan argumentiert in einem Buch mit dem Titel Religion and Material Culture sogar, dass Menschen zwar sagen, sie glauben, aber was sie eigentlich dabei tun, ist sehen, fühlen, hören, riechen oder eben handeln. Da ist etwas dran: Religion geschieht mit den Sinnen und dem Körper. Man sitzt beispielsweise in der Kirche. Man faltet die Hände zum Gebet. Man spürt transzendente Gefühle beim Waldspaziergang. All das sind körperliche Handlungen.
Wieso wir eine betende Person nicht ansprechen
Religion kann also nicht von der körperlichen Dimension und damit auch nicht vom Handeln getrennt werden. Dabei ist die Verbindung zwischen Religion, Handeln und Körper facettenreich. Zum Beispiel kann eine bestimmte Körperhandlung einen religiösen Raum erschaffen, der ohne diese Praktik nicht existieren würde. Nehmen wir eine Person, die in einem Park betet. Sie wird zum Beispiel die Hände zum Gebet falten oder einen materiellen Gegenstand wie einen Gebetsteppich auslegen und darauf knien. Die Person signalisiert mit ihrer Körperhaltung, der Handlung und dem Gegenstand, dass sie sich in einem besonderen transzendenten Raum und einem speziellen Moment befindet. Sie formt damit einen religiösen Raum und macht deutlich, dass sie für Menschen nicht ansprechbar ist. Und auch nur sehr unhöfliche Leute würden diese Person, die offensichtlich im Gebet vertieft ist, stören.
Denken versus Handeln?
Das Handeln ist also ein zentrales Element von Religion, und Religion ist offensichtlich etwas Körperliches und auch Materielles. In Religionen der klassischen Antike wurde das Handeln vielfach über das «daran glauben» gesetzt. Ob man die Gottheiten für «real» hielt, war eine individuelle Sache, ihnen zu opfern, war zentral. Heute sehen wir das oft etwas anders: Leute, die nur handeln, aber nicht «glauben», werden als «scheinheilig» betrachtet. Das «Glauben» beinhaltet dann, dass man etwas, die Existenz einer Gottheit beispielsweise, für «wahr» hält. Die innere Einstellung eines Menschen können wir allerdings von aussen nicht erkennen. Das Gebet bleibt als Handlung ein Gebet, egal, was die Betenden selbst darüber denken. Doch wieso kriegen wir im US-europäischen Raum – und ich will hier auf diesen fokussieren – die Idee, dass Glauben etwas Vergeistigtes, eine innere Einstellung, ein Wissen um «Wahrheit» sei (oder sein müsse), nicht aus dem Kopf? Wieso wird mit Glauben noch immer stärker ein Denken und weniger ein Handeln definiert? Weshalb wird überhaupt zwischen diesen beiden Dimensionen unterschieden?
Zuhinterst gehen die Frauen
Ein Grund dafür liegt in der Reformation. Diese hierarchisierte die verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten von Religion und priorisierte das Wort und das Denken über andere religiöse Formen wie Bilder, Rituale, Kleidung, Musik. Dennoch verschwand das religiöse Handeln auch in reformierten Gebieten nicht. Deutlich wird dies etwa im Kontext der Bestattungsrituale, die hochgradig ritualisiert waren: Der reformierte Zürcher Kupferstecher David Herrliberger zeigt uns beispielsweise Stationen einer reichen Zürcher Bestattung, die in die Zeit zwischen 1750 und 1752 anzusiedeln ist. Dort sehen wir spezifische Kleidung für die Beerdigung und einen klar ritualisierten Ablauf. Der Leichenzug, der durch die Strassen führt, ist wie folgt aufgebaut: Zuerst kommt der Sarg, neben ihm geht der älteste Sohn des (in diesem Fall männlichen) Verstorbenen. Dann folgen die weiteren Söhne, die Geistlichkeit sowie die anderen Bürger. Zuhinterst ist der Platz der Töchter und der Frauen. Die Handlung ist hier deutlich hervorgehoben. Sie ist nach Geschlechtern geordnet.
Emotion als «Privileg» der Frau
Die Reformation ist allerdings nur ein Aspekt für die heutige US-europäische Idee von Religion als etwas Geistigem. Ein zweiter Grund liegt in der Geschlechtergeschichte der letzten 250 Jahre: Im Zuge der Aufklärung wird die Vernunft betont. Allerdings zeigt sich bald, dass damit vor allem die Vernunft des bürgerlichen, städtischen Mannes gemeint ist. Besonders im 19. Jahrhundert wird das Emotionale in die Sphäre der Frau geschoben. Bzw. in die Sphäre aller, die aus dieser bürgerlichen Sicht ausgegrenzt werden sollen, also auch andere Kulturen oder die Arbeiter*innenschaft. Damit wird das Rationale auf- und das Emotionale abgewertet. Ein bürgerlicher Mann solle, so die Idee, rational denkend seine Familie anleiten und der Gemeinschaft dienen. Die Frau habe dagegen liebevoll, mütterlich und fürsorglich zu sein; das Negativbild war die emotional unkontrollierbare «hysterische» Frau. Der Name «Hysterie» stammt nicht per Zufall vom altgriechischen Wort für «Gebärmutter» ab. Gut erkennbar ist dieses Einordnen von Emotion in die Sphäre der Frau an der damaligen überkonfessionellen Trauerpraxis: Eine Witwe hatte z.B. im London des späten 19. Jahrhunderts mindestens zweieinhalb Jahre lang für ihren verstorbenen Gatten zu trauern. Das hiess, sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzuziehen, schwarze, verhüllende Kleidung zu tragen, nicht zu arbeiten und die religiösen Rituale besonders sorgfältig auszuführen. Ein Witwer zur selben Zeit trug für seine verstorbene Frau nur drei Monate Trauer, ging in dieser Zeit arbeiten und konnte sich auch wiederverheiraten.
Anleitung durch den Mann
Auch in zahlreichen philosophischen und gesellschaftlichen Diskussionen des 19. Jahrhunderts findet sich diese Zuordnung von Frau und Emotion wieder, weshalb die Frau sich, so die damalige vorherrschende Argumentation, auch nicht zur Gelehrten eigne. Die bereits antiken Debatten über die Trennung von Geist und Materie wurden dabei naturalisiert. Die Frau wurde aufgrund ihres (vermeintlich) kleineren Gehirns oder anderer körperlicher Eigenschaften der materiellen Ebene zugeordnet. Sie müsse deshalb durch den (auch vermeintlich) rationalen Mann zur Vernunft und zum richtigen Handeln angeleitet werden. Dieser Gedanke konnte nun auch auf Religion übertragen werden: Der geistige, rationale und öffentliche Teil sei der der Männer. Der emotionale, private der der Frauen. Auch in ihrem religiösen Denken und Handeln sollten, gemäss dieser Ansicht, Frauen durch Männer angeleitet werden. Dass die meisten religiösen Spezialisten dieser Zeit Männer waren, verstärkte diese Idee.
«Aberglaube» und «Volksreligion»
Mit einer verstärkten Betonung von Vernunft und Geist in diesen bürgerlich-städtischen Debatten ging auch eine Abwertung des Emotionalen und Materiellen von Religion einher. Und damit auch des Teils der religiösen Praxis, der auf das Erleben von Emotionen – zumindest unkontrollierbaren – ausgelegt war. Die religiösen Handlungen, die nicht in die vergeistigte Idee von Religion passten, wurden diffamierend als «Volksreligion» oder «Aberglaube» betitelt. «Volksreligion» bezeichnete die traditionellen Handlungen, die Menschen in ihrem Alltag praktizierten sowie emotional unkontrollierbare religiöse Feste. «Aberglaube» den Rest, der nicht hineinpasste. Beides beinhaltete auch zahlreiche Praktiken von Religion im privaten Alltag, also den Sphären, die den Frauen zugeordnet waren. Das Lehrgebäude war dagegen oft einer gebildeten männlichen Elite vorbehalten. Diese Trennung hat seit dem 20. Jahrhundert Risse bekommen. Religion wird neu ausgehandelt, das religiöse Handeln wird wieder betont. Dennoch finden sich noch immer Überreste dieser Trennung. Das Beispiel des interreligiösen Dialogs oben macht es deutlich: Religion als Denken wird oft in anderen Räumen und von anderen Menschen praktiziert als Religion als alltägliches Handeln.
Wahl der Perspektive
Religion umfasst also verschiedene Ebenen des menschlichen Lebens. Die Frage ist, welche davon wir in den Blick nehmen. Oder anders gefragt: Was ändert sich in unserem Verständnis von Religion, wenn wir auf die religiöse Praxis schauen, statt auf das offizielle Lehrgebäude und die «Glaubensinhalte» von religiösen Traditionen? Ein solcher Perspektivenwechsel macht Religionen plötzlich sehr komplex. Fragen danach, was eine religiöse Gemeinschaft über ein bestimmtes Thema denke, sind dann nicht mehr so einfach zu beantworten. Denn diese Frage beinhaltet einen gleichwertigen Blick auf das, was Menschen religiös tun. Hierbei zeigt sich eine schillernde Welt der religiösen Praktiken. Die Perspektive auf das religiöse Handeln öffnet den Blick auf verschiedene Menschengruppen und Kontexte, eben auch auf Frauen, Kinder und (andere) marginalisierte Personen und auch auf den Alltag. Sie zeigt neben «offiziellen» Praktiken religiöse Handlungen auf, die ohne grosses Nachdenken gemacht werden. Oder solche, die vielleicht gar nicht mit einer «Glaubenswahrheit» verbunden werden, oder die den offiziellen Lehrmeinungen sogar widersprechen und für die Leute, die sie ausführen, dennoch unendlich wichtig sind.
Das Kreuz mit dem Brot
Ich will diesen Gedanken zum Schluss mit etwas Persönlichem verdeutlichen: Ich bin reformiert, Wissenschaftlerin und vom Charakter her eher Ritualresistent. Allerdings bin ich in einem kleinen Bündner Bergdorf aufgewachsen. Mit all den dortigen Alltagsritualen, die man halt einfach macht. Manchmal backe ich Brot. Nicht, weil ich es gerne tue, sondern weil ich keines eingekauft habe, es aber für den «Zmorgä» am nächsten Tag unentbehrlich ist. Bevor ich das Brot in den Ofen schiebe, schneide ich ein Kreuz in jeden Laib. Ich weiss, dass es keinen Unterschied macht, ob ich das tue oder nicht. Weder für die Qualität des Brotes noch für den Haussegen. Ich glaube also nicht daran, dass es irgendetwas bewirkt. Dennoch würde ich es nie sein lassen.
Autor:innen
Text: Anna-Katharina Höpflinger
Anna-Katharina Höpflinger, PD Dr. sc. rel., arbeitet als akademische Rätin am Lehrstuhl für Religionsgeschichte und Religionswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München u.a. zu Gender, Körper und Tod.
Weitere Artikel in dieser Ausgabe