Ausgabe 2022/4

Der Duft vom vollen Leben

Ora et labora im Sonnenhügel – Haus der Gastfreundschaft
Text: Sandra Schmid Fries / 16.06.2025

In der Morgendämmerung öffne ich das Tor. Innerhalb der Klostermauern ist es noch still. Vereinzelt brennt ein Licht in den Fenstern. In der Küche duftet es nach Kaffee. Veronika hat bereits eine grosse Kanne zubereitet. Sie ist vermutlich schon etliche Stunden wach. Ich giesse einen Tee auf und stelle das restliche Frühstück auf den Tisch. Marco greift nach einem Brot und beisst herzhaft hinein. Ich trinke meine erste Tasse mit Mirjam und Salome, unseren Töchtern. Sie sitzen schon mit Lukas am Tisch und plaudern. Wenig später stehen wir am Tor, verabschieden einander mit einem «Bhüeti Gott» und schon sind die beiden Mädchen in der Schar der Quartierkinder Richtung Schule verschwunden. Ich schaue ihnen nach und öffne dann die Klosterkirche, bereite das Morgengebet vor.

Leben im Sonnenhügel

Ich lebe in einem Kloster. Dies ist der Ort, an dem sich mein Glauben tagtäglich im Gemeinschaftsleben zeigt. Zusammen mit Lukas, Elisabeth, Sandra und bald mit einem weiteren Mann bilden wir die Kerngemeinschaft und tragen die Verantwortung für den Sonnenhügel. Mit uns leben unsere Gäst:innen: Frauen und Männer, die aufgrund einer psychischen Erkrankung ein vorübergehendes Zuhause mit Tagesstruktur suchen. Vereinzelt kommen auch Menschen, die einfach Zeit und Abstand brauchen für Erholung und Neuorientierung. Hin und wieder auch Volontär:innen, die unsere Lebensform kennenlernen wollen. Zudem bereichern viele Freiwillige und Zivildienstleistende den Sonnenhügel mit ihren Lebenserfahrungen und praktischen Fertigkeiten.

Als Kerngemeinschaft geben wir uns ganz in dieses gemeinsame Leben ein. Einen Tag pro Woche gehe ich ausserhalb des Klosters einer Lohnarbeit nach. Hier leben wir für Kost und Logis und gestalten den Alltag so, dass Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen mitleben können.

Morgengebet

Das Anzünden der Kerzen im inneren Chor der Klosterkirche und das Läuten der Glocke stimmen mich auf das Gebet ein. Bald kommen Elisabeth und Sandra, Lukas und zwei Gästinnen. Wir beginnen mit einem Lied, hören den Wochentext und Psalmverse. Dann empfängt mich die Stille. Ich lasse mich hineinsinken, froh um diesen Moment nur mit mir, geteilt mit den anderen. Dann ein Gebet, ein Lied, ein Segen. Ich verneige mich tief vor der letzten Wirklichkeit und bin dann mit wenigen Schritten im Stübli, wo nun die gesamte Gemeinschaft anzutreffen ist.

Beten im Sonnenhügel

Die Gebetszeiten am Morgen und am Abend sind für mich als Mitglied der Kerngemeinschaft verbindlich. Wir gestalten diese möglichst schlicht mit viel Stille. Sie sollen ein Gegenpol sein zum hektischen Alltag. Die Hoffnung auf die österliche Verwandlungskraft prägt unseren Glauben.

Die Teilnahme am Gebet steht ohne Erwartung allen offen. Es würde meiner tiefen Überzeugung zuwiderlaufen, wenn Gäst:innen ins Gebet kommen müssten und wir missionieren würden. Es ist leider ein leichtes, einem Menschen in grosser Not das Blaue vom Himmel zu versprechen und ihm womöglich noch Heil durch Bekehrung oder «richtiges» Beten in Aussicht zu stellen. Dies wäre der Anfang von spirituellem Missbrauch. Im Sonnenhügel respektieren wir die verschiedenen Glaubensauffassungen und die dazugehörigen Ausdrucksformen. Im Gegenzug wissen die Gäst:innen um unser christlich geprägtes Gebet, an dem sie teilnehmen oder nicht. Marco sagte einmal dazu: «Ich komme nicht ins Gebet. Aber es ist gut zu wissen, dass ihr dort seid!» So halten wir gewissermassen stellvertretend die Hoffnung aufrecht.

Morgenplanung

Im Stübli steht die Morgenplanung an. Wir besprechen, was es an diesem Tag zu tun gibt, und die Gäst:innen wählen daraus ihre Aufgabe für den Vormittag. In Haus und Hof und Garten gibt es immer viel zu tun. Veronika tut sich schwer mit der Entscheidung. Sie wartet einfach ab, bis es nur noch wenig zum Auswählen gibt. In ihrer Depression traut sie sich fast nichts mehr zu. So geht sie nun mit dem Zivildienstleistenden in den Garten zum Laub Rechen und hilft anschliessend in der Küche beim Brotbacken. Bei diesen Arbeiten ist sie nicht allein. Das hilft manchmal, dass die Gedanken nicht so sehr kreisen.

Arbeiten im Sonnenhügel

Die täglichen Arbeiten geben Struktur. Wenn das Leben zu verschwimmen droht, kann das überlebenswichtig sein. Aber es geht noch um mehr. Was Gäst:innen zusammen mit der Kerngemeinschaft und den Freiwilligen im Sonnenhügel tun, ist nicht einfach eine Beschäftigung. Es ist das, was für das Zusammenleben getan werden muss. Wenn niemand den Salat erntet und zubereitet, dann gibt es keinen Salat zu essen. Wenn niemand die langen Flure fegt, wird es bald ungemütlich. Ohne die Gäst:innen wäre das Kloster viel zu gross. Alle bringen das ein, was ihnen in der momentanen Lebenssituation möglich ist. «Wenn alles in mir so dunkel ist, kann ich eigentlich gar nichts mehr tun.», sagte Veronika unlängst, «Und doch trage ich jeden Tag etwas bei. Das tut gut.»

Mittagessen

Nach der Arbeit am Vormittag treffen wir uns alle beim Mittagessen. Eine junge Frau ist soeben als Gästin angekommen. Wie jeden Montag sind heute auch die Nachbarskinder hier. Das gibt eine grosse Tischgemeinschaft, zwölf Erwachsene und fünf Kinder freuen sich aufs Essen. Veronika hat sich am Rand hingesetzt. Sie mag nicht an den Tischgesprächen teilnehmen. Auch Marco neben ihr ist heute schweigsamer als sonst. Dies wird von den anderen am Tisch respektiert.

Montagsforum

Jeweils montags nach dem Mittagessen treffen wir uns in der Wohnstube zum Forum: Kerngemeinschaft, Gäst:innen, Zivildienstleistende, alle, die in der kommenden Woche zusammen unter einem Dach leben werden. Wir besprechen das WerWoWasWann. Aber vorher gibt es eine persönliche Runde, bei der alle so viel mitteilen, wie sie mögen. Veronika erzählt mit Tränen in den Augen, dass bei ihr im Moment alles in Frage gestellt ist: Arbeit, Beziehungen, Wohnung und sie selber. Ihre Kräfte reichen nicht, auch noch mit dem Sozialamt zu kämpfen. Mehr kann sie im Moment nicht sagen. Aus den Einzelgesprächen kann ich erahnen, wieviel Schmerz in ihren Tränen liegt.

Menschen begleiten im Sonnenhügel

Im Zusammenleben mit den Menschen prägen mich meine beiden beruflichen Zugänge. Ich habe Theologie und Logotherapie studiert. Beide Richtungen teilen einen wesentlichen Punkt im Menschenbild: Trotz aller Krankheit, in jeder Krise bleibt in jedem Menschen etwas Unzerstörbares. Manchmal liegt dieser göttliche Kern im Gegenüber unter Aggressivität oder Apathie verschüttet und ist kaum mehr wahrnehmbar. Dann hilft mir nur der tiefe Glaube an ihn. Daran halte ich fest.

Ausserdem ist mir wichtig, dass ich die Menschen dort begleite, wo sie gerade sind. Die Deutungshoheit über ihr Leben liegt immer bei ihnen selbst. Ich gebe keine Ratschläge. Ich bin da, höre zu, halte aus und halte die Hoffnung auf Veränderung aufrecht. Hier nährt mich mein Glaube, dass sich im österlichen Geheimnis das Leben immer wieder gegen den Tod durchzusetzen vermag.

Zvieri – Das Leben feiern

Beim Zvieri überraschen wir Josef mit einem Geburtstagskuchen. Seit seiner Pensionierung verbringt er regelmässig einen Tag pro Woche als Freiwilliger mit uns. Während er heute Vormittag im Garten arbeitete, hat Alice heimlich gebacken, Veronika hat den Kuchen verziert. Auch nach dem Zvieri ist Josef immer noch sichtlich gerührt. Im Vorbeigehen sagt er mir: «Das war der dritte Geburtstagskuchen in meinem ganzen Leben. Als Kind wurde mein Geburtstag nie beachtet. Und danach hatte ich kaum je Anlass, mein Leben zu feiern.»

Abendgebet

Nach dem Zvieri bleibt mir ein wenig Zeit für Bürokram, bis mich das Läuten der Glocken aus dem Arbeitsmodus weckt. Eine halbe Stunde Stille wartet auf mich. Zeit, mir nochmals zu vergegenwärtigen, dass über allem und in allem noch eine andere Kraft wirkt. Ich trage meinen Teil zur Gemeinschaft bei, mehr kann und mehr muss ich nicht. In aller Demut werde ich meiner Grenzen bewusst und vertraue darauf, dass die Geistkraft ihren Teil wirkt.

Später kommt Veronika zum Gebet dazu. Die lange Stille hält sie nicht aus. Aber den Tag in der liturgischen Gemeinschaft abschliessen tut ihr gut. Wie jeden Abend liegen Zettel bereit für Fürbitten oder auch für Dank. Wer etwas auf dem Herzen hat, schreibt es auf, faltet den Zettel und legt ihn in die Mitte. So bitten wir die Geistkraft um Hilfe, so sammeln wir die Nöte, bis wir sie dann im Frühling dem Osterfeuer übergeben. Heute steht Veronikas Name auf meinem Zettel. Und Kuchen für Josef.

Leben, Glauben, Beten, Arbeiten, Dasein im Sonnenhügel

Hier im Sonnenhügel lebe ich meinen Glauben. Hier bin ich Mutter und Partnerin, ich bin Seelsorgerin, Gschpändli, meine Hände packen mit an im Garten, in der Küche, im Haus. Hier hat alles von mir Platz. Das macht diese Lebensform für mich so kostbar. Meine Lohnarbeit macht mir grosse Freude – aber sie ist nicht mit dem zu vergleichen, was ich im Kloster bin und lebe. Von dort komme ich nach getaner Arbeit heim. Hier im Kloster bin ich daheim. Hier ist alles von mir dabei. Hier duftet es nach dem vollen Leben.