Ausgabe 2023/1

Irenes Friedens-sortiment. Grosse Auswahl, kleine Preise

von Christine Stark / 01.06.2025

 


Wenn wenig los ist – und leider ist das in letzter Zeit immer wieder der Fall –, denkt Irene gerne an ihre Kindheit im elterlichen Fachgeschäft für Einheitsbrei. Damals, als alles noch einfacher war, war einfach alles irgendwie eins: der Kosmos, das Universum, die Welt. Das Angebot bestand entsprechend aus einheitlicher Ewigkeit, einmütiger Harmonie und einstimmiger Stille. Nicht gerade Verkaufsknüller, aber was soll’s, es gab ja auch nur wenig Kundschaft. Irgendwann blieben die Käufer:innen ganz aus, weil auf der anderen Seite der Milchstrasse ein Laden für Äxte, Messer und andere Waffen eröffnet hatte. Das löste einen regelrechten Kaufrausch aus, selbstredend zur Selbstverteidigung, wie sich die Leute selbstverständlich gegenseitig versicherten. Sei’s drum, die Zeiten änderten sich, der Krieg tat so, als ob er der Vater aller Dinge wäre, und Irenes Eltern zogen sich aus dem Geschäftsleben zurück und überließen den in die Jahre gekommenen Laden ihren drei Töchtern Irene, Dike und Eunomia.

Friede, Freude, Eierkuchen

Deren erste Geschäftsidee war es, aus ihren Namen Gold zu machen. Doch das scheiterte am fehlenden Interesse für Gerechtigkeit (Dike) und Gute Ordnung (Eunomia). Nur der Friede (Irene) lief leidlich gut, weswegen nach einem Relaunch und einer sündhaft teuren Unternehmensberatung das Geschäft in „Friede, Freude, Eierkuchen“ umbenannt wurde. Und ob ihr’s glaubt oder nicht: der Laden brummt. Besonders natürlich das Erdgeschoss mit seinem internationalen Eierkuchensortiment. Essen wollen die Leute immer, auch die bewaffneten, und wer kämpft, braucht sogar noch mehr Eierkuchen. Auch die erste Etage mit Freuden aus aller Welt ist gut besucht, so eine Freude lassen sich die Menschen auch schon mal was kosten, egal ob Krieg herrscht oder nicht. Zuoberst schließlich bietet Irene ihr beeindruckendes Sortiment an Frieden aller Art feil. Doch wirtschaftlich ist diese Abteilung kaum erfolgreich.

Friedvoll paktieren

Anschauen wollen die Leute zwar einiges, erwerben aber nur selten etwas, und das obwohl sie zum Beispiel eine einfache Versöhnung nur ein Lächeln kosten würde. Zwar kann es gerade bei Versöhnungen passieren, dass der Lack nach zwei Monaten zu bröckeln anfängt, aber Jahresgarantien gibt es eben erst ab 3 Lächeln 50. Wer nicht gerne lächelt, sondern lieber mit einem festen Händedruck bezahlen möchte, wird im Pax-Regal fündig. Ein Handschlag zur Besiegelung eines Pakts ist die geeignete Währung für den römischen Klassiker. Zurzeit gibt es „pax“ nur noch in Kombi-Packungen mit Kirchenliedern. Auf Wunsch kann dieses Sonderangebot am Ende einer Messe beim Friedensgruß mit der Banknachbar:in oder nach einem Gottesdienst bei der Pfarrer:in an der Kirchentür bezahlt werden, die einem höflich die Hand zum Gruß hinstreckt. Daneben stehen modernere südliche Modelle wie „paz“ oder „pace“. Letzteres klingt schon mit seinem weichen „tsch“ sehr friedlich. In dieselbe Kategorie fallen auch das nach schwerem Burgunder riechende „paix“ oder das angelsächsische „peace“.

Das Grosse im Kleinen

Trotz steigender Preise hat in jüngster Zeit die Nachfrage nach dem Modell „Mir“ (Мир) deutlich angezogen. Oft wird es aus dem Regal geholt und von allen Seiten betrachtet. Aber gekauft wird es dann doch nicht, fast so, als sei auch schon das Wort an sich in seinem Herkunftsland verboten. Dabei lässt sich „Mir“ nicht auf ein Land beschränken und hat in seinem Bedeutungsspektrum Länderübergreifendes im Blick; bezeichnet es doch nicht nur den Frieden, sondern auch die Welt, ja den Planeten Erde. In eine andere Richtung geht das deutschsprachige Modell „Frieden“, es hat das unmittelbare Zusammenleben im Blick. Das Sich-nahe-Sein, Beieinandersein schwingt in der Wortwurzel mit, Friede also als Gemeinschaftsgrundlage. Daher können Modelle mit der Silbe Fried- immer nur gemeinschaftlich erworben werden, und je mehr Kaufende, desto besser können sie es sich leisten.

Üben, üben, üben

Doch Irene weist ihre Kundschaft immer darauf hin, dass doch eigentlich alles zusammenhängt: das Gemeinschaftliche mit dem großen Ganzen, das große Ganze mit dem Wohlergehen der Einzelnen. Sind einzelne Friedensprodukte zu spezialisiert, sind sie vielleicht günstig, aber nicht nachhaltig. Irene führt daher die Leute auch immer zum Regal mit den semitischen Varianten „Schalom“ und „Salam“. Natürlich, manche kommen dann ins Debattieren und suchen verbissen nach Unterschieden oder benennen kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Menschen, die „Schalom“ sagen, und solchen, die „Salam“ sagen. Doch der Zank legt sich bei genauerer Betrachtung, wenn entdeckt wird, wie tief, hoch und breit das Bedeutungsspektrum ist: Unversehrtheit, Heil, Fülle, Jubel, Leben. Wer sich darauf einlässt, findet innere Ruhe und den Wunsch, anderen an dieser Fülle Anteil zu schenken. Diese beiden Frieden kosten wegen ihrer religiösen Einbindung lediglich die persönliche Einübung. Zugegeben ist es individuell verschieden, wie lange es dauert, sich in einen solchen Frieden fallen zu lassen. Ganz praktisch hilft dabei die Alltagstauglichkeit der beiden Worte, kann man sie doch – einmal erworben – immer wieder üben und sie nutzen, um andere zu grüßen. Jede Begegnung ein Friedensgruß. Irene jedenfalls hofft sehr, dass das Geschäft in ihrer Etage wieder anzieht.