Ausgabe 2023/2

16 oder 1000 Jahre alt. Else Lasker-Schüler und das Alter

von Tania Oldenhage / 17.05.2025

Am 11. Februar 1936 wurde Else Lasker-Schüler 60 Jahre alt. So jedenfalls stand es in der Zeitung. Viele Menschen in der Schweiz und in Deutschland gratulierten ihr. In der Jüdischen Rundschau und im Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz erschienen Artikel, in denen die Dichterin gewürdigt wurde. Doch Else Lasker-Schüler freute sich nicht. Im Gegenteil. Für sie war die öffentliche Verkündigung ihres Alters ein Affront. Noch dazu sei ihr Alter, wie sie behauptete, von einer gehässigen Person falsch in Umlauf gebracht worden. In einem Brief an ihren Freund Emil Raas schrieb sie: Jetzt haben sie angezeigt ich sei 60 Jahre geworden. Gewiss keine Schande so alt zu sein, im Gegenteil! Aber taktlos das Alter einer Dichterin einer Lyrikerin zu berühren und zu erfahren zu suchen, vor allem darüber zu schreiben …. Ich bin erschüttert von der sich wiederholenden taktlosen Gemeinheit. Was will man von mir? (Werke und Briefe, Bd. 9, S. 302)

Geschwindelt

Wer diese Zeilen heute liest, muss sich wundern. Denn am 11. Februar 1936, ihrem vermeintlich 60. Geburtstag, wurde die Dichterin in Wirklichkeit bereits 67 Jahre alt. Else Lasker-Schüler selbst hatte sich Jahrzehnte zuvor schon jünger gemacht, als sie war. Im Februar 1926 hatte die literarische Welt – fälschlicherweise – ihren 50. Geburtstag gefeiert. Schon damals wehrte sich Else Lasker-Schüler gegen die Gratulationen. In der Forschung sind verschiedene Vermutungen geäussert worden, warum Else Lasker-Schüler so leidenschaftlich über ihr Alter log. War die Schwindelei einfach nur eine der vielen Kapriolen einer exzentrischen Dichterin-Diva? Oder gehörte Else Lasker-Schüler zu jenen ehemals attraktiven Frauen, die nicht mit dem Altern zurechtkamen? Was Else Lasker-Schüler berühmt gemacht hatte, waren nicht zuletzt ihre Liebesgedichte. Würde eine über 60-Jährige immer noch Liebeslyrik schreiben, einem Publikum nahebringen und verkaufen können?

Notlügen

Spätestens in den 1930er Jahren hatten Else Lasker-Schülers irreführende Äusserungen zu ihrem Alter auch handfeste politische Gründe. Else Lasker-Schüler war 1933 vor dem Nationalsozialismus von Berlin nach Zürich geflüchtet. In der Schweiz war sie jahrelang im Kampf mit den Behörden um die Verlängerung ihrer Aufenthaltsberechtigung. Im Reisepass, den ihr das Deutsche Generalkonsulat in Zürich 1934 ausstellte, stand beim Geburtstag: «11.2.1890». Damals war sie Mitte 60 und gab vor, 43 Jahre alt zu sein. Womöglich tat sie dies, um nicht als ältere, mittellose und auf Unterstützung angewiesene Ausländerin abgestempelt und abgewiesen zu werden.

1000 Jahre alt

Vielleicht gibt es aber auch noch eine andere Sicht auf Else Lasker-Schülers Umgang mit dem eigenen Alter. Als jüdische Dichterin des 20. Jahrhunderts war Else Lasker-Schüler ein Leben lang dabei, sich gegen Fremdzuschreibungen zu behaupten. Im Gegenzug zu den teilweise grob antisemitisch gefärbten öffentlichen Äusserungen über die «Jüdin Else Lasker-Schüler» erschuf sie sich ihre eigene Identität und spielte dabei nicht nur mit ihrem Alter, sondern auch mit ihrer Herkunft, mit Geschlechterrollen und kulturellen Bildern. Sie war Else Lasker-Schüler und gleichzeitig Prinz Jussuf von Theben. Sie war in Elberfeld geboren, aber kam aus dem Morgenland. Ihre Heimat war Deutschland, aber Ägypten war es ebenfalls. Sie war 1000 Jahre alt und 16-jährig zugleich. Als man 1936 ihren 60. Geburtstag feiern wollte, schrieb sie an Paul Leppin: «Ich wurde – 16 und 1000 und 1. (60 überhaupt nicht!)»

Jahreszahlen

Wie seltsam eigentlich, dass unser Alter – fast wie unser Geschlecht – zu einem dermassen entscheidenden Marker unserer Identität werden konnte. Auch in der FAMA denken wir über das Alter nach und über das Älterwerden unserer Zeitschrift. Alle paar Jahre suchen wir nach neuen Wegen, «möglichst auch junge Leser:innen» anzusprechen. Als ich vor 18 Jahren in der FAMA-Redaktion anfing, war es noch Sitte, bei jeder Autorinnenbeschreibung das Alter anzugeben. Diese Konvention hat sich im Laufe der Zeit stillschweigend aufgelöst, und ich bin froh darüber. Beim Lesen der Artikel fühle ich mich freier. Ich versuche zu spüren, welche Stimme mir entgegenkommt. Ob diese Stimme jung ist oder mittelalt, ob frisch oder beladen, ob welterfahren oder unbedarft, lässt sich nicht auf eine Jahreszahl reduzieren. Jedenfalls versuche ich mir beim Lesen, diese Offenheit zu bewahren: Vielleicht ist die, die da schreibt, 16 oder 43 oder 1000 Jahre alt.

Ewig

Else Lasker-Schüler hatte auf lange Sicht nie eine Chance, ihr «Alter» vom Jahrgang zu trennen, zu dem sie gehörte. Die harten Fakten trugen den Sieg davon. Das korrekte Datum ihrer Geburt lässt sich innert Sekunden recherchieren: Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elberfeld geboren. Am 22. Januar 1945 starb sie mit 75 Jahren in Jerusalem. Doch für mich bleibt sie ewig 1000 Jahre alt und 16-jährig zugleich.