Nicht erst heute, sondern seit je her versuchen wir Menschen, möglichst viele Daten zu sammeln und auszuwerten. Je mehr wir wissen, umso mehr können wir kontrollieren: Verhältnisse stabilisieren oder Entwicklungen umlenken, verhindern und mitgestalten – im Kleinen wie im Grossen. Doch nicht alle von uns haben denselben Zugang zu Daten. Ein Rest an Ungewissheit bleibt immer, ein Interpretationsspielraum für Expert*innen. Zwei akkadische Texte aus dem 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung geben Einblick, wie eine Frau mit diesen Fragen ringt. Die Texte wurden in Keilschrift auf kleine Tontafeln geschrieben und nach ihrer rituellen Verwendung in Niniveh mit anderen staatlich relevanten Schreiben archiviert. Dort – im heutigen Kuyunjik im Irak – wurden sie vor gut 100 Jahren ausgegraben. Sie sind fast vollständig erhalten.(1) Für die FAMA habe ich die Texte neu übersetzt. Die konkreten Anfragen habe ich kursiv gesetzt. Angesprochen ist Manlacharbanuni, wahrscheinlich eine männliche Gottheit, über die wir nichts weiter wissen.
Zwei Orakelanfragen einer Unbekannten
Oh Manlacharban[…]!
Ich frage dich: Ist dieses Gerede von einem Aufstand,
von dem man Assurbanipal, dem König des Landes Assur,
dem Sohn von Asarhaddon, dem König des Landes Assur,
berichtet hat («Einen Aufstand gegen Dich planen sie!»),
korrekt berichtet?
Wird es Wirklichkeit?
Wird man auch mich angehen?
Werde ich sterben, während man mich fasst?
Ignoriere, dass eine Frau dies geschrieben und vor dich gelegt hat!
[Oh M]anlacharbanuni!
[Ich fr]age dich – ausgehend von [die]sem Gerede von einem Aufstand,
von dem man Assurbanipal, dem König des Landes Assur,
dem Sohn von Asarhaddon, dem König des Landes Assur,
berichtet hat («Einen Aufstand gegen Dich planen sie!») – :
Wird Assurbanipal überleben?
Wird er erretten aus diesem Aufstand?
Wird er darüberstehen, über dem, was sie planen?
Werden sie fallen? […]
Ignoriere, dass eine Frau dies geschrieben und vor dich gelegt hat!
Daten aus göttlicher Sphäre
Im 7. Jahrhundert v.u.Z. beherrschten die neuassyrischen Könige Asarhaddon (Regierungszeit ca. 681–669) und Assurbanipal (Regierungszeit ca. 669–627) den Nahen Osten bis zum Mittelmeer und bis nach Ägypten. Sie haben nicht nur in der Bibel ihre Spuren hinterlassen (z. B. in den Büchern Esra und Nahum), sondern auch in der Erde: Erhalten sind heute viele Tontäfelchen mit Orakelanfragen. Genaugenommen handelt es sich – so auch bei den Texten oben – um Opferschauanfragen: Im Auftrag der Könige wurden Gottheiten konkrete Fragen zur aktuellen politischen Lage unterbreitet. Diese wurden in ihrer Gesamtheit mit Ja oder Nein beantwortet. Der Experte, der Opferschauer, musste die Fragen entsprechend spitzfindig ausformulieren und im Rahmen einer rituellen Opferung der Gottheit vorlegen. Die Antwort aus der göttlichen Sphäre konnte der Experte situationsnah in der Opfermaterie erschauen. Opfermaterie war am Hofe meist ein teures Schaf. In verschiedenen Schichten auch verbreitet und günstiger waren Öl, Räucherwerk oder Mehl. Gute Kunde gab Handlungssicherheit. Schlechter Bescheid wurde nicht einfach hingenommen, sondern es wurden daraufhin Massnahmen ergriffen, um Böses rechtzeitig abzuwenden durch Löserituale, Planänderungen etc.
Datenerhebung: Netzwerke und Kommunikation
In neuassyrischer Zeit wurde die ganze Welt beobachtet – die ganze Welt stand in Beziehung mit der göttlichen Sphäre, spiegelte göttliche Botschaften und Einstellungen wider. Einige Daten musste man nur sammeln (Erdbeben, Missgeburten von Tieren, Vogelflugverläufe, Sternenkonstellationen etc.). Andere konnte man nach allen Mitteln der Kunst generieren (mit provozierten Prophezeiungen, Träumen und Orakeln, auch auswertige Praktiken waren gefragt). Der Staatsapparat der neuassyrischen Könige baute dafür seine Gelehrtennetzwerke bis in die eroberten Gebiete aus und nutzte sein effizientes Postsystem, um Daten zeitnah in die Hauptstadt zu kriegen. Politische Stabilität war gewährleistet, solange man mit den Gottheiten im Einklang war und sich für einzelne Aktionen ihrer Zustimmung versicherte. Doch waren die gesammelten Daten verlässlich? Datenqualität und korrekte Verfahren Die Qualität von Daten kann sehr unterschiedlich sein. Fake News sind keine Neuzeiterscheinung. Die anonyme Opferschauerin prüft die Gültigkeit ihrer Daten an oberster Stelle: Ist das Gerede wahr, dass ein Aufstand in Planung ist? So erhobene neue Daten müssen ebenfalls auf Relevanz geprüft werden. Selbst wenn das Gerede wahr ist: Wird der Aufstand Wirklichkeit? Und wenn ja: Bin ich selbst betroffen? Heute sind wir an statistische Aussagen gewohnt, die generelle Wahrscheinlichkeiten angeben. Wir müssen dann selbstständig entscheiden (oder Rat von Expert*innen einholen), was es für uns konkret bedeutet. Diese Art der Kollektivaussage kennt das neuassyrische System nicht, es stellt Einzelanfragen: Anfrage 1 ist für die Fragende selbst, Anfrage 2 für den König. Schliesslich müssen von der Tradition erprobte Verfahren eingehalten werden. Damit die Gottheit überhaupt in den Kommunikationsvorgang eintritt, darf man sie nicht verärgern. Typisch für Opferschauanfragen: Alles, was sie stören könnte, wird in «Ignoriere!»-Formeln am Ende der Anfrage erwähnt. Unsere Opferschauerin will sicher sein, dass ihr Frausein die Rahmenbedingungen nicht gefährdet.
Wann ist ein*e Expert*in ein*e Expert*in?
Die Opferschau ist in Assyrien und Babylonien eine Männerdomäne. Während andere «Wahrsage»-Techniken (z. B. Traumdeutung oder Prophezeien) oft von Frauen ausgeübt werden, gibt es neben unseren beiden Anfragen aus fast 2000 Jahren schriftlicher Überlieferung nur zwei weitere Hinweise auf Frauen als Opferschauerinnen. Daher wird viel spekuliert, wer unsere Frau gewesen sein könnte. Vielleicht eine Frau Assurbanipals? Der König der damals bekannten Welt hat einen ganzen Gelehrtenstab um sich. Wieso tritt eine Frau für ihn vor einen Gott, obwohl sie das (selbst?) für ungünstig hält? Die einfachste Erklärung: In prekären Situationen hat der König nicht einmal mehr den eigenen Hofexperten über den Weg getraut – sie könnten gemeinsame Sache mit Verschwörer*innen machen und einen Putsch mitanzetteln. Komplotts sind gefürchtet.
Macht und Intersektionalität
Der König tut gut daran, die Expert*innen im Auge zu haben. Die Opferschau betreffend gibt es eingesessene Familientraditionen («von Vater zu geliebtem Sohn») in Assyrien und im verfeindeten Babylonien. Mit der Versklavung von Babyloniern entstehen Sicherheitslücken. Dies zeigt ein Brief an König Asarhaddon, der den Goldschmied der Königinmutter denunziert: Er habe einen babylonischen Sklaven gekauft, der nun seinem Sohn die Opferschaukunst und andere Künste beibringe. Im Kontext Asarhaddon-feindlicher Prophetien in Harran im damaligen Westassyrien treiben Tempelfunktionäre und Provinzverwalter zusammen einen babylonischen Verwaltungssklaven mit Kenntnissen der Opferschau auf, der für sie eine Ölschau vollziehen muss. Danach schreibt dieser dem König und beteuert, dass er um sein Leben getrickst hat: Zuerst hat er Gott Schamasch rituell korrekt eine unspezifische Anfrage gestellt: «Wird das Königtum getragen?», gleichlautend mit «Wird er das Königtum tragen?» Danach hat er aber gegenüber den Menschen nur noch eine spezifische Interpretation verbreitet, wie die sie hören wollten: «Der Obereunuch wird das Königtum tragen.»(2)
Vertrauen, Lügen und Interpretationsspielräume
Eine Opferschau auszuwerten ist komplex. Wer eine jahrelange Schreibausbildung absolviert hat, sieht sich langen Kompendien und komplizierter Auslegeliteratur gegenüber. Die «klare Antwort» muss aus verschiedenen Punkten errechnet werden – es ist eine Wissenschaft. Interpretationsspielraum besteht. Damals war die feste Instanz die göttliche Sphäre, Spielraum blieb bei der Interpretation und so bei den Expert*innen. Heute gilt wie damals: 1.) Daten bedürfen der Deutung. 2.) Expert*innen zu vertrauen ist nicht immer einfach. Auch sie sind nicht frei von Eitelkeit und abhängig sind sowieso alle von irgendwas. 3.) Bei verhärteten Fronten: Es lügen die anderen (vgl. Jeremia 29,8–9).