Gottesdienstvorbereitung im Januar. Ich öffne das Evangelium, das die Leseordnung meiner Kirche für den übernächsten Sonntag vorsieht – und schlucke: Ein Abschnitt aus der Bergpredigt Jesu. Es geht um Ehebruch, Augen, die zum Bösen verführen und um Leiber, die in der Hölle landen könnten. Da ist sie wieder einmal: Die Versuchung, für den Gottesdienst in den Text einzugreifen. Sei es, Verse wegzulassen, sprachlich anzupassen oder eine sehr freie Übersetzung zu wählen. Wäre das in Ordnung? Zumindest tolerierbar? Oder bereits eine Lüge gegenüber den Mitfeiernden im Gottesdienst?
Ballast abwerfen
Ein solches Vorgehen könnte mich immerhin ein Stück weit davon entlasten, in der Predigt zunächst den historischen Ballast des biblischen Textes (hier z. B. zum Geschlechter- und Eheverständnis der damaligen Zeit) oder noch heute spürbare Folgen fragwürdiger Auslegungstraditionen abarbeiten zu müssen. Das ist bei sperrigen Texten erfahrungsgemäss nötig, um mir selbst und der Gemeinde den Weg zu ebnen, damit wir uns auf den Inhalt einlassen können. Durch kleinere Anpassungen könnte ich diesen Schritt mindestens teilweise überspringen und schneller zum wesentlichen Kern vordringen. Es bliebe mehr Zeit, in die Tiefe zu gehen und dem nachzugehen, wozu der Text heute im 21. Jahrhundert inspirieren könnte. Die Versuchung an besagtem Januartag steht symptomatisch für zahlreiche ähnliche, manchmal quälende Situationen in siebzehn Jahren Predigt- und Gottesdienstvorbereitung. So hat die Anfrage zu diesem Beitrag in eines meiner beruflichen Wespennester gestochen – und fordert mich zugleich sehr persönlich heraus.
Wo beginnt eine Lüge?
Wer definiert in Exegese und Predigt, was Wahrheit und was Lüge ist? Sind solche Definitionen überhaupt möglich, wenn wir Texte auslegen, die einer uns fremden Zeit und Kultur entstammen? Nun sollen meine Predigten keine exegetischen oder dogmatischen Vorlesungen sein. Ich versuche seelsorglich mit Alltagsbezug zu predigen und möchte Brücken schlagen zwischen Jesu Botschaft, den Erfahrungen unserer Glaubensvorfahr:innen und Fragestellungen unserer Zeit. Dabei ist es mir ein Anliegen, mystische (weil erfahrungsbezogene) und andere religiöse Traditionen sowie Erkenntnisse der modernen Wissenschaften mit einzubeziehen. Manchmal fühle ich mich innerlich gezwungen, auch die römische Lehre darzulegen, damit meine Zuhörer:innen wissen, wie wenig das Lehramt aktuelle Forschung rezipiert. Ein schwieriger Punkt, weil es mir höchst peinlich ist, längst Überholtes weiterzugeben. Ich muss aufpassen, durch Verschweigen nicht mich selbst und andere über meine Kirche zu belügen.
Subjektive Ergüsse
Die Erfahrung hat mich ausserdem gelehrt, dass meine Gedanken dann interessant und im besten Fall inspirierend für meine Zuhörer:innen sind, wenn ich meine eigenen Lebens- und Glaubenserfahrungen nicht ausklammere. Damit ist das Predigen ein höchst persönliches Unterfangen und die Texte, die entstehen, sind in der Regel ziemlich subjektive Ergüsse. Lügen möchte ich definitiv nicht. Meine Predigten als Wahrheit verstanden wissen allerdings genauso wenig. Die Kategorien von Wahrheit oder Lüge anzulegen, geht für mich an der eigentlichen Herausforderung vorbei, die ich in einem gelungenen Zusammenspiel von intellektueller Redlichkeit, innerer Stimmigkeit und der Berührung meiner Zuhörer:innen sehe.
Historisch-kritische Texteinordnung
Was die biblischen Texte angeht, entscheide ich in der Regel also, nicht zu vereinfachen. Und die Predigt nutze ich, wo es mir nötig oder sinnvoll scheint, auch für eine zeitliche und kulturelle Einordnung der Inhalte. Eine solche historisch- kritische Texteinordnung scheint mir betreffend Wahrheitsgehalt und -anspruch noch der einfachere Teil der Predigt. Ich kann mich über den aktuellen Stand der exegetischen Forschung informieren – im Wissen, dass es keine absolute Wahrheit in Textverständnis und -auslegung gibt. Dies gilt es gegenüber der Gemeinde transparent zu machen. Der historisch-kritische Zugang hat jedoch den Nachteil, dass eine Distanz zwischen Text und heutigen Leser:innen entstehen kann. Die heutige Relevanz eines Textes zeigt sich kaum, solange ich den Text nur im Rahmen seines Entstehungskontextes verstehe.
Die Rede vom Göttlichen
An dieser Stelle kommt der persönliche Zugang ins Spiel. Und mit der Frage nach Wahrheit und Lüge wird es komplizierter! Besonders herausfordernd erlebe ich das, wenn es um Gottesvorstellungen und die Rede vom Göttlichen geht, nicht nur in der Predigt – wo ich immerhin die Möglichkeit zu erläuternden Erklärungen habe, sondern noch stärker in der Formulierung von Gebeten. Auch in diesen existentiellen Glaubensthemen ehrlich zu sein, ist mir zum einen ein persönliches Grundanliegen. Es ist zum anderen aber auch entscheidend für meine Glaubwürdigkeit. Ehrlich zu sein, heisst, bei meinem Glauben zu bleiben, der «nur» ein für wahr Halten, aber niemals das Wissen einer Wahrheit sein kann. Oft ist es nur ein Suchen und Fragen, hier und da sind aus wiederkehrenden Erfahrungen vielleicht persönliche Gewissheiten gewachsen, die mich durchs Leben begleiten und sich doch immer wieder verändern. Als absolute Wahrheiten für alle und mit einer dementsprechenden Autorität kann ich sie nicht verkündigen.
Um Worte ringen
Wer sind wir zu wissen, was G*tt oder Jesus von uns oder anderen will? Will G*tt überhaupt etwas? Im grossen Pool der Predigthilfen stolpere ich immer wieder über solche Formulierungen, die ich nicht über die Lippen bringen kann. Dazu kommt: In den offiziellen Formularen zur katholischen Liturgie werden bis heute veraltete und einseitige, oft männliche, Gottesbilder beansprucht. Ich kann viele nicht aussprechen, weil ich sonst gegen mein Gewissen reden würde und wirklich das Gefühl hätte, zu lügen. In Folge ringe ich beim Verfassen eigener Texte in immer wiederkehrenden Schlaufen um Wörter und Formulierungen. Den verschiedenen Mitfeiernden mit ihren unterschiedlichen religiösen Biografien, den Texten, auf die wir uns beziehen, und meinen eigenen Erfahrungen gleichermassen gerecht zu werden, fordert mich oft heraus. Auch deswegen sind mir je länger je mehr die gegenstandslose Meditation und das wortlose Gebet viel näher. Nur braucht es beim gemeinschaftlichen Feiern ja auch gesprochene Worte.
Zwischen Sicherheit und Irritation
Also versuche ich, eine offene, weite und variierende Gottes(an)rede zu verwenden und G*tt bewertende («guter») oder G*tt vermenschlichende («gütiger») Adjektive zu vermeiden. Es ist ein Balanceakt zwischen dem Zulassen von Abweichungen in der Liturgie, der Möglichkeit, diese Irritationen zu thematisieren, und dem Wunsch, fliessend und gleichzeitig für möglichst viele Anwesende stimmig zu feiern. Eine zusätzliche Herausforderung ist, dass ein Teil der Mitfeiernden es ja sehr schätzt, in wiederkehrenden Formeln Sicherheit und Beheimatung zu finden. Da ist z. B. die Rede vom «allmächtigen» und vom «herrschenden» G*tt. So erfahre ich G*tt nicht. Auch habe ich in der Seelsorge oder geistlichen Begleitung bisher keine Menschen getroffen, die so von G*tt sprechen. Natürlich kann ich eine allmächtige göttliche Wirklichkeit nicht abschliessend ausschliessen, aber diese Zuschreibung immer wieder zu bemühen, versperrt spirituell suchenden oder religiös berührbaren Menschen (wie ich sie z. B. oft bei Trauerfeiern erlebe) nach meiner Erfahrung eher Zugänge zu einer göttlichen Dimension, als dass sie solche eröffnet.
Fluch und Segen
Meine subjektive Herangehensweise an Predigten empfinde ich als Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil ich «nur» von mir spreche, ohne den Anspruch haben zu können, gültige Wahrheiten zu verkündigen. Zudem mache ich mich in einem sehr persönlichen Lebensbereich angreifbar. Eine objektive Überprüfung ist unmöglich. Das schliesst die Gefahr der Beliebigkeit ein und damit das Risiko, dass das, was ich als überzeugend oder stimmig erfahren habe, sich für die Zuhörer:innen anders darstellt. Im schlimmsten Fall löse ich Verunsicherung aus. Was ist dann der Gewinn, den die Zuhörenden durch die Predigt haben? Segen, weil ich frei bin, aus meinen theologischen Studien und meinen Erfahrungen heraus zu sprechen. Ich fühle mich nicht unter Druck, etwas zu verkündigen, was ich selbst nicht glaube und als Vortäuschung einer falschen Sicherheit und damit letztlich als Lüge empfinden würde. So kann ich authentisch sein und damit hoffentlich Menschen nicht nur intellektuell erreichen, sondern auch Herz und Seele berühren.
Erzwungene Widersprüche
Würde ich mich in der gottesdienstlichen Gebetssprache jedoch an die offiziellen Vorgaben halten, stände diese nicht selten im Widerspruch zu meinen Suchbewegungen und meiner viel zurückhaltenderen Gottesrede. Es ärgert mich, dass die katholische Amtskirche ihren Liturgen und, wo es sie geben darf, Liturginnen solche Widersprüche potentiell aufzwingt, indem sie die Verwendung floskelhafter Formulare und immer gleicher Gottesbilder erwartet. Sie nimmt in Kauf, dass wir Seelsorgende betend verkünden, was sich in unserem Glauben und unserer Gottesbeziehung nicht bewahrheitet hat, und damit letztlich unglaubwürdig sind.