«Macht diesen Job ohne mich, ich künde und trete aus der Kirche aus», waren meine ersten Gedanken zu ‹ohne mich›. Im nächsten Moment fiel mir ein: «Die katholische Kirche kutschiert seit Jahrhunderten ‹ohne mich›. Sie will mich gar nicht als Theologin und Liturgin. Als Mädchen durfte ich nicht mal ministrieren.» Je mehr ich nachdachte, umso mehr Situationen kamen mir in den Sinn, wo ich ausgeschlossen wurde. «Ausschlusserfahrungen sind gar nicht gemeint», sagt mein Mann, «‹ohne mich› ist als Redewendung ein Protest gegen etwas.»
Um unsere Meinungsverschiedenheit zu klären, fragte ich in meinem Bekanntenkreis nach Assoziationen zu «ohne mich». Dabei entstanden Gespräche mit ganz unterschiedlichen Menschen aus meinem privaten und beruflichen Umfeld. Ich liess die Aussagen der einen in die Gespräche der anderen einfliessen, sodass ein Gedankenaustausch von Menschen entstand, die sonst nicht miteinander ins Gespräch kommen, eine Philosophie mit unerwartet neuen Überlegungen und Erkenntnissen von und über das Netzwerk der Beziehungen. Einzelne Personen sind bewusst nicht erkennbar, auch wenn Lebenskontexte aus dem Gesagten herausgehört werden können.
«Ohne mich» als performative Sprechhandlung
«Ohne mich» sage ich bei etwas Unsinnigem, konkret bei der CS und UBS [Schweizer Grossbanken]. Als ich mich selbständig machte, nahm ich mein Geld aus der Pensionskasse raus.
Leute, die sich nicht engagieren wollen, sagen zu den Klimaprotesten und den Massnahmen gegen den Klimawandel «ohne mich».
Ich denke nicht an konkrete Beispiele, sondern allgemein ethisch. Wenn Sachen gegen meine Moral verstossen, sage ich «ohne mich».
«Ohne mich» ist für meine Partnerin und mich mit einem Verzicht auf etwas verbunden, das mir oder anderen schadet: Harte Drogen, Extremsport, Mobbing, allgemein physische und psychische Gewalt. Auch der Verzicht auf etwas, das der Umwelt nicht guttut: Wochenende in New York. Wir benutzen ÖV statt Auto.
Verzicht auf Klimaschädigendes. Verzicht auch auf die Komfortzone der eigenen Bubble. Wir müssen hinausgehen und mit Menschen anderer politischer Ausrichtung ins Gespräch kommen.
«Ohne mich» sage ich zu Prostituierten. Wenn Kollegen mich dazu bringen wollen, gehe ich nicht hin. Das tut mir nicht gut.
Hier werden die Worte «ohne mich» als performative Sprechhandlung verstanden. Laut ausgesprochen sind sie an sich schon eine Handlung, auf welche weitere Handlungen folgen. Die Sprechenden erleben sich als aktive Personen mit Prinzipien und Wirkmacht, besonders wenn sie sich mit anderen Menschen der gleichen Widerstandshaltung versammeln.
«Ohne mich» als Ausschlusserfahrung
Bei einigen schleichen sich unbemerkt «ohne mich»-Erfahrungen oder -Ängste ein:
Ich sage in bestimmten Situationen «ohne mich», zum Beispiel, wenn im Beruf jemand gemobbt wird, oder etwas banaler, wenn die anderen auf einen Berg hinaufwandern wollen. Meine Beine machen da nicht mehr mit.
Ich sagte «ohne mich» beim Militär. Ich verweigerte meinen letzten WK [jährlicher Wiederholungskurs] und musste einen Monat ins Gefängnis. An den Wochentagen durfte ich raus zum Arbeiten, abends und am Wochenende war ich in der Zelle. Obwohl ich gewohnt bin, für mich zu sein, war dies doch ganz anders, wenn man nicht anders kann. Ich bekam Konzentrationsschwierigkeiten.
Dass ich keine Gewalt will. Krieg dürfte nicht geschehen! Krieg ist katastrophal, weil er brutal ist. Flüchtlinge abweisen ist verantwortungslos.
Ich möchte im Bibliodrama Jesus darstellen, habe aber bei der Abstimmung über die Militärflugzeuge ja gestimmt. Wir brauchen sie zur Selbstverteidigung, dachte ich. Mein Kollege meint, dass die Flugzeuge auch angreifen und Gewalt ausüben, und Jesus hat doch gesagt: «Selig die Gewaltlosen». Macht ihr nun das Theater ohne mich?
Andere äussern gleich explizit Ausschlusserfahrungen:
Meine Familie. Mein Bruder will nichts von mir wissen.
Wenn etwas Spannendes läuft ohne mich.
Meine älteren Geschwister durften oft etwas machen ohne mich. Ich war zu klein. In den Ferien hat meine Familie mich mal vergessen. So fühle ich mich auch heute noch: vergessen und inkompetent. Ich bin sofort gekränkt, wenn Kolleg:innen etwas ohne mich machen. Deshalb reagiere ich, wenn andere ausgeschlossen werden.
Sobald jemand in einem Gespräch «ohne mich» als schmerzliche Erfahrung erwähnt hat, kommen den anderen ähnliche Erinnerungen hoch, Kindheitserlebnisse, die immer noch Auswirkungen haben:
Ich erlebte «ohne mich» nicht in der Familie, dafür in der Schule. Wir sind von der Stadt aufs Land gezogen. In der Dorfgemeinschaft fand ich keinen Zugang. Mit diesen Mädchen hatte ich nichts gemeinsam. Es nützte auch nichts, dass ich meinen Dialekt anpasste. Und heute: Wer steht wirklich zu mir? Mit mir unternehmen sie nur etwas, wenn sie nichts Besseres vorhaben.
Meine Familie war immer «ohne mich». Ich wurde geschlagen, meine Geschwister nicht. In der Schule wurde ich gemobbt. Anscheinend verhielt ich mich falsch, hatte die falschen Kleider an. Irgendwann sagte ich, so wie ihr will ich mich nicht kleiden, ich bin etwas Besonderes.
«Schoggibraune» sagte mir ein Junge im Kindergarten. In der Oberstufe, als er von der höheren Klasse in meine runtergerutscht war, mobbte er mich zusammen mit zwei anderen. Seine Eltern sind bei der SVP [Schweizerische Volkspartei].
Von «ohne mich» zu «ohne dich»
Aus den Gesprächen wurden mir zwei Dinge klar. Erstens: «Ohne mich» sind kleine Worte mit grosser Wirkung bei allen Gesprächspartner:innen, da sie mit den Grundbedingungen des menschlichen Lebens zu tun haben. Der Mensch lebt in Abhängigkeit und braucht Beziehungen. Die Worte «ohne mich» stellen diese Grundlage in Frage, können sie zutiefst erschüttern. Zweitens: Ob meine Gesprächspartner:innen zuerst an ein passives «ohne mich»-Erlebnis oder ein aktives «ohne mich»-Handeln dachten, hängt mit den persönlichen Lebensgeschichten und der gesellschaftlichen Stellung zusammen, ist eine Frage von Macht und Ohnmacht. Je bestärkender die Kindheit war, Bildung erlangt wurde, Berufskarriere oder Familiengründung gelang, umso eher wird «ohne mich» als ethische Haltung verstanden. Je früher im Leben, je häufiger oder allumfassender «ohne mich»-Erfahrungen gemacht wurden, umso eher stehen diese im Vordergrund. Auffallend war, dass fast alle Männer «ohne mich» als Sprechhandlung nannten. Wogegen sich der Protest richtete, und ob er real oder als Wunschvorstellung geäussert wurde, variierte je nach Lebensumständen. Frauen dagegen antworteten von vornherein sehr unterschiedlich mit «ohne mich»-Sprechhandlungen, -Erfahrungen, -Überlegungen und -Gefühlen.
Wer «ohne mich» erfährt, empfindet sich als schwach und ohnmächtig. Wer «ohne mich» sagt, erlebt sich als stark und mächtig. «Ohne mich»-Erfahrung versetzt in einen unerträglichen Zustand, der abgewendet werden muss. Dabei zeigen sich typische Reaktionsmuster im Machtgefüge der Gesellschaft:
– Um «ohne mich» nicht erleben zu müssen, wird alles unternommen, um dabei zu sein. Die Gruppe ist dann zwar mit mir, aber eigentlich ohne mich, weil ich gar nicht mehr wirklich ich bin.
– Die «ohne mich»-Erfahrung kann so internalisiert werden, dass frau sie immer wieder erlebt, ja geradezu selbst inszeniert, weiterhin darunter leidet und in Machtlosigkeit an die Hilfe anderer appelliert.
– Um nicht leiden zu müssen und die eigene Würde zu behalten, wird eine Umkehrstrategie verwendet: Wenn ihr ohne mich sein wollt, will ich ohne euch sein, sage «ohne mich» zu euch.
– Der Schmerz wird an eine andere Person in einem anderen Umfeld weitergegeben: Ich sage «ohne dich» zu jemandem, geselle mich zu bestehenden «ohne dich»-Gruppierungen und geniesse die Macht, die ich so erhalte.
«Ohne dich» als Aggressionshandlung
Pointiert formuliert: Jede «ohne mich»-Erfahrung hat eine «ohne mich»- oder eine «ohne dich»-Reaktion zur Folge, Aggression gegen sich selbst oder gegen andere. Da den meisten nicht bewusst ist, dass ihre Haltung auf einer vorgängigen Ausschlusserfahrung beruht, werden «ohne mich»-Erfahrungen unreflektiert weitergelebt und weitergegeben. Sie können sich zu einer ausschliessenden und verachtenden Haltung gegenüber ganzen Menschengruppe auswachsen. So werden Rassismus, Sexismus, Ableismus und andere -ismen weitertradiert.
Aus eigener Erfahrung kann ich vor allem über die internalisierte Verachtung gegenüber Frauen sprechen. Die offensichtlichen Ungerechtigkeiten prägten mich, aber noch mehr die kleinen subtilen: Wenn der Junge in der Schule nicht neben mir sitzen wollte, weil ich ein Mädchen bin, oder wenn die berufliche Tätigkeit meiner Mutter nicht ernst genommen wurde. Gut sein hiess Bub sein für mich, und zum Frau sein versuchte ich erfolglos «ohne mich» zu sagen. Der Junge vom Kindergarten ist sich seiner «ohne dich»-Täterschaft kaum bewusst, genauso wenig wie ich früher meiner «ohne dich»-Täterinnenschaft bezüglich Ableismus oder Rassismus.
Von «ohne mich» zu «geh für dich»
In vielen Gesprächen wurde der Aspekt von Ringen um Identität und Gemeinschaft in «ohne mich» gesehen, die Frage nach der eigenen Rolle im Beziehungsgefüge:
In letzter Zeit möchte ich abends und am Wochenende allein sein. Ein guter Bekannter ist gestorben. Das muss ich verarbeiten. Eine Weile muss mein Freund jetzt ohne mich auskommen.
«Ohne mich» fühle ich mich, seit meine Tochter auf der Welt ist. Sie braucht meine ganze Energie und Aufmerksamkeit. Ich habe keine Zeit mehr für mich und habe das Gefühl für mich verloren.
Ohne mich wäre mein kleiner Sohn ohne Mutter. Das fände ich schlimm. Niemand kann die Mutter ersetzen. Ja, mein Mann würde voll für den Sohn da sein und in seiner Vaterrolle aufgehen. Das tut er auch jetzt schon. Er liebt Kinder und hätte am liebsten noch mehr, aber da muss er sich eine andere Frau suchen. Ich will kein weiteres Kind. Das tönt jetzt egoistisch und ungerecht meinem Mann gegenüber.
«Ohne mich» sagte ich zum Kollegen, als er mir eine Dosis Heroin verkaufen wollte. Ich möchte sauber bleiben. Aber ich fühle mich nicht stolz darauf, dass ich der Versuchung widerstehen konnte. Ich fühle mich schlecht, unsolidarisch gegenüber dem Kollegen.
Wenn ich mich selber verloren habe, wenn ich Entscheidungen getroffen habe, die gar nicht wirklich meine sind. Daran krankt unsere Gesellschaft. Die meisten richten sich nach der Meinung anderer, Freunde, Eltern oder dem Mainstream.
Jetzt im Alter kann ich, wenn mir etwas nicht gefällt, sagen: «Geht ohne mich». Es macht mir nichts mehr aus, nicht dazuzugehören. Ich gehöre halt woanders dazu. Ich muss nicht «in» sein wie früher.
Die Freiheit vom Zwang, mitzumachen und dazuzugehören, aber gleichzeitig in Beziehung zu leben, braucht Fähigkeit zur Selbstreflexion, Reife und Mut. Ich sehe es als eine wichtige Aufgabe der Theologie, diese zu fördern. In Gen 12,1 fordert Gott Abram auf, seine Umgebung zu verlassen mit den Worten: «Lech lecha» wörtlich «geh für dich». Was in deutschen Ausgaben mit «zieh aus» oder «geh weg» eigentlich unübersetzt bleibt, wird in jüdischen Auslegungen stark diskutiert: «Lech lecha» heisst, Abram muss seinen Weg allein gehen, Einsamkeit aushalten wie alle religiös Suchenden. Er muss zu seinen Wurzeln gehen und seine Möglichkeiten entdecken. Diesem Vorbild gilt es zu folgen.
Von «ohne mich» zu «mit mir»
So vieles geschieht nun ohne mich, wo ich alt und pensioniert bin. Ich machte noch Aushilfe in einem Altersheim, aber das fällt jetzt weg, weil es geschlossen wird. Ich habe Angst, dass ich immer weniger gebraucht werde.
«Ohne mich» würde ich gerne zu dieser Institution hier sagen. Aber ich kann im Moment nicht in eine eigene Wohnung ziehen. Ich möchte auch eine andere Arbeit, kann aber nicht selbst bestimmen. Auf das, was ich will und sage, hört eh niemand. Für die da oben in Bern sind wir hier sowieso nur der letzte Dreck.
Judith Butler bezeichnet Menschen, die in der Gesellschaft als unwichtig eingestuft der Prekarität ausgesetzt werden und die sich selbst so wahrnehmen, als unbetrauerbar (Butler 2018, 252ff).
Es geht auch ohne mich auf dieser Welt. Dass ich nichts wert bin, kommt mir in den Sinn. Es braucht mich nicht auf dieser Welt.
Ich bin wie die Frau, die allein zum Jakobsbrunnen geht. In der Schule haben sie mich immer ausgelacht. Meine Eltern sagten mir, ich dürfe beim Familienfest nicht reden, weil sie sich schämten für das, was ich sagte.
Ich kann, wenn ich mich ganz schlecht fühle, meinen Seelsorger anrufen. Dank den Gesprächen besteht keine Gefahr, dass ich mir etwas antue. Ich habe übrigens das Begräbnis der Queen angeschaut. So eines möchte ich auch haben. Eine lange Schlange von Menschen, die alle zu meiner Beerdigung kommen.
Ohne mich wäre meine Mutter ohne Sohn. Dieser Gedanke ist es, der mich daran hindert, einfach Schluss zu machen. Das würde ich meiner Mutter nicht antun.
Der Gedanke betrauerbar zu sein – und sei es auch nur von einem Menschen – ist lebenserhaltend. Sich so betrauerbar wie eine Königin (eine Gesalbte) zu imaginieren, stärkt das Selbstwertgefühl, hat heilsame Wirkung. Begräbnisse haben eine wichtige Funktion gerade in Solidargemeinschaften von Menschen in prekärer Lebenslage, und es kann, so Butler, zu öffentlichen Aufständen der Trauer kommen. Das Beziehungsnetz von Menschen kann im nicht abbrechenden Gespräch zu spüren geben: Du bist betrauerbar.
Genauso behielt die Befreiungsbewegung um Jesus ihre Bedeutung auch nach dessen Tod. Seine Freund:innen weigerten sich, Jesus als Unbetrauerbaren zu vergessen. Die weitere Erwähnung seines Namens hatte heilsame und befreiende Wirkung. Es schlossen sich immer mehr diesem Netzwerk an, das die Unbetrauerbaren aus dem Prekariat herausholte und zu Gesalbten machte.
Jetzt geht es mir gut, ich backe gerne Kuchen und lade Freund:innen ein dazu. Meine Schwester hat ein Kind bekommen und ich darf Gotte sein. Selber werde ich wohl keine Kinder haben können. Es ging mir oft schlecht, weil ich meine Träume von eigener Familie nicht verwirklichen kann. Ich fragte mich oft: Will ich noch hier sein? Zum Glück fand ich Gemeinschaft in der Kirche.
Im Bibelkurs entdeckten wir unsere «ohne mich»-Thematik in der Geschichte der Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4). Die einsam gemachte Frau erfährt im Gespräch mit Jesus die Nähe zu Gott und seiner sprudelnden Kraftquelle, so dass sie zu ihrer eigenen Sehnsucht stehen und sich von krankmachender Beziehung distanzieren kann. Sie verkündet Jesus als Messias und begründet eine neue lebensfördernde Gemeinschaft in ihrer Stadt.
Judith Butler, Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung. Suhrkamp 2018.