Ich bin eine alte Frau, ich bin eine Enkelin, ich bin eine Mutter… ich bin glücklich, ich bin schön, ich bin gesund … ich bin ängstlich, ich bin unzufrieden, ich bin … Was bin ich? Wer bin ich? Und wer nimmt das wahr? Ist das auch ein Ich? Wo bin ich, wenn ich schlafe, bewusstlos bin, selbstvergessen? Das Thema dieser FAMA heisst «Ohne mich». Um welche Abwesenheit geht es hier? In der deutschen Sprache verwenden wir das Personalpronomen der ersten Person Singular sehr häufig und für sehr unterschiedliche Persönlichkeitsanteile, Erfahrungen und Wahrnehmungen. Das ist nicht in jeder Sprache so. Im Japanischen gibt es beispielsweise mindestens fünf Begriffe da- für, es wird unter anderem zwischen einem privaten, einem öffentlichen und einem emotionalen Ich unterschieden. Generell wird in asiatischen Sprachen das Pronomen weniger häufig verwendet. «Ich gehe in die Stadt» heisst im Tibetischen wörtlich: «In die Stadt gehen geschieht». Es gibt zwar auch da ein Pronomen für die erste Person Singular, es wird aber sparsam verwendet, etwa am Anfang einer Erzählung. Ähnlich ist es übrigens im Lateinischen, das Pronomen «ego» wird sehr selten verwendet, nur wenn die Subjektivität betont werden muss. Ansonsten wird es weggelassen, lediglich die Verbform zeigt an, dass die erste Person gemeint ist. Das berühmte: «Cogito, ergo sum», heisst wörtlich: «Erkenne, also bin».
Grundlegendes zur Lehre Buddhas
Der Buddhismus ist pluralistisch, es gibt sehr viele unter- schiedliche Strömungen, Entwicklungen und Schulrichtungen, die philosophische, religiöse, kulturelle und lebenspraktische Elemente enthalten und diese je verschieden interpretieren und lehren. Einen einheitlichen Buddhismus, der für alle verbindlich wäre, sucht man vergebens. Es gibt eine grosse Fülle buddhistischer Texte, Methoden und Anweisungen, aber keinen Grundlagentext, der für alle verbindlich wäre. Es handelt sich in diesem Sinne deshalb auch um keine Buchreligion wie das Christentum, das Judentum oder den Islam, die sich jeweils auf ein heiliges Buch berufen. Trotzdem lässt sich eine gemeinsame buddhistische Ausrichtung erkennen. In meinem kurzen Essay folge ich diesem Konsens. Es geht um einen Weg der Bewusstwerdung und der Selbsterfahrung einerseits und um das Entwickeln einer Lebens- form, wie «ein gutes Leben» gelingen kann, andererseits. Die Methoden wollen helfen, die Unwissenheit zu beheben, Ignoranz und Fehleinschätzungen zu erkennen, das Leiden und die Schwierigkeiten, die daraus resultieren, zu vermeiden und stattdessen heilsames Verhalten zu kultivieren, das zum Wohl der anderen und von sich selber führt. Zentral ist das Üben der Meditation, in die Stille gehen, innehalten, bewusst wahrnehmen, was im Augenblick da ist. Das Ich ist nicht aktiv, es tritt in den Hintergrund.
Vorstellung loslassen
«Ohne mich ist das Leben ganz einfach», so lautet der Titel eines Buches von Ayya Khema. Sie war eine der ersten buddhistischen Nonnen aus dem Westen und eine der bekanntesten deutschsprachigen Lehrerinnen des letzten Jahrhunderts. Ein empfehlenswerter Vortrag von ihr mit demselben Titel findet sich heute im Internet auf youtube. Ihre etwas provokative Aussage finden wir so oder ähnlich immer wieder im buddhistischen Kontext. Ohne weitere Erklärung ist sie auch Ursache für Missverständnisse, ins- besondere weil sie Nihilismus suggeriert, als ob es darum ginge, sich selber zu verachten und aufzugeben. Richtig ist allerdings, dass in allen Schulen das Ich relativiert wird. Die Frage ist aber auch hier, um welches Ich es sich handelt. Kurz gesagt geht es um die Bewusstwerdung, dass das, was wir für unser Ich halten, eine Vorstellung ist und nicht die ganze Wirklichkeit. Obwohl wir uns als abgetrennte, fest- gefügte Entität wahrnehmen, müssen wir dies als Illusion erkennen, und es geht darum, diese loszulassen. Denn aus dieser Vorstellung heraus entwickeln wir eine Egozentrik, die alles auf sich bezieht und so einen verzerrten, eigennützigen Blick der Wirklichkeit erzeugt: Gut ist, was unserer Vorstellung von uns selber nützt, sie stärkt und festigt, schlecht, was uns scheinbar schadet, bedroht oder in Frage stellt, und alles andere ist wertlos oder uninteressant. Das eine wollen wir festhalten und begehren wir, das andere wollen wir vermeiden oder bekämpfen es, und auf alles Restliche reagieren wir mit Achtlosigkeit oder Ignoranz. Daraus resultieren die sogenannten drei Geistesgifte Gier, Hass und Verblendung, die Ursache für fast alle Schwierigkeiten sind, unter denen wir und andere leiden. «Ohne das (ignorante, selbstsüchtige und auf Eigennutz bedachte) Ich ist das Leben ganz einfach», ist also mit obiger Aussage gemeint, denn eine solche egozentrische Ich-Vorstellung er- zeugt einen Teufelskreis von sich immer wiederholenden Problemen. Dieser wird in Sanskrit als «Samsara» bezeichnet, die Befreiung davon als «Nirwana».
Existenziell verschieden, essentiell verbunden
Die Befreiung beginnt mit der Erkenntnis unseres abhängigen Seins und der Bewusstwerdung unserer wandelbaren Ich-Vorstellungen, aber auch mit der Versöhnung mit unserer Vergänglichkeit. Wir existieren nicht aus uns selbst heraus, sondern wir sind durch viele Bedingungen entstanden und sind zutiefst verbunden mit den anderen und der Umwelt. Ohne Sauerstoff können wir nur einige Minuten überleben. Körperlich bestehen wir aus denselben Elementen wie alles Materielle und haben mit allen lebenden und fühlenden Wesen gemeinsam, dass wir nach Glück streben und nicht leiden wollen. Mit ihnen allen sind wir verbunden und entwickeln uns in Abhängigkeit und in Interaktion mit ihnen. Der bekannte, aus Vietnam stammende Lehrer Thich Nhat Hanh hat dafür den Begriff «Intersein» geprägt. Die buddhistische Lehre stellt die Ich-Funktion an sich aber nicht in Frage. Im Gegenteil, sie ist kostbar und hilfreich in unserem Alltag sowie auch in unserer spirituellen Entwicklung. Denn wir leben nicht nur als ein Wesen in vielfältiger Verbundenheit, wir sind alle auch Individuen und einzigartig mit unserer individuellen Geschichte. Paradoxerweise ist unsere einmalige Persönlichkeit aber gerade durch die Interaktion mit anderen und durch unsere Beziehungen zu anderen entstanden und entwickelt sich weiterhin durch diese: Es ist ein flexibler Prozess, ein gegenseitiger Austausch, in dem ich mich ereigne.
Unfassbares Sein
Nicht nur im buddhistischen Kontext finden wir Aussagen dazu. Von Albert Schweitzer, dem christlichen Theologen und Urwalddoktor, stammt das Zitat: «Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.» «Alles wirkliche Leben ist Begegnung», nennt es der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber und betont: «Der Mensch wird am Du zum Ich.» David Steindl-Rast, Benediktinermönch, Zen Praktizierender und spiritueller Lehrer, hat seiner Biographie zu neun Lebensjahrzehnten den Titel gegeben: «Ich bin durch Dich so ich». Wir sind also flexible Wesen, selbständig und verbunden zu- gleich, wobei die Verbundenheit, die gemeinsame Quelle des Lebens, bedeutend tiefer reicht als die Unterschiede. In gewissen Momenten der Berührung, der Besinnung, der Ich- Vergessenheit können wir diese tiefe Dimension unseres gemeinsamen Seins erfahren. Dann können wir auch erahnen, dass das, was wir als Ich oder Person wahrnehmen, niemals alles ist, was uns ausmacht. Mit oder ohne Ich, es ist letztlich unfassbar. Dazu eine Aussage vom thailändischen Lehrer Ajahn Chah, zitiert von Jack Kornfield, der in jungen Jahren sein Schüler war und heute zu den bekanntesten amerikanischen Vertretern des Buddhismus gehört: «All diese Lehren über Ichlosigkeit sind nicht wahr. Und alle Lehren über ein Ich und ein Selbst sind nicht wahr. Beides sind Konzepte, grobe Näherungswerte, die auf einen geheimnisvollen Prozess hinweisen, der weder Ich noch Ichlosigkeit ist.»
Ohne mich
Was bedeuten nun diese Einsichten in meinem konkreten Alltag? Worauf kann ich verzichten? Wo mache ich nicht mit? Ich bemühe mich, schädliche Handlungen zu vermeiden, wie Lügen, Stehlen, Gewalt anwenden, Missbrauch und Betrug. «Ohne mich» sage ich auch beim Lästern über andere oder bei der Ausbeutung der Natur. Allerdings bezieht sich hier mein Anliegen nicht nur auf mich, ich möchte ja, dass es nicht nur «ohne mich» stattfindet, sondern überhaupt nicht. Anders verhält es sich da, wo ich nicht mit- machen kann oder will, weil ich andere Bedürfnisse oder Vorlieben habe oder weil Selbstfürsorge ansteht. Da geht es dann darum, meine Grenzen so zu kommunizieren, dass sie auch respektiert und verstanden werden. Gewaltfreie Kommunikation, die im Übrigen auch einen buddhistischen Hintergrund hat, ist mir da eine gute Orientierung. Es macht einen Unterschied, wie ich es sage: «Du bist mir zu viel, geh weg» oder «Ich brauche Ruhe und Zeit zur Erholung». Es geht hier darum, eine Grenze, ein anderes Bedürfnis oder eine andere Ansicht so zu vermitteln, dass es um diese geht und nicht um die Ablehnung der anderen Person oder von mir selber. Es geht um die Übung, auf möglichst freundliche und klare Art «Nein» sagen zu können, in Wertschätzung der grundlegenden Verbundenheit.